MIRA/A1 Antike in der Romania: Unterschied zwischen den Versionen

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|ABSTRACT = MIRA-Handbuch, Artikel A1 "Antike in der Romania"
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|AUTOR = Johannes Kramer, Roland Ißler, Kai Schöpe, Christian Maier
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|STAND = 05.05.2014
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==Einleitung==
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„Antike Welt – das heißt die Gesamtantike von Homer bis zur Völkerwanderung, nicht etwa das « klassische » Altertum.“, stellt Curtius (1993 [1948], 29) fest und gibt damit den zeitlichen Rahmen für diejenige lateinisch- und griechischsprachige Kultur vor, die in ihrer Beziehung zur Romania Gegenstand dieses Kapitels ist. Wenn also von ‚Antike‘ die Rede ist, dann ist die griechisch-römische Antike gemeint. Wie aber ist das Verhältnis von Antike und Romania zu verstehen? Schon Curtius hat Begriffe wie „Nachleben“, „Fortleben“ oder „Erbe“ zurückgewiesen und eine organische Metapher bevorzugt, indem er Ernst Troeltsch folgte. Nach diesem beruht die „europäische Welt nicht auf Rezeption und nicht auf Lösung von der Antike, sondern auf einer durchgängigen und zugleich bewußten Verwachsung mit ihr.“<ref>Curtius 1993 [1948], 29</ref>. Das Bild bringt zum Ausdruck, dass im ‚Verwachsen‘ von Antike und Romania etwas Neues entsteht, indem antike Referenz- und romanische Aufnahmekultur wechselseitig aufeinander einwirken. Dieser Prozess der „Transformation“ vollzieht sich mithin in zwei Richtungen. So wird in den Rezeptionsdokumenten die ‚Antike‘ allererst hervorgebracht, indem sie rekonstruiert und tradiert wird und indem Teile aus ihr bewusst oder unbewusst ausgewählt werden. Dabei konstruieren sich die rezipierenden Aufnahmekulturen stets auch selbst: „Indem die Antike zum privilegierten oder polemischen Objekt von Wissensprozessen, künstlerischen Adaptionen oder politischen Aushandlungen wird, funktioniert das dabei entworfene Antike-Bild als Selbstbeschreibung der jeweiligen Rezipientenkultur.“<ref>Böhme 2011, 9</ref>. Diese grundlegende Einsicht gerade für die Erforschung der Romania, die über Mittelalter und Frühe Neuzeit hinaus immer wieder ihre tiefe Verbundenheit zur Antike betont hat, sei diesem Kapitel paradigmatisch vorangestellt.
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==Sprache==
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Alle romanischen Sprachen gehen auf das Lateinische zurück – soweit gibt es keine Diskussionen. Die Fragen treten auf, wenn man die genauere Gestalt des Lateinischen umschreiben will. Versuchen wir zunächst eine historische Annähe­rung.
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Zunächst muss es ein Bewusstsein dafür geben, dass Latein und Romanisch zwei verschiedene Gegebenheiten sind. Dieses Bewusstsein hat sich in der Forschung wie unter den Zeitgenoosen nur sehr langsam herausgebildet, weil man lange Zeit von einem prinzipiell einheitlichen Latein ausging, das lediglich in verschiedenen Qualitätsstufen auftrat, Stilebenen in der zeitgenössischen Terminologie und im zeitlichen Ansatz Stilverfall. So schreibt beispielsweise Gregor von Tours (1970, 2):
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** Nec repperire possit quisquam peritus dialectica in arte grammaticus, qui haec aut stilo prosaico aut metrico depingeret versu. Ingemescebant saepius plerique dicentes: „Vae diebus nostris, quia periit studium litterarum a nobis, nec reperitur in populis, qui gesta praesentia promulgare possit in paginis“. Ista etenim atque et his similia adtingerint venien­tum, etsi incultu effatu, nequivi tamen obtegere vel certamine flagitiosorum vel vitam recte viventium: et praesertim his inlicitus stimulis, quod a nostris fari plerumque miratus sum, quia „philosophantem rhetorem intellegunt pauci, loquentem rusticum multi“.
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An dieser Stelle sieht man das Sprachgefühl, das in der Spätantike und im frühen Mittelalter weithin herrschte: Die Einheit des Lateinischen ist ungebrochen und seine Auflösung in neue Nachfolgesprachen ist unvorstellbar, man weiß jedoch, dass seit der goldenen Zeit des Lateins ein Niedergang erfolgt ist (''periit studium litterarum'') und dass
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niedere Stilebenen (''incultus effatus'') an die Stelle der hohen Ausdrucksweise (''stilus prosaicus, metricus versus'') getreten sind. Diese Ebenen sind normalerweise sozial oder geographisch umschrieben: Hier steht der ''philosophans rhetor'', der ausgebildete Redelehrer der städtischen Hochkultur mit gedankenschweren Ausführungen,dem ''loquens rusticus'', also dem plappernden Mann vom kulturfernen flachen Lande, gegenüber – aber den einen verstehen nur ganz wenige, der andere spricht zur großen Menge.
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Die Aussagen antiker Autoren über die niedere Sprachebene sind in vorbildli­cher Weise von Roman Müller (2001) zusammengestellt und kommentiert worden. Nebeneinander stehen mit unterschiedlichen, aber kleinen Bedeutungs­nuancen ''sermo rusticus, sermo agrestis, sermo plebeius, sermo humilis, sermo vulgaris, sermo cotidianus, sermo familiaris. ''Die Bezeichnung für ‚korrekter Sprachgebrauch‘ ist ''consuetudo, ''und der ''sermo urbanus ''bildet den positiven Ge­gensatzpol zum ''sermo rusticus''. Für die ganze Antike galt eine Unterscheidung zwischen dem normalsprachlichen Gebrauch von ''lingua Latina, Latine ''oder ''Latinitas ''mit der Bedeutung ‚lateinische Sprache, lateinisch‘ (analog zu ''lingua Graeca, Graece ''oder ''Graecitas ''für ‚griechische Sprache, griechisch‘) und dem fachsprachlichen Gebrauch dieser Wörter in der Grammatik oder Rhetorik mit der prägnanten Bedeutung ‚korrekte lateinische Sprache, gutes Latein‘<ref>Kramer 1998, 67</ref>. Man ging meist von einer stilistischen Dreiteilung aus, die Augustinus (''doctr. Christ. ''4, 20 = PG 34, 107) als ''dictio submissa, dictio temperata ''und ''dictio grandis ''umschreibt. Die ''dictio submissa'', der auch der ''Sacrae Scripturae sermo humilis''<ref>Auerbach 1967, 21</ref> angehört, hatte natürlich nach der Einschätzung der Zeitgenossen ebenfalls verschiedene Qualitätsebenen,aber niemand hatte auch nur im Entferntesten den Gedanken, dass ausgerechnet die unterste Stufe des Verfalls der goldenen ''Latinitas ''zu einer neuen sprachlichen Entität führen könnte. Zu ''lingua Latina ''bzw. ''sermo Latinus ''gab es die prinzipiellen Synonyme ''lingua Romana ''bzw. ''sermo Romanus'', mit einer kleinen Duftnote, die bei ''Romanus ''den Anklang an das Reich und seine Macht anklingen ließ. Das Adverb ''Latine ''war geläufig, ''Romane ''wurde schriftsprachlich gemieden. ''Romanicus ''bedeutet ‚nach römischer Art gemacht‘, ''Romanice ''taucht erst im Mittellatein des 10. Jahr­hunderts auf. Sprachlich wird im Mittellatein ''lingua Romanica rustica ''für die gesprochene, eher lateinferne Romanität verwendet, aber eine wirklich Karriere machten nur ''Romanice ''und seine Nachfolgeformen: altfrz. ''romanz ''(1135), altprov. ''romans ''(vor 1127), kat. ''romanç ''(vor 1315), altsp. ''romance ''(vor 1265). Im Rumänischen bezeichnet eine von *''Romanisce ''ausgehende Adverbform ''românește ''bis heute die eigene Sprache<ref>zum ganzen Sprachnamenkomplex Kramer 1998; 2007</ref>. All das sind aber erst nachantike Entwicklungen, die frühestens im 9. Jahrhundert ihre Wurzeln haben.
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Die Latinität der Antike ist uns natürlich nur in schriftlichen Zeugnissen greif­bar, und eine grobe literarische Periodisierung in Vorklassik, Klassik, Nachklassik und Spätantike ist sicher unumstritten<ref>Riemer/Weißenberger/Zimmermann 1998, 158–202</ref>. Wenn man das Schema allerdings mit konkreten Werken oder gar mit genauen Zahlen  füllen will, dann stehen mannigfache Diskussionen ins Haus, und noch schwieriger wird es, wenn man aus den literarischen Werken eine sprachge­schichtliche Periodisierung ableiten will, die eine Verbindung zur politischen Geschichte und auch zu den Fakten der uns nur schattenhaft greifbaren Ge­schichte der gesprochenen Sprache haben muss. Eine – keineswegs die einzige – Möglichkeit, bei der wie in jeder Schematisierung im konkreten Fall Übergänge von der einen zur anderen Epoche anzusetzen sind, wäre folgender Ansatz<ref>vgl. Kramer 2007, 20</ref>:
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* ''prisca Latinitas ''(bis 200 v. Chr.)
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* frührepublikanisches Latein = Vorklassik (200 v. Chr. – 90 v. Chr.)
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* spätrepublikanisches Latein = frühe Klassik (90 v. Chr. – 30 v. Chr.)
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* augusteisches Latein = späte Klassik (30 v. Chr. – 14 n. Chr.)
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* frühkaiserzeitliches Latein = frühe Nachklassik (14 n. Chr. – 300 n. Chr.)
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* spätkaiserzeitliches Latein = späte Nachklassik (300 n. Chr. – 475 n. Chr.)
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* spätantikes Latein (475 n. Chr. – 600 n. Chr.)
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* nachantikes Latein (ab 600 n. Chr.).
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In den frühen Epochen kann man die Entwicklung der literarischen Aus­drucksweisen als einen Spiegel der Entwicklung der Sprache ansehen, und was sich in der realen Alltagssprache veränderte, fand schnell seinen Widerhall in der Literatursprache. Das änderte sich in dem Moment, als nach dem Eindruck der tonangebenden intellektuellen Kreise das Lateinische seinen Höhepunkt erreicht hatte, als die Sprache ihre klassische Form erreicht hatte. Das war nach einhelligem Zeugnis im 1. Jahrhundert vor Christus der Fall, als Cicero (106–43 v. Chr.) und Caesar (100–44 v. Chr.) die Prosa bestimmten; wenig später gaben Vergil (70–19 v. Chr.) und Ovid (43 v. Chr.–17 n. Chr.) der Dichtung nach dem Urteil der Zeitgenossen ihre vollendetste Gestalt. Für Velleius Paterculus (20 v. Chr.–±30 n. Chr.) ist das Konsulatsjahr Ciceros (63 v. Chr.) nicht nur dadurch ausgezeichnet, dass in ihm Augustus geboren ist, sondern es lässt sich daran auch die Lebenszeit der größten lateinischen Autoren festmachen; von den aufgezählten zwanzig Autoren sollen hier nur Cicero, Caesar, Sallust, Varro, Lukrez, Catull, Vergil, Livius, Tibull, Ovid, ''perfectissimi in forma operis sui ''und Schulautoren bis zur Gegenwart, genannt werden (2, 36). Diese unüber­trefflichen Klassiker, besonders Cicero und Vergil, wurden zu Autoren, deren Schreibart man nachahmte, so dass das sklerotisierte Schriftlatein von der lebendigen Entwick­lung der lateinischen Umgangssprache abgekoppelt wurde. Wilfried Stroh hat das poetisch als „Sterben in Schönheit“ bezeichnet<ref>2008, 109</ref>, und nur durch diesen „Tod“ wurde die lateinische Schriftsprache „unsterblich“<ref>2008, 109</ref>. Vom früh­kaiserzeitlichen Latein an wurde die Distanz zwischen der Normsprache, die man in der schriftlichen Verwendung anstrebte, und der Alltagssprache immer größer, um im spätantiken und nachantiken Latein einen Höhepunkt zu erreichen, der die ''indocti ''mehr und mehr vom Verständnis der Schriftsprache ausschloss.
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Die direkte Ausgangsstufe für die späteren romanischen Entwicklungen ist natürlich die letzte antike Erscheinungsform des Vulgärlateins, also das spätanti­ke Latein (475 n. Chr. – 600 n. Chr.) und die nachfolgende Epoche, obwohl natür­lich einzelne Phänomene früher belegt sein können. Als Primärquelle dienen uns Bezeugungen in schriftlichen Quellen, wobei man unterscheiden muss zwischen der bewussten Anwendung von Vulgarismen aus stilistischen Gründen zur Charakterisierung von bestimmten Personen (Plautus, Petron), aus Gründen der Prägung einzelner Fachsprachen (Apicius’ Kochkunst, Catos und Columellas Ackerbau, Populärmedizin) oder aus Gründen der propagandistischen Annähe­rung an die Alltagssprache zur Stei­gerung der Verständlichkeit bei den ''illitterati ''(Itala, Vulgata, Predigten und Heili­genviten der Kirchenschriftsteller) und der unbeabsichtigten Annäherung an die Volkssprache mangels eigener Vorbildung (''Peregrinatio Egeriae'', papyrologische und inschriftliche Quellen privaten Charakters); zwischen beiden stehen gramma­tische Schriften, die „falsche“ Formen des Alltags neben „richtige“ Formen der schriftlichen Tradition stellen (Glossare, ''Appendix Probi'', Grammatiker, Isidor von Sevilla). Sekundärquellen sind die Übernahmen lateinischer Elemente in gleichzeitige andere Sprachen (Griechisch, Hebräisch und Aramäisch) und vor allem die romanischen Sprachen, deren Gegebenheiten man unter Anwendung der historisch-vergleichenden Gram­matik in die Antike zurückprojizieren muss<ref>zu den Quellen Tagliavini 1998, 160–167; Kiesler 2006, 33–40</ref>. Wenn man Erkenntnisse über die Sprachform ge­winnen will, muss man natürlich alle zur Verfügung stehenden Erkenntnismög­lichkeiten heranziehen. Wenn man sich, wie es die Équipe des ''Dictionnaire Éty­mologique des Langues Romanes ''tut, einzig und allein auf ein aus den roma­nischen Sprachen rekonstruiertes „Protoromanisch“ beschränkt<ref>Buchi/ Schweickard 2007</ref> und andere Annäherungsmöglichkeiten hintanstellt, tritt eine Abstraktion an die Stelle der sprachlichen und historischen Buntheit des gesprochenen und geschriebenen Lateins am Ende der Antike<ref>Vàrvaro 2011; Kramer 2011</ref>.
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Natürlich waren sich die ''docti ''des Auseinanderklaffens der verschiedenen Sprachebenen bewusst. Augustinus (354–430) etwa, der beim Schreiben für Leute, die die­selbe Bildung wie er selbst hatten, alle Finessen der ciceronianischen Sprachver­wendung zum Einsatz brachte (''dictio grandis''), benutzte in seinen Predigten (''sermones ad plebem'') und Bibel­erklärungen, die von den ''indocti ''ver­standen werden sollten, eine einfache Latinität (''dictio submissa''), die die Ver­ständlichkeit am Bildungshorizont der Zuhörer und nicht an den Forderungen der Norm­grammatik ausrichtete (Hiltbrunner 1999, 2284): ''Melius est reprehendant nos grammatici quam non intelligant populi ''(August. ''in ps. ''138, 20 ad v. 15 = PL 37, 1796).
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Um 400 gewann die sogenannte vertikale Kommunikation eine immer stärkere Bedeutung, also eine „communication orale adressée par un ou ''n ''locuteurs de niveau culturel supérieur à un ou ''n ''auditeurs de niveau culturel inférieur. Les pré­dicateurs du VIe siècle, lettrés latinophones, adressent leurs sermons à des fidèles latinophones illettrés“<ref>Banniard 1997, 117</ref>. Fast ein halbes Jahrtausend lang lebte man mit dieser Interkomprehension, und entsprechend bezeichnete man die verschiedenen Sprachebenen mit stilistischen Kriterien, die in Frankreich erst 813 mit dem Beschluss des Konzils von Tours, die ''homiliae ''zum klaren Verständnis ''in rusticam Romanam linguam aut Thiotiscam ''zu übersetzen (''MGH Conc.'' II 1, 17) zu Ende ging; für Spanien ist der Schlusspunkt das Konzil von Burgos 1080, bei dem die westgotische Liturgie durch die römische ersetzt wurde<ref>Wright 1982, 310</ref>, und in Italien tat man sich noch lange schwer mit der Erkenntnis, dass das ''volgare ''nicht einfach eine Stilebene des Lateins war: Immerhin sind verschiedene ''Vitae ''und ''Passiones'' des 8. Jahrhunderts eindeutig noch so abgefasst, dass ihr Latein von den ''indocti ''verstanden werden konnte<ref>van Uytfanghe 2008, 132</ref>. Marieke van Acker hat an zwei merowingischen ''Vitae ''und zwei ''Passiones ''den konkreten Nachweis erbracht, dass die Verfasser trotz aller Sorge um die Ein­haltung einer oberflächlichen lateinischen Korrektheit auf das Verständnis der ''illitterati ''abzielten<ref>2007, 535</ref>:
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** Les auteurs se soucient de la clarté de leur texte: l’emploi de pléonasmes, de mots phatiques, les signes d’insistance, les parallélismes et la construction logique de l’énoncé montrent qu’ils ont le souci de se faire comprendre.
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Eine parallele Entwicklung fand bekanntlich auch im Griechischen statt. Die sprachliche Entwicklung hat auch dort dahin geführt, dass sich die gesprochene Sprache spätestens im 5. Jahrhundert nach Christus sehr von der geschriebenen Sprache entfernt hatte, dass man aber nur die Schriftform zur Verfügung hatte, um Texte, die sich an die Ungebildeten richteten, festzuhalten. Karl Krumbacher, der Begründer der Byzantinistik, hat zutreffend bemerkt<ref>1891, 392f.</ref>:
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** Sobald ein Autor Lesen und Schreiben gelernt und die Kirche öfter besucht hatte, befand er sich, ohne sich dessen hinlänglich bewusst zu sein, unter dem mächtigen Banne der Kunst­gräzität. Denn der byzantinische Unterricht, auch der allerelementarste, wurde ausschließ­lich auf Grund der alten Grammatik und Literatur erteilt, und in keiner byzantinischen Kirche hat man je ein in der Volkssprache abgefasstes Lied oder Gebet gehört.
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Die Bildungstradition hatte im Osten weit besser als im Westen überlebt, und jeder, der eine Schule besucht hatte, war von den literarischen Autoren der Antike geprägt. Das schlug sich im typischen Makkaronismus (μακαρονισμός) nieder, einer Mischung aus verschiedensten Sprachformen und Stilarten, wobei alte und neue Formen nebeneinander standen und ständige Wiederholungen mit unterschiedlicher Stilisierung die Texte verständlich machten<ref>Kramer 1986, 162</ref>.
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Anders als im Westen hat sich im griechischen Raum nie eine wirklich neue Sprache mit einem neuen Namen herausgebildet, und man konnte bis ins 20. Jahr­hundert immer wieder auf die alte Sprachform zurückgreifen. Als der neue grie­chische Staat im 20. Jahrhundert eine würdige Sprache brauchte, hat Adamantios Korais (1748–1833) eine mehr oder weniger antikisierende Normsprache unter dem Namen „gereinigte Sprache“ (καθαρεύουσα) in die Diskussion gebracht, die einer – besonders von Dionysios Solomos (1798–1857) geförderten – „Volks­sprache“ (δημοτική) gegenüberstand. Der Sprachenstreit zwischen beiden For­men setzte sich bis ins 20. Jahrhundert fort und die erzkonservative Militärdiktatur startete (1967–1974) den letzten Versuch, die καθαρεύουσα sogar in den Ele­mentarschulen durchzusetzen, bis die neue Demokratie den Sieg der δημοτική mit sich brachte: Bis 1976 war die καθαρεύουσα die griechische Staatssprache, seither herrscht die δημοτική, aber gewisse wis­senschaftliche Bereiche (Theolo­gie, Jura, Medizin) verwenden weiter die antiki­sierende Form. Die καθαρεύ­ουσα war nur wirklich Gebildeten verständlich; um aber andere Kreise zu errei­chen, hat man Kompromissformeln und Umschreibungen entworfen, um weitere Kreise zu erreichen<ref>Eideneier 1999, 189</ref>.
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Das heute verwendete Neugriechische basiert morphologisch und syntaktisch auf der δημοτική, aber es hat im Wortschatz viele Elemente der καθαρεύουσα aufgenommen und ist in der Wortbildung weiter vom Rückgriff auf die Antike ab­hängig<ref>Horrocks 1997, 362</ref>:
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** Contemporary writers now exploit the potential of the language quite widely, with styles ranging from a traditional ‘rural’ demotic to something not far removed from late-nineteenth century ''katharévousa''. But the language spoken by the averagely well-educated population of the major cities is accepted as ‘standard’, and written versions of this are employed for virtually all official and practical purposes. It is the product in part of natural developments in a social and educational context where elements of ''katharévousa ''had long found an automatic place, in part of the efforts of writers deliberately to circumvent the constraints of diglossia.
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Gesellschaftlich ereigneten sich im römischen Westreich Umbrüche, die die weitere Entwicklung bestimmten. Zusammengefasst handelt es sich um den Niedergang der Verkehrsverbindungen, um die Loslösung von Grenzprovinzen aus dem Reichsverband, um die Ausbildung regionaler Staatsgebilde, um die Christianisierung und um den Verfall des Bildungssystems, verbunden mit dem Vordringen eines verbreiteten Analphabetismus und der Ausbildung einer klerikalen Spezialistenklasse für das Lesen und Schreiben.
