MIRA/Projektpräsentation

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Vom 16.-19. Oktober 2013 fand im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen in Hannover der Workshop Mittelalter und Renaissance in der Romania statt, das vom gleichnamigen MIRA-Netzwerk organisiert und von der VolkswagenStiftung gefördert wurde. Ziel des Workshops war es zum einen, den transepochalen und interdisziplinären Charakter des geplanten Handbuchs Mittelalter und Renaissance in der Romania vorzustellen und gemeinsam mit den 39 Teilnehmenden – den zukünftigen AutorInnen der Artikel – zu diskutieren. Zum anderen sollte die Gelegenheit gegeben werden, in Kleingruppen bereits eine erste Struktur der Handbuchartikel zu entwerfen.

Verlauf des Workshops

Zur Erläuterung ihrer Konzeption haben die Organisatoren Lidia Becker, Elmar Eggert, Susanne Gramatzki und Christoph Oliver Mayer zu Beginn des Workshops am 16. Oktober mehrere Referate gehalten, die jeweils im Anschluss die Möglichkeit zur Diskussion boten. Diese einführenden Plenarvorträge behandelten folgende Themen: das grundsätzliche Desperat eines gesamtromanistischen Handbuchs zu Mittelalter und Renaissance, die innovative Konzeption des Handbuchs, die Systematik der Themen, eventuelle Probleme der Periodisierung und die Frage der regionalen Aufteilung. Am 18. Oktober folgte ein Impulsreferat von Christoph Oliver Mayer zur didaktischen Aufbereitung und ein Vortrag von Lambert Heller von der Technischen Informations- und Universitätsbibliothek (TIB) Hannover mit dem Thema „Publikationsmöglichkeiten: Open Access und Formen des kollaborativen Schreibens“. Ein öffentlicher Vortrag von PD Dr. Karl-Heinz Steinmetz (Wien) unter dem Titel „Unerhörtes Mittelalter – Inspirationsquelle jenseits von Kreuzritter und Burgfräulein“ ergänzte am Abend des 16. Oktober das Vortrags­programm.

Die Workshop-Arbeit fand am 17. und 18. Oktober statt, zunächst innerhalb der thematischen Kleingruppen, später dann innerhalb der drei großen Themenblöcke A, B und C (geistes­geschichtliche, lebensweltliche, sprachlich-literarisch-künstleri­sche Grundlagen). Diese Phase des Workshops diente dazu, die Inhalte und Themen festzulegen, Abgrenzungen gegenüber anderen Bereichen vorzunehmen und eine erste Gliederung der Artikel zu entwerfen. Durch den schnellen Austausch vor Ort und die immer wieder eingeschobenen Plenumsdiskussionen der bis dahin jeweils erzielten Arbeitsergebnisse konnten offene Fragen geklärt und Feinabstimmungen vorgenommen werden. Die anwesenden Doktoranden und NachwuchswissenschaftlerInnen brachten am Nachmittag des 18. Oktober im Zusammen­hang mit der Diskussion zur didaktischen Aufbereitung die Anwenderperspektive zur Geltung, indem sie die Bedürfnisse der Studierenden an ein Handbuch formulierten.

Am letzten Tag des Workshops fand eine ausführliche Abschlussdiskussion statt, die noch einmal die Spezifika des geplanten Handbuches herausstellte. Außerdem gaben die Organisatoren einen Überblick über die geleistete Workshop-Arbeit, fassten die erzielten Ergebnisse zusammen und gaben einen Ausblick auf die weiteren Arbeitsschritte.

Wissenschaftliche Ergebnisse des Workshops

Die gemeinsame Arbeit von WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Italien erlaubte die Synthese und Bündelung von aktuellen und zum Teil noch nicht publizierten Forschungsergebnissen, die u.a. aus DFG- und BMBF-Projekten und CNRS-Forscher­gruppen erwachsen sind.

