Handbuch CoScience/Aspekte der Kommunikation mit Twitter

Aus Handbuch.io

< Handbuch CoScience


Kontributoren: Ina Blümel, Marco Tullney

DOI: 10.2314/coscv1.72

Hintergrund

Screenshot eines Tweets von der Website twitter.com

Nentwich et al. 2009[1] charakterisieren Twitter als Medium der informellen Wissenschaftskommunikation. Dem gegenüber steht das 'formale' Publizieren, worunter in diesem Sinne das Veröffentlichen von neuen, eigenen Forschungsergebnissen in traditionellen Medien (wie z.B. Journals, Conference Proceedings) insbesondere unter den Bedingungen wissenschaftlicher Qualitätskontrolle wie z.B. Peer Review verstanden wird. Merkmale einer traditionellen Wissenschaftspublikation sind in dieser Definition die Abgeschlossenheit eines neuen Ergebnisses, welches in der Publikation von den Autoren in den aktuellen Stand der Forschung eingeordnet wird.

Soziale Medien wie der Microblogging-Dienst Twitter können hier eine Lücke füllen: So ersetzen sie traditionelles Publizieren in der Regel nicht, eröffnen den RezipientInnen von Forschungsergebnissen jedoch eine neuartige Möglichkeit, 'zwischen' den 'eigentlichen' Publikationen Einblick zu geben bzw. zu nehmen in die Rezeption, die Gedankengänge ('Mindcasting', siehe weiter unten) und die Kommunikation von Wissenschaftsautorinnen und Wissenschaftsautoren mit ihren Peers und der interessierten Öffentlichkeit. In dieser Form der informellen Kommunikation können Ideen und Thesen zu Veröffentlichungen entstehen, vorab diskutiert oder 'ausprobiert' werden

Daher kann auch aus Sicht der Forschenden selbst das Sichtbarmachen eines Teils ihrer informellen Kommunikation, die bisher nicht-öffentlich beispielsweise in Flurgesprächen oder E-Mails stattgefunden hat, Vorteile haben. Vergleicht man die Präsentation eines Forschenden in Verlagswerbung oder Hochschulmarketing mit dessen eigener Social-Media-Präsenz z.B. bei Twitter fällt zunächst das Authentizitäts-Plus ins Auge. Twitter erweckt den Eindruck, 'näher dran' zu sein und - zumindest grundsätzlich - direkt mit dem Forschenden interagieren zu können. Aber bei vielen Forschenden spielt der Kontakt zum engeren Kreis der eigenen Peers (oder auch potenzieller Peers) eine noch größere Rolle als dieser 'Werbeeffekt', wenn man Nentwich 2009 folgt.

Twitter ist für Forschende jedoch noch mehr als ein Distributionskanal und ein kostenloses PR-Mittel mit großer Reichweite: Der Social-Media-Dienst eignet sich hervorragend für die Vernetzung mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, um zu einem bestimmten Thema auf dem Laufenden zu bleiben. Twitter kann darüber hinaus in der Lehre eingesetzt werden.[2] Für virtuelle Forscher- oder Projektteams kann Twitter die Funktion eines "sozialen Schmiermittels"[3] übernehmen. Über historische Twitteraccounts werden Ereignisse aus der Geschichte nacherzählt[4]. Dem kreativen Umgang mit dem Micro-Blogging-Diensten Wissenschaft und Forschung sind letztlich kaum Grenzen gesetzt.

Die folgenden zehn Aspekte der Wissenschaftskommunikation mit Twitter richten sich in erster Linie an Einzelpersonen, die mit dem Twittern beginnen möchten. Strategien für Accounts wissenschaftlicher Einrichtungen werden hier nicht oder nur am Rande berührt.

Der Einstieg: Anmeldung, Konto errichten, der erste Tweet

Grundsätzlich ist es möglich, Tweets auf der Startsuchseite von Twitter auch ohne eigene Anmeldung zu lesen. Schon in dieser Grundfunktion kann man nach Nutzeraccounts oder nach den durch ein Rautezeichen eingeleiteten 'Hashtags' suchen, die als Schlagworte dienen und verlinkt sind. Sobald man jedoch selbst Tweets senden und bestimmten Accounts regelmäßig folgen möchte, ist eine Anmeldung bei Twitter erforderlich. Diese kann mit wenigen Klicks erfolgen. Zu überlegen ist vorab ein Benutzername, der durch das @-Zeichen eingeleitet wird und nicht dem tatsächlichen Namen entsprechen muss. Auch eine anonyme Anmeldung ist bei Twitter problemlos möglich. Die Frage sollte unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, ob man über diesen Twitteraccount gefunden werden, dh. sich aktiv vernetzen möchte oder nicht. Im persönlichen Twitterprofil sind außerdem ein Foto, eine Ortstangabe, eine URL sowie eine Kurzbeschreibung eintragbar, aber keine Pflicht.