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Die griechisch-lateinische Zweisprachigkeit der gebildeten Schicht kommt vom 4. Jahrhundert an nach und nach zum Erliegen. Während Hieronymus (348–420) ein exzellenter Kenner des Griechischen und der Hauptvermittler des christ­lichen Gedankenguts aus dem Osten an den Westen war, hatte sein Zeitgenosse Augustinus (354–430) nur passive Sprachkenntnisse und konnte die Schriften der griechischen Theologen nur lesen, wenn es lateinische Übersetzungen gab<ref>Kany 2007, 48</ref>. Hatte Augustinus als Kind noch einen griechischen Elementarunter­richt erhalten, so erlischt in der folgenden Generation das Interesse an einer praktischen Beherrschung des Griechischen völlig, und obwohl man theoretisch das Griechische als eine der ''tres linguae sacrae''<ref>Isid. orig. 9,1,3</ref> hoch schätzte, stellte doch Hieronymus den letzten wirkli­chen ''vir trilinguis ''dar, und „so haben im Mittelalter nur wenige Abendländer die Fähigkeit erlangt, einen griechischen Text unbekannten Inhalts zu ver­stehen“<ref>Berschin 1980, 31</ref>. Die zweisprachige Welt der römischen Elite von 100 v. Chr. bis maximal 300 n. Chr. wurde ersetzt durch eine einsprachige Welt, in der die Schwierigkeiten, nur diese eine lateinische Sprache einigermaßen zu beherr­schen, immer größer wurden.
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Das Leben im römischen Reich ist von etwa 275 an immer unsicherer geworden. Orte in der Nähe der Reichsgrenze sind auch zuvor immer wieder das Opfer von Überfällen auswärtiger Völkerschaften gewesen, aber eine fortdauernde Un­sicherheit des Verkehrs im Innern des Reiches setzt erst im späten 3. Jahrhundert ein: Sonderreiche, lokale Aufstände, marodierende Banditen­truppen, Seeräuber, der Verfall römischer Institutionen und schließlich die germanischen Überfälle machten Reisen von einem Ort an den anderen zuneh­mend gefahrvoll und sorgten da­für, dass man sich nur im äußersten Notfall aus seiner Heimat wegbewegte. Als Rutilius Namatianus 417 von Rom ins heimatliche, von den Goten verheerte Gallien auf dem Seewege zurückkehrte, war das ein lebens­gefährliches Unter­nehmen, und jeder war sich dieser Tatsache bewusst<ref>vgl. Namatianus Reisebeschreibung ''de reditu suo''</ref>.
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Unter diesen Umständen geriet die überregionale Geltung des Lateinischen zu­nehmend in Bedrängnis. Die Legionen waren zwar auf Dauer in bestimmten Pro­vinzen
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stationiert, wurden aber je nach Bedarf in verschiedensten Reichsteilen eingesetzt: Beispielsweise war im Laufe der Geschichte das Aktionsgebiet der Legio VI Victrix Hispania, Germania in­ferior und Britannia (''RE'' XII 2, 1599–1614), die Legio IX Hispana war in Hispania, Pannonia, Africa und Britannia tätig (''RE ''XII 2, 1664–1670), die Legio III Cyrenaica bewährte sich in Africa, Ägypten und Arabien und nahm an Trajans Partherkriegen teil (''RE ''XII 2, 1506–1517). Zu den Legionen gehörte aber jeweils ein großer „Tross“, bestehend aus Angehörigen, Mitarbeitern, Händlern usw. Solange die Reichsein­heit funktio­nierte, war dem sprachlichen Auseinanderstreben ein Riegel vorge­schoben, weil eine Legion im spanischen, afrikanischen und britannischen Umfeld sprachlich funktionsfähig sein musste, aber die fortschreitende Festlegung auf bestimmte Provinzen, verbunden mit der Ausbildung von Sonderreichen, war ein wichtiger Faktor bei der Diversifizierung des Lateinischen.
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James Noel Adams hat in einer fundamentalen Darstellung herausgearbeitet, dass auch eine für den schriftlichen Gebrauch so fest kodifizierte Sprache wie das Lateinische „always showed regional as well as social, educational and stylistic variation“<ref>2007, 684</ref>. Einige Indizien erlauben die Herausarbeitung provinzieller Lautcharakteristika<ref>Pirson 1901, 1–114; Carnoy 1906, 17–214; Mihăescu 1978, 169–214; Herman 1990, 105–194</ref>, auch die Grundzüge morphologischer Sonderentwicklungen sind greifbar<ref>Mihăescu 1978, 215–242; Galdi 2004, 1–371</ref>, und besonders regionaltypische Wörter, die oft in den romanischen Spra­chen weiterleben, sind uns zugänglich<ref>Adams 2007, 276–576</ref>, so dass gilt: „The combination of lexical and phonetic evidence establishes the existence (e. g. Gaul, Africa and Italy) of genuine regional varieties“<ref>Adams 2007, 731</ref>. Über eine regionalspezifische Syntax kann man leider fast nichts sagen, weil die Quellen kein Urteil erlauben<ref>Adams 2007, 727</ref>:
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** The truth is that syntactic evidence with a bearing on regional diversity is hardly available either from literary texts, which overwhelmingly use constructions of the standard language, or from inscriptions, which are formulaic and traditional in syntax, or from non-literary corpora [...], which are potentially more revealing but so far inadequate in extent. Syntax, or the overlap of syntax with morphology, has sometimes come up, but little of a striking regional character has emerged.
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Anders gesagt: Wir können uns ein ungefähres Bild über das Aussehen der gesprochenen Latinität in den wichtigsten Regionen an der Schwelle von der Antike zum frühen Mittelalter im Laut- und Formenbestand bilden, aber eine wirkliche Rekonstruktion der Sprache ist nicht möglich.
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==Literatur==
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Die Zeit bis zur Herausbildung einer volkssprachlichen romanischen Schriftkultur ist mithin deutlich geprägt vom lateinischen Schrifttum. Spätestens ab dem 5. Jh. differenziert sich dieses jedoch zunehmend regional, und der „allmähliche Zerfall der Einheit“ geht mit einer „kulturelle[n] Verselbständigung der Provinzen“ einher, in denen sich die Literatur mit unterschiedlicher Intensität bewahrt<ref>Büchner 1968, 542</ref>.         
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Mit dem Aufkommen und der immer entschiedeneren Ausbreitung des Christentums treten christliche Inhalte in zum Teil neuen literarischen Gattungen neben die klassischen Überlieferungen, die sie im Dienste der alleinigen religiösen Wahrheit mit ihrem universellen Anspruch bisweilen verdrängen. Gleichwohl bedarf es der literarischen Bildung, namentlich einer ausgefeilten Rhetorik und eines elaborierten lateinischen Stils, um dem Worte Gottes ein angemessenes Gewicht zu verleihen. Die schriftsprachliche und stilistische Kontinuität der antiken Vorbilder bei gleichzeitiger Verurteilung ihres Heidentums provoziert dabei schwer überbrückbare, gleichwohl höchst produktive Konflikte <ref>vgl. Hausmann 1996, 153</ref>.
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Wissensbestände und Weltdeutungen der Antike erhalten sich vor allem in enzyklopädischen Sammlungen, von denen jedoch viele, zum Teil vorchristliche, verloren oder nur fragmentarisch überliefert sind. Bedeutende Handbücher [1] stammen von gelehrten Autoren wie M. Terentius Varro (1. Jh. v.Chr.), C. Plinius Secundus d.Ä. für den Bereich der Naturwissenschaften (''Naturalis historia'', 1. Jh. n.Chr.), A. Cornelius Celsus für den Bereich der Medizin (2. Jh. v. Chr.), Nonius Marcellus für Grammatik und Alltagsgegenstände, Waffen, Nautik u.a. (''De compendiosa doctrina'', 3./4. Jh.), Martianus Capella mit seiner allegorischen Schrift ''De nuptiis Philologiae et Mercurii ''(5./6. Jh.), in der er die Vermählung der gelehrten Jungfrau Philologia mit dem göttlichen Merkur zum Anlass nimmt, die ''Septem Artes Liberales ''(A7) systematisch zu behandeln. An dem Werk des Nonius Marcellus lässt sich ablesen, wie die Weitergabe enzyklopädischer Kenntnisse erfolgt: Nonius selbst kompiliert Textpassagen älterer Autoren von Plautus bis Varro und bewahrt sie dadurch der Nachwelt; diese reicht derartige Informationen ihrerseits weiter, im Falle des Nonius beispielsweise über Fulgentius (5./6. Jh.). Die für das Mittelalter nachhaltigste unter den diversen enzyklopädischen Schriften – sie ist in rund 1000 Manuskripten verbreitet – sind die ''Etymologiae'' (bzw. ''Origines'') des Bischofs Isidor von Sevilla (Isidorus Hispalensis, um 560/570-636). In 20 Büchern kompiliert der aus hispanorömischem Adel stammende Autor die in seiner Zeit verfügbaren überlieferten Erkenntnisse gelehrten und alltäglichen Wissens über die Welt in Ableitung aus den Namen ihrer Erscheinungen, „ex veteris lectionis recordatione collectum, atque ita in quibusdam locis adnotatum, sicut exstat conscriptum stylo maiorum“ (Isid. orig.praef.). Der Erfahrungsschatz der Antike wird darin gleichwohl als mit der christlichen Lehre verbunden dargestellt und versteht sich auch als glaubensdidaktische Unterweisung für eine gebildete Leserschaft. Indem Isidor die paganen Autoren der griechischen und römischen Antike als den biblischen Protagonisten nachrangig behandelt, relativiert er sie zwar im Hinblick auf ihre christliche Bedeutung, stellt sie zugleich aber mit den Urvätern des Alten Testaments in ein historisches Kontinuum, das ihnen in der christlichen Welt des Mittelalters ein besonderes Gewicht zuerkennt.
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Isidor geht assoziativ und thematisch vor und handelt zunächst die ''Septem Artes Liberales''(A7) ab (Buch I: Grammatik, II: Rhetorik, Dialektik; III: Mathematik, Geometrie, Musik, Astronomie), sodann Medizin (IV), Rechtswesen, Kalender und Zeitrechnung (V), Bücher und kirchliche Feste (VI), Gott, Engel und Heilige (VII) sowie Kirche und Sekten (VIII), bevor er sich der Sprache, den Völkern und ihren  Kriegen (IX), den Wörtern (X, aufgebaut in Form eines alphabetischen Wörterbuchs), dem Menschen und Monstra (XI) sowie den Tieren (XII) widmet. Buch XIII und XIV handeln von der kosmologischen und geographischen Einteilung der Welt bzw. der Erde, die übrigen Bücher beziehen sich auf Kultur und Technik: auf Architektur und Ackerbau (XV), Steine und Metalle (XVI), Landwirtschaft (XVII), Krieg und Spiele (XVIII), Schiffe, Gebäude und Kleidung (XIX), Speise, Getränke sowie diverse Werkzeuge und Gegenstände des täglichen Gebrauchs (XX).
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Bemerkenswert ist die sprachlich sensible Herangehensweise des Kompilators, die den gebildeten Kleriker und versierten Autor verrät. Isidor leitet die Definitionen seiner Erkenntnisgegenstände vorzugsweise aus ihren Wortbedeutungen oder ihren lebensweltlichen Ursprüngen her, er bildet Analogien, separiert Differenzen und vergleicht die Dinge mit ihren Namen, die sie entweder wesenhaft erfassen oder ihnen arbiträr zugeordnet sind.
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Zusammenstellungen [2] von Verfassungen bzw. Gesetzen und Urteilen, wie sie im ''codex Gregorianus'', im ''codex Iustinianus'' und im ''codex Theodosianus'' zu finden sind bzw. wie Aemilius Papinianus und Domitius Ulpianus (beide 2./3. Jh.) sie sammeln, sind von großer Bedeutung für das Rechtswesen; sie begründen die Rechtstradition des MA.
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Der Einfluss des Christentums zeigt sich in Verteidigungs- und Erbauungsschriften [3], zunächst in griechischer Sprache. Tertullian(us) (2./3. Jh.) begründet die lateinische Tradition, die von Cyprian(us) (3. Jh.) und Lactantius (Laktanz, 3./4. Jh.) fortgesetzt wird und bei Augustinus und Hieronymus (beide 4./5. Jh.) ihren Höhepunkt erreicht.
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Die im engeren Sinne theologische Literatur [4] bedient sich einer rhetorisch geschulten und ausgefeilten wissenschaftlichen Ausdrucksweise. Hervorzuheben sind wiederum Augustinus und Hieroymus sowie Boethius (5./6. Jh.) und Gregor der Große (6. Jh.). Einzelne Autoren wie der „christliche Vergil und Horaz“ Prudentius (4. Jh.) verfassen auch dichterische Werke theologischen Anspruchs<ref>Büchner 1968, 531</ref>.
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Die christliche Geschichtsschreibung [5] ist durch Orosius (4./5. Jh.) und Gregor von Tours (6. Jh.) repräsentiert.
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Für den Grammatikunterricht in Sprache und Literatur waren besonders Leselisten konstitutiv. Auffällig an ihnen ist zunächst, dass sie nicht zwischen heidnischen und christlichen Schriftstellern unterscheiden. Auch eine Gewichtung, etwa nach „goldener“ oder „silberner“ Latinität, ist ihnen fremd. Wer es auf die Listen geschafft hatte, stand dort gleichberechtigt unter anderen. Es fehlte ein Bewusstsein für Epochenunterschiede (A3). Curtius (1993 [1948], 58-64) führt einige dieser Kanones an, unter denen von
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den heute als „klassisch“ wahrgenommenen lateinischen Autoren nur Cicero, Horaz, Vergil und Ovid zu finden sind. Und auch von diesen Autoren wurden längst nicht alle Werke gelesen. Horazʼ Œuvre war auf die Episteln, vor allem die ''Ars poetica'', beschränkt; von Cicero las man vor allem philosophische Dialoge und das rhetorische Lehrbuch ''De oratore''.
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Stellvertretend für das Schicksal antiker Autoren im MA und in der Renaissance sollen hier mit Vergil (Publius Vergilius Maro, 70 – 19 v.Chr.) und Ovid (Publius Ovidius Naso, 43 v.Chr. – 17 n.Chr.) zwei Autoren ausführlicher behandelt werden, denen mit Blick auf die Romania, auch noch weit über den behandelten Zeitraum hinaus, eine herausragende Bedeutung zukommt.
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==='''Vergil'''===
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„What else indeed could (say) Virgil be other than what readers have made of him over the centuries?“, fragt Charles Martindale (1993, 10) und vermittelt damit die Grundeinsicht, dass es den ''einen'' Vergil nicht gibt. Es wäre vielmehr angemessen, von Vergil im Plural zu sprechen<ref>Burrow 1997</ref>, um der großen Zahl an Autorbildern gerecht zu werden, die seit der Antike konstruiert und tradiert wurden. Denn Vergil war in den über 2000 Jahren seiner Rezeption vieles für viele<ref>Kallendorff 2007</ref>.
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Schon zu Lebzeiten Vergils wurden seine Werke (''Bucolica'' = ''Eklogen'', 10 Hirtengedichte; ''Georgica, ''Lehrgedicht über Landwirtschaft; ''Aeneis'', Epos über die Irrfahrten des Aeneas und seine Ankunft in Latium, von wo aus das ''Imperium Romanum'' seinen Ursprung nahm) in den Schulkanon aufgenommen und somit Gegenstand einer breiten Kommentierung, deren bekannteste spätantike Vertreter Donat(us) und Servius sind<ref>Tarrant 1997; Fowler 1997</ref>. Die christliche Auslegung (''interpretatio Christiana'') der 4. Ekloge, die die Ankunft eines heilbringenden Knaben prophezeit und somit ein christliches Anschlusspotential aufweist, wurde zu Beginn des 4. Jh. n. Chr. von Kaiser Konstantin legitimiert. Dadurch wurden Vergils Werke vor Angriffen durch Feinde paganer Literatur geschützt. Autoren wie Laktanz, Eusebius, Augustinus und Prudentius betrachteten Vergil als Vorbereiter des Christentums. In der Spätantike gab es laut der ''Historia Augusta ''sogar den Brauch, Verse aus Vergils Werken allgemein als Orakelsprüche (''sortes Vergilianae'') zu deuten. Trotz der offiziellen Christianisierung seiner Schriften blieb Vergil als Heide der Eintritt ins Paradies verwehrt, wie in Dantes ''Divina Commedia'' nachzulesen ist. Dort tritt Vergil aber nicht nur als Figur, als Führer Dantes durch ''Inferno'' und ''Purgatorium'' auf, sondern ist mit der im 6. Buch seiner ''Aeneis'' geschilderten Unterweltsfahrt zugleich stilistisch-motivisches Vorbild<ref>vgl. Jacoff 2010</ref>. In seiner ''Divina Comedia'' versammelt Dante (1265-1321) die Heroen sowie die geistige Elite der Antike im ersten Höllenkreis, auch Limbo genannt (vgl. Inf. 4). Wie die Seelen ungetauft verstorbener Säuglinge müssen sie als ‚Zufrühgeborene‘ hier ihr postmortales Dasein fristen, da ihnen die göttliche Gnade nicht zuteil wurde. Allerdings ist ihr Aufenthaltsort auffällig als „quasi-Virgilian Elysian Fields“<ref>Baranski 2010, 250</ref> beschrieben. Besonders hervorgehoben unter den Alten werden die Dichter Homer, Vergil, Horaz, Ovid und Lucan, unter denen Dante derart willkommen ist, dass er sich als sechster in diesen Weisheitsbund einreiht: „sì chʼio fui sesto tra cotanto senno“ (Inf. 4,102). Im Gegensatz zu seinen Vorgängern schreitet die Figur Dante auf seiner Jenseitsreise, zunächst unter Führung Vergils, der jedoch beim Eintritt ins Paradies von Beatrice abgelöst wird, weiter voran. Dante inszeniert in Inf. 4 also seine Verortung in der Tradition und deutet gleichzeitig deren Überbietung an.
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Autor, Werk und historische Person sind im Rezeptionsprozess untrennbar miteinander verbunden, und häufig ist es das anekdotische Wissen um das Leben Vergils, welches das Bild des Autors bestimmt und welches literarisch verarbeitet wird. Nur so ist es zu erklären, dass Vergil Zauberer, Liebhaber, christlicher Prophet und Musterautor zugleich sein konnte. Im MA blühte die Legendenbildung um den römischen Dichter so stark, dass der Zauberer Vergil bekannter als der Autor war<ref>Ziolkowski/Putnam 2008, 829; Comparetti 1955 [1872]</ref>. Dabei waren solche Erzählungen besonders beliebt, die in Verbindung zu Neapel oder Rom stehen und Vergil als Beschützer der Städte darstellen, oder die ein satirisches Potential haben, wie etwa die Geschichte vom ‚Vergil im Korb‘: Der alte Dichter verliebt sich in die Tochter Neros; sie lässt nachts einen Korb von ihrem Turm herunter, den er nackt besteigt. Statt ihn zu sich heraufzuziehen, lässt sie ihn auf halber Höhe hängen und gibt ihn am nächsten Tag dem Spott preis. Kritischer, aber in ähnlicher „Ventilfunktion“ gegenüber dem übermächtigen Vorbild agierend, sind die antiken ''obtrectatores Vergilii'' (''Gegner Vergils''), die polemische Traktate wie die ''Aeneidomastix ''(''Aeneisgeißel'') oder die ''Homoiotetes ''(''Ähnlichkeiten'') verfassten: „[M]iscontruing Virgil’s profound traditionality, they attempted to demonstrate his lack of originality by collecting what they called his ''furta'', “thefts”, from earlier authors.”<ref>Most 2010, 965; Ziolkowski/Putnam 2008, 485ff.</ref>.
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Aufgrund ihres Alters und ihrer Vielzahl lässt sich die handschriftliche Überlieferung von Vergils Werken nur mit einem Werk vergleichen: der Bibel. Von Vergil haben wir heute über 1000 Manuskripte, wobei die Gesamtzahl sehr viel größer gewesen sein dürfte, bedenkt man den Zeitraum von 1500 Jahren zwischen der ersten Veröffentlichung im antiken Rom und den ersten Drucken<ref>Geymonat 1995</ref>. Für einen mittelalterlichen und rinascimentalen Leser war Vergils Werk größer als die kanonische Trias aus ''Bucolica'', ''Georgica'' und ''Aeneis''. Ein solcher Leser hätte, ohne zu zögern, die ''Appendix Vergiliana ''(auch ''Catalepton ''von griech. ''katá leptón ‚''in feiner Art verfasste Gedichte‘; Sammlung von 18 kurzen Gedichten) sowie einige Epyllien (Kurzepen) wie etwa den ''Culex ''(Die Mücke) zu den Werken Vergils gezählt. Heute als pseudo-vergilisch (oder als Jugendwerke) bewertet und kaum gelesen, prägten sie bis in die frühe Neuzeit das Autorbild Vergils. Gleichwohl setzte die Verengung auf die drei o.g. Werke schon mit einem Epitaph  (Grabinschrift) ein, das in der ''Vita Donatiana'' (eine unter Donats Autorschaft überlieferte Vergil-Biographie) enthalten ist: ''Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc'' / ''Parthenope; cecini pascua, rura, duces – Mantua brachte mich hervor, Kalabrien hat mich geraubt, nun hält mich Neapel; ich besang Weiden ''(= Bucolica)'', Felder ''(= Georgica)'' und Herrscher ''(= Aeneis)''. ''Ultimativ affirmiert wurde die Dreizahl mit der ''rota Vergilii'', dem ‚Rad des Vergil‘, durch das Johannes de Garlandia (1195-1272) an den drei Hauptwerken Vergils die normative Verbindung von Gattung, Stoff und Stil veranschaulicht hat. Damit wurde der hierarchische Rahmen literarischen Schaffens und seiner Beurteilung bis ins 18. Jh. gesetzt: Je nach Gattung ist die Figurenkonstellation, das Thema und die Ausdrucksweise genau festgelegt<ref>vgl. Abb., z.B. in Grewe 2009, 116</ref>.