Die konkreten wissenschaftlichen Ergebnisse des Workshops hinsichtlich der Erarbeitung eines Handbuchs zu Mittelalter und Renaissance in der Romania lassen sich in fünf Kategorien zusammenfassen.

Fokussierung des Gegenstandes

Die gemeinsame Diskussion und die Arbeit in kleinen Gruppen brachte vor dem Hintergrund der aktuellen Forschung eine Neukonturierung des disziplinären Zugangs mit sich, die sich letztlich in der thematischen Konkretisierung der zukünftigen Kapitel des Handbuchs äußerte. Vor dem Hintergrund einer Bestandsaufnahme der Forschung (Impulsreferat Lidia Becker / Susanne Gramatzki) insbesondere zu einschlägigen, aber nicht auf die Epoche und die Gesamtromania konzentrierten Sprach- und Literaturgeschichten sowie der Sichtung vorhandener Online-Ressourcen entstand durch den Konzeptions­vorschlag der Herausgeber (Impulsreferat Elmar Eggert / Christoph Mayer) in der Diskussion und Gruppenarbeitsphase schließlich eine inhaltliche Gliederung des Handbuchs, die den anvisierten Gegenstand „Mittelalter und Renaissance in der Romania“ in seiner Gänze exemplarisch abbildet und in fassbare Kategorien einteilt. Außerdem sollten die Arbeitsgruppen die Zusammenarbeit der am Projekt bereits beteiligten ExpertInnen ermöglichen und die Voraussetzung schaffen, später weitere Sachverständige als GastautorInnen integrieren zu können. Hierfür wurden folgende thematische Blöcke gebildet, die als Arbeitstitel der einzelnen Beiträge fungieren und begrifflich bzw. phänomenologisch diese Bereiche beschreibbar machen, ohne her­kömm­liche und rein disziplinäre Gliederungs­prinzipien wie etwa das System literarischer Gattungen oder die historische Chronologie aufzugreifen:

  • A1 Antike in der Romania
  • A2 Weltverständnis und Philosophie
  • A3 Zeitvorstellungen und Geschichtsbilder
  • A4 Raumvorstellungen und Lebensräume
  • A5 Identitäten (Körpervorstellungen, Anthropologische Konzepte)
  • A6 Wissensgeschichte / Kulturen des Wissens
  • B1 Religionen und Religionsgemeinschaften
  • B2 Heiligenverehrung und Hagiographie
  • B3 Ritterwesen und Kreuzzugsthematik
  • B4 Handel und Marktwesen
  • B5 Verwaltungs-, Herrschafts- und Sozialstrukturen
  • B6 Kulturkontakte und „neue“ Welten
  • C1 Kulturen der Mündlichkeit
  • C2 Sprachbewusstsein
  • C3 Schriftkulturen
  • C4 Musik / Dichtung
  • C5 Erzählen / Narrativik
  • C6 Performanz
  • C7 Kunst und Bildlichkeit
  • C8 Rezeption von Mittelalter und Renaissance der Romania

Interdisziplinäre Erarbeitung des Gegenstandes

Die im Vortrag von Lidia Becker vorgestellte Gesamtkonzeption des Handbuchs traf auf breite Zustimmung der anwesenden ForscherInnen: Mit der gemeinsamen Betrachtung der Romania wird die disziplinäre Grenze zwischen Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft aufgebrochen und ein innovatives Vehikel zur Verfügung gestellt, dass genuin interdisziplinäre Arbeit überhaupt erst ermöglicht und ein neues Licht auf die zu untersuchenden Gegenstände wirft. Am Hand­buch werden RomanistInnen aus den Teildisziplinen Literatur-, Sprach- und Kultur­wissen­schaften, HistorikerInnen der Sparten Mentalitäts-, Sozial- und Wirtschafts­geschichte, KunsthistorikerInnen und Musikwissen­schaftlerInnen mitwirken. Die zuständigen ExpertInnen für die einzelnen Teilbereiche werden unterstützt von AutorInnen, die als kompetente Sachverständige in ihrem Gebiet gelten und zusätzliche aktuelle Forschungs­ergebnisse einbringen, sodass jenseits der vorhandenen Fachbücher, die nur die jeweiligen Disziplinen abdecken (nach dem Muster „Französische Literaturgeschichte des Mittelalters“) oder eine disziplinär eingeengte Sicht auf die Gesamtheit werfen (Historiker schreiben ein Handbuch des Mittelalters und entwerfen auch Beiträge zur europäischen Literatur der Zeit), ein Nachschlagewerk entsteht, das die Forderungen nach Interdisziplinarität und fachlicher Forschungsrelevanz zugleich erfüllt.