Wenn das Profil eingerichtet ist, kann man über das eigene E-Mail-Adressbuch nach bekannten Personen suchen, die ebenfalls bei Twitter sind. Den Personen oder Einrichtungen, die für einen interessant sind, kann man per Klick folgen, so dass man zukünftig die Neuigkeiten in der eigenen Timeline lesen kann. In diesem Fall wird man selbst zum 'Follower'.

Den ersten eigenen Tweet zu verfassen, kann für manche schwierig sein. Was soll ich überhaupt schreiben? Ist das relevant? Blamiere ich mich damit? Natürlich ist zu bedenken, dass es sich bei jedem Tweet um eine Publikation handelt, auch wenn diese wie hier nur 140 Zeichen haben kann. Doch sollte man die Hürde nicht allzu hoch hängen. Ein Tweet ist immerhin nur ein Tweet, wenn man dafür zehn Minuten überlegen muss, dann sollte man sich eine andere Strategie zulegen. Ausprobieren, heisst hier die Devise und vor allem auch mitlesen und sehen, was andere Wissenschaftler/innen twittern und in welchem Ton dies geschieht. Irgendwann findet man dann den eigenen Stil.

Beim ersten Tweet haben sich übrigens die meisten nicht mit Ruhm bekleckert: Zumeist ist es ein "tweet", ein "dies ist mein erster Tweet" oder "ich bin jetzt auch auf Twitter"[5]. Also nur Mut!

Twitter zur Distribution und zur Vernetzung: Tweets verfassen

Natürlich kann man in 140-Zeichen keine tiefgehende Diskussionen führen. Jedoch kann man in Tweets mit wenigen Worten auf die eigene aktuelle Lektüre, eigene Veröffentlichungen, empfehlenswerte Neuerscheinungen, Tagungen, Ausstellungen, Vorträge oder weitere Neuigkeiten aus dem eigenen Forschungsfeld hinweisen und dazu einen Link verschicken, der auf eine Website oder ein Blog mit weiteren Informationen hinweist.

Wie bei Blogs kann man auch bei Twitter persönlich werden und "ich“ schreiben. Generell eignen sich Tweets, die eine eigene Meinung dezidiert zum Ausdruck bringen, eher für einen Austausch. "Wie viel Privates man über Twitter mitteilen möchte, ist eine Stilfrage und bleibt jedem selbst überlassen. Wer bei anderen keine 'Guten-Morgen-Tweets' lesen will, wird auch selbst nicht posten, was es gerade zum Mittagessen gibt."[6]

Twitter eignet sich darüber hinaus hervorragend, um auf eigene Artikel aufmerksam zu machen: Als Beispiel sei hier auf die „Selbstversuche“ von Melissa Terras, Forscherin am University College in London, hingewiesen, über die sie in ihrem Blog mehrfach berichtet hat. Der jüngste Beitrag vom 3. April 2012 unter dem Titel „Is blogging and tweeting about research papers worth it? The Verdict“[7] zeigt noch mal eindrücklich, wie sie Twitter nutzt, um auf ihre Forschung aufmerksam zu machen. Dazu hat sie ihre Open Access zugänglichen Artikel per Twitter beworben, jedoch mit einer Ausnahme. Die getweeteten Artikel weisen zwischen 142 und 297 Downloads auf, der nichtbeworbene Artikel kam auf nur 12 Downloads, obwohl er im Netz an gleicher Stelle veröffentlicht ist. Sicherlich muss man erst Teil einer Community sein und sich eine Folgschaft bei Twitter aufbauen, doch sind die Möglichkeiten zur Verbreitung von Informationen dann sehr groß.

Darüber hinaus gibt es 'Gespräche' auf Twitter. Dabei wird man mit dem eigenen Nutzernamen im Tweet einer anderen Person erwähnt. Dies ist bei etwa 21 bis 30% allet Tweets der Fall.[8] Über Erwähnungen kann man unkompliziert mit Personen Kontakt aufnehmen, auch wenn diese einem nicht folgen. Zu Bedenken ist dabei immer, dass diese Gespräche öffentlich sind.

