Handbuch CoScience/Open Access

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Autoren: Marco Tullney


Open Access verstehen

Open Access ist ein populäres Schlagwort in den letzten Jahren geworden. Die gestiegene Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit, Autorinnen und Autoren sowie von Förderorganisationen führt dazu, dass Open Access in Geschäftsmodelle und Strategien integriert wird – wobei manchmal wenig mehr als eine begriffliche Hülse übrig bleibt. Zu wissen, was Open-Access-Akteure unter dem Begriff verstehen, und ein eigenes Verständnis vom Thema und den eigenen Interessen zu entwickeln, ist hilfreich und notwendig.

Ein zentrales Dokument der Open-Access-Bewegung ist die Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities (Berliner Erklärung) aus dem Jahr 2003, die seither von Wissenschaftsorganisationen wie Hochschulen, Einrichtungen außeruniversitärer Forschung und vielen anderen unterzeichnet worden ist.[1]

Zu den wesentlichen Merkmalen von Open Access gehört nicht nur die kostenlose Bereitstellung von Werken, sondern auch der Verzicht auf technische und rechtliche Barrieren für Nutzung und Weitergabe. 'Echte' Open-Access-Publikationen können frei gelesen, bearbeitet und (auch in bearbeiteter Form) weitergegeben und an anderer Stelle veröffentlicht werden. In aller Regel (Ausnahmen können zum Beispiel beim Text- und Data-Mining entstehen) ist dabei notwendig, die Urheberschaft genau anzugeben (Attribution).[2]

Eines der wesentlichen und kritischen Probleme von Open Access in der momentanen Wissenschafts- und Publikationslandschaft ist die absichtliche oder fahrlässige Aufweichung des Begriffes und die Etikettierung von Produkten und Geschäftsmodellen, die alles andere als offen sind, als 'Open Access'.[3]

Veröffentlichen, um wahrgenommen zu werden

Wissenschaftliches Publizieren dient der Wissenschaftskommunikation, der Vermittlung von Forschungsergebnissen und -prozessen. Eine möglichst freie Verfügbarkeit erhöht die Sichtbarkeit und Auffindbarkeit Ihres Textes. Das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Sie mit Ihren Forschungsergebnissen die Fachöffentlichkeit sowie weitere Zielgruppen erreichen und dass Ihre Beiträge wahrgenommen werden. Die Wahrnehmung in der Fachöffentlichkeit wiederum beeinflusst ganz wesentlich den Fortgang wissenschaftlicher Karrieren.

Veröffentlichen, damit andere weiterarbeiten können

Wissenschaftliche Arbeiten bauen auf vorausgegangenen Arbeiten anderer Wissenschaftlerinnen beziehungsweise Wissenschaftler auf. Wissenschaftliche Publikationen werden auf unterschiedliche Weisen nachgenutzt – mindestens durch Zitation, Verweis und Paraphrasierung, aber auch zum Beispiel durch die Zweitveröffentlichung oder die Übersetzung publizierter Werke. Das Arbeiten im Netz erleichtert auch andere Formen der Nachnutzung: die Übernahme von Forschungsdaten und Abbildungen, die Neukompilation unselbstständiger Werke zu neuen Sammelwerken oder die Übersetzung von Texten durch bisher Unbeteiligte. Nachnutzung zu ermöglichen und zu erleichtern, ist ein wichtiger Dienst an der Wissenschaft – nicht zuletzt auch, um doppelte Arbeit zu vermeiden. Weitere Informationen dazu finden Sie auch im Kapitel Freie Lizenzen und Nachnutzung.

Eine Open-Access-Zeitschrift finden

In den meisten wissenschaftlichen Disziplinen gibt es inzwischen eine große Zahl von Open-Access-Zeitschriften. Häufig ist jedoch etwas Aufwand bei der Recherche zu treiben, weil darunter viele neu gegründete Zeitschriften sind, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vielleicht bisher noch nicht bekannt sind. Wesentliche Kriterien bei der Suche nach einer passenden Zeitschrift könnten sein:

  • fachliche Ausrichtung, Eignung für den eigenen Text
  • Transparenz der Zeitschrift hinsichtlich ihrer Arbeitsweise, der involvierten Personen und Institutionen; Art und Dauer von Phasen, die Einreichungen durchlaufen
  • Open-Access-Parameter: Rechteübertragungen, Nutzungslizenzen, Kompatibilität mit Anforderungen von Förderinstitution, eigener Hochschule etc.
  • Sind Ihnen die Personen, die am Publikationsprozess beteiligt sind (Redaktion, Begutachtung, Autorentätigkeit), bekannt?

Die umfangreichste Sammlung von Open-Access-Zeitschriften ist im Directory of Open Access Journals zu finden. In einem 2014 noch andauernden Umstrukturierungsprozess werden die Aufnahmekriterien weiter verschärft. Aufgenommen werden wissenschaftliche Zeitschriften aus allen Disziplinen, die

  • minimale Open-Access-Standards erfüllen (kostenlos lesbar und mit der Erlaubnis, weiterverbreitet und neu veröffentlicht zu werden),
  • eine Form der Qualitätskontrolle praktizieren (Peer Review oder Begutachtung durch Herausgeber und Herausgeberinnen beziehungsweise Redaktion),
  • hauptsächlich Forschungsergebnisse präsentieren und
  • periodisch/in Ausgaben erscheinen.[4]

Zeitschriften können dort nach Disziplin recherchiert werden. Eine besondere Stärke liegt darin, dass viele der Zeitschriften Metadaten auf Artikelebene abgeben und so auch nach Artikeln gesucht werden kann.