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Eine anschauliche Darstellung der drei Hauptwerke mit den ihnen zugeschriebenen Charakteristika findet sich in der wohl bekanntesten Vergil-Handschrift, dem ''Codex Ambrosianus'', dessen Titelblatt Simone Martini für den berühmten Besitzer des Buches schuf: Francesco Petrarca<ref>Oster  2002, 89-93</ref>. Neben den drei figurierten Hauptwerken ist Vergil dort als ''poeta laureatus ''mit dem Dichterlorbeer, einer antiken Auszeichnung für Dichter, zu sehen (im MA wurde die Tradition der Dichterkrönung wiederaufgenommen). Eine fünfte Person macht Vergil für den Betrachter sichtbar,indem sie einen Vorhang zur Seite zieht. Bei dieser Figur handelt es sich um den Vergil-Kommentator Servius. In der Spätantike entstanden, wurde sein Kommentar ab 1471 selbstständig publiziert und in zahlreichen Ausgaben mit anderen Kommentaren abgedruckt (u.a. 1488 in Florenz mit den Kommentaren von Donat und Cristofero Landino; auch J. Badius Ascensius veröffentlichte Servius).'' ''Eng mit der Kommentierung verbunden ist die allegorische Auslegungspraxis, die schon früh auf Vergils ''Aeneis ''angewendet wurde (vgl. die ''Expositio Vergilianae continentiae secundum philosophos moralis'' des Planciades Fulgentius) und im MA bekannt war. Indem Bernardus Silvestris (11./12. Jh.) die ''Aeneis ''auf die Entwicklung des Menschen bezog und damit Fulgentius folgte, ordnete er den ersten fünf Büchern die menschlichen Altersstufen zu: ''infantia ''(Kleinkindalter), ''pueritia ''(Kindheit), ''adolescentia ''(Heranwachsen), ''iuventus ''(Jugend), ''aetas virilis ''(Mannesalter). Das sechste Buch (Ende der ersten ‚odysseischen‘ Werkhälfte; die Bücher 7-12 erzählen von den Kämpfen in Latium nach dem Vorbild der ''Ilias'') mit dem ''discensus ''(Abstieg, griech. ''Katabasis'') in die Unterwelt symbolisiert schließlich die Überwindung aller Leidenschaften. Solche Lesarten waren Petrarca und Boccaccio vertraut und wurden auch vom Florentiner Neuplatoniker Cristofero Landino gepflegt. Dieser weist der Vergil-Allegorese eine grundsätzlich ethisch-moralische Bedeutung zu:
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** Maro [=Vergilius] cum ad summum bonum perducere hominem velit, ita Aeneam instituendum curat, ut primo vitia omnia edoceat, deinde illis expiatum ad campos elysios perducat. Cognita enim vitiorum turpitudine eorum odium nos irrepit, quae quidem prima omnino sapienta est.<ref>''Disputationes Camaldulenses'' IV, zitiert nach Buck 1976, 168f.</ref>
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Häufig wurden solche ‚Leseanweisungen‘ den Texten in den Ausgaben vorangestellt. So auch in der ersten vollständigen Übersetzung der ''Aeneis'' in italienische Prosa (vor 1340) von Ciampolo di Meo degli Ugurgieri, der den einzelnen Büchern jeweils sog. ''argomenti'' (allegorische Inhaltsangaben) vorausschickte. Auch in Frankreich und Spanien übertrug man das Epos zuerst in Prosa (Guillaume Leroy bzw. Enrique de Villena). Im 16. Jh., dem „goldenen Jahrhundert der Vergil-Übersetzungen“<ref>Buck 1976, 169</ref> erschienen dann die ersten Versversionen.<ref>Frankreich: Octavien de Saint-Gelais 1509; Louis Des Masures 1560; Italien: Lodovico Dolce 1568, Annibale Caro 1581; Spanien: Cristobal de Mesa um 1600</ref>
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Vergils ''Aeneis'' wurde nicht nur übersetzt, sie wurde auch „zu Ende geschrieben“. Der abrupte und ambivalente Schluss des 12. Buches (Aeneas tötet seinen Rivalen Turnus, obwohl dieser besiegt am Boden liegt.) hatte schon in der Antike Anlass zu Spekulationen gegeben, dass es sich bei der überlieferten Form um ein Fragment handeln könnte<ref>vgl. O’Hara 2010</ref>. Mit dem 13. Buch hat Maffeo Vegio (1407-1458) ein lateinisches Supplement geschaffen, das dem Epos ein ‚Happy End‘ verschafft: Turnus wird bestattet, Aeneas heiratet die Tochter des Latinerkönigs Lavinia<ref>Zabughin 2000 [1921], Bd. 1, 283</ref>. Am Ende steht die Apotheose (Vergöttlichung) des Aeneas. Aufgrund seiner großen Beliebtheit wurde das Supplement vielen Vergil-Ausgaben hinzugefügt (die gebundene Reclam-Ausgabe enthält es noch heute).
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Auch wenn alle Werke Vergils in der romanischen Literatur stark nachgewirkt haben – Petrarca schrieb 12 lateinische Eklogen, Sannazaro belebte den Arkadienmythos neu, und die Erzählung von Orpheus und Eurydike aus dem 4. Buch der ''Georgica'' bot den Stoff für Monteverdis Oper ''Orfeo'', um nur einige Beispiele zu nennen –, ist die Wirkung der ''Aeneis'' doch am stärksten. In ihr sahen Verfasser von Poetiken wie Marco Girolamo Vida mit seiner Schrift ''De arte poetica'' (1527) oder J. C. Scaliger mit seinen ''Poetices libri septem ''(1561) das perfekte antike Epos, welches es nachzuahmen galt (''imitatio''-Prinzip). Doch nicht nur sprachlich-formal, auch inhaltlich war die ''Aeneis'' für die Romania attraktiv, konnte sie in ihr doch „das Hohe Lied auf Roms Größe und seine welthistorische Mission“<ref>Buck 1976, 166</ref> sehen. Immer wieder hat es unter den Dichtern Versuche gegeben, dem eigenen Land ein Nationalepos in direkter Vergilnachfolge zu schenken. Petrarca sah in seiner unvollendet gebliebenen, lateinischen ''Africa'' sogar sein Hauptwerk, das vom Sieg Scipios über Karthago handelt. Auch Pierre de Ronsards Epos über Francus, den Stammvater der Franken und Franzosen, blieb unvollendet: Die ersten (und einzigen) vier Gesänge der ''Franciade ''wurden 1572 eilig herausgegeben, nachdem der Portugiese Luís de Camões im selben Jahr seine ''Lusiaden'' (''Os Lusíadas'') veröffentlicht hatte. Letztere hatten (und haben bis heute) als einziges romanisches Nationalepos Bestand. Wie Aeneas die römische Herrschaft begründet hat, so begründet Vasco da Gama, der große Entdecker und Protagonist der ''Lusiaden'' (''Lusitania'' lat. für Portugal), das portugiesische Kolonialreich. Dabei werden die Geschehnisse wie in der ''Aeneis'', aber auch wie in Homers Epen nicht nur auf menschlicher, sondern auch auf göttlicher Ebene verhandelt: Venus steht auf der Seite der Portugiesen, Bacchus dagegen unterstützt ihre Feinde. Ronsard hingegen entnimmt seinen Stoff einer mittelalterlichen Legende, die zu Beginn des 16. Jh. in zwei Werken ausgestaltet wurde: Jean Lemaire de Belgesʼ ''Illustrations de Gaule et Singularité de Troie'' und Johannes Trithemiusʼ ''De origine gentis Francorum compendium''. Lemaire zufolge hat Hektor (Sohn des Priamos und älterer Bruder des Paris) entweder zwei Söhne gehabt (Astyanax und Francus) oder habe ''Astyanax'' seinen Namen in ''Francus'' geändert, sich am Rhein (Xanten) bzw. in Gallien niedergelassen und an der Seine die Stadt Troyes gegründet bzw. die Stadt Lutetia zum Andenken an seinen Bruder Paris umbenannt. Besonders auffällige thematische Parallelen zu Vergil bieten das 2. und 4. Buch der ''Franciade ''(vgl. Buch 4 und 6 der ''Aeneis''). Zu verschiedenen Zeiten beanspruchen auch andere Nationen, Herrschaftsgebiete und Fürsten die Trojalegende als Gründungserzählung und Legitimation ihrer Macht.
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Ein weiterer Umgang mit Vergils Werken ist das Zitatverfahren des ''Cento'', welches schon um 200 n. Chr. mit der ''Medea ''des Hosidius aufkam, seinen Namen aber erst um 374 n. Chr. durch Ausonius’ ''Cento nuptialis ''(''Hochzeitscento'') erhielt. Der Werktitel rekurriert auf das griechische Lehnwort ''cento'', was ‚Flickenteppich‘ heißt. Ein literarischer ''Cento ''besteht also aus ‚Textflicken‘, d.h. Versatzstücken eines bekannten Prätextes – oft handelt es sich um Werke Vergils –, die zu einem neuen Text zusammengefügt werden. Laut Ausonius besteht die Intention des ''Cento ''darin, „opusculum de inconexis continuum, de diversis unum, de seriis ludicrum, de alieno nostrum“ <ref>Glei 2006, 288f.</ref>). Ein weiteres bekanntes Beispiel für einen Cento ist der byzantinische ''Christus patiens'' (''Christòs páschōn''),der aus Homerstellen zusammengefügt ist.
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Die spielerische Rekombination von Vergilzitaten kann sehr komplex werden, wie z.B. bei Pietro Aretino (1492-1556). Dieser versetzt die Dido-Tragödie aus Vergils viertem ''Aeneis''buch in die Zeit des ''Sacco di Roma ''(1523). Über die zeitliche Transposition hinaus nimmt er eine stilistische Absenkung vor, indem er die tragische Geschichte der karthagischen Königin von der Prostituierten Nanna erzählen lässt, die ihrer Tochter Pippa eine Lektion über die Männer erteilen möchte<ref>vgl. Aretinos ''Dialogo nel quale la Nanna insegna alla Pippa le poltronerie de gli uomini inverso le donne''</ref>. Pippa erkennt die antike Quelle der Erzählung und ruft aus: „Mi pareva che tutta Roma gridasse a la strangolata: « Pippa, o Pippa, tua madre ladroncella ha furato il quarto di Virgilio! ».“ Doch die angeklagte Mutter gibt sich gleichgültig: „Che domin so io chi cotestui si sia? Ma senza intendere altro, egli debbe essere un badalone, lasciandosi tòrre il quarto di se stesso.“ Verschwiegen wird, dass Aretino ganze Passagen seines Dialogs aus der ''Aeneis''übersetzung von Tommaso Cambiatore plagiiert hat <ref>Marangoni 1983</ref>. Nicht aus Vergils lateinischem Epos wird zitiert, sondern aus einer zeitgenössischen ''volgare''-Übersetzung.
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=== '''Ovid''' ===
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Neben Vergil zählt Ovid zu den kanonischen, im Mittelalter meistgelesenen Autoren der römischen Antike<ref>vgl. Simonis 2013, NP s.v. Ovid, Sp. 722</ref> und hat die romanische Kultur in besonderer Weise geprägt. Anders als Vergil wird Ovid jedoch von Anfang an „zwiespältig“<ref>Klopsch 1999</ref>, d.h. selektiv rezipiert und wirkt zu allen Zeiten polarisierend; eine umfassende Anerkennung wird ihm erst im späten Mittelalter zuteil, auch wenn wesentliche Teile seines Werks dem frühen Mittelalter durchaus bekannt gewesen sein dürften. Doch „fällt der Höhepunkt der Einwirkung Ovids weder in das heidnische Altertum noch in die spätantike Epoche, in der das Christentum die pagane Religion besiegt, aber noch nicht ganz ausgerottet hatte. Es mussten noch viele Jahrhunderte vergehen, bis die ovidische Einfluss zu voller Geltung kam, in einer durch und durch christianisierten Welt“<ref>Munari 1960, 7</ref>.
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Publius Ovidius Naso, obgleich hochgeachtet für seine Dichtkunst, stilistische Eleganz und Luzidität, fällt aus nicht restlos geklärten Motiven beim römischen Kaiser Augustus in Ungnade und verbringt den Rest seines Lebens bis zu seinem Tod an der Schwarzmeerküste in der Verbannung. Ovids literarisches Schaffen lässt sich grob in drei Phasen gliedern. In seiner Jugend glänzt er vor allem mit erotischen Dichtungen<ref>''Amores'', knapp 50 Liebeselegien; ''Ars amatoria'' und ''Remediaamoris'', Lehrgedichte über und gegen die Liebe; ''Heroides'', fiktive Briefe mythischer Heroinen</ref>, in die mittlere Lebensphase fallen die beiden Werke besonderer poetischer Meisterschaft,<ref>''Fasti'', römischer Festkalender; ''Metamorphosen'', episches Gedicht über Verwandlungsmythen in 15 Büchern</ref> und im Exil schließlich verfasst er, in der nie aufgegebenen, doch vergeblichen Hoffnung auf eine Rückkehr nach Rom, elegische Werke und Briefe autobiographischer Prägung (''Tristia'', Trauerlieder; ''Epistulae ex Ponto'').
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Die hohe literarische Kunstfertigkeit steht bei Ovid im Gegensatz zur (erwarteten) moralischen Integrität seiner Dichtung. Hatten Teile seines Werks schon im augusteischen Rom Anstoß erregt (vgl. Ovids eigene Rechtfertigungen für die ''Ars amatoria'', Ov.trist. 2,1,211ff.), so nimmt sich die Lektüre Ovids im christlichen Mittelalter geradezu als problematisch aus. Hier stoßen die erotischen Schriften, ebenso wie die später um so wirkmächtigeren ''Metamorphosen'', zumeist auf Ablehnung (vgl. Hausmann 1996, 153), und nur vereinzelt stützen sich mittelalterliche Kleriker zunächst auf Ovid, wie etwa zu beobachten bei Fortunatus Venantius, Bischof von Poitiers, im 6. Jh. oder bei Modoinus, Bischof von Autun, im 9. Jh., wobei Letzterer sich sogar den Beinamen Naso zulegt (vgl. Schmid 1959).
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Die neuerliche Lektüre Ovids im Mittelalter wird insbesondere von der <u>Karolingischen Bildungsreform</u> angestoßen; in neuen Abschriften werden viele Werke des Poeten vor dem Untergang bewahrt, andere fallen allerdings auch christlichem Dogmatismus zum Opfer, zumal die Vorbehalte der Patristik gegen den Liebesdichter Ovid kaum Toleranz zulassen. Christliche Apologeten betreiben mit großer Vehemenz und Beharrlichkeit, u.a. unter Berufung auf alttestamentarische Bilderstürmerei (5. Mos 12,2f.), die systematische Demontage heidnischer Testimonien. Insbesondere die überbrachten Mythen der griechisch-römischen Antike mit ihren moralischen Verwerfungen (z.B. Ehebruchsgeschichten wie die ''Iovis adulteria'') und sinnenbetonte Liebesdichtungen werden ausdrücklich verurteilt, abgewiesen oder verboten (so durch Konrad von Hirsau noch im 12. Jh.), später jedoch unter Zuhilfenahme aufwendiger allegoretischer Auslegungsverfahren bisweilen auch hermeneutisch umgedeutet und ins Christentum eingemeindet; nicht selten können so Leseverbote umgangen und tradierte Texte gerettet werden.
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Steht der römische Dichter als anerkannte Autorität in Liebesdingen<ref>vgl. Simonis 2013, Sp. 723</ref> einerseits im Ruf des Frivolen und Anzüglichen, so weist ihn gleichwohl andererseits sein vollkommener Stil als Musterautor aus, der spätestens ab der Mitte des 11. Jh.s, mit der v.a. französischen Blüte der Kathedralschulen, als Schulautor, insbesondere als sprachlich-stilistisches Modell, breite Anerkennung findet. Listen der Schullektüren dokumentieren ein anhaltendes Interesse an Ovids poetischer Sprache seit dem 9. Jh. (vgl. etwa Remigius von Auxerre); kanonisiert werden schließlich auch die Erotika, oftmals legitimiert durch moralisierende Kommentare (so genannte ''Accessus ad auctores'' bzw., konkret, ''Accessus ad Ovidium''). Mit der zunehmenden geistigen Öffnung und dem wachsenden Selbstgefühl des frühneuzeitlichen Menschen steigert sich die Popularität Ovids schließlich derart, dass der Altphilologe Ludwig Traube im Rückblick das 12.-13. Jh. nach dem Dichter „aetas Ovidiana“ nennt.
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Eine grundsätzlich positive Bewertung, wenn auch deutlich verhaltener als Vergil gegenüber, erfährt Ovid durch Dante Alighieri (Inf. 4,88-90). Ausgehend vom italienischen Renaissancehumanismus, wird der römische Autor eine außerordentlich reichhaltige und variantenreiche Rezeption und Anverwandlung erfahren, die sich insbesondere an den lange Zeit verdrängten Mythenerzählungen der ''Metamorphosen ''entzündet. Neben lateinischen Moralisierungen und Kommentaren wie den ''Integumenta super Ovidium Metamorphoseos'' des Johannes de Garlandia (13. Jh.) oder den ''Allegorie Librorum Ovidii Metamophoseos ''des Giovanni del Virgilio (1321-23) entstehen ab dem 14. Jh. erste volkssprachliche Übersetzungen (''volgarizzamenti'') des Werks: Dichter wie Giovanni Bonsignori (''Ovidio Metamorphoseos Vulgare'', um 1375), Niccolò degli Agostini (''Di Ovidio le Metamorphosi cioe Trasmvtationi'', 1522), Lodovico Dolce (''Le transformationi'', 1553), Gabriello Symeoni (''La Vita & Metamorfoseo d’Ovidio, Figurato & abbreuiato in forma d’Epigrammi'', 1559), Giovanni dell’Anguillara (''Le Metamorfosi d’Ovidio Ridotte'' [...] ''in ottaua rima'', 1561) übertragen das Werk unter Aufwendung unterschiedlichster Formensprachen in die italienische Volkssprache und vereinnahmen Ovid zunehmend als Kompatrioten und Zeitgenossen. Baldgelangen die ''Metamorphosen'' auch in Frankreich und Spanien zu neuer Blüte in volkssprachlichen Übertragungen (''Bible des poëtes'', anonym 1493; ''Le grãd Olympe des Histoires poetiques dv prince de Poesie Ovide Naso en sa Metamorphose'', 1532; Clément Marot/Barthélemy Aneau, ''Les trois premiers livres de la Métamorphose d’Ovide'', 1543; François Habert, ''Les Quinze Livres de la Metamorphose d’Ovide interpretez en Rime Françoise'', 1549; Barthélemy Aneau, ''La Metamorphose d’Ovide figvree'', 1557. – Jorge de Bustamante, ''Las transformaciones de Ovidio en lengva española'', vor 1541; Pedro Sanchez Viana, ''Las transformaciones de Ouidio'', 1589). Aber schon der kastilische König Alfons X. bezeichnet die ''Metamorphosen'' als „Bibel der Heiden“ (Munari 1960, 23). Zuerst in Frankreich entstandene christlich-moralisierende Deutungen des Werks (Petrus Berchorius, ''Ovidius moralizatus''; Anonymus, ''Ovide moralisé'', 14. Jh.)<ref>Vgl. dazu Ißler 2014)</ref> werden nachweislich auch in Spanien rezipiert und übersetzt (''Morales de Ovidio'', 1435-1445). Insbesondere auf die ''Ars amatoria ''beruft sich im Spanien des 14. Jh.s der Kleriker Juan Ruíz in dem nachhaltig bekannten ''Libro de buen amor'', das sich als gelehrte und parodienreiche erotische Autobiographie gibt und sich voraussetzungsreich in die philosophisch-theologische Debatte zwischen <u>Averroismus</u> und <u>Scholastik </u>über die Rolle der Sexualität in der Natur des Menschen angesichts seines Gottesbezugs einschaltet. Ovid lebt schließlich in epigrammatischer Verdichtung fort und wird als Spender von Welt- und Lebensweisheiten in Sentenzen hochgeschätzt und als „Ovidius ethicus“ verehrt.
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Die Antike findet natürlich nicht nur in der Übernahme von Themen, die Vergil und Ovid behandelt haben, ihre Fortsetzung im volkssprachlichen Schrifttum des Mittelalters. Sogar ein philosophisches Werk der Spätantike, die ''Consolatio philosophiae ''von Boethius (480–524), hat ihre mittelalterlichen Reflexe. Das erste überlieferte altprovenzalische Werk, das 257 dekasyllabische Verse umfassende Fragment des ''Boeci'', das auf etwa 1000 n. Chr. zu datieren ist, stellt eine Umarbeitung der Tröstung dar, die die personifizierte Philosophie dem zum Tode verurteilten Autor zu den Themen Glückseligkeit und Vorsehung angedeihen lässt. Der provenzalische Text ist keineswegs eine Übersetzung der ''Consolatio, ''sondern ein Zusammenfügung einer Boethius-Vita (1–157) mit einer freien Bearbeitung des philosophischen Textes, der von einer ''donzella ''(160; 244), die als ''bella ’s la domna ''(170; 176; 243) mit einem allegorischen Gewand auftritt, vorgetragen wird.
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=== '''Antike Literatur und die Stoffkreise der Erzählliteratur''' ===
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Im volkssprachlichen Schrifttum des französischen Mittelalters findet die Antike vor allem in charakteristischen Stoffkreisen der Erzählliteratur eine Fortsetzung. Fritz Nies (2009, 10) stellt zumindest für das französische Mittelalter ab ca. 1140 richtig, dass eine rege volkssprachliche Übersetzungstätigkeit sehr wohl für die Überlieferung einer ganzen Reihe von Autoren der heidnischen Antike gesorgt habe; er nennt exemplarisch in alphabetischer Ordnung: Avian, Caesar, Cicero, Quintus Curtius Rufus, Dares, Frontinus, Flavius, Josephus, Justinian, Gaius Laelius, Titus Livius, Lucanus, Ovid, Seneca, Solinus, Valerius Maximus, Flavius Vegetius und Vergil. Wenn der Dichter Jehan Bodel die antiken Themen aus der Warte des ausgehenden 12. Jhs. rückblickend und in Abgrenzung von der „matiere de France“ (dem Stoffkreis der Chansons de geste) und der „matiere de Bretagne“ (dem keltisch-bretonischen Sagenkreis) als „matiere de Romme“ bezeichnet, so meint er damit das zunehmende Interesse an Stoffen und Figuren der literarischen und historiographischen Überlieferung des Altertums.<ref>HIER BITTE QUELLENANGABE!</ref> Der Rekurs auf Rom kennzeichnet nicht nur das römische Altertum, das im lateinischen Schrifttum fortlebt, sondern impliziert auch lateinisch vermittelte griechische Quellen. Der so genannte Antikenroman (''roman antiquisant'') – die Bezeichnung „Roman“ hebt nicht die Gattung, sondern vielmehr die volkssprachliche (romanische) Varietät hervor, in der diese Versdichtungen verfasst sind – richtet sich mit didaktischen Zielen an eine gebildete, geschlechtsübergreifende Leserschaft, wie sie am Hofe des englischen Königs Heinrich II., einem wichtigen kulturellen Zentrum der Zeit, anzutreffen ist. Dessen Gemahlin Eleonore von Aquitanien ist etwa der ''Roman de Troie ''(um 1160-65) gewidmet, dessen Rückgriff auf überlieferte Berichte vom Trojanischen Krieg für den König zugleich die politische Funktion der dynastischen Legitimation erfüllt, indem er eine genealogische Linie von den trojanischen Helden bis zum englischen Königshaus konstruiert. Auch die beiden anderen bedeutenden Antikenromane des französischen Mittelalters, der ''Roman de Thèbes ''(um 1152-54) und der ''Roman d’Enéas'' (um 1155-60), entstammen dem anglo-angevinischen Königshof.