Gezielt fachlich relevanten Benutzern folgen: Die eigene Timeline als 'kollaborativen Filter' einrichten

Das Zentrum von Twitter ist die eigene 'Timeline', die Liste der Tweets aller Twitter-Account, denen man folgt. Unabhängig davon, ob man selbst aktiv twittert, eignet sich Twitter dazu, es passiv als 'kollaborativen Filter' einzusetzen. Durch ein gelegentliches Überfliegen liefert Ihnen die Timeline Hinweise und kurze Einordnungen von neuen Fachveröffentlichungen, Hinweise auf relevante Veranstaltungen (siehe dazu auch weiter unten das Begleiten von Konferenzen durch Twitter) oder auch Hinweise auf fachlich relevante Artikel in Blogs oder der Tagespresse.

Um einen solchen Filter aufzubauen, müssen Sie allerdings zunächst Twitter-Benutzer finden, deren Tweets für Sie (mehr oder weniger häufig) inhaltlich relevant sind. Seien Sie dabei 'egoistisch'! Twitter funktioniert anders als andere soziale Medien wie Facebook, in denen meistens wechselseitige "Freundschaften" mit Freunden oder Kollegen aus dem "wirklichen Leben" eingegangen werden. Bei Twitter steht das 'einseitige', asynchrone Folgen im Vordergrund - das Folgen geschieht also per Klick und braucht von der Gegenseite nicht bestätigt zu werden. 'Entfolgen' Sie Accounts, wenn Sie deren Tweets nicht (mehr) interessieren.

Zum Einstieg in die Suche nach relevanten Benutzern bzw. Accounts auf Twitter empfiehlt es sich, sich mit der Suchfunktion von Twitter vertraut zu machen. Mittels einer Suche in den Benutzerprofilen ('Personen') können Sie gezielt nach Fachkolleginnen und -kollegen oder z.B. nach den Namen bestimmter Hochschulen oder Unternehmen suchen. Twitter ist im deutschsprachigen Raum noch bei weitem nicht so populär wie andere soziale Medien - und das gilt, im kleineren Maßstab, auch für den Wissenschafts-Kosmos. Grundsätzlich empfiehlt es sich daher, in den eigenen kollaborativen Filter z.B. auch englischsprachige Benutzer einzuschließen. Beatrice Lugger hat eine Übersicht zusammengestellt über die "Deutsche Wissenschaft bei Twitter"[9]. Speziell für Historikerinnen und Historiker bietet der Twitter-Leitfaden von Mareike König Hinweise, welchen Accounts man folgen kann.[10]

Eine weitere Möglichkeit, um relevante Twitter-Accounts zu identifizieren, ist die Suche nach URLs. Wenn Sie auf einen Artikel gestoßen sind, der für Sie von großem Interesse, aber nicht besonders populär ist (ein Artikel bei "Spiegel Online" würde sich dafür zum Beispiel wenig eignen), geben Sie die URL oder den DOI des Artikels in die Twitter-Suche ein. Dabei werden Sie auf andere Twitter-Benutzer stoßen, die auf diesen Artikel hingewiesen haben - dies sind sehr geeignete Bausteine für den Aufbau ihres eigenen kollaborativen Filters. Wenn Sie einem solchen Benutzer X folgen, werden Sie fast zwangsläufig auf weitere für Sie relevante Benutzer Y und Z in dessen Netzwerk stoßen. Dies passiert z.B., wenn ein Tweet von Y vom Benutzer X retweetet wird. Auch dieser Tweet erscheint dann in Ihrer Timeline. Entwickeln Sie ein Gespür für eventuell "folgenswerte" neue Twitter-Benutzer - überfliegen Sie das Benutzerprofil, werfen Sie einen Blick auf die kurze Twitter-Biographie sowie darauf wie viele Tweets der Benutzer veröffentlicht hat, und wie vielen anderen Twitterern er folgt.

Weitere eventuell nützliche Tools zur Recherche in Twitter neben der Twitter-eigenen Suche sind Topsy[11] sowie Kurrently[12]. Puschmann und Burgess 2013[13] betonen, wie beschränkt der systematische Zugang zu Twitter-Daten für Recherche- und Analysezwecke ist. Dem ist bis heute leider wenig hinzuzufügen.

