Leitfaden zu Open Educational Resources für Bibliotheken und Informationseinrichtungen/Einleitung

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Autor: Sabine Stummeyer

Open Educational Resources haben in den vergangen Jahren verstärkt auch in der deutschen Bildungslandschaft Einzug gehalten. Zunächst zögerlich, doch mittlerweile gibt es zahlreiche Projekte und Initiativen, die sich des Themas angenommen haben. Worum es sich dabei genau handelt und welchen Bezug es zu Öffentlichen und Wissenschaftlichen Bibliotheken gibt, soll im Folgenden dargestellt werden.

Was sind eigentlich Open Educational Resources - OER - ?

Wörtlich übersetzt sind Open Educational Resources offen zugängliche Lehr und Lernmaterialien. Die gebräuchlichste Definition für OER stammt aus der „Paris OER Declaration 2012“ [1]. Im Jahr 2015 wurde sie neu veröffentlicht und von Jöran Muus-Merholz wie folgt übersetzt:

„Open Educational Resources (OER) sind jegliche Arten von Lehr-Lern-Materialien, die gemeinfrei oder mit einer freien Lizenz bereitgestellt werden. Das Wesen dieser offenen Materialien liegt darin, daß jedermann sie legal und kostenfrei vervielfältigen, verwenden, verändern und verbreiten kann. OER umfassen Lehrbücher, Lehrpläne, Lehrveranstaltungskonzepte, Skripte, Aufgaben, Tests, Projekte, Audio-, Video- und Animationsformate“ [2] [3].

"Damit umfassen OER - neben Word- und Exceldateien - sämtliche Formen von Lern- und Lehrmitteln aus allen Bildungsbereichen ohne Einschränkung der Art des verwendeten Medienformats, wie zum Beispiel Onlinekurse, Kursmaterialien, Open Textbooks, Aufgbensammlungen oder Zeitschriften [4]. Die im Hochschulbereich wichtigsten OER-Typen sind Massive Open Online Courses (MOOC's), OpenCourseWare (OCW) und Lehrbücher. Aber auch andere Materialtypen wie Vorlesungsmittschnitte, Web Based Trainings, Simulationen oder Blog Posts werden als OER veröffentlicht.[5]

Was bedeutet "Offen" im Zusammenhang mit OER?

Als „Offen“ bezeichnet man eine Ressource „... wenn sie mit einer offenen Lizenz versehen ist, die dem Nutzer den lizenzfreien Zugang sowie das Recht auf Bearbeitung und Weiterverbreiten einräumt[5]. David Wiley hat dies zunächst in den „4R“ - Reuse, Revise, Remix und Redistribute – beschrieben, ehe er 2014 noch ein „5R“ - Retain - seiner Aufzählung hinzufügte. Die „5R“ [6] [7] gestatten dem Nutzer, Inhalte zu

  • Verwahren/Vervielfältigen - Retain - das Recht, Kopien des Inhalts anzufertigen, zu besitzen und zu kontrollieren (z.B. Download, Speicherung und Vervielfältigung).
  • Verwenden - Reuse - das Recht, den Inhalt in unterschiedlichen Zusammenhängen einzusetzen (z.B. im Klassenraum, in einer Lerngruppe, auf einer Website, in einem Video).
  • Verarbeiten - Revise - das Recht, den Inhalt zu bearbeiten, anzupassen, zu verändern oder umzugestalten (z.B. einen Inhalt in eine andere Sprache übersetzen).
  • Vermischen - Remix - das Recht, einen Inhalt im Original oder in einer Bearbeitung mit anderen offenen Inhalten zu verbinden und aus ihnen etwas Neues zu schaffen (z.B. beim Einbauen von Bildern und Musik in ein Video).
  • Verbreiten - Redistribute - das Recht, Kopien eines Inhalts mit Anderen zu teilen, im Original oder in eigenen Überarbeitungen (z.B. einem Freund eine Kopie zu geben oder online zu veröffentlichen).

Die soziale Komponente von OER

Untrennbar verbunden mit dem offenen Gedanken des Teilens ist die soziale Komponente von OER. Die Beschäftigung, mit Lehr- und Lernmaterialien und deren Bearbeitung ermöglicht den Nutzern, ganz nach ihren persönlichen Bedürfnissen und ihrem Lernniveau angepasst zu lernen. Im Gegensatz zum Frontalunterricht der Schule werden hier eigenverantwortlich Medien genutzt, ausgewählt, weiterverarbeitet und weitergegeben. Sie können relativ einfach von jedem aktualisiert und so auf dem neuesten Stand gebracht werden. Durch die Modifizierung der Quellen können ganz neue Formen der Zusammenarbeit enstehen.