Didaktische Aufbereitung

In einer von Christoph Oliver Mayer durch Informationen über die gegenwärtige didaktische Forschung gelenkte Diskussion wurden wesentliche Momente in Bezug auf den metho­dischen Zugang und die mediale Aufbereitung eines Handbuchs, das sich insbesondere an Master-Studierende wendet, skizziert und benannt. Dabei wurde ein metakognitiver Ansatz favorisiert, der das Verständnis von komplexen Thematiken erleichtert und den LeserInnen durch den Einbezug authentischer Texte am exemplarischen Fall das Gesamtverständnis ermöglicht. Lesefreundlich­keit und die Orientierung an Vor- und Weltwissen des Publikums werden angestrebt und sollen insbesondere durch Verlinkungen und Querverweise unterstützt werden.

Über die Einbindung von NachwuchswissenschaftlerInnen wird ein Dialog zwischen etablierten ForscherInnen und dem Zielpublikum des Handbuchs von vornherein anvisiert, der die Aktualität nochmals auch auf methodischer Ebene konturiert. Damit konnte ein wesentlicher Impuls gesetzt werden, um die Lesbarkeit und Rezeption des Handbuchs auf den aktuellsten wissenschaftlichen Stand zu bringen, zumal die Einleitung der Heraus­geberInnen diese Fragestellung auch noch explizit diskursivieren wird.

Neuer Zugang durch Gesamtschau

Die inhaltliche Ausrichtung des Handbuchs auf die beiden Epochen Mittelalter und Renaissance sowie die Schau auf die Gesamtromania im angegebenen Zeitkontext wurden durch diesbezügliche Problemaufrisse von Susanne Gramatzki zur Periodisierung und Elmar Eggert zur Raumfrage und zur Abgrenzung der Romania diskutiert. Als Ergebnis der Diskussion lässt sich das innovative Potential des gewählten Zugangs herausstreichen, der die etablierte Periodisierung mit der Epochengrenze um 1500 in Frage stellt und der Romanistik einen neuen wissenschaftlichen Impuls mit der Zusammenschau ermöglicht.[1] Damit wurde ein Konzept gefunden, das die interdisziplinäre Zusammenarbeit forciert und neue Forschungsergebnisse erwarten lässt. Die anwesenden WissenschaftlerInnen konnten sich in allen Bereichen auf eine derartige Perspektive einigen und werden damit den tradierten Grenzen der Wahrnehmung und dem Denken in wissenschaftlichen Schubladen (Stichwort Mediävistik oder Frühe-Neuzeit-Forschung) ein neues Modell entgegensetzen, das bereits Ausdruck in den Initiativen des Netzwerks MIRA und seiner Publikationsreihe gefunden hat.

Zudem wurde Einigkeit darüber erzielt, dass moderne Diskursmuster wie Gender und Diversity sowie der methodisch-theoretische Zugang zu den einzelnen Teilbereichen sich nicht bloß im Inhalt einzelner Teilkapitel widerspiegeln sollen, sondern aufgrund der über­geordneten Bedeutung in der Gesamtheit der Beiträge als Leitlinien präsent sein werden und somit nicht Teilaspekte, sondern ganzheit­liche Zugänge darstellen, sodass auch hier von einem Durchbruch hinsichtlich einer Etablierung dieser Perspektiven gesprochen werden kann.