Tweets und Links zum späteren Lesen und Durchsuchen speichern

Wer sich einen kollaborativen Filter aufgebaut hat, gelegentlich seine Timeline überfliegt und dabei Interessantes entdeckt, wird diese relevante Information behalten wollen - zum Beispiel, um es später in Ruhe zu lesen. Dies ist nicht so trivial, wie es klingt, denn schließlich ist kaum ein anderes Online-Medium so konsequent auf das Teilen von Informationen "in Echtzeit" ausgerichtet wie Twitter.

Diese Flüchtigkeit ist aus Sicht des persönlichen Informationsmanagements Segen und Fluch zugleich: Einerseits erlaubt sie uns, anderen Benutzern gleichsam 'über die Schulter zu schauen', und auf diese Weise zum Beispiel an einer flüchtigen, aber eben auch für uns fachlich relevanten Entdeckung teilzuhaben. Andererseits ist es für einen Twitter-Benutzer, der hunderten anderer Benutzerinnen und Benutzer folgt, kaum möglich, durch Zurück-Scrollen in der eigenen Timeline einen Tweet wiederzufinden, der auch nur älter als einige Tage oder Wochen ist, ganz abgesehen davon, dass Tweets nach zwei bis drei Tagen zumeist gar nicht mehr angezeigt werden.

Wie ist der oben beschriebene Widerspruch aufzulösen? Natürlich ist es möglich, besonders interessante Fundstücke aus Twitter per Zwischenablage in ein anderes digitales Medium 'umzukopieren' - doch das läuft der mühelosen Handhabung dieses Mediums zuwider. Idealerweise möchte man durch bloßes Überfliegen der Timeline einige vielversprechende Tweets identifizieren, und genau diese Tweets (oder längeren Artikel hinter den getwitterten Links oder DOIs) später leicht wiederfinden.

Twitter selbst stellt hierfür die Funktionen "Favorisieren" ("Fav") und "Retweeten" ("RT") zur Verfügung. Die eigenen Favs und RTs können im Normalfall von allen anderen Twitter-Benutzern gesehen werden. Insbesondere RTs tauchen in der Timeline der eigenen Follower auf und werden insofern sogar sehr wahrscheinlich wahrgenommen. Dennoch gibt es keine umfassende, von allen Twitter-Benutzern geteilte Konvention, die besagt, was ein Fav oder ein RT eigentlich bedeuten. Teilweise werden RTs in der Wissenschaft als "Teil der Zitationskultur"[14] gesehen. Eine Studie aus dem Jahr 2011 stellte fest, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler häufiger retweeten als andere Nutzerkreise.[15] Andere Twitter-Benutzerinnen und Benutzer weisen in der Kurz-Biographie in ihrem Benutzerprofil explizit darauf hin, daß eine RT keine Unterstützung des geteilten Inhalts bedeutet. Klar ist jedoch, daß dieses beiden Funktionen, wie hier vorgeschlagen, auch für das perönliche Informationsmanagement genutzt werden können. Der interessante Tweet, der älter als einige Tage oder Wochen ist, läßt sich in der Liste der eigenen Tweets oder Favoriten schon deutlich leichter wiederfinden.

Eine noch bessere Methode, um fremde Tweets dauerhaft zu speichern, ist die Verknüpfung des Twitteraccounts mit dem Sozialen-Bookmarkig-Dienst Diigo. So ist es möglich, die favorisierten Tweets automatisch in der eigenen Diigo-Library zu speichern.

Seit Anfang 2013 bietet Twitter die Möglichkeit ein, die eigenen Tweets zu speichern. Wie man auf sein eigenes Twitterarchiv zugreift wird in einem Tutorial erklärt.[16] Daneben gibt es weitere Dienste, die das Speichern der eigenen Tweets ermöglichen, so z.B. All my Tweets[17], über den die letzten 3.200 Tweets eines Kontos aufgerufen werden können.

Relevante Funde im Netz teilen und kommentieren: 'Mindcasting'

Keith McArthur führte 2009[18] die seitdem häufig zitierte Unterscheidung zwischen Mindcasting und Lifecasting in sozialen Medien wie Twitter ein. McArthur zufolge wird sozialen Medien oft - und vorschnell - unterstellt, man könne dort nur lesen, was jemand anderes zum Frühstück gegessen hat ('Lifecasting'). Der Großteil des Contents in Sozialen Medien mag seiner Meinung nach damit zwar zutreffend charakterisiert sein, doch gebe es daneben auch Twitter-Nutzer, die beispielsweise ihre Lektüre oder ihre persönliche Ideenfindung in ihren Tweets öffentlich teilen ('Mindcasting').