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Im Antikenroman findet die Kultur der Kathedralschulen ihren Niederschlag, deren hoch gebildete Absolventen ihre Dienste nicht mehr allein der Kirche anbieten, sondern ihr Wissen um bedeutende Texte des klassischen Altertums und deren Kommentare oftmals an den Feudalhöfen verbreiten: „Qui sages est nel deit celer, / Ainz por ço deit son sen monstrer“, heißt es im ''Roman de Thèbes ''(V. 1f.).
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Die zum Schauplatz des Geschehens volkssprachlicher Antikenromane erhobene römische und griechische Antike wird von diesen Autoren jedoch in aktualisierter Weise dargestellt und in freier, anachronistischer Anverwandlung ins 12. Jh. transponiert, d.h. sie begegnet der zeitgenössischen Feudalgesellschaft gleichsam als Spiegel und entfaltet für ihre Repräsentanten ein reiches Identifikationspotential (A3). So verlegt etwa der anonyme poitevinische Verfasser des ''Roman de Thèbes'' die antike Sage vom tragischen Bruderzwist zwischen Eteokles und Polyneikes, die Ödipus dem Mythos nach mit seiner Mutter zeugte, in die kriegerische Wirklichkeit der mittelalterlichen Heldenepik. Der Text geht auf die ''Thebais'' des römischen Autors Publius Papinius Statius (1. Jh.) zurück. Weniger leicht als die Übertragung der Kampfszenen gelingt dem mittelalterlichen Bearbeiter die Darstellung der Liebesthematik, für die er noch verhältnismäßig viel Zurückhaltung zeigt. Mythische Bezüge weichen der moralisierenden Deutung.
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Nach Vergils literarischem Helden benannt ist der in den frühen 1160er Jahren entstandene ''Roman d’Énéas'', der sich an zwei klassischen Hauptwerken orientiert: Nachempfunden ist er nicht nur Vergils ''Aeneis'', sondern in Teilen auch den ''Metamorphosen'' Ovids. An dessen Einfluss mag es liegen, dass der Text als erster französischer Liebesroman gilt<ref>vgl. Köhler 1985, 112</ref>; die darin gleichwohl ebenfalls breiten Raum einnehmenden Kampfschilderungen werden zumindest durch ein spürbares Interesse an der Beschäftigung mit der Liebe relativiert; wenig später wird sie sich im höfischen Roman zum zentralen Handlungselement entwickeln. Die Übertragung der antiken Elemente in die mittelalterliche Feudalwelt lässt den Helden Aeneas als einen auf Abenteuerfahrt befindlichen Ritter erscheinen, der zwischen der Leidenschaft zu Dido und der zarten Liebe zu Lavine (Lavinia) schwankt und am Ende, in Anlehnung an die Romgründung nach Vergil, ein Königreich erwirbt: Amour und Chevalerie gehen dabei eine literarisch wirkmächtige Verbindung ein.
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Der Rückgriff auf den trojanischen Sagenkreis ist durchaus auch ein Politikum. Er verweist auf das Bestreben der mittelalterlichen Fürsten, ihre eigene Herrschaft durch konstruierte Genealogien zu nobilitieren und zu legitimieren. Angesichts des im Mittelalter von literarischen Werken nicht trennscharf differenzierten historiographischen Schrifttums ist eine Verbindung zum antiken Troja schnell hergestellt. Der um 1165 entstandene, mehr als 30.000 Paarreime umfassende ''Roman de Troie'' stammt nicht zufällig aus der Feder des Benoît de Sainte-Maure, der als Geschichtsschreiber am Hofe Heinrichs II. dem englischen König dient. Da die Werke des erst viel später wiederentdeckten griechischen Dichters Homer dem 12. Jh. noch verstellt sind, greift der Autor in seinem Bericht von der Eroberung Trojas im Krieg mit den Griechen vielmehr auf lateinische Quellen der Spätantike zurück: Zu nennen sind, natürlich neben den Abschnitten aus Vergils ''Aeneis'', die ''Ilias Latina'' sowie Dictys von Kreta (''Ephemeris belli Trojani'', 4. Jh.) und Dares Phrygius (''De excidio Troiae historia'', 6. Jh.), die sich als Augenzeugen des antiken Kampfs um Troja ausgeben. 
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Einer der bedeutendsten Antikenromane im französischen Mittelalter ist der in mehreren Fassungen vorliegende Alexanderroman (''Li romans d’Alixandre''), benannt nach dem mazedonischen König, dessen Präsenz als literarische Gestalt der geographischen Ausdehnung seines legendären Weltreiches folgt. Fassungen in über 30 Sprachen vom nördlichen Skandinavien über China und Afrika bis hin zu einer rumänischen Version vom späten 18. Jh. nehmen das Thema auf<ref>vgl. Cölln 2000, 7</ref>.
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Angesichts ihres weltgeschichtlichen Gewichts ist die Lebensbeschreibung Alexanders gleichsam ein Faszinosum für die Literatur, in der sich schon seit den frühesten Quellen historische Faktualität und märchenhaft-fabulöse Fiktion mischen. Ausgedehnte Feldzüge und Eroberungen, die Alexander den Großen binnen kurzer Zeit weit in unbekannte Regionen des asiatischen Kontinents hineinführen, gehen mit der Abenteuersuche als einem konstitutiven thematischen Merkmal des höfischen Romans eine gelungene Verbindung ein. Durch geographische Unkenntnis der Verfasser vermischen sich historische Schauplätze mit Mirabilia und sagenhaften und exotischen Orten der Phantasie, die wiederum auf jenen unbekannten Weltteil zurückprojiziert werden, mit dem man unter der Richtungsbezeichnung ‚Orient‘ vielfältige diffuse Vorstellungen verbindet. Alexanders Wissensdrang, oftmals bezogen auf schwer erklärliche Naturerscheinungen und phantastische Phänomene, offenbart ein grundsätzliches naturwissenschaftliches Erkenntnisinteresse in der Nachfolge des Aristoteles – der Philosoph ist als Lehrer des historischen Königs bekannt –, in dem jedoch auch der nach Augustinus sündhafte Wunsch nach ''scientia'' mitschwingt. So ist der Alexanderfigur das Umschlagen von Eroberungsdrang und Wissensdurst (''curiositas'') in Ruhmsucht und Selbstüberhebung (''superbia'') eingeschrieben, das im MA nicht nur Bewunderung auslöst. Warnrufe vor der Überschreitung gottgegebener Grenzen werden spätestens dann laut, wenn Alexander Babylon, wie Babel der Ort menschlicher Hybris ''par excellence'', zur Hauptstadt seines Reiches erwählt. Andererseits legitimiert das Alte Testament (1. Makk 1-7) die Auseinandersetzung mit dem vorchristlichen Herrscher, dem eine wichtige Rolle im christlichen Weltbild zukommt. Indem nämlich die Antike als Vorgeschichte der mittelalterlichen Welt angesehen wird, die mit ihr in einer Kontinuitätsverbindung steht, hat sie wie diese teil an der christlichen Heilsgeschichte. Die theologisch begründete Vorstellung von
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der ''translatio imperii'' geht vor diesem Hintergrund von einer Weitergabe der Herrschaft aus, die durch die Tatkraft Alexanders von den Persern zunächst zu den Griechen, dann zu den Römern gelangt sei und aufgrund deren die Christianisierung der Welt überhaupt erst eingeleitet werden konnte.
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Geprägt vom Geschichtsverständnis seiner Zeit war es für den nordfranzösischen Kleriker und Dichter Walter von Châtillon (''Gautier de Châtillon'', 12 Jh.) naheliegend, in seiner ''Alexandreis'' dem Alexanderstoff eine „heilsgeschichtliche Bedeutungsebene“ zu verleihen<ref>vgl. Wulfram 2002, 40</ref>: „Der […] Übergang vom persischen zum makedonischen Weltreich ist für Walter von Châtillon ebenso wie für jeden anderen mittelalterlichen Leser problemlos im Kontext göttlicher Vorsehung und zielgerichteter Heilsgeschichte deutbar“<ref>ebd., 73</ref>. Vom volkstümlichen Alexanderroman grenzt sich Walter jedoch deutlich ab. Als Hauptquelle rekurriert er auf den römischen Historiker Curtius Rufus (vermutlich 1. Jh. n. Chr.), spart somit einige phantastische Episoden aus und konzentriert sich vor allem auf seine künstlerische Arbeit<ref>vgl. ebd., 47</ref>. Es ist bemerkenswert, dass der mittelalterliche Dichter sein Werk auf Latein im Hexameter, dem klassischen Versmaß des Epos, verfasst und dadurch teils implizit, teils explizit den Vergleich mit Vergil sucht – 1200 Jahre nach dessen Tod. Nicht zuletzt der Titel seines Epos erinnert an die ''Aeneis''. Ein weiteres Indiz dafür, wie präsent der antike Dichterfürst in Walters Denken stets gewesen sein muss, ist das Grabepigramm, das Walter möglicherweise selbst zu Lebzeiten in Anlehnung an dasjenige Vergils verfasst hat:
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* Insula me genuit, rapuit Castellio nomen,
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* Perstrepuit modulis Gallia tota meis.
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* (Lille hat mich hervorgebracht, Châtillon meinen Namen an sich gerissen.
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* Ganz Gallien hallte von meinen Liedern wider<ref>Wulfram 2000, 223</ref>.)
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Zumindest vorübergehend war Walter ein Triumph vergönnt, als die ''Alexandreis'' im 13. Jh. Vergils ''Aeneis'' als Schullektüre verdrängte und den Status eines Klassikers erlangte <ref>Zur Nachwirkung der Alexanderthematik in der Romania (und der Germania vgl. Cölln 2000; Mölk 2002</ref>).
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Die Fixierung auf die Antike ist auch in Werken zu bemerken, die thematisch nichts mit ihr zu tun haben. Im ''Romanz de Floire et Blancheflor'', einem der bekanntesten Romane des MA'', ''der in vielen germani­schen Adaptationen und auch im spanischen ''Flores y Blancaflor ''und im italienischen ''Fiori e Biancifiori ''vorliegt und der im ''Filocolo ''von Boccaccio einen Niederschlag gefunden hat, haben wir es mit der normalen, auch auf die Antike zurückgehenden Romanstruktur zu tun, in der ein Mädchen und ein Junge gemeinsam aufwachsen, sich ineinander verlieben, durch mehrfache Trennungen und Wiederfindungen auf die Probe gestellt werden und schließ­lich eine glückliche Hochzeit und Ehe erleben. Die Liebe zwischen
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Blancheflor und Floire erwacht bei der gemeinsamen Lektüre von Ovids ''Ars amatoria: Cius livres les fist mout haster / dona lor sens d’aus entr’amer. ''Antike Literatur dient als Lebenshilfe und wirkt sich auch in Werken aus, die eigentliche keine antike Thematik haben.
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== Materielles Erleben der Antike ==
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Den Dialog zwischen Antike und eigener Zeit hat kaum jemand so intensiv betrieben wie Petrarca (z.B. in seinen Briefen an Cicero oder Vergil). Doch empfindet und formuliert der ‚Vater des Humanismus‘<ref>Witt 2000, 230</ref> zugleich einen tiefen Graben zwischen der antiken und der eigenen Welt. Auf ihn geht die Einteilung in eine klassische, eine daraufhin abfallende barbarische Zeit und eine langsame Wiederkehr der idealen Zeit zurück<ref>vgl. Keßler 2004</ref>. Den in der Forschung immer wieder hervorgehobenen „Epochenschwellencharakter“<ref>Hempfer 1993, 9; Ariani 1999</ref> seines Wirkens hat Petrarca selbst formuliert: „Ego […] velut in confinio duorum populorum constitutus ac simul ante retroque prospiciens.“<ref>''Rerum memorandarum libri ''I, 19,4</ref>Diese Haltung kann man mit einer Erfahrung in Verbindung setzten, die Petrarca in Rom machte. In Ep.Fam. 6,2,15f. ist nachzulesen, wie er mit dem Dominikaner Giovanni Colonna durch die antiken Ruinen der Stadt spazierte und dabei über Vergangenes und Gegenwärtiges diskutierte<ref>Stierle 2003, 264-270</ref>:
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** Solebamus ergo, post fatigationem quam nobis immensa urbs ambita pepererat, sepius ad Termas Dioclitianas subsistere, nonnunquam vero supra testudinem illius magnificentissime olim domus ascendere, quod et aer salutaris et prospectus liber et silentium ac votiva solitudo nusquam magis. […] Et euntibus per menia fracte urbis et illic sedentibus, ruinarum fragmenta sub oculis erant. […] Multus de historiis sermo erat, quas ita partiti videbamur, ut in novis tu, in antiquis ego viderer expertior, et dicantur antique quecunque ante celebratum Rome et veneratum romanis principibus Cristi nomen, nove autem ex illo usque ad hanc etatem.<ref>Petrarca 2007, 2, 790</ref>
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Minutiös hat Petrarca in diesem Brief die Route des Spaziergangs festgehalten und dabei die einzelnen Stationen mit antiquarischem Wissen ausgeschmückt<ref>vgl. ''Mirabilia Romae'', aber auch die römischen Historiker Livius, Florus, Suetonius dürfen seine Quellen gewesen sein</ref>. Neben den Ruinen in Rom war es vor allem das Sammeln antiker Texte, das die Antike für Petrarca materiell erlebar machte. Auch wenn er selbst des Griechischen nicht mächtig war, enthielt seine Bibliothek einen Kodex mit Homers Epen. Dessen Texte waren dem gesamten MA nur in vermittelter Form (etwa durch Vergil und Ovid) oder in stark gekürzter Form wie etwa der ''Ilias Latina'' (eine 5 Bücher umfassende lat. „Kurzform“ der 24 Bücher umfassenden ''Ilias'') bekannt. Dennoch war Homer hoch angesehen<ref>vgl. Hölter/Hölter 2013</ref>, galt als Quelle der Weisheit und Ausgangspunkt der Dichtung: „Ohne Homer hätte es keine ''Aeneis ''gegeben; ohne die Hadesfahrt des
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Odysseus keine virgilische Jenseitsreise; ohne diese keine dantische.“<ref>Curtius 1993 [1948], 28</ref>. Dante hatte Homer, ohne ihn jemals gelesen zu haben, als „poeta sovrano“ bezeichnet und mit einem Adler verglichen, der über den anderen Dichter schwebt: „che sovra li altri come aquila vola.“<ref>Inf. 4,88; 96</ref>. Zusammen mit Boccaccio bemühte Petrarca sich um eine lateinische Übersetzung Homers. Sie engagierten hierzu den Mönch Leonzio Pilato, welcher von 1360-62 in Florenz eine „mittelalterliche“ Übersetzung schuf, indem er Wort für Wort übersetzte, ohne Rücksicht auf den Stil Homers zu nehmen. Ernsthafte Versuche, die ''Ilias'' in lateinische Hexameter zu bringen, wurden erst im Quattrocento unternommen. So nutzte der junge Angelo Poliziano ab 1470 dieses Unterfangen zur poetischen Profilierung und übersetzte die Bücher 2, 3, 4 und 5 der ''Ilias'', wobei sich die ersten beiden im Stil deutlich von den letzteren unterschieden<ref>vgl. Rubinstein 1983</ref>. Allgemein kann an Polizianos Texten abgelesen werden, wie sehr die Humanisten durch ihre Vergillektüren geprägt waren, sodass die Übersetzungen stilistisch eher an den lateinischen Epiker als an Homer selbst erinnern. Man las den griechischen Autor gewissermaßen durch die lateinische Brille Vergils, weshalb Homer in der Wertschätzung der Humanisten hinter seinem Imitator zurückstand.
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Die Erwartungen an Textfunde (also dem Wiederfinden antiker ''codices'' z.B. in Klosterbibliotheken) war ebenso groß wie die an die lang ersehnte Lektüre Homers. Oft wurden sie zunächst enttäuscht, wie etwa, als Petrarca 1345 die privaten Briefe Ciceros an dessen Freund Atticus fand. Das Bild, welches man sich von der Antike gemacht hatte, stimmte immer weniger mit den Textzeugnissen überein. So zeigen die ''epistulae ad Atticum'' eine ganz andere Seite des römischen Redners, Politikers und Schriftstellers, den Petrarca als Vorbild verehrte. In dem privaten Tonfall und Inhalt der Atticus-Briefe fand Petrarca schließlich aber eine Legitimation für seine eigene Korrespondenz, in der er häufig Privates und allgemein Moralisches miteinander verband (berühmtestes Beispiel Ep. Fam. 4,1 über die Besteigung des Mont Ventoux in der Provence 1336, welche als Allegorie eines spirituellen Aufstiegs gestaltet ist).
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Eine weitere tiefgreifende Wiederentdeckung machte 1418 der Humanist und ‚Bücherjäger‘ Poggio Bracciolini, als er einen Text von Lukrezʼ ''De rerum natura ''(''Über das Wesen der Welt'', Lehrgedicht in 6 Büchern) fand<ref>Greenblatt 2011</ref>. Der lateinische Autor des 1. Jh. v. Chr. hatte in ‚süßen‘ Versen die ‚bittere‘ Thematik der epikureischen Physik und Atomlehre dargestellt. Das Bild der Dichtung als eines mit Honig bestrichenen Bechers, der die Einnahme einer bitteren Medizin versüßen soll (Lukrez I,933-50), wurde im Cinquecento wiederholt aufgenommen, am prominentesten von Torquato Tasso<ref>Prosperi 2004, 181-205</ref> im Proöm zur ''Gerusalemme liberata'' (1581): „Così a lʼegro fanciul porgiamo apersi / di soavi licor gli orli del vaso: / succhi amari ingannato intanto ei beve, / e da lʼinganno suo vita riceve.“ Im Zuge der Gegenreformation mit ihren rigiden Zensurmaßnahmen wird der Lukrez-Text verdächtig, da er in der Propagierung der epikureischen Philosophie und ihrem anti-providentialem Materialismus Lehren vertritt, die dem Christentum entgegenstehen. Auch die explizite Behandlung von Liebe und Sexualität (etwa Buch 4) dürften der Kirche missfallen haben. Dennoch wird der Text weiter gelesen, was mit einer Selbst-Zensur der Interpreten zu erklären ist, die sich eines „dissimulatory code“ bedienen, um der kirchlichen Zensur zu entgehen<ref>vgl. Prosperi 2007,214</ref>. Nach Prosperi (2007,217) gab es eine Lesergruppe, die Lukrez relativ frei rezipieren durfte, nämlich diejenige der Mediziner. So bezieht sich Girolamo Fracastoro in seinem Lehrgedicht über die Syphilis (''Syphilis sive Morbus Gallicus'', 1530) deutlich auf die von Lukrez geschilderte Seuche unter den Athenern.
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==Fazit und Ausblick==
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Werden die antiken Werke zunächst vor allem als Wissensspeicher geschätzt und als Mittel zum Zweck, nämlich zum Spracherwerb im Grammatikunterricht gelesen und verbreitet, ist bald eine Öffnung des Rezeptionsvorgangs zu beobachten, der sich in einer produktiven ''imitatio ''seitens der nachantiken Schriftsteller äußert: Transformationen der Antike zeigen sich z.B. in der Christianisierung der antiken Literatur oder deren Gebrauch zu Legitimationsstrategienvon Herrschaftsansprüchen. Festzuhalten ist, dass, obwohl uns viele der vorgestellten Lesarten heute fremd erscheinen mögen, sie größtenteils einem Ziel folgten: die antike Literatur als lesbar zu erhalten. Denn trotz aller ideologischer, religiöser und sozialer Unterschiede wird die Antike in so starkem Maß als vorbildlilch empfunden, dass es literarische Innovationen schwer hatten.
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Eine vollständige Revision des Antikeparadigmas erfolgt erst im 17. Jh. Offiziell eröffnet Charles Perrault am 27. Januar 1687 die ''Querelle des Anciens et des Modernes'', als er in der ''Académie française ''sein Gedicht ''Le siècle de Louis le Grand ''vortägt<ref>Fumaroli 2001</ref>. Die Relativierung der Antike im Hinblick auf das grundsätzlich gleiche Leistungsvermögen der ''Modernes ''führt Perrault später systematisch und auf verschiedene kulturelle Bereiche bezogen in seiner ''Parallèle des anciens et des modernes en ce qui regarde les arts et les sciences ''aus<ref>vierbändige Originalausgabe 1688-1696; Faksimile 1964</ref>. Doch schon Alessandro Tassoni hatte 1620 im 10. Buch seiner ''Pensieri diversi ''einen Vergleich der ''ingegni antichi e moderni'', der je nach Gebiet unterschiedlich ausfällt, vorgelegt. Überhaupt ist die ''Querelle ''kein genuin französisches Phänomen, wenngleich sie in Frankreich unter Ludwig XIV. politische Implikationen annimmt<ref>Mayer 2012</ref>, die ihren italienischen Vorläufern fremd waren<ref>Fumaroli 2001, 26f.</ref>. Neben diesen theoretischen Erwägungen wird die ''Querelle ''auch in literarischen Werke wie etwa der Eposparodie Tassonis<ref>''La Secchia rapita''; 1622</ref> oder den burlesken Antiketravestien in Frankreich verhandelt (am bekanntesten Scarrons ''Le Virgile travesti'', der auf die ''Eneide travestita ''Giovanni Battista Lallis zurückgeht).
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== Einzelnachweise ==
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<references />