Hinzu kommt, dass OER durch ihre digitale Bereitstellung den Zugang zu Wissen auf einem wesentlich niederschwelligeren Niveau ermöglichen. Handynetze und somit der Zugang zu Wissen kommen heute bereits bis in weit entlegene Gebiete, in denen sonst nur schwer oder kein Zugang zu Wissen und Bildung bestehen würde. Dies führt zu einer Bildungsgerechtigkeit auch für Personengruppen, denen der Zugang zu Bildung sonst auf Grund ihrer finanziellen Möglichkeiten oder politischer Verhältnisse verwehrt wäre. Die UNESCO führt dazu aus:

„UNESCO believes that universal access to high quality education is key to the building of peace, sustainable social and economic development, and intercultural dialogue. Open Educational Resources (OER) provide a strategic opportunity to improve the quality of education as well as facilitate policy dialogue, knowledge sharing and capacity building…” [8].

Mehrwert für Bibliotheken durch OER

Die Frage, ob sich Bibliotheken und Bibliothekare mit dem Thema OER beschäftigen sollten, kann man schon heute sowohl für Öffentliche, als auch für Wissenschaftliche Bibliotheken mit "ja" beantworten. Durch die bereits bestehenden vielfältigen Angebote an OER sowohl für den Schul- als auch für den Hochschulbereich, sind hier beide Bibliothekstypen gleichermaßen gefordert. Zudem verfügen sie bereits heute über vielfältige Kompetenzen für den Umgang mit OER, die sie in unterschiedlichen Bereichen einbringen können:

- dem Auffinden und Bereitstellen entsprechender Repositorien,

- der Vergabe von qualitätsvollen Metadaten und Digital Object Identifiern (DOI),

- der Erschließung durch einheitliche Vokabulare und Ontologien,

- der Langzeitarchivierung von OER.

Eine weitere wichtige Aufgabe für Bibliotheken stellt die "Awareness", die Bewußtseinsbildung, im Zusammenhang mit dem Thema OER dar. Im englischsprachigen Raum ein gängiger Begriff, verbirgt sich dahinter, auf die Bedeutung und die Anwendungsmöglichkeiten von OER aufmerksam zu machen und deren Bekanntmachung zu fördern. Hinzu kommt noch die Beratung im Zusammenhang mit den Nutzungsmöglichkeiten frei lizensierter Bildungsmaterialien sowie bei der Vergabe entsprechender Lizenzen für neu entstandene OER. Durch ihre vorhandene Infrastruktur stellen Bibliotheken damit kompetente und verlässliche Partner für die OER-Bewegung dar. Um diese Entwicklung zu fördern, wurde Anfang 2016 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung die “Richtlinie zur Förderung von Offenen Bildungsmaterialien (Open Educational Resources – OERinfo)" [9] herausgegeben. Ihr Ziel ist die Etablierung einer Informationsstelle, die bildungsbereichübergreifend alle Informationen zu OER bündeln und bereitstellen soll. OER stellen einen wichtigen Beitrag zum lebenslangen Lernen dar. Im Zusammenhang mit dem wechselnden Rollenverständnis von Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliotheken hin zu einem Lernort, gewinnen OER zunehmend an Bedeutung.

Einzelnachweise

  1. UNESCO (Hg.) (2012): „Pariser Erklärung zu OER“, deutsche Version. Online verfügbar unter: https://www.unesco.de/fileadmin/medien/Dokumente/Bildung/Pariser_Erklärung_zu_OER.pdf , zuletzt geprüft am 09.05.2016
  2. Muus-Merholz, Jöran (2015): UNESCO veröffentlich neue Definition zu OER (Übersetzung auf Deutsch). Online verfügbar unter http://open-educational-resources.de/unesco-definition-zu-oer-deutsch/#more-3294, zuletzt geprüft am 09.05.2016.
  3. UNESCO (Hg.)(2015): Open Educational Resources. Online verfügbar unter http://www.unesco.org/new/en/communication-and-information/access-to-knowledge/open-educational-resources
  4. Wikipedia (Hg.) (2015): Open Educational Resources. Online verfügbar unter https://de.wikipedia.org/wiki/Open_Educational_Resources, zuletzt aktualisiert am 07.05.2016, zuletzt geprüft am 09.05.2016.
  5. 5,0 5,1 Neumann, Jan: Open Educational Resources. In: Jahresbericht. ZBIW 2014. Online verfügbar unter https://www.th-koeln.de/mam/downloads/deutsch/weiterbildung/zbiw/allgemein/jahresbericht_2014.pdf
  6. Muus-Merholz, Jöran (2015): Zur Definition von „Open“ in „Open Educational Resources“ – die 5 R-Freiheiten nach David Wiley auf Deutsch als die 5 V-Freiheiten. Online verfügbar unter http://open-educational-resources.de/tag/david-wiley/, zuletzt geprüft am 09.05.2016.
  7. Wiley, David (2015): The Access compromise and the 5th R. Online verfügbar unter http://opencontent.org/blog/archives/3221, zuletzt geprüft am 09.05.2016.
  8. UNESCO (Hg.)(2015): Open Educational Resources. Online verfügbar unter http://www.unesco.org/new/en/communication-and-information/access-to-knowledge/open-educational-resources
  9. Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hg.) (2016): Richtlinie zur Förderung von Offenen Bildungsmaterialien (Open Educational Resources – OERinfo). Online verfügbar unter https://www.bmbf.de/foerderungen/bekanntmachung-1132.html