Als interessanter 'Mindcaster' zu einem bestimmten Thema zu gelten, kann für Forschende heute ein lohnendes Ziel sein. Partizipation und Einfluss auf den fachlichen informellen Austausch im Netz können schon für sich genommen befriedigend sein. Doch die Rolle, die man beim informellen Austausch im Netz spielt, ist heute schon längst nicht mehr isoliert zu betrachten von den sonstigen Aktivitäten eines Forschende. Eine Präsenz in Twitter und anderen sozialen Medien erleichtert zumindest den Kontakt zu anderen 'digitalen Pionieren' im eigenen Fach und kann zum Anknüpfungspunkt gemeinsamer Aktivitäten werden.

Konferenzen und Tagungen via Twitter verfolgen und analysieren

Mit der zunehmenden Zahl an wissenschaftlichen Twitter-Accounts hat auch die Anzahl der Tagungen zugenommen, bei denen Veranstalter und Teilnehmer/innen twittern. Dazu wird zumeist von den Veranstaltern vorab ein hashtag für die Veranstaltung festgelegt. Diesem hashtag kann man folgen, womit man zum einen alle Tweets über diese Tagung mitlesen und zum anderen alle Accounts sehen kann, die diesen hashtag verwenden.

Twitter ermöglicht zunächst, dass die Vortragsinhalte quasi in Echtzeit verifiziert werden und zusätzliche Hinweise sowie Links zur Nachvollziehbarkeit geliefert werden können. Bei Twitter wird auf diese Weise eine weiterführende Diskussionen geführt, die z. T. weit über die Vortragsinhalte hinausgehen bzw. diese ergänzen: Tagungstweets erzeugen eine "zweite Diskussionsebene, die allen Teilnehmer/innen vor Ort über einge sogenannte Twitterwall zugänglich gemacht werden können"[19].

Damit hört das Publikum vor Ort nicht nur passiv einem Vortragenden zu, sondern gibt das Gehörte direkt weiter, kommentiert es oder reichert es mit weiterführenden Hinweisen an. Lange bevor ein Tagungsbericht erscheint, sind Tagungstweets damit ein "micro-gebloggter und mit Fotos und Links angereicherter Tagungsbericht, der live und vielstimmig in die interessierte Fachöffentlichkeit gezwitschert wird"[20].

Darüber hinaus können Nicht-Anwesende, die dem Twitterstream unter dem vereinbarten Hashtag folgen, per Tweet Fragen an die Vortragenden stellen und damit aktiv in den Verlauf der Tagung eingreifen.

.

  • Beispiel der Begleitung der OER-Konferenz von Wikimedia, Tweet-Archiv von Christian Hauschke
  • Wer hat getwittert, warum funktioniert das bei dieser Community, was war der gefühlte Beitrag von Twitter zur Kommunikation auf dieser Konferenz insgesamt?
  • Auto-Tweeten: Vortragen + gleichzeitiges Tweeten: keynotetweet für Apple und AutoTweet, wenn man Powerpoint unter Windows verwendet. Anleitung dazu: http://thenextweb.com/lifehacks/2011/04/22/how-to-auto-tweet-during-your-keynote/
  • Twitter für Hinweise auf weitere Diskussionen und Dokumentation bspw. in Etherpad
  • Die virtuelle Begleitung traditioneller Formate hat außerdem dokumentatorischen / archivarischen Charakter:
  • zunächst natürlich numerisch:
    • Themen
    • Aktivität der Nutzer
    • können rel. leicht abgelesen und ausgewertet werden, z.B. mit Tags v5.[20]
  • außerdem auch inhaltlich:
    • interessante Vorträge = viele Tweets und Diskussionen
  • Einzelne Tweets dienen ferner als Incentive oder Quellenmaterial für Nachbesprechungen der Konferenz (z.B. in Blogs, s.o.), v.a. wenn auf die virulenten Themen eingegangen wird, die aufgrund des bloßen Konferenzprogramms nicht umbedingt ersichtlich sind.
  • Der Einsatz paralleler virtueller Formate variiert sehr stark, je nachdem mit welcher Community (Fachbereich, Publikum) man es zu tun hat. Ist das Konferenz-parallele Tweeten erst einmal im Gange, kann es eine gewisse Eigendynamik entwickeln. So zieht die Anwesenheit von Viel-Tweetern zieht andere nach.
  • Abschließend Auswertung der Tweets, um Netzwerke abzubilden