Version vom 4. Oktober 2016, 12:45 Uhr

MIRA-Handbuch, Artikel A1 "Antike in der Romania"
Autor: Johannes Kramer, Roland Ißler, Kai Schöpe, Christian Maier
Stand: 05.05.2014



Einleitung

„Antike Welt – das heißt die Gesamtantike von Homer bis zur Völkerwanderung, nicht etwa das « klassische » Altertum.“, stellt Curtius (1993 [1948], 29) fest und gibt damit den zeitlichen Rahmen für diejenige lateinisch- und griechischsprachige Kultur vor, die in ihrer Beziehung zur Romania Gegenstand dieses Kapitels ist. Wenn also von ‚Antike‘ die Rede ist, dann ist die griechisch-römische Antike gemeint. Wie aber ist das Verhältnis von Antike und Romania zu verstehen? Schon Curtius hat Begriffe wie „Nachleben“, „Fortleben“ oder „Erbe“ zurückgewiesen und eine organische Metapher bevorzugt, indem er Ernst Troeltsch folgte. Nach diesem beruht die „europäische Welt nicht auf Rezeption und nicht auf Lösung von der Antike, sondern auf einer durchgängigen und zugleich bewußten Verwachsung mit ihr.“[1]. Das Bild bringt zum Ausdruck, dass im ‚Verwachsen‘ von Antike und Romania etwas Neues entsteht, indem antike Referenz- und romanische Aufnahmekultur wechselseitig aufeinander einwirken. Dieser Prozess der „Transformation“ vollzieht sich mithin in zwei Richtungen. So wird in den Rezeptionsdokumenten die ‚Antike‘ allererst hervorgebracht, indem sie rekonstruiert und tradiert wird und indem Teile aus ihr bewusst oder unbewusst ausgewählt werden. Dabei konstruieren sich die rezipierenden Aufnahmekulturen stets auch selbst: „Indem die Antike zum privilegierten oder polemischen Objekt von Wissensprozessen, künstlerischen Adaptionen oder politischen Aushandlungen wird, funktioniert das dabei entworfene Antike-Bild als Selbstbeschreibung der jeweiligen Rezipientenkultur.“[2]. Diese grundlegende Einsicht gerade für die Erforschung der Romania, die über Mittelalter und Frühe Neuzeit hinaus immer wieder ihre tiefe Verbundenheit zur Antike betont hat, sei diesem Kapitel paradigmatisch vorangestellt.

Sprache

Alle romanischen Sprachen gehen auf das Lateinische zurück – soweit gibt es keine Diskussionen. Die Fragen treten auf, wenn man die genauere Gestalt des Lateinischen umschreiben will. Versuchen wir zunächst eine historische Annähe­rung.

Zunächst muss es ein Bewusstsein dafür geben, dass Latein und Romanisch zwei verschiedene Gegebenheiten sind. Dieses Bewusstsein hat sich in der Forschung wie unter den Zeitgenoosen nur sehr langsam herausgebildet, weil man lange Zeit von einem prinzipiell einheitlichen Latein ausging, das lediglich in verschiedenen Qualitätsstufen auftrat, Stilebenen in der zeitgenössischen Terminologie und im zeitlichen Ansatz Stilverfall. So schreibt beispielsweise Gregor von Tours (1970, 2):

    • Nec repperire possit quisquam peritus dialectica in arte grammaticus, qui haec aut stilo prosaico aut metrico depingeret versu. Ingemescebant saepius plerique dicentes: „Vae diebus nostris, quia periit studium litterarum a nobis, nec reperitur in populis, qui gesta praesentia promulgare possit in paginis“. Ista etenim atque et his similia adtingerint venien­tum, etsi incultu effatu, nequivi tamen obtegere vel certamine flagitiosorum vel vitam recte viventium: et praesertim his inlicitus stimulis, quod a nostris fari plerumque miratus sum, quia „philosophantem rhetorem intellegunt pauci, loquentem rusticum multi“.

An dieser Stelle sieht man das Sprachgefühl, das in der Spätantike und im frühen Mittelalter weithin herrschte: Die Einheit des Lateinischen ist ungebrochen und seine Auflösung in neue Nachfolgesprachen ist unvorstellbar, man weiß jedoch, dass seit der goldenen Zeit des Lateins ein Niedergang erfolgt ist (periit studium litterarum) und dass niedere Stilebenen (incultus effatus) an die Stelle der hohen Ausdrucksweise (stilus prosaicus, metricus versus) getreten sind. Diese Ebenen sind normalerweise sozial oder geographisch umschrieben: Hier steht der philosophans rhetor, der ausgebildete Redelehrer der städtischen Hochkultur mit gedankenschweren Ausführungen,dem loquens rusticus, also dem plappernden Mann vom kulturfernen flachen Lande, gegenüber – aber den einen verstehen nur ganz wenige, der andere spricht zur großen Menge.

Die Aussagen antiker Autoren über die niedere Sprachebene sind in vorbildli­cher Weise von Roman Müller (2001) zusammengestellt und kommentiert worden. Nebeneinander stehen mit unterschiedlichen, aber kleinen Bedeutungs­nuancen sermo rusticus, sermo agrestis, sermo plebeius, sermo humilis, sermo vulgaris, sermo cotidianus, sermo familiaris. Die Bezeichnung für ‚korrekter Sprachgebrauch‘ ist consuetudo, und der sermo urbanus bildet den positiven Ge­gensatzpol zum sermo rusticus. Für die ganze Antike galt eine Unterscheidung zwischen dem normalsprachlichen Gebrauch von lingua Latina, Latine oder Latinitas mit der Bedeutung ‚lateinische Sprache, lateinisch‘ (analog zu lingua Graeca, Graece oder Graecitas für ‚griechische Sprache, griechisch‘) und dem fachsprachlichen Gebrauch dieser Wörter in der Grammatik oder Rhetorik mit der prägnanten Bedeutung ‚korrekte lateinische Sprache, gutes Latein‘[3]. Man ging meist von einer stilistischen Dreiteilung aus, die Augustinus (doctr. Christ. 4, 20 = PG 34, 107) als dictio submissa, dictio temperata und dictio grandis umschreibt. Die dictio submissa, der auch der Sacrae Scripturae sermo humilis[4] angehört, hatte natürlich nach der Einschätzung der Zeitgenossen ebenfalls verschiedene Qualitätsebenen,aber niemand hatte auch nur im Entferntesten den Gedanken, dass ausgerechnet die unterste Stufe des Verfalls der goldenen Latinitas zu einer neuen sprachlichen Entität führen könnte. Zu lingua Latina bzw. sermo Latinus gab es die prinzipiellen Synonyme lingua Romana bzw. sermo Romanus, mit einer kleinen Duftnote, die bei Romanus den Anklang an das Reich und seine Macht anklingen ließ. Das Adverb Latine war geläufig, Romane wurde schriftsprachlich gemieden. Romanicus bedeutet ‚nach römischer Art gemacht‘, Romanice taucht erst im Mittellatein des 10. Jahr­hunderts auf. Sprachlich wird im Mittellatein lingua Romanica rustica für die gesprochene, eher lateinferne Romanität verwendet, aber eine wirklich Karriere machten nur Romanice und seine Nachfolgeformen: altfrz. romanz (1135), altprov. romans (vor 1127), kat. romanç (vor 1315), altsp. romance (vor 1265). Im Rumänischen bezeichnet eine von *Romanisce ausgehende Adverbform românește bis heute die eigene Sprache[5]. All das sind aber erst nachantike Entwicklungen, die frühestens im 9. Jahrhundert ihre Wurzeln haben.

Die Latinität der Antike ist uns natürlich nur in schriftlichen Zeugnissen greif­bar, und eine grobe literarische Periodisierung in Vorklassik, Klassik, Nachklassik und Spätantike ist sicher unumstritten[6]. Wenn man das Schema allerdings mit konkreten Werken oder gar mit genauen Zahlen  füllen will, dann stehen mannigfache Diskussionen ins Haus, und noch schwieriger wird es, wenn man aus den literarischen Werken eine sprachge­schichtliche Periodisierung ableiten will, die eine Verbindung zur politischen Geschichte und auch zu den Fakten der uns nur schattenhaft greifbaren Ge­schichte der gesprochenen Sprache haben muss. Eine – keineswegs die einzige – Möglichkeit, bei der wie in jeder Schematisierung im konkreten Fall Übergänge von der einen zur anderen Epoche anzusetzen sind, wäre folgender Ansatz[7]:

  • prisca Latinitas (bis 200 v. Chr.)
  • frührepublikanisches Latein = Vorklassik (200 v. Chr. – 90 v. Chr.)
  • spätrepublikanisches Latein = frühe Klassik (90 v. Chr. – 30 v. Chr.)
  • augusteisches Latein = späte Klassik (30 v. Chr. – 14 n. Chr.)
  • frühkaiserzeitliches Latein = frühe Nachklassik (14 n. Chr. – 300 n. Chr.)
  • spätkaiserzeitliches Latein = späte Nachklassik (300 n. Chr. – 475 n. Chr.)
  • spätantikes Latein (475 n. Chr. – 600 n. Chr.)
  • nachantikes Latein (ab 600 n. Chr.).

In den frühen Epochen kann man die Entwicklung der literarischen Aus­drucksweisen als einen Spiegel der Entwicklung der Sprache ansehen, und was sich in der realen Alltagssprache veränderte, fand schnell seinen Widerhall in der Literatursprache. Das änderte sich in dem Moment, als nach dem Eindruck der tonangebenden intellektuellen Kreise das Lateinische seinen Höhepunkt erreicht hatte, als die Sprache ihre klassische Form erreicht hatte. Das war nach einhelligem Zeugnis im 1. Jahrhundert vor Christus der Fall, als Cicero (106–43 v. Chr.) und Caesar (100–44 v. Chr.) die Prosa bestimmten; wenig später gaben Vergil (70–19 v. Chr.) und Ovid (43 v. Chr.–17 n. Chr.) der Dichtung nach dem Urteil der Zeitgenossen ihre vollendetste Gestalt. Für Velleius Paterculus (20 v. Chr.–±30 n. Chr.) ist das Konsulatsjahr Ciceros (63 v. Chr.) nicht nur dadurch ausgezeichnet, dass in ihm Augustus geboren ist, sondern es lässt sich daran auch die Lebenszeit der größten lateinischen Autoren festmachen; von den aufgezählten zwanzig Autoren sollen hier nur Cicero, Caesar, Sallust, Varro, Lukrez, Catull, Vergil, Livius, Tibull, Ovid, perfectissimi in forma operis sui und Schulautoren bis zur Gegenwart, genannt werden (2, 36). Diese unüber­trefflichen Klassiker, besonders Cicero und Vergil, wurden zu Autoren, deren Schreibart man nachahmte, so dass das sklerotisierte Schriftlatein von der lebendigen Entwick­lung der lateinischen Umgangssprache abgekoppelt wurde. Wilfried Stroh hat das poetisch als „Sterben in Schönheit“ bezeichnet[8], und nur durch diesen „Tod“ wurde die lateinische Schriftsprache „unsterblich“[9]. Vom früh­kaiserzeitlichen Latein an wurde die Distanz zwischen der Normsprache, die man in der schriftlichen Verwendung anstrebte, und der Alltagssprache immer größer, um im spätantiken und nachantiken Latein einen Höhepunkt zu erreichen, der die indocti mehr und mehr vom Verständnis der Schriftsprache ausschloss.

Die direkte Ausgangsstufe für die späteren romanischen Entwicklungen ist natürlich die letzte antike Erscheinungsform des Vulgärlateins, also das spätanti­ke Latein (475 n. Chr. – 600 n. Chr.) und die nachfolgende Epoche, obwohl natür­lich einzelne Phänomene früher belegt sein können. Als Primärquelle dienen uns Bezeugungen in schriftlichen Quellen, wobei man unterscheiden muss zwischen der bewussten Anwendung von Vulgarismen aus stilistischen Gründen zur Charakterisierung von bestimmten Personen (Plautus, Petron), aus Gründen der Prägung einzelner Fachsprachen (Apicius’ Kochkunst, Catos und Columellas Ackerbau, Populärmedizin) oder aus Gründen der propagandistischen Annähe­rung an die Alltagssprache zur Stei­gerung der Verständlichkeit bei den illitterati (Itala, Vulgata, Predigten und Heili­genviten der Kirchenschriftsteller) und der unbeabsichtigten Annäherung an die Volkssprache mangels eigener Vorbildung (Peregrinatio Egeriae, papyrologische und inschriftliche Quellen privaten Charakters); zwischen beiden stehen gramma­tische Schriften, die „falsche“ Formen des Alltags neben „richtige“ Formen der schriftlichen Tradition stellen (Glossare, Appendix Probi, Grammatiker, Isidor von Sevilla). Sekundärquellen sind die Übernahmen lateinischer Elemente in gleichzeitige andere Sprachen (Griechisch, Hebräisch und Aramäisch) und vor allem die romanischen Sprachen, deren Gegebenheiten man unter Anwendung der historisch-vergleichenden Gram­matik in die Antike zurückprojizieren muss[10]. Wenn man Erkenntnisse über die Sprachform ge­winnen will, muss man natürlich alle zur Verfügung stehenden Erkenntnismög­lichkeiten heranziehen. Wenn man sich, wie es die Équipe des Dictionnaire Éty­mologique des Langues Romanes tut, einzig und allein auf ein aus den roma­nischen Sprachen rekonstruiertes „Protoromanisch“ beschränkt[11] und andere Annäherungsmöglichkeiten hintanstellt, tritt eine Abstraktion an die Stelle der sprachlichen und historischen Buntheit des gesprochenen und geschriebenen Lateins am Ende der Antike[12].

Natürlich waren sich die docti des Auseinanderklaffens der verschiedenen Sprachebenen bewusst. Augustinus (354–430) etwa, der beim Schreiben für Leute, die die­selbe Bildung wie er selbst hatten, alle Finessen der ciceronianischen Sprachver­wendung zum Einsatz brachte (dictio grandis), benutzte in seinen Predigten (sermones ad plebem) und Bibel­erklärungen, die von den indocti ver­standen werden sollten, eine einfache Latinität (dictio submissa), die die Ver­ständlichkeit am Bildungshorizont der Zuhörer und nicht an den Forderungen der Norm­grammatik ausrichtete (Hiltbrunner 1999, 2284): Melius est reprehendant nos grammatici quam non intelligant populi (August. in ps. 138, 20 ad v. 15 = PL 37, 1796).

Um 400 gewann die sogenannte vertikale Kommunikation eine immer stärkere Bedeutung, also eine „communication orale adressée par un ou n locuteurs de niveau culturel supérieur à un ou n auditeurs de niveau culturel inférieur. Les pré­dicateurs du VIe siècle, lettrés latinophones, adressent leurs sermons à des fidèles latinophones illettrés“[13]. Fast ein halbes Jahrtausend lang lebte man mit dieser Interkomprehension, und entsprechend bezeichnete man die verschiedenen Sprachebenen mit stilistischen Kriterien, die in Frankreich erst 813 mit dem Beschluss des Konzils von Tours, die homiliae zum klaren Verständnis in rusticam Romanam linguam aut Thiotiscam zu übersetzen (MGH Conc. II 1, 17) zu Ende ging; für Spanien ist der Schlusspunkt das Konzil von Burgos 1080, bei dem die westgotische Liturgie durch die römische ersetzt wurde[14], und in Italien tat man sich noch lange schwer mit der Erkenntnis, dass das volgare nicht einfach eine Stilebene des Lateins war: Immerhin sind verschiedene Vitae und Passiones des 8. Jahrhunderts eindeutig noch so abgefasst, dass ihr Latein von den indocti verstanden werden konnte[15]. Marieke van Acker hat an zwei merowingischen Vitae und zwei Passiones den konkreten Nachweis erbracht, dass die Verfasser trotz aller Sorge um die Ein­haltung einer oberflächlichen lateinischen Korrektheit auf das Verständnis der illitterati abzielten[16]:

    • Les auteurs se soucient de la clarté de leur texte: l’emploi de pléonasmes, de mots phatiques, les signes d’insistance, les parallélismes et la construction logique de l’énoncé montrent qu’ils ont le souci de se faire comprendre.

Eine parallele Entwicklung fand bekanntlich auch im Griechischen statt. Die sprachliche Entwicklung hat auch dort dahin geführt, dass sich die gesprochene Sprache spätestens im 5. Jahrhundert nach Christus sehr von der geschriebenen Sprache entfernt hatte, dass man aber nur die Schriftform zur Verfügung hatte, um Texte, die sich an die Ungebildeten richteten, festzuhalten. Karl Krumbacher, der Begründer der Byzantinistik, hat zutreffend bemerkt[17]:

    • Sobald ein Autor Lesen und Schreiben gelernt und die Kirche öfter besucht hatte, befand er sich, ohne sich dessen hinlänglich bewusst zu sein, unter dem mächtigen Banne der Kunst­gräzität. Denn der byzantinische Unterricht, auch der allerelementarste, wurde ausschließ­lich auf Grund der alten Grammatik und Literatur erteilt, und in keiner byzantinischen Kirche hat man je ein in der Volkssprache abgefasstes Lied oder Gebet gehört.

Die Bildungstradition hatte im Osten weit besser als im Westen überlebt, und jeder, der eine Schule besucht hatte, war von den literarischen Autoren der Antike geprägt. Das schlug sich im typischen Makkaronismus (μακαρονισμός) nieder, einer Mischung aus verschiedensten Sprachformen und Stilarten, wobei alte und neue Formen nebeneinander standen und ständige Wiederholungen mit unterschiedlicher Stilisierung die Texte verständlich machten[18].

Anders als im Westen hat sich im griechischen Raum nie eine wirklich neue Sprache mit einem neuen Namen herausgebildet, und man konnte bis ins 20. Jahr­hundert immer wieder auf die alte Sprachform zurückgreifen. Als der neue grie­chische Staat im 20. Jahrhundert eine würdige Sprache brauchte, hat Adamantios Korais (1748–1833) eine mehr oder weniger antikisierende Normsprache unter dem Namen „gereinigte Sprache“ (καθαρεύουσα) in die Diskussion gebracht, die einer – besonders von Dionysios Solomos (1798–1857) geförderten – „Volks­sprache“ (δημοτική) gegenüberstand. Der Sprachenstreit zwischen beiden For­men setzte sich bis ins 20. Jahrhundert fort und die erzkonservative Militärdiktatur startete (1967–1974) den letzten Versuch, die καθαρεύουσα sogar in den Ele­mentarschulen durchzusetzen, bis die neue Demokratie den Sieg der δημοτική mit sich brachte: Bis 1976 war die καθαρεύουσα die griechische Staatssprache, seither herrscht die δημοτική, aber gewisse wis­senschaftliche Bereiche (Theolo­gie, Jura, Medizin) verwenden weiter die antiki­sierende Form. Die καθαρεύ­ουσα war nur wirklich Gebildeten verständlich; um aber andere Kreise zu errei­chen, hat man Kompromissformeln und Umschreibungen entworfen, um weitere Kreise zu erreichen[19].