Mediale Umsetzung

Die angestrebte materielle Form sowie die Art und Weise der medial gesteuerten und flankierten Zusammenarbeit, in der dieses Projekt erwächst, sind, vor dem Hintergrund eines thematischen Vortrags von Lambert Heller von der TIB Hannover zu Open Access und Formen des Collaborative Writings und einer von Christoph Oliver Mayer geleiteten Diskussion über die Möglichkeiten eines E-Books als innovativ zu bezeichnen: Am Ende soll ein modernes „E-Book plus“ stehen, das die Möglichkeiten des Collaborative Writings effektiv nutzt und Studierenden durch multiple Vernetzungen einen Zugriff am Puls der Zeit erlaubt. Durch elektronische Verweise und die Nutzung von Online-Ressourcen entsteht ein zukunfts­weisendes Projekt, das die Findability ebenso berücksichtigt wie es die Fragen nach Lizenzen und Rechten klärt.

Die Integration vorhandener Arbeitsinstrumentarien und die Pflege der elektronischen Ressourcen erlaubt eine Verstetigung der Forschungsergebnisse und kann damit ebenso als innovatives Moment des Projekts und seiner Methode beschrieben werden. Die Öffnung gerade von Gegenständen aus dem Bereich der Mittelalterkunde und der Frühen Neuzeitforschung sowie aus den bis dato nicht unbedingt als diesbezügliche Vorreiter im Bereich Digital Humanities aufgefallenen Disziplinen Romanistik und Geschichts­wissen­schaften für eine elektronische Publikation unter Nutzung aktuellster Arbeitsmethoden und -mittel bringt zudem eine neue Form der Arbeitsweise und Präsentationsform mit sich, die das Denken in neuen Kategorien fördert.

In der Nachbereitungsphase des Projekts haben sich die Pläne zur medialen Umsetzung konkretisiert: In Zusammenarbeit mit der TIB Hannover (Lambert Heller als Leiter des Open Science Lab, Abteilung Forschung und Entwicklung, und Marco Tullney als Open-Access-­Beauftragter) wird den Projektteil­nehmerInnen ab März 2014 eine kollabo­rative Online­Plattform auf der Basis von MediaWiki-Software zur Verfügung gestellt. Es handelt sich dabei um ein richtungsweisendes Konzept, das von Softwareentwicklern der TIB Hannover erarbeitet und an die Bedürfnisse der HandbuchautorInnen angepasst wird. Unter den Möglichkeiten der Plattform sind Versionsgeschichte, Visual Editor („what you see ist what you get“), Peer-Review-Kommentierung, Glossar sowie Einbindung umfangreicher multi­medialer Inhalte (Audio- und Videodateien, interaktive 3D-Karten und -Modelle, Diagramme, Statistiken usw.) zu nennen. Die Inhalte werden direkt von der Plattform ins EPUB-Format überführt und gedruckt. Die Plattform wird in der Arbeitsphase nur für AutorInnen zugänglich sein, nach der Fertigstellung der ersten elektronischen Auflage sowie Veröffentlichung der gedruckten Version wird diese als eine Open Access-Publikation mit einer Creative Commons Lizenz freigeschaltet.

  1. Hierbei wurde somit eine Gegenperspektive eingenommen gegen neuere Ansätze wie Eva Buchi: „Pourquoi la linguistique romane n’est pas soluble en linguistiques idioromanes. Le témoignage du Dictionnaire Étymologique Roman (DÉRom)“, in: Alén Garabato, Carmen u.a. (Hg.): Quelle linguistique romane au XXIe siècle?, Paris: L’Harmattan 2011, S. 43-60.
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