Tweets als Form der Wissenschaftskommunikation

Die genannten Einsatzszenarien machen deutlich, dass die Kommunikation per Twitter Wissenschaftskommunikation ist oder sein kann. Über Twitter kann eine horizontale, kontinuierliche, direkte, ortsunabhängige und laufende informelle Kommunikation zwischen einzelnen Forschenden und wissenschaftlichen Einrichtungen erfolgen. Twitter ergänzt damit Kommunikationsformen und -orte, wie Tagungen, Aufsätze, Blogbeiträge etc.

  • Twitter-interne Referenzen sind klar. Aber es ist auch möglich, Tweets zu zitieren; wenn der Tweet selbst in einem, wissenschaftlichen Text Gegenstand ist, sollte er natürlich auch korrekt aufgeführt werden. … Abdeckung in Zitationsrichtlinien… Das Tool Tweet to bibTeX verwandelt den Link zu einem Tweet in bibTeX-Code.

Fragen stellen, Ideen testen und Kooperationen initiieren

Twitter ist ein sehr gutes Medium, um Fragen zu stellen, auch wissenschaftlicher Art. Diese Fragen werden üblicherweise mit dem hashtag #followerpower versehen. Man richtet die Fragen damit zunächst an die eigenen Follower, die diese wiederum retweeten können, so dass sie eine große Verbreitung erfahren und die Chancen auf eine Antwort steigen. Über diese Fragen und Antworten kann man auch neue Kontakte knüpfen. Im wissenschaftlichen Bereich wird beispielsweise gefragt, ob es ein bestimmtes Dokument online gibt oder jemand darauf oder auf eine Übersetzung Zugriff hat. Aber auch inhaltliche Fragen oder Fragen nach einer bestimmten Software, nach Tipps und Trick in technischen Belangen sind üblich. Da es sich immer um ein Geben und Nehmen handelt, sollte man auch selbst Fragen beantworten sowie Fragen anderer retweeten.

Nach ähnlichem Muster können bei Twitter Ideen ausprobiert oder Kooperationen initiiert werden. In der Regel reagiert die Twitter-Community sehr offen und retweet-freundlich auf diese Art von Anfragen. So können die eigenen Follower nach ihrer Meinung zu einer bestimmten Idee befragt oder die Mitarbeit an einem Projekt angeboten werden. Die Community ist zumeist sehr hilfsbereit und Tweets mit einem Fragezeichen werden entsprechend weitergereicht.

Die Aktivitäten auf Twitter evaluieren

Die Einschätzung, ob das eigene Tun auf Twitter erfolgreich ist oder nicht, hängt in erster Linie von den eigenen Zielen ab. Wer Twitter ausschließlich als Monitoring-Tool verwendet, um auf dem Laufenden zu bleiben, dem kann die Entwicklung der eigenen Follower-Zahlen egal sein. Wem es in erster Linie darauf ankommt, Twitter als Werkzeug für die Verbreitung von Inhalten und als Vernetzungswerkzeug zu verwenden, der wird ein Auge auf die Followerzahlen, auf Retweets und Favoriten haben. Für die statistische Entwickung und für die Messung der Reichweite des eigenen Tuns gibt es Dienste wie beispielsweise Twittercounter, Twazzup, oder Tweetreach um zu erfassen, wie viele Accounts ein bestimmter Tweet erreicht hat. Diese Statistiken stellen aber immer nur Annäherungswerte da und bei der Bewertung des eigenen Engagements in den sozialen Medien ist alles immer eine "Frage der Interpretation"[21]. Weitere wichtige Hinweise finden sich im Beitrag von Wenke Bönisch "Social Media Monitoring für Wissenschatler/innen.[22]

Literatur

Einführungen zu Twitter in der Wissenschaft:

König 2012: Mareike König, Twitter in der Wissenschaft: Ein Leitfaden für Historiker/innen, in: Digital Humanities am DHIP, 21.08.2012 http://dhdhi.hypotheses.org/1072.

Social Networking for Scientists: The Wiki, http://socialnetworkingforscientists.wikispaces.com/Twitter.