Korrekte Lizenzen wählen

Lizenzen (vgl. dazu Freie Lizenzen und Nachnutzung) dienen der Einräumung von Nutzungsrechten. So können pauschale Rechte gewährt werden, die die freie Nachnutzung ermöglichen, zum Beispiel könnten dann Bearbeitungen in Form von Übersetzungen oder Adaptionen angefertigt werden. Aber auch kleinere Formen der Nachnutzung wie zum Beispiel die Verwendung einer Abbildung in der Wikipedia oder einem anderen Artikel (in Fällen, in denen das Zitatrecht nicht ausreicht) können so praktiziert werden, ohne dass eine erneute einzelvertragliche Vereinbarung geschlossen werden muss. Vergebene Lizenzen können nicht zurückgenommen werden.

Entsprechende Lizenzen schließen darüber hinausgehende Einzelregelungen nicht aus. So können Autorinnen beziehungsweise Autoren (oder im ungünstigeren Fall eine Institution, der sie ihre Rechte übertragen haben) für einen bestimmten Zweck auch andere Bedingungen vereinbaren, zum Beispiel einen erneuten Abdruck ohne Nennung der Autor(en)schaft.

Transparenz einfordern

Gute Zeitschriften und Verlage können Ihnen Nachfragen zu den Prozessen, Kosten etc. beantworten. Warum fallen Kosten für Autorinnen beziehungsweise Autoren an? Wie funktioniert das Begutachtungsverfahren? Wie lange dauert es vermutlich bis zu einer Publikation? Welche Schritte unternimmt die Zeitschrift, der Verlag für eine Verbreitung Ihrer Forschungsergebnisse? Welche Lizenzen werden verwendet, sind die Bestimmungen klar, werden etablierte Lizenzen verwendet? Achten Sie darauf, dass auch und gerade die Frage der Rechteübertragung unter dieses Transparenzgebot fällt. Lassen Sie sich nicht mit allgemeinen Verweisen abspeisen. Jemand möchte etwas von Ihnen und wenn Sie dabei Rechte verlieren sollten (im Falle einer exklusiven Rechteübertragung oder eines copyright transfers), kann das nachteilig für Sie sein.

Informationen suchen

Viele Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben Open-Access-Beauftragte, die bei Fragen zum Thema Open Access weiterhelfen können, Schulungs- und Beratungsangebote organisieren oder weitergehende Informationen einholen können. Oftmals werden zumindest rudimentäre Informationen zu Open Access zur Verfügung gestellt, mindestens durch einen Verweis auf die Informationsplattform open-access.net. Inzwischen existieren auch viele Überblicksinformationen für spezielle Zielgruppen, zum Beispiel die Broschüre „Open-Access-Strategien für wissenschaftliche Einrichtungen“[5].

Open Access finanzieren

Ein Teil der Open-Access-Zeitschriften finanziert sich über eine Kostenbeteiligung der Autorinnen und Autoren, sogenannte article processing charges (APC), die anstelle der Einnahmen aus Subskriptionen bei nicht-freien Zeitschriften kommerziellen Verlagen den Betrieb der Zeitschrift und gegebenenfalls Gewinnerlöse sichern sollen. Die APC liegen oftmals zwischen 1.000 und 3.000 EUR pro Artikel. Manche Zeitschriften erlassen auf Nachfrage oder für bestimmte Autorengruppen pauschal diese Kosten.

Zur Finanzierung dieser Kosten, wenn man sie nicht vermeiden kann (zum Beispiel durch Wahl einer Zeitschrift, die nicht Verlagsgewinne erzeugen muss), können in Drittmittelprojekten Publikationsmittel beantragt werden. Zusätzlich haben viele Hochschulen inzwischen durch ein spezielles Förderprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Unterstützung beim Aufbau von Open-Access-Publikationsfonds erhalten, aus denen Hochschulangehörige die Open-Access-Publikationskosten erstattet werden können. Eine internationale Übersicht finden Sie im Open Access Directory.

Eigene Publikationsorte aufbauen

Open-Source-Software für das Management von Zeitschriften und Büchern (für Einreichungsworkflows und die Veröffentlichung fertiger Publikationen) senken die Hürden für den technischen Betrieb solcher Publikationsorte. Unterschätzen Sie nicht den Aufwand – Fragen von Nachhaltigkeit, der Verfügbarkeit von Support etc. sollten früh geklärt werden. Falls Sie daran interessiert sind, eine eigene Open-Access-Zeitschrift, -Buchreihe etc. zu gründen, schauen Sie sich um, wo solche Projekte angesiedelt sind und wie sie organisiert sind. Vielleicht gewinnen Sie das Rechenzentrum Ihrer Einrichtung dafür, eigene Plattformen aufzubauen, vielleicht können Sie aber auch das Hostingangebot einer anderen Einrichtung nutzen.[6]

Einzelnachweise

  1. Vgl. die Liste der unterzeichnenden Institutionen.
  2. Siehe dazu auch http://opendefinition.org/.
  3. Analog zum Begriff Greenwashing kann dieser Prozess als ‚Openwashing‘ bezeichnet werden.
  4. Siehe https://doaj.org/about und https://doaj.org/publishers.
  5. Arbeitsgruppe Open Access der Schwerpunktinitiative Digitale Information der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen (Hrsg.): (2012), Open-Access-Strategien für wissenschaftliche Einrichtungen. Bausteine und Beispiele. http://doi.org/10.2312/allianzoa.005.
  6. Solche Angebote existieren zum Beispiel für Zeitschriften auf der Basis von Open Journal Systems oder auch für Repositorien.