Das heute verwendete Neugriechische basiert morphologisch und syntaktisch auf der δημοτική, aber es hat im Wortschatz viele Elemente der καθαρεύουσα aufgenommen und ist in der Wortbildung weiter vom Rückgriff auf die Antike ab­hängig[20]:

    • Contemporary writers now exploit the potential of the language quite widely, with styles ranging from a traditional ‘rural’ demotic to something not far removed from late-nineteenth century katharévousa. But the language spoken by the averagely well-educated population of the major cities is accepted as ‘standard’, and written versions of this are employed for virtually all official and practical purposes. It is the product in part of natural developments in a social and educational context where elements of katharévousa had long found an automatic place, in part of the efforts of writers deliberately to circumvent the constraints of diglossia.

Gesellschaftlich ereigneten sich im römischen Westreich Umbrüche, die die weitere Entwicklung bestimmten. Zusammengefasst handelt es sich um den Niedergang der Verkehrsverbindungen, um die Loslösung von Grenzprovinzen aus dem Reichsverband, um die Ausbildung regionaler Staatsgebilde, um die Christianisierung und um den Verfall des Bildungssystems, verbunden mit dem Vordringen eines verbreiteten Analphabetismus und der Ausbildung einer klerikalen Spezialistenklasse für das Lesen und Schreiben.

Die griechisch-lateinische Zweisprachigkeit der gebildeten Schicht kommt vom 4. Jahrhundert an nach und nach zum Erliegen. Während Hieronymus (348–420) ein exzellenter Kenner des Griechischen und der Hauptvermittler des christ­lichen Gedankenguts aus dem Osten an den Westen war, hatte sein Zeitgenosse Augustinus (354–430) nur passive Sprachkenntnisse und konnte die Schriften der griechischen Theologen nur lesen, wenn es lateinische Übersetzungen gab[21]. Hatte Augustinus als Kind noch einen griechischen Elementarunter­richt erhalten, so erlischt in der folgenden Generation das Interesse an einer praktischen Beherrschung des Griechischen völlig, und obwohl man theoretisch das Griechische als eine der tres linguae sacrae[22] hoch schätzte, stellte doch Hieronymus den letzten wirkli­chen vir trilinguis dar, und „so haben im Mittelalter nur wenige Abendländer die Fähigkeit erlangt, einen griechischen Text unbekannten Inhalts zu ver­stehen“[23]. Die zweisprachige Welt der römischen Elite von 100 v. Chr. bis maximal 300 n. Chr. wurde ersetzt durch eine einsprachige Welt, in der die Schwierigkeiten, nur diese eine lateinische Sprache einigermaßen zu beherr­schen, immer größer wurden.

Das Leben im römischen Reich ist von etwa 275 an immer unsicherer geworden. Orte in der Nähe der Reichsgrenze sind auch zuvor immer wieder das Opfer von Überfällen auswärtiger Völkerschaften gewesen, aber eine fortdauernde Un­sicherheit des Verkehrs im Innern des Reiches setzt erst im späten 3. Jahrhundert ein: Sonderreiche, lokale Aufstände, marodierende Banditen­truppen, Seeräuber, der Verfall römischer Institutionen und schließlich die germanischen Überfälle machten Reisen von einem Ort an den anderen zuneh­mend gefahrvoll und sorgten da­für, dass man sich nur im äußersten Notfall aus seiner Heimat wegbewegte. Als Rutilius Namatianus 417 von Rom ins heimatliche, von den Goten verheerte Gallien auf dem Seewege zurückkehrte, war das ein lebens­gefährliches Unter­nehmen, und jeder war sich dieser Tatsache bewusst[24].

Unter diesen Umständen geriet die überregionale Geltung des Lateinischen zu­nehmend in Bedrängnis. Die Legionen waren zwar auf Dauer in bestimmten Pro­vinzen stationiert, wurden aber je nach Bedarf in verschiedensten Reichsteilen eingesetzt: Beispielsweise war im Laufe der Geschichte das Aktionsgebiet der Legio VI Victrix Hispania, Germania in­ferior und Britannia (RE XII 2, 1599–1614), die Legio IX Hispana war in Hispania, Pannonia, Africa und Britannia tätig (RE XII 2, 1664–1670), die Legio III Cyrenaica bewährte sich in Africa, Ägypten und Arabien und nahm an Trajans Partherkriegen teil (RE XII 2, 1506–1517). Zu den Legionen gehörte aber jeweils ein großer „Tross“, bestehend aus Angehörigen, Mitarbeitern, Händlern usw. Solange die Reichsein­heit funktio­nierte, war dem sprachlichen Auseinanderstreben ein Riegel vorge­schoben, weil eine Legion im spanischen, afrikanischen und britannischen Umfeld sprachlich funktionsfähig sein musste, aber die fortschreitende Festlegung auf bestimmte Provinzen, verbunden mit der Ausbildung von Sonderreichen, war ein wichtiger Faktor bei der Diversifizierung des Lateinischen.

James Noel Adams hat in einer fundamentalen Darstellung herausgearbeitet, dass auch eine für den schriftlichen Gebrauch so fest kodifizierte Sprache wie das Lateinische „always showed regional as well as social, educational and stylistic variation“[25]. Einige Indizien erlauben die Herausarbeitung provinzieller Lautcharakteristika[26], auch die Grundzüge morphologischer Sonderentwicklungen sind greifbar[27], und besonders regionaltypische Wörter, die oft in den romanischen Spra­chen weiterleben, sind uns zugänglich[28], so dass gilt: „The combination of lexical and phonetic evidence establishes the existence (e. g. Gaul, Africa and Italy) of genuine regional varieties“[29]. Über eine regionalspezifische Syntax kann man leider fast nichts sagen, weil die Quellen kein Urteil erlauben[30]:

    • The truth is that syntactic evidence with a bearing on regional diversity is hardly available either from literary texts, which overwhelmingly use constructions of the standard language, or from inscriptions, which are formulaic and traditional in syntax, or from non-literary corpora [...], which are potentially more revealing but so far inadequate in extent. Syntax, or the overlap of syntax with morphology, has sometimes come up, but little of a striking regional character has emerged.

Anders gesagt: Wir können uns ein ungefähres Bild über das Aussehen der gesprochenen Latinität in den wichtigsten Regionen an der Schwelle von der Antike zum frühen Mittelalter im Laut- und Formenbestand bilden, aber eine wirkliche Rekonstruktion der Sprache ist nicht möglich.

Literatur

Die Zeit bis zur Herausbildung einer volkssprachlichen romanischen Schriftkultur ist mithin deutlich geprägt vom lateinischen Schrifttum. Spätestens ab dem 5. Jh. differenziert sich dieses jedoch zunehmend regional, und der „allmähliche Zerfall der Einheit“ geht mit einer „kulturelle[n] Verselbständigung der Provinzen“ einher, in denen sich die Literatur mit unterschiedlicher Intensität bewahrt[31].         

Mit dem Aufkommen und der immer entschiedeneren Ausbreitung des Christentums treten christliche Inhalte in zum Teil neuen literarischen Gattungen neben die klassischen Überlieferungen, die sie im Dienste der alleinigen religiösen Wahrheit mit ihrem universellen Anspruch bisweilen verdrängen. Gleichwohl bedarf es der literarischen Bildung, namentlich einer ausgefeilten Rhetorik und eines elaborierten lateinischen Stils, um dem Worte Gottes ein angemessenes Gewicht zu verleihen. Die schriftsprachliche und stilistische Kontinuität der antiken Vorbilder bei gleichzeitiger Verurteilung ihres Heidentums provoziert dabei schwer überbrückbare, gleichwohl höchst produktive Konflikte [32].

Wissensbestände und Weltdeutungen der Antike erhalten sich vor allem in enzyklopädischen Sammlungen, von denen jedoch viele, zum Teil vorchristliche, verloren oder nur fragmentarisch überliefert sind. Bedeutende Handbücher [1] stammen von gelehrten Autoren wie M. Terentius Varro (1. Jh. v.Chr.), C. Plinius Secundus d.Ä. für den Bereich der Naturwissenschaften (Naturalis historia, 1. Jh. n.Chr.), A. Cornelius Celsus für den Bereich der Medizin (2. Jh. v. Chr.), Nonius Marcellus für Grammatik und Alltagsgegenstände, Waffen, Nautik u.a. (De compendiosa doctrina, 3./4. Jh.), Martianus Capella mit seiner allegorischen Schrift De nuptiis Philologiae et Mercurii (5./6. Jh.), in der er die Vermählung der gelehrten Jungfrau Philologia mit dem göttlichen Merkur zum Anlass nimmt, die Septem Artes Liberales (A7) systematisch zu behandeln. An dem Werk des Nonius Marcellus lässt sich ablesen, wie die Weitergabe enzyklopädischer Kenntnisse erfolgt: Nonius selbst kompiliert Textpassagen älterer Autoren von Plautus bis Varro und bewahrt sie dadurch der Nachwelt; diese reicht derartige Informationen ihrerseits weiter, im Falle des Nonius beispielsweise über Fulgentius (5./6. Jh.). Die für das Mittelalter nachhaltigste unter den diversen enzyklopädischen Schriften – sie ist in rund 1000 Manuskripten verbreitet – sind die Etymologiae (bzw. Origines) des Bischofs Isidor von Sevilla (Isidorus Hispalensis, um 560/570-636). In 20 Büchern kompiliert der aus hispanorömischem Adel stammende Autor die in seiner Zeit verfügbaren überlieferten Erkenntnisse gelehrten und alltäglichen Wissens über die Welt in Ableitung aus den Namen ihrer Erscheinungen, „ex veteris lectionis recordatione collectum, atque ita in quibusdam locis adnotatum, sicut exstat conscriptum stylo maiorum“ (Isid. orig.praef.). Der Erfahrungsschatz der Antike wird darin gleichwohl als mit der christlichen Lehre verbunden dargestellt und versteht sich auch als glaubensdidaktische Unterweisung für eine gebildete Leserschaft. Indem Isidor die paganen Autoren der griechischen und römischen Antike als den biblischen Protagonisten nachrangig behandelt, relativiert er sie zwar im Hinblick auf ihre christliche Bedeutung, stellt sie zugleich aber mit den Urvätern des Alten Testaments in ein historisches Kontinuum, das ihnen in der christlichen Welt des Mittelalters ein besonderes Gewicht zuerkennt.

Isidor geht assoziativ und thematisch vor und handelt zunächst die Septem Artes Liberales(A7) ab (Buch I: Grammatik, II: Rhetorik, Dialektik; III: Mathematik, Geometrie, Musik, Astronomie), sodann Medizin (IV), Rechtswesen, Kalender und Zeitrechnung (V), Bücher und kirchliche Feste (VI), Gott, Engel und Heilige (VII) sowie Kirche und Sekten (VIII), bevor er sich der Sprache, den Völkern und ihren Kriegen (IX), den Wörtern (X, aufgebaut in Form eines alphabetischen Wörterbuchs), dem Menschen und Monstra (XI) sowie den Tieren (XII) widmet. Buch XIII und XIV handeln von der kosmologischen und geographischen Einteilung der Welt bzw. der Erde, die übrigen Bücher beziehen sich auf Kultur und Technik: auf Architektur und Ackerbau (XV), Steine und Metalle (XVI), Landwirtschaft (XVII), Krieg und Spiele (XVIII), Schiffe, Gebäude und Kleidung (XIX), Speise, Getränke sowie diverse Werkzeuge und Gegenstände des täglichen Gebrauchs (XX).

Bemerkenswert ist die sprachlich sensible Herangehensweise des Kompilators, die den gebildeten Kleriker und versierten Autor verrät. Isidor leitet die Definitionen seiner Erkenntnisgegenstände vorzugsweise aus ihren Wortbedeutungen oder ihren lebensweltlichen Ursprüngen her, er bildet Analogien, separiert Differenzen und vergleicht die Dinge mit ihren Namen, die sie entweder wesenhaft erfassen oder ihnen arbiträr zugeordnet sind.

Zusammenstellungen [2] von Verfassungen bzw. Gesetzen und Urteilen, wie sie im codex Gregorianus, im codex Iustinianus und im codex Theodosianus zu finden sind bzw. wie Aemilius Papinianus und Domitius Ulpianus (beide 2./3. Jh.) sie sammeln, sind von großer Bedeutung für das Rechtswesen; sie begründen die Rechtstradition des MA.

Der Einfluss des Christentums zeigt sich in Verteidigungs- und Erbauungsschriften [3], zunächst in griechischer Sprache. Tertullian(us) (2./3. Jh.) begründet die lateinische Tradition, die von Cyprian(us) (3. Jh.) und Lactantius (Laktanz, 3./4. Jh.) fortgesetzt wird und bei Augustinus und Hieronymus (beide 4./5. Jh.) ihren Höhepunkt erreicht.

Die im engeren Sinne theologische Literatur [4] bedient sich einer rhetorisch geschulten und ausgefeilten wissenschaftlichen Ausdrucksweise. Hervorzuheben sind wiederum Augustinus und Hieroymus sowie Boethius (5./6. Jh.) und Gregor der Große (6. Jh.). Einzelne Autoren wie der „christliche Vergil und Horaz“ Prudentius (4. Jh.) verfassen auch dichterische Werke theologischen Anspruchs[33].

Die christliche Geschichtsschreibung [5] ist durch Orosius (4./5. Jh.) und Gregor von Tours (6. Jh.) repräsentiert.

Für den Grammatikunterricht in Sprache und Literatur waren besonders Leselisten konstitutiv. Auffällig an ihnen ist zunächst, dass sie nicht zwischen heidnischen und christlichen Schriftstellern unterscheiden. Auch eine Gewichtung, etwa nach „goldener“ oder „silberner“ Latinität, ist ihnen fremd. Wer es auf die Listen geschafft hatte, stand dort gleichberechtigt unter anderen. Es fehlte ein Bewusstsein für Epochenunterschiede (A3). Curtius (1993 [1948], 58-64) führt einige dieser Kanones an, unter denen von den heute als „klassisch“ wahrgenommenen lateinischen Autoren nur Cicero, Horaz, Vergil und Ovid zu finden sind. Und auch von diesen Autoren wurden längst nicht alle Werke gelesen. Horazʼ Œuvre war auf die Episteln, vor allem die Ars poetica, beschränkt; von Cicero las man vor allem philosophische Dialoge und das rhetorische Lehrbuch De oratore.

Stellvertretend für das Schicksal antiker Autoren im MA und in der Renaissance sollen hier mit Vergil (Publius Vergilius Maro, 70 – 19 v.Chr.) und Ovid (Publius Ovidius Naso, 43 v.Chr. – 17 n.Chr.) zwei Autoren ausführlicher behandelt werden, denen mit Blick auf die Romania, auch noch weit über den behandelten Zeitraum hinaus, eine herausragende Bedeutung zukommt.

Vergil

„What else indeed could (say) Virgil be other than what readers have made of him over the centuries?“, fragt Charles Martindale (1993, 10) und vermittelt damit die Grundeinsicht, dass es den einen Vergil nicht gibt. Es wäre vielmehr angemessen, von Vergil im Plural zu sprechen[34], um der großen Zahl an Autorbildern gerecht zu werden, die seit der Antike konstruiert und tradiert wurden. Denn Vergil war in den über 2000 Jahren seiner Rezeption vieles für viele[35].

Schon zu Lebzeiten Vergils wurden seine Werke (Bucolica = Eklogen, 10 Hirtengedichte; Georgica, Lehrgedicht über Landwirtschaft; Aeneis, Epos über die Irrfahrten des Aeneas und seine Ankunft in Latium, von wo aus das Imperium Romanum seinen Ursprung nahm) in den Schulkanon aufgenommen und somit Gegenstand einer breiten Kommentierung, deren bekannteste spätantike Vertreter Donat(us) und Servius sind[36]. Die christliche Auslegung (interpretatio Christiana) der 4. Ekloge, die die Ankunft eines heilbringenden Knaben prophezeit und somit ein christliches Anschlusspotential aufweist, wurde zu Beginn des 4. Jh. n. Chr. von Kaiser Konstantin legitimiert. Dadurch wurden Vergils Werke vor Angriffen durch Feinde paganer Literatur geschützt. Autoren wie Laktanz, Eusebius, Augustinus und Prudentius betrachteten Vergil als Vorbereiter des Christentums. In der Spätantike gab es laut der Historia Augusta sogar den Brauch, Verse aus Vergils Werken allgemein als Orakelsprüche (sortes Vergilianae) zu deuten. Trotz der offiziellen Christianisierung seiner Schriften blieb Vergil als Heide der Eintritt ins Paradies verwehrt, wie in Dantes Divina Commedia nachzulesen ist. Dort tritt Vergil aber nicht nur als Figur, als Führer Dantes durch Inferno und Purgatorium auf, sondern ist mit der im 6. Buch seiner Aeneis geschilderten Unterweltsfahrt zugleich stilistisch-motivisches Vorbild[37]. In seiner Divina Comedia versammelt Dante (1265-1321) die Heroen sowie die geistige Elite der Antike im ersten Höllenkreis, auch Limbo genannt (vgl. Inf. 4). Wie die Seelen ungetauft verstorbener Säuglinge müssen sie als ‚Zufrühgeborene‘ hier ihr postmortales Dasein fristen, da ihnen die göttliche Gnade nicht zuteil wurde. Allerdings ist ihr Aufenthaltsort auffällig als „quasi-Virgilian Elysian Fields“[38] beschrieben. Besonders hervorgehoben unter den Alten werden die Dichter Homer, Vergil, Horaz, Ovid und Lucan, unter denen Dante derart willkommen ist, dass er sich als sechster in diesen Weisheitsbund einreiht: „sì chʼio fui sesto tra cotanto senno“ (Inf. 4,102). Im Gegensatz zu seinen Vorgängern schreitet die Figur Dante auf seiner Jenseitsreise, zunächst unter Führung Vergils, der jedoch beim Eintritt ins Paradies von Beatrice abgelöst wird, weiter voran. Dante inszeniert in Inf. 4 also seine Verortung in der Tradition und deutet gleichzeitig deren Überbietung an.

Autor, Werk und historische Person sind im Rezeptionsprozess untrennbar miteinander verbunden, und häufig ist es das anekdotische Wissen um das Leben Vergils, welches das Bild des Autors bestimmt und welches literarisch verarbeitet wird. Nur so ist es zu erklären, dass Vergil Zauberer, Liebhaber, christlicher Prophet und Musterautor zugleich sein konnte. Im MA blühte die Legendenbildung um den römischen Dichter so stark, dass der Zauberer Vergil bekannter als der Autor war[39]. Dabei waren solche Erzählungen besonders beliebt, die in Verbindung zu Neapel oder Rom stehen und Vergil als Beschützer der Städte darstellen, oder die ein satirisches Potential haben, wie etwa die Geschichte vom ‚Vergil im Korb‘: Der alte Dichter verliebt sich in die Tochter Neros; sie lässt nachts einen Korb von ihrem Turm herunter, den er nackt besteigt. Statt ihn zu sich heraufzuziehen, lässt sie ihn auf halber Höhe hängen und gibt ihn am nächsten Tag dem Spott preis. Kritischer, aber in ähnlicher „Ventilfunktion“ gegenüber dem übermächtigen Vorbild agierend, sind die antiken obtrectatores Vergilii (Gegner Vergils), die polemische Traktate wie die Aeneidomastix (Aeneisgeißel) oder die Homoiotetes (Ähnlichkeiten) verfassten: „[M]iscontruing Virgil’s profound traditionality, they attempted to demonstrate his lack of originality by collecting what they called his furta, “thefts”, from earlier authors.”[40].

Aufgrund ihres Alters und ihrer Vielzahl lässt sich die handschriftliche Überlieferung von Vergils Werken nur mit einem Werk vergleichen: der Bibel. Von Vergil haben wir heute über 1000 Manuskripte, wobei die Gesamtzahl sehr viel größer gewesen sein dürfte, bedenkt man den Zeitraum von 1500 Jahren zwischen der ersten Veröffentlichung im antiken Rom und den ersten Drucken[41]. Für einen mittelalterlichen und rinascimentalen Leser war Vergils Werk größer als die kanonische Trias aus Bucolica, Georgica und Aeneis. Ein solcher Leser hätte, ohne zu zögern, die Appendix Vergiliana (auch Catalepton von griech. katá leptón ‚in feiner Art verfasste Gedichte‘; Sammlung von 18 kurzen Gedichten) sowie einige Epyllien (Kurzepen) wie etwa den Culex (Die Mücke) zu den Werken Vergils gezählt. Heute als pseudo-vergilisch (oder als Jugendwerke) bewertet und kaum gelesen, prägten sie bis in die frühe Neuzeit das Autorbild Vergils. Gleichwohl setzte die Verengung auf die drei o.g. Werke schon mit einem Epitaph (Grabinschrift) ein, das in der Vita Donatiana (eine unter Donats Autorschaft überlieferte Vergil-Biographie) enthalten ist: Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc / Parthenope; cecini pascua, rura, duces – Mantua brachte mich hervor, Kalabrien hat mich geraubt, nun hält mich Neapel; ich besang Weiden (= Bucolica), Felder (= Georgica) und Herrscher (= Aeneis). Ultimativ affirmiert wurde die Dreizahl mit der rota Vergilii, dem ‚Rad des Vergil‘, durch das Johannes de Garlandia (1195-1272) an den drei Hauptwerken Vergils die normative Verbindung von Gattung, Stoff und Stil veranschaulicht hat. Damit wurde der hierarchische Rahmen literarischen Schaffens und seiner Beurteilung bis ins 18. Jh. gesetzt: Je nach Gattung ist die Figurenkonstellation, das Thema und die Ausdrucksweise genau festgelegt[42].

Eine anschauliche Darstellung der drei Hauptwerke mit den ihnen zugeschriebenen Charakteristika findet sich in der wohl bekanntesten Vergil-Handschrift, dem Codex Ambrosianus, dessen Titelblatt Simone Martini für den berühmten Besitzer des Buches schuf: Francesco Petrarca[43]. Neben den drei figurierten Hauptwerken ist Vergil dort als poeta laureatus mit dem Dichterlorbeer, einer antiken Auszeichnung für Dichter, zu sehen (im MA wurde die Tradition der Dichterkrönung wiederaufgenommen). Eine fünfte Person macht Vergil für den Betrachter sichtbar,indem sie einen Vorhang zur Seite zieht. Bei dieser Figur handelt es sich um den Vergil-Kommentator Servius. In der Spätantike entstanden, wurde sein Kommentar ab 1471 selbstständig publiziert und in zahlreichen Ausgaben mit anderen Kommentaren abgedruckt (u.a. 1488 in Florenz mit den Kommentaren von Donat und Cristofero Landino; auch J. Badius Ascensius veröffentlichte Servius). Eng mit der Kommentierung verbunden ist die allegorische Auslegungspraxis, die schon früh auf Vergils Aeneis angewendet wurde (vgl. die Expositio Vergilianae continentiae secundum philosophos moralis des Planciades Fulgentius) und im MA bekannt war. Indem Bernardus Silvestris (11./12. Jh.) die Aeneis auf die Entwicklung des Menschen bezog und damit Fulgentius folgte, ordnete er den ersten fünf Büchern die menschlichen Altersstufen zu: infantia (Kleinkindalter), pueritia (Kindheit), adolescentia (Heranwachsen), iuventus (Jugend), aetas virilis (Mannesalter). Das sechste Buch (Ende der ersten ‚odysseischen‘ Werkhälfte; die Bücher 7-12 erzählen von den Kämpfen in Latium nach dem Vorbild der Ilias) mit dem discensus (Abstieg, griech. Katabasis) in die Unterwelt symbolisiert schließlich die Überwindung aller Leidenschaften. Solche Lesarten waren Petrarca und Boccaccio vertraut und wurden auch vom Florentiner Neuplatoniker Cristofero Landino gepflegt. Dieser weist der Vergil-Allegorese eine grundsätzlich ethisch-moralische Bedeutung zu:

    • Maro [=Vergilius] cum ad summum bonum perducere hominem velit, ita Aeneam instituendum curat, ut primo vitia omnia edoceat, deinde illis expiatum ad campos elysios perducat. Cognita enim vitiorum turpitudine eorum odium nos irrepit, quae quidem prima omnino sapienta est.[44]

Häufig wurden solche ‚Leseanweisungen‘ den Texten in den Ausgaben vorangestellt. So auch in der ersten vollständigen Übersetzung der Aeneis in italienische Prosa (vor 1340) von Ciampolo di Meo degli Ugurgieri, der den einzelnen Büchern jeweils sog. argomenti (allegorische Inhaltsangaben) vorausschickte. Auch in Frankreich und Spanien übertrug man das Epos zuerst in Prosa (Guillaume Leroy bzw. Enrique de Villena). Im 16. Jh., dem „goldenen Jahrhundert der Vergil-Übersetzungen“[45] erschienen dann die ersten Versversionen.[46]

Vergils Aeneis wurde nicht nur übersetzt, sie wurde auch „zu Ende geschrieben“. Der abrupte und ambivalente Schluss des 12. Buches (Aeneas tötet seinen Rivalen Turnus, obwohl dieser besiegt am Boden liegt.) hatte schon in der Antike Anlass zu Spekulationen gegeben, dass es sich bei der überlieferten Form um ein Fragment handeln könnte[47]. Mit dem 13. Buch hat Maffeo Vegio (1407-1458) ein lateinisches Supplement geschaffen, das dem Epos ein ‚Happy End‘ verschafft: Turnus wird bestattet, Aeneas heiratet die Tochter des Latinerkönigs Lavinia[48]. Am Ende steht die Apotheose (Vergöttlichung) des Aeneas. Aufgrund seiner großen Beliebtheit wurde das Supplement vielen Vergil-Ausgaben hinzugefügt (die gebundene Reclam-Ausgabe enthält es noch heute).

Auch wenn alle Werke Vergils in der romanischen Literatur stark nachgewirkt haben – Petrarca schrieb 12 lateinische Eklogen, Sannazaro belebte den Arkadienmythos neu, und die Erzählung von Orpheus und Eurydike aus dem 4. Buch der Georgica bot den Stoff für Monteverdis Oper Orfeo, um nur einige Beispiele zu nennen –, ist die Wirkung der Aeneis doch am stärksten. In ihr sahen Verfasser von Poetiken wie Marco Girolamo Vida mit seiner Schrift De arte poetica (1527) oder J. C. Scaliger mit seinen Poetices libri septem (1561) das perfekte antike Epos, welches es nachzuahmen galt (imitatio-Prinzip). Doch nicht nur sprachlich-formal, auch inhaltlich war die Aeneis für die Romania attraktiv, konnte sie in ihr doch „das Hohe Lied auf Roms Größe und seine welthistorische Mission“[49] sehen. Immer wieder hat es unter den Dichtern Versuche gegeben, dem eigenen Land ein Nationalepos in direkter Vergilnachfolge zu schenken. Petrarca sah in seiner unvollendet gebliebenen, lateinischen Africa sogar sein Hauptwerk, das vom Sieg Scipios über Karthago handelt. Auch Pierre de Ronsards Epos über Francus, den Stammvater der Franken und Franzosen, blieb unvollendet: Die ersten (und einzigen) vier Gesänge der Franciade wurden 1572 eilig herausgegeben, nachdem der Portugiese Luís de Camões im selben Jahr seine Lusiaden (Os Lusíadas) veröffentlicht hatte. Letztere hatten (und haben bis heute) als einziges romanisches Nationalepos Bestand. Wie Aeneas die römische Herrschaft begründet hat, so begründet Vasco da Gama, der große Entdecker und Protagonist der Lusiaden (Lusitania lat. für Portugal), das portugiesische Kolonialreich. Dabei werden die Geschehnisse wie in der Aeneis, aber auch wie in Homers Epen nicht nur auf menschlicher, sondern auch auf göttlicher Ebene verhandelt: Venus steht auf der Seite der Portugiesen, Bacchus dagegen unterstützt ihre Feinde. Ronsard hingegen entnimmt seinen Stoff einer mittelalterlichen Legende, die zu Beginn des 16. Jh. in zwei Werken ausgestaltet wurde: Jean Lemaire de Belgesʼ Illustrations de Gaule et Singularité de Troie und Johannes Trithemiusʼ De origine gentis Francorum compendium. Lemaire zufolge hat Hektor (Sohn des Priamos und älterer Bruder des Paris) entweder zwei Söhne gehabt (Astyanax und Francus) oder habe Astyanax seinen Namen in Francus geändert, sich am Rhein (Xanten) bzw. in Gallien niedergelassen und an der Seine die Stadt Troyes gegründet bzw. die Stadt Lutetia zum Andenken an seinen Bruder Paris umbenannt. Besonders auffällige thematische Parallelen zu Vergil bieten das 2. und 4. Buch der Franciade (vgl. Buch 4 und 6 der Aeneis). Zu verschiedenen Zeiten beanspruchen auch andere Nationen, Herrschaftsgebiete und Fürsten die Trojalegende als Gründungserzählung und Legitimation ihrer Macht.

Ein weiterer Umgang mit Vergils Werken ist das Zitatverfahren des Cento, welches schon um 200 n. Chr. mit der Medea des Hosidius aufkam, seinen Namen aber erst um 374 n. Chr. durch Ausonius’ Cento nuptialis (Hochzeitscento) erhielt. Der Werktitel rekurriert auf das griechische Lehnwort cento, was ‚Flickenteppich‘ heißt. Ein literarischer Cento besteht also aus ‚Textflicken‘, d.h. Versatzstücken eines bekannten Prätextes – oft handelt es sich um Werke Vergils –, die zu einem neuen Text zusammengefügt werden. Laut Ausonius besteht die Intention des Cento darin, „opusculum de inconexis continuum, de diversis unum, de seriis ludicrum, de alieno nostrum“ [50]). Ein weiteres bekanntes Beispiel für einen Cento ist der byzantinische Christus patiens (Christòs páschōn),der aus Homerstellen zusammengefügt ist.

Die spielerische Rekombination von Vergilzitaten kann sehr komplex werden, wie z.B. bei Pietro Aretino (1492-1556). Dieser versetzt die Dido-Tragödie aus Vergils viertem Aeneisbuch in die Zeit des Sacco di Roma (1523). Über die zeitliche Transposition hinaus nimmt er eine stilistische Absenkung vor, indem er die tragische Geschichte der karthagischen Königin von der Prostituierten Nanna erzählen lässt, die ihrer Tochter Pippa eine Lektion über die Männer erteilen möchte[51]. Pippa erkennt die antike Quelle der Erzählung und ruft aus: „Mi pareva che tutta Roma gridasse a la strangolata: « Pippa, o Pippa, tua madre ladroncella ha furato il quarto di Virgilio! ».“ Doch die angeklagte Mutter gibt sich gleichgültig: „Che domin so io chi cotestui si sia? Ma senza intendere altro, egli debbe essere un badalone, lasciandosi tòrre il quarto di se stesso.“ Verschwiegen wird, dass Aretino ganze Passagen seines Dialogs aus der Aeneisübersetzung von Tommaso Cambiatore plagiiert hat [52]. Nicht aus Vergils lateinischem Epos wird zitiert, sondern aus einer zeitgenössischen volgare-Übersetzung.

Ovid

Neben Vergil zählt Ovid zu den kanonischen, im Mittelalter meistgelesenen Autoren der römischen Antike[53] und hat die romanische Kultur in besonderer Weise geprägt. Anders als Vergil wird Ovid jedoch von Anfang an „zwiespältig“[54], d.h. selektiv rezipiert und wirkt zu allen Zeiten polarisierend; eine umfassende Anerkennung wird ihm erst im späten Mittelalter zuteil, auch wenn wesentliche Teile seines Werks dem frühen Mittelalter durchaus bekannt gewesen sein dürften. Doch „fällt der Höhepunkt der Einwirkung Ovids weder in das heidnische Altertum noch in die spätantike Epoche, in der das Christentum die pagane Religion besiegt, aber noch nicht ganz ausgerottet hatte. Es mussten noch viele Jahrhunderte vergehen, bis die ovidische Einfluss zu voller Geltung kam, in einer durch und durch christianisierten Welt“[55].

Publius Ovidius Naso, obgleich hochgeachtet für seine Dichtkunst, stilistische Eleganz und Luzidität, fällt aus nicht restlos geklärten Motiven beim römischen Kaiser Augustus in Ungnade und verbringt den Rest seines Lebens bis zu seinem Tod an der Schwarzmeerküste in der Verbannung. Ovids literarisches Schaffen lässt sich grob in drei Phasen gliedern. In seiner Jugend glänzt er vor allem mit erotischen Dichtungen[56], in die mittlere Lebensphase fallen die beiden Werke besonderer poetischer Meisterschaft,[57] und im Exil schließlich verfasst er, in der nie aufgegebenen, doch vergeblichen Hoffnung auf eine Rückkehr nach Rom, elegische Werke und Briefe autobiographischer Prägung (Tristia, Trauerlieder; Epistulae ex Ponto).

Die hohe literarische Kunstfertigkeit steht bei Ovid im Gegensatz zur (erwarteten) moralischen Integrität seiner Dichtung. Hatten Teile seines Werks schon im augusteischen Rom Anstoß erregt (vgl. Ovids eigene Rechtfertigungen für die Ars amatoria, Ov.trist. 2,1,211ff.), so nimmt sich die Lektüre Ovids im christlichen Mittelalter geradezu als problematisch aus. Hier stoßen die erotischen Schriften, ebenso wie die später um so wirkmächtigeren Metamorphosen, zumeist auf Ablehnung (vgl. Hausmann 1996, 153), und nur vereinzelt stützen sich mittelalterliche Kleriker zunächst auf Ovid, wie etwa zu beobachten bei Fortunatus Venantius, Bischof von Poitiers, im 6. Jh. oder bei Modoinus, Bischof von Autun, im 9. Jh., wobei Letzterer sich sogar den Beinamen Naso zulegt (vgl. Schmid 1959).

Die neuerliche Lektüre Ovids im Mittelalter wird insbesondere von der Karolingischen Bildungsreform angestoßen; in neuen Abschriften werden viele Werke des Poeten vor dem Untergang bewahrt, andere fallen allerdings auch christlichem Dogmatismus zum Opfer, zumal die Vorbehalte der Patristik gegen den Liebesdichter Ovid kaum Toleranz zulassen. Christliche Apologeten betreiben mit großer Vehemenz und Beharrlichkeit, u.a. unter Berufung auf alttestamentarische Bilderstürmerei (5. Mos 12,2f.), die systematische Demontage heidnischer Testimonien. Insbesondere die überbrachten Mythen der griechisch-römischen Antike mit ihren moralischen Verwerfungen (z.B. Ehebruchsgeschichten wie die Iovis adulteria) und sinnenbetonte Liebesdichtungen werden ausdrücklich verurteilt, abgewiesen oder verboten (so durch Konrad von Hirsau noch im 12. Jh.), später jedoch unter Zuhilfenahme aufwendiger allegoretischer Auslegungsverfahren bisweilen auch hermeneutisch umgedeutet und ins Christentum eingemeindet; nicht selten können so Leseverbote umgangen und tradierte Texte gerettet werden.

Steht der römische Dichter als anerkannte Autorität in Liebesdingen[58] einerseits im Ruf des Frivolen und Anzüglichen, so weist ihn gleichwohl andererseits sein vollkommener Stil als Musterautor aus, der spätestens ab der Mitte des 11. Jh.s, mit der v.a. französischen Blüte der Kathedralschulen, als Schulautor, insbesondere als sprachlich-stilistisches Modell, breite Anerkennung findet. Listen der Schullektüren dokumentieren ein anhaltendes Interesse an Ovids poetischer Sprache seit dem 9. Jh. (vgl. etwa Remigius von Auxerre); kanonisiert werden schließlich auch die Erotika, oftmals legitimiert durch moralisierende Kommentare (so genannte Accessus ad auctores bzw., konkret, Accessus ad Ovidium). Mit der zunehmenden geistigen Öffnung und dem wachsenden Selbstgefühl des frühneuzeitlichen Menschen steigert sich die Popularität Ovids schließlich derart, dass der Altphilologe Ludwig Traube im Rückblick das 12.-13. Jh. nach dem Dichter „aetas Ovidiana“ nennt.

Eine grundsätzlich positive Bewertung, wenn auch deutlich verhaltener als Vergil gegenüber, erfährt Ovid durch Dante Alighieri (Inf. 4,88-90). Ausgehend vom italienischen Renaissancehumanismus, wird der römische Autor eine außerordentlich reichhaltige und variantenreiche Rezeption und Anverwandlung erfahren, die sich insbesondere an den lange Zeit verdrängten Mythenerzählungen der Metamorphosen entzündet. Neben lateinischen Moralisierungen und Kommentaren wie den Integumenta super Ovidium Metamorphoseos des Johannes de Garlandia (13. Jh.) oder den Allegorie Librorum Ovidii Metamophoseos des Giovanni del Virgilio (1321-23) entstehen ab dem 14. Jh. erste volkssprachliche Übersetzungen (volgarizzamenti) des Werks: Dichter wie Giovanni Bonsignori (Ovidio Metamorphoseos Vulgare, um 1375), Niccolò degli Agostini (Di Ovidio le Metamorphosi cioe Trasmvtationi, 1522), Lodovico Dolce (Le transformationi, 1553), Gabriello Symeoni (La Vita & Metamorfoseo d’Ovidio, Figurato & abbreuiato in forma d’Epigrammi, 1559), Giovanni dell’Anguillara (Le Metamorfosi d’Ovidio Ridotte [...] in ottaua rima, 1561) übertragen das Werk unter Aufwendung unterschiedlichster Formensprachen in die italienische Volkssprache und vereinnahmen Ovid zunehmend als Kompatrioten und Zeitgenossen. Baldgelangen die Metamorphosen auch in Frankreich und Spanien zu neuer Blüte in volkssprachlichen Übertragungen (Bible des poëtes, anonym 1493; Le grãd Olympe des Histoires poetiques dv prince de Poesie Ovide Naso en sa Metamorphose, 1532; Clément Marot/Barthélemy Aneau, Les trois premiers livres de la Métamorphose d’Ovide, 1543; François Habert, Les Quinze Livres de la Metamorphose d’Ovide interpretez en Rime Françoise, 1549; Barthélemy Aneau, La Metamorphose d’Ovide figvree, 1557. – Jorge de Bustamante, Las transformaciones de Ovidio en lengva española, vor 1541; Pedro Sanchez Viana, Las transformaciones de Ouidio, 1589). Aber schon der kastilische König Alfons X. bezeichnet die Metamorphosen als „Bibel der Heiden“ (Munari 1960, 23). Zuerst in Frankreich entstandene christlich-moralisierende Deutungen des Werks (Petrus Berchorius, Ovidius moralizatus; Anonymus, Ovide moralisé, 14. Jh.)[59] werden nachweislich auch in Spanien rezipiert und übersetzt (Morales de Ovidio, 1435-1445). Insbesondere auf die Ars amatoria beruft sich im Spanien des 14. Jh.s der Kleriker Juan Ruíz in dem nachhaltig bekannten Libro de buen amor, das sich als gelehrte und parodienreiche erotische Autobiographie gibt und sich voraussetzungsreich in die philosophisch-theologische Debatte zwischen Averroismus und Scholastik über die Rolle der Sexualität in der Natur des Menschen angesichts seines Gottesbezugs einschaltet. Ovid lebt schließlich in epigrammatischer Verdichtung fort und wird als Spender von Welt- und Lebensweisheiten in Sentenzen hochgeschätzt und als „Ovidius ethicus“ verehrt.

Die Antike findet natürlich nicht nur in der Übernahme von Themen, die Vergil und Ovid behandelt haben, ihre Fortsetzung im volkssprachlichen Schrifttum des Mittelalters. Sogar ein philosophisches Werk der Spätantike, die Consolatio philosophiae von Boethius (480–524), hat ihre mittelalterlichen Reflexe. Das erste überlieferte altprovenzalische Werk, das 257 dekasyllabische Verse umfassende Fragment des Boeci, das auf etwa 1000 n. Chr. zu datieren ist, stellt eine Umarbeitung der Tröstung dar, die die personifizierte Philosophie dem zum Tode verurteilten Autor zu den Themen Glückseligkeit und Vorsehung angedeihen lässt. Der provenzalische Text ist keineswegs eine Übersetzung der Consolatio, sondern ein Zusammenfügung einer Boethius-Vita (1–157) mit einer freien Bearbeitung des philosophischen Textes, der von einer donzella (160; 244), die als bella ’s la domna (170; 176; 243) mit einem allegorischen Gewand auftritt, vorgetragen wird.

Antike Literatur und die Stoffkreise der Erzählliteratur

Im volkssprachlichen Schrifttum des französischen Mittelalters findet die Antike vor allem in charakteristischen Stoffkreisen der Erzählliteratur eine Fortsetzung. Fritz Nies (2009, 10) stellt zumindest für das französische Mittelalter ab ca. 1140 richtig, dass eine rege volkssprachliche Übersetzungstätigkeit sehr wohl für die Überlieferung einer ganzen Reihe von Autoren der heidnischen Antike gesorgt habe; er nennt exemplarisch in alphabetischer Ordnung: Avian, Caesar, Cicero, Quintus Curtius Rufus, Dares, Frontinus, Flavius, Josephus, Justinian, Gaius Laelius, Titus Livius, Lucanus, Ovid, Seneca, Solinus, Valerius Maximus, Flavius Vegetius und Vergil. Wenn der Dichter Jehan Bodel die antiken Themen aus der Warte des ausgehenden 12. Jhs. rückblickend und in Abgrenzung von der „matiere de France“ (dem Stoffkreis der Chansons de geste) und der „matiere de Bretagne“ (dem keltisch-bretonischen Sagenkreis) als „matiere de Romme“ bezeichnet, so meint er damit das zunehmende Interesse an Stoffen und Figuren der literarischen und historiographischen Überlieferung des Altertums.[60] Der Rekurs auf Rom kennzeichnet nicht nur das römische Altertum, das im lateinischen Schrifttum fortlebt, sondern impliziert auch lateinisch vermittelte griechische Quellen. Der so genannte Antikenroman (roman antiquisant) – die Bezeichnung „Roman“ hebt nicht die Gattung, sondern vielmehr die volkssprachliche (romanische) Varietät hervor, in der diese Versdichtungen verfasst sind – richtet sich mit didaktischen Zielen an eine gebildete, geschlechtsübergreifende Leserschaft, wie sie am Hofe des englischen Königs Heinrich II., einem wichtigen kulturellen Zentrum der Zeit, anzutreffen ist. Dessen Gemahlin Eleonore von Aquitanien ist etwa der Roman de Troie (um 1160-65) gewidmet, dessen Rückgriff auf überlieferte Berichte vom Trojanischen Krieg für den König zugleich die politische Funktion der dynastischen Legitimation erfüllt, indem er eine genealogische Linie von den trojanischen Helden bis zum englischen Königshaus konstruiert. Auch die beiden anderen bedeutenden Antikenromane des französischen Mittelalters, der Roman de Thèbes (um 1152-54) und der Roman d’Enéas (um 1155-60), entstammen dem anglo-angevinischen Königshof.

Im Antikenroman findet die Kultur der Kathedralschulen ihren Niederschlag, deren hoch gebildete Absolventen ihre Dienste nicht mehr allein der Kirche anbieten, sondern ihr Wissen um bedeutende Texte des klassischen Altertums und deren Kommentare oftmals an den Feudalhöfen verbreiten: „Qui sages est nel deit celer, / Ainz por ço deit son sen monstrer“, heißt es im Roman de Thèbes (V. 1f.).

Die zum Schauplatz des Geschehens volkssprachlicher Antikenromane erhobene römische und griechische Antike wird von diesen Autoren jedoch in aktualisierter Weise dargestellt und in freier, anachronistischer Anverwandlung ins 12. Jh. transponiert, d.h. sie begegnet der zeitgenössischen Feudalgesellschaft gleichsam als Spiegel und entfaltet für ihre Repräsentanten ein reiches Identifikationspotential (A3). So verlegt etwa der anonyme poitevinische Verfasser des Roman de Thèbes die antike Sage vom tragischen Bruderzwist zwischen Eteokles und Polyneikes, die Ödipus dem Mythos nach mit seiner Mutter zeugte, in die kriegerische Wirklichkeit der mittelalterlichen Heldenepik. Der Text geht auf die Thebais des römischen Autors Publius Papinius Statius (1. Jh.) zurück. Weniger leicht als die Übertragung der Kampfszenen gelingt dem mittelalterlichen Bearbeiter die Darstellung der Liebesthematik, für die er noch verhältnismäßig viel Zurückhaltung zeigt. Mythische Bezüge weichen der moralisierenden Deutung.

Nach Vergils literarischem Helden benannt ist der in den frühen 1160er Jahren entstandene Roman d’Énéas, der sich an zwei klassischen Hauptwerken orientiert: Nachempfunden ist er nicht nur Vergils Aeneis, sondern in Teilen auch den Metamorphosen Ovids. An dessen Einfluss mag es liegen, dass der Text als erster französischer Liebesroman gilt[61]; die darin gleichwohl ebenfalls breiten Raum einnehmenden Kampfschilderungen werden zumindest durch ein spürbares Interesse an der Beschäftigung mit der Liebe relativiert; wenig später wird sie sich im höfischen Roman zum zentralen Handlungselement entwickeln. Die Übertragung der antiken Elemente in die mittelalterliche Feudalwelt lässt den Helden Aeneas als einen auf Abenteuerfahrt befindlichen Ritter erscheinen, der zwischen der Leidenschaft zu Dido und der zarten Liebe zu Lavine (Lavinia) schwankt und am Ende, in Anlehnung an die Romgründung nach Vergil, ein Königreich erwirbt: Amour und Chevalerie gehen dabei eine literarisch wirkmächtige Verbindung ein.

Der Rückgriff auf den trojanischen Sagenkreis ist durchaus auch ein Politikum. Er verweist auf das Bestreben der mittelalterlichen Fürsten, ihre eigene Herrschaft durch konstruierte Genealogien zu nobilitieren und zu legitimieren. Angesichts des im Mittelalter von literarischen Werken nicht trennscharf differenzierten historiographischen Schrifttums ist eine Verbindung zum antiken Troja schnell hergestellt. Der um 1165 entstandene, mehr als 30.000 Paarreime umfassende Roman de Troie stammt nicht zufällig aus der Feder des Benoît de Sainte-Maure, der als Geschichtsschreiber am Hofe Heinrichs II. dem englischen König dient. Da die Werke des erst viel später wiederentdeckten griechischen Dichters Homer dem 12. Jh. noch verstellt sind, greift der Autor in seinem Bericht von der Eroberung Trojas im Krieg mit den Griechen vielmehr auf lateinische Quellen der Spätantike zurück: Zu nennen sind, natürlich neben den Abschnitten aus Vergils Aeneis, die Ilias Latina sowie Dictys von Kreta (Ephemeris belli Trojani, 4. Jh.) und Dares Phrygius (De excidio Troiae historia, 6. Jh.), die sich als Augenzeugen des antiken Kampfs um Troja ausgeben. 

Einer der bedeutendsten Antikenromane im französischen Mittelalter ist der in mehreren Fassungen vorliegende Alexanderroman (Li romans d’Alixandre), benannt nach dem mazedonischen König, dessen Präsenz als literarische Gestalt der geographischen Ausdehnung seines legendären Weltreiches folgt. Fassungen in über 30 Sprachen vom nördlichen Skandinavien über China und Afrika bis hin zu einer rumänischen Version vom späten 18. Jh. nehmen das Thema auf[62].

Angesichts ihres weltgeschichtlichen Gewichts ist die Lebensbeschreibung Alexanders gleichsam ein Faszinosum für die Literatur, in der sich schon seit den frühesten Quellen historische Faktualität und märchenhaft-fabulöse Fiktion mischen. Ausgedehnte Feldzüge und Eroberungen, die Alexander den Großen binnen kurzer Zeit weit in unbekannte Regionen des asiatischen Kontinents hineinführen, gehen mit der Abenteuersuche als einem konstitutiven thematischen Merkmal des höfischen Romans eine gelungene Verbindung ein. Durch geographische Unkenntnis der Verfasser vermischen sich historische Schauplätze mit Mirabilia und sagenhaften und exotischen Orten der Phantasie, die wiederum auf jenen unbekannten Weltteil zurückprojiziert werden, mit dem man unter der Richtungsbezeichnung ‚Orient‘ vielfältige diffuse Vorstellungen verbindet. Alexanders Wissensdrang, oftmals bezogen auf schwer erklärliche Naturerscheinungen und phantastische Phänomene, offenbart ein grundsätzliches naturwissenschaftliches Erkenntnisinteresse in der Nachfolge des Aristoteles – der Philosoph ist als Lehrer des historischen Königs bekannt –, in dem jedoch auch der nach Augustinus sündhafte Wunsch nach scientia mitschwingt. So ist der Alexanderfigur das Umschlagen von Eroberungsdrang und Wissensdurst (curiositas) in Ruhmsucht und Selbstüberhebung (superbia) eingeschrieben, das im MA nicht nur Bewunderung auslöst. Warnrufe vor der Überschreitung gottgegebener Grenzen werden spätestens dann laut, wenn Alexander Babylon, wie Babel der Ort menschlicher Hybris par excellence, zur Hauptstadt seines Reiches erwählt. Andererseits legitimiert das Alte Testament (1. Makk 1-7) die Auseinandersetzung mit dem vorchristlichen Herrscher, dem eine wichtige Rolle im christlichen Weltbild zukommt. Indem nämlich die Antike als Vorgeschichte der mittelalterlichen Welt angesehen wird, die mit ihr in einer Kontinuitätsverbindung steht, hat sie wie diese teil an der christlichen Heilsgeschichte. Die theologisch begründete Vorstellung von der translatio imperii geht vor diesem Hintergrund von einer Weitergabe der Herrschaft aus, die durch die Tatkraft Alexanders von den Persern zunächst zu den Griechen, dann zu den Römern gelangt sei und aufgrund deren die Christianisierung der Welt überhaupt erst eingeleitet werden konnte.

Geprägt vom Geschichtsverständnis seiner Zeit war es für den nordfranzösischen Kleriker und Dichter Walter von Châtillon (Gautier de Châtillon, 12 Jh.) naheliegend, in seiner Alexandreis dem Alexanderstoff eine „heilsgeschichtliche Bedeutungsebene“ zu verleihen[63]: „Der […] Übergang vom persischen zum makedonischen Weltreich ist für Walter von Châtillon ebenso wie für jeden anderen mittelalterlichen Leser problemlos im Kontext göttlicher Vorsehung und zielgerichteter Heilsgeschichte deutbar“[64]. Vom volkstümlichen Alexanderroman grenzt sich Walter jedoch deutlich ab. Als Hauptquelle rekurriert er auf den römischen Historiker Curtius Rufus (vermutlich 1. Jh. n. Chr.), spart somit einige phantastische Episoden aus und konzentriert sich vor allem auf seine künstlerische Arbeit[65]. Es ist bemerkenswert, dass der mittelalterliche Dichter sein Werk auf Latein im Hexameter, dem klassischen Versmaß des Epos, verfasst und dadurch teils implizit, teils explizit den Vergleich mit Vergil sucht – 1200 Jahre nach dessen Tod. Nicht zuletzt der Titel seines Epos erinnert an die Aeneis. Ein weiteres Indiz dafür, wie präsent der antike Dichterfürst in Walters Denken stets gewesen sein muss, ist das Grabepigramm, das Walter möglicherweise selbst zu Lebzeiten in Anlehnung an dasjenige Vergils verfasst hat:

  • Insula me genuit, rapuit Castellio nomen,
  • Perstrepuit modulis Gallia tota meis.
  • (Lille hat mich hervorgebracht, Châtillon meinen Namen an sich gerissen.
  • Ganz Gallien hallte von meinen Liedern wider[66].)

Zumindest vorübergehend war Walter ein Triumph vergönnt, als die Alexandreis im 13. Jh. Vergils Aeneis als Schullektüre verdrängte und den Status eines Klassikers erlangte [67]).

Die Fixierung auf die Antike ist auch in Werken zu bemerken, die thematisch nichts mit ihr zu tun haben. Im Romanz de Floire et Blancheflor, einem der bekanntesten Romane des MA, der in vielen germani­schen Adaptationen und auch im spanischen Flores y Blancaflor und im italienischen Fiori e Biancifiori vorliegt und der im Filocolo von Boccaccio einen Niederschlag gefunden hat, haben wir es mit der normalen, auch auf die Antike zurückgehenden Romanstruktur zu tun, in der ein Mädchen und ein Junge gemeinsam aufwachsen, sich ineinander verlieben, durch mehrfache Trennungen und Wiederfindungen auf die Probe gestellt werden und schließ­lich eine glückliche Hochzeit und Ehe erleben. Die Liebe zwischen Blancheflor und Floire erwacht bei der gemeinsamen Lektüre von Ovids Ars amatoria: Cius livres les fist mout haster / dona lor sens d’aus entr’amer. Antike Literatur dient als Lebenshilfe und wirkt sich auch in Werken aus, die eigentliche keine antike Thematik haben.

Materielles Erleben der Antike

Den Dialog zwischen Antike und eigener Zeit hat kaum jemand so intensiv betrieben wie Petrarca (z.B. in seinen Briefen an Cicero oder Vergil). Doch empfindet und formuliert der ‚Vater des Humanismus‘[68] zugleich einen tiefen Graben zwischen der antiken und der eigenen Welt. Auf ihn geht die Einteilung in eine klassische, eine daraufhin abfallende barbarische Zeit und eine langsame Wiederkehr der idealen Zeit zurück[69]. Den in der Forschung immer wieder hervorgehobenen „Epochenschwellencharakter“[70] seines Wirkens hat Petrarca selbst formuliert: „Ego […] velut in confinio duorum populorum constitutus ac simul ante retroque prospiciens.“[71]Diese Haltung kann man mit einer Erfahrung in Verbindung setzten, die Petrarca in Rom machte. In Ep.Fam. 6,2,15f. ist nachzulesen, wie er mit dem Dominikaner Giovanni Colonna durch die antiken Ruinen der Stadt spazierte und dabei über Vergangenes und Gegenwärtiges diskutierte[72]:

    • Solebamus ergo, post fatigationem quam nobis immensa urbs ambita pepererat, sepius ad Termas Dioclitianas subsistere, nonnunquam vero supra testudinem illius magnificentissime olim domus ascendere, quod et aer salutaris et prospectus liber et silentium ac votiva solitudo nusquam magis. […] Et euntibus per menia fracte urbis et illic sedentibus, ruinarum fragmenta sub oculis erant. […] Multus de historiis sermo erat, quas ita partiti videbamur, ut in novis tu, in antiquis ego viderer expertior, et dicantur antique quecunque ante celebratum Rome et veneratum romanis principibus Cristi nomen, nove autem ex illo usque ad hanc etatem.[73]

Minutiös hat Petrarca in diesem Brief die Route des Spaziergangs festgehalten und dabei die einzelnen Stationen mit antiquarischem Wissen ausgeschmückt[74]. Neben den Ruinen in Rom war es vor allem das Sammeln antiker Texte, das die Antike für Petrarca materiell erlebar machte. Auch wenn er selbst des Griechischen nicht mächtig war, enthielt seine Bibliothek einen Kodex mit Homers Epen. Dessen Texte waren dem gesamten MA nur in vermittelter Form (etwa durch Vergil und Ovid) oder in stark gekürzter Form wie etwa der Ilias Latina (eine 5 Bücher umfassende lat. „Kurzform“ der 24 Bücher umfassenden Ilias) bekannt. Dennoch war Homer hoch angesehen[75], galt als Quelle der Weisheit und Ausgangspunkt der Dichtung: „Ohne Homer hätte es keine Aeneis gegeben; ohne die Hadesfahrt des Odysseus keine virgilische Jenseitsreise; ohne diese keine dantische.“[76]. Dante hatte Homer, ohne ihn jemals gelesen zu haben, als „poeta sovrano“ bezeichnet und mit einem Adler verglichen, der über den anderen Dichter schwebt: „che sovra li altri come aquila vola.“[77]. Zusammen mit Boccaccio bemühte Petrarca sich um eine lateinische Übersetzung Homers. Sie engagierten hierzu den Mönch Leonzio Pilato, welcher von 1360-62 in Florenz eine „mittelalterliche“ Übersetzung schuf, indem er Wort für Wort übersetzte, ohne Rücksicht auf den Stil Homers zu nehmen. Ernsthafte Versuche, die Ilias in lateinische Hexameter zu bringen, wurden erst im Quattrocento unternommen. So nutzte der junge Angelo Poliziano ab 1470 dieses Unterfangen zur poetischen Profilierung und übersetzte die Bücher 2, 3, 4 und 5 der Ilias, wobei sich die ersten beiden im Stil deutlich von den letzteren unterschieden[78]. Allgemein kann an Polizianos Texten abgelesen werden, wie sehr die Humanisten durch ihre Vergillektüren geprägt waren, sodass die Übersetzungen stilistisch eher an den lateinischen Epiker als an Homer selbst erinnern. Man las den griechischen Autor gewissermaßen durch die lateinische Brille Vergils, weshalb Homer in der Wertschätzung der Humanisten hinter seinem Imitator zurückstand.

Die Erwartungen an Textfunde (also dem Wiederfinden antiker codices z.B. in Klosterbibliotheken) war ebenso groß wie die an die lang ersehnte Lektüre Homers. Oft wurden sie zunächst enttäuscht, wie etwa, als Petrarca 1345 die privaten Briefe Ciceros an dessen Freund Atticus fand. Das Bild, welches man sich von der Antike gemacht hatte, stimmte immer weniger mit den Textzeugnissen überein. So zeigen die epistulae ad Atticum eine ganz andere Seite des römischen Redners, Politikers und Schriftstellers, den Petrarca als Vorbild verehrte. In dem privaten Tonfall und Inhalt der Atticus-Briefe fand Petrarca schließlich aber eine Legitimation für seine eigene Korrespondenz, in der er häufig Privates und allgemein Moralisches miteinander verband (berühmtestes Beispiel Ep. Fam. 4,1 über die Besteigung des Mont Ventoux in der Provence 1336, welche als Allegorie eines spirituellen Aufstiegs gestaltet ist).

Eine weitere tiefgreifende Wiederentdeckung machte 1418 der Humanist und ‚Bücherjäger‘ Poggio Bracciolini, als er einen Text von Lukrezʼ De rerum natura (Über das Wesen der Welt, Lehrgedicht in 6 Büchern) fand[79]. Der lateinische Autor des 1. Jh. v. Chr. hatte in ‚süßen‘ Versen die ‚bittere‘ Thematik der epikureischen Physik und Atomlehre dargestellt. Das Bild der Dichtung als eines mit Honig bestrichenen Bechers, der die Einnahme einer bitteren Medizin versüßen soll (Lukrez I,933-50), wurde im Cinquecento wiederholt aufgenommen, am prominentesten von Torquato Tasso[80] im Proöm zur Gerusalemme liberata (1581): „Così a lʼegro fanciul porgiamo apersi / di soavi licor gli orli del vaso: / succhi amari ingannato intanto ei beve, / e da lʼinganno suo vita riceve.“ Im Zuge der Gegenreformation mit ihren rigiden Zensurmaßnahmen wird der Lukrez-Text verdächtig, da er in der Propagierung der epikureischen Philosophie und ihrem anti-providentialem Materialismus Lehren vertritt, die dem Christentum entgegenstehen. Auch die explizite Behandlung von Liebe und Sexualität (etwa Buch 4) dürften der Kirche missfallen haben. Dennoch wird der Text weiter gelesen, was mit einer Selbst-Zensur der Interpreten zu erklären ist, die sich eines „dissimulatory code“ bedienen, um der kirchlichen Zensur zu entgehen[81]. Nach Prosperi (2007,217) gab es eine Lesergruppe, die Lukrez relativ frei rezipieren durfte, nämlich diejenige der Mediziner. So bezieht sich Girolamo Fracastoro in seinem Lehrgedicht über die Syphilis (Syphilis sive Morbus Gallicus, 1530) deutlich auf die von Lukrez geschilderte Seuche unter den Athenern.

Fazit und Ausblick

Werden die antiken Werke zunächst vor allem als Wissensspeicher geschätzt und als Mittel zum Zweck, nämlich zum Spracherwerb im Grammatikunterricht gelesen und verbreitet, ist bald eine Öffnung des Rezeptionsvorgangs zu beobachten, der sich in einer produktiven imitatio seitens der nachantiken Schriftsteller äußert: Transformationen der Antike zeigen sich z.B. in der Christianisierung der antiken Literatur oder deren Gebrauch zu Legitimationsstrategienvon Herrschaftsansprüchen. Festzuhalten ist, dass, obwohl uns viele der vorgestellten Lesarten heute fremd erscheinen mögen, sie größtenteils einem Ziel folgten: die antike Literatur als lesbar zu erhalten. Denn trotz aller ideologischer, religiöser und sozialer Unterschiede wird die Antike in so starkem Maß als vorbildlilch empfunden, dass es literarische Innovationen schwer hatten.

Eine vollständige Revision des Antikeparadigmas erfolgt erst im 17. Jh. Offiziell eröffnet Charles Perrault am 27. Januar 1687 die Querelle des Anciens et des Modernes, als er in der Académie française sein Gedicht Le siècle de Louis le Grand vortägt[82]. Die Relativierung der Antike im Hinblick auf das grundsätzlich gleiche Leistungsvermögen der Modernes führt Perrault später systematisch und auf verschiedene kulturelle Bereiche bezogen in seiner Parallèle des anciens et des modernes en ce qui regarde les arts et les sciences aus[83]. Doch schon Alessandro Tassoni hatte 1620 im 10. Buch seiner Pensieri diversi einen Vergleich der ingegni antichi e moderni, der je nach Gebiet unterschiedlich ausfällt, vorgelegt. Überhaupt ist die Querelle kein genuin französisches Phänomen, wenngleich sie in Frankreich unter Ludwig XIV. politische Implikationen annimmt[84], die ihren italienischen Vorläufern fremd waren[85]. Neben diesen theoretischen Erwägungen wird die Querelle auch in literarischen Werke wie etwa der Eposparodie Tassonis[86] oder den burlesken Antiketravestien in Frankreich verhandelt (am bekanntesten Scarrons Le Virgile travesti, der auf die Eneide travestita Giovanni Battista Lallis zurückgeht).

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Stierle, Karlheinz (2003), Francesco Petrarca. Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts, Darmstadt: WBG.

Stok, Fabio (2010), The Life of Virgil before Donatus, in: A Companion to Virgil’s Aeneid and its tradition, ed. by Joseph Farrell and Michael Putnam, Chichester, 107 – 120.

Stroh, Wilfried (1969) (Hrsg.), Ovid im Urteil der Nachwelt. Eine Testimoniensammlung, Darmstadt: Wiss. Buchges.

Tagliavini, Carlo (1998), Einführung in die romanische Philologie, Tübingen: Francke.

Tilliette, Jean-Yves (1994), Savants et poètes du moyen âge face à Ovide: Les débuts de l’aetas Ovidiana (v. 1050 – v. 1200), in: Picone, Michelangelo/Zimmermann, Bernhard (Hrsg.), Ovidius redivivus. Von Ovid zu Dante, Stuttgart: M & P.

van Uytfanghe, Marc (2008), La communication verticale latine en Italie (VIe–VIIIe siècle), Turn­hout: Brepols, 127–135.

Vàrvaro, Alberto (2011), „Il DÉRom: un nuovo REW?“, in: Revue de Linguistique Romane 75, 297–304.

Warkotsch, Albert (1973),  Antike Philosophie im Urteil der Kirchenväter, München/Paderborn/Wien: Schöningh.

Witt, Ronald G. (2000), ‚In the Footsteps of the Ancients‘. The Origins of Humanism from Lovato to Bruni, Leiden/Boston/Köln.

Wulfram, Hartmut (2000), Explizite Selbstkonstituierung in der Alexandreis Walters von Châtillon, in Jan Cölln [Hrsg.], Alexanderdichtungen im Mittelalter: Kulturelle Selbstbestimmung im Kontext literarischer Beziehungen, Göttingen: Wallstein, 222-269.

Wulfram, Hartmut (2002), Der Übergang vom persischen zum makedonischen Weltreich bei Curtius Rufus und Walter von Châtillon. in: Ulrich Mölk (Hg.): Herrschaft, Ideologie und Geschichtskonzeption in