Nazlin: Twitter for researchers, in: Newsam News, 23.09.2011, http://newsamnews.ioe.ac.uk/?p=1864.

Mollet, Amy, Moran, Danielle, Dunleavy, Patrick: Using Twitter in university research, teaching and impact activities. A guide for academics and researchers, LSE Public Policy Group 2011, http://blogs.lse.ac.uk/impactofsocialsciences/files/2011/11/Published-Twitter_Guide_Sept_2011.pdf.

<references \>

Einzelnachweise

  1. Nentwich et al. 2009: http://epub.oeaw.ac.at/ita/ita-projektberichte/d2-2a52-4.pdf
  2. Vgl. z.B. Mareike König: Twitter in der Lehre (Schule und Universität): eine kleine Literaturliste, in: Redaktionsblog, 13.08.2012, http://redaktionsblog.hypotheses.org/585.</span>
  3. Vgl. Michael Nentwich, René König: Cyberscience 2.0. Research in the Age of Digital Social Networks, Frankfurt 2012, S. 60.
  4. Eine Übersicht über Twitteraccounts, die historische Events nachtwittern, findet sich hier: http://schmalenstroer.net/wiki/index.php/Live-Tweeting_von_Historischen_Ereignissen.
  5. Vgl. Das Erste Mal in 140 Zeichen – 150 interessante Twitter Accounts und ihre ersten Tweets, in: Ragazzi Group, Mai 2012, http://ragazzi-group.de/2012/05/twitter-erste-tweets/.
  6. Mareike König, Twitter in der Wissenschaft: Ein Leitfaden für Historiker/innen, in: Digital Humanities am DHIP, 21.08.2012 http://dhdhi.hypotheses.org/1072.
  7. Melissa Terras, Is blogging and tweeting about research papers worth it? The Verdict, in: Melissa Terras, 3.4.2012, http://melissaterras.blogspot.fr/2012/04/is-blogging-and-tweeting-about-research.html.
  8. Vgl. König, René, Nentwich, Michael: Cyberscience 2.0: Research in the Age of Digital Social Networks, Frankfurt am Main: Campus-Verlag, 2012, S. 53.
  9. Vgl. Beatrice Lugger, Deutsche Wissenschaft auf Twitter II, in: Quantensprung, 9. Januar 2012, http://www.scilogs.de/quantensprung/deutsche-wissenschaft-auf-twitter-ii/.
  10. Vgl. Mareike König, Twitter in der Wissenschaft: Ein Leitfaden für Historiker/innen, in: Digital Humanities am DHIP, 21.08.2012 http://dhdhi.hypotheses.org/1072.
  11. http://topsy.com/
  12. Kuttently http://www.kurrently.com/.
  13. Puschmann und Burgess 2013, http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2206225
  14. Mareike König, Twittern in den Wissenschaften, in: Ute Frietsch (Hg.), Praktiken, Räume, Stil. Ein praxeologisches Handwörterbuch der Historischen Kulturwissenschaften, Mainz 2013, S. 405–410, hier S. 405.
  15. Vg. Katrin Weller, Evelyn Dröge, Cornelius Puschmann: »Citation Analysis in Twitter: Approaches for Defining and Measuring Information Flows within Tweets during Scientific Conferences«, Paper presented at the #MSM2001,1st Workshop on Making Sense of Microposts, 30.5.2011, Heraklion, [URL: http://files.ynada.com/papers/msm2011.pdf].
  16. Tutorial zum Twitterarchiv, https://blog.twitter.com/2012/your-twitter-archive.
  17. All my Tweets, http://www.allmytweets.net/connect.php.
  18. http://keithmcarthur.ca/2009/02/06/lifecasting-vs-mindcasting-on-twitter/
  19. Mareike König, Twitter in den Wissenschaften, in: Ute Frietsch, Jörg Rogge (Hg.), Über die Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens. Ein Handwörterbuch, Bielefeld 2013, S. 405-410, hier S. 408.
  20. http://mashe.hawksey.info/2013/02/twitter-archive-tagsv5/
  21. Vgl. Wenke Bönisch, Social Media Monitoring für Wissenschaftler/innen, in: Digitale Geschichtswissenschaft, 1.10.2013, http://digigw.hypotheses.org/205.
  22. Vgl. Wenke Bönisch, Social Media Monitoring für Wissenschaftler/innen, in: Digitale Geschichtswissenschaft, 1.10.2013, http://digigw.hypotheses.org/205.
  23. </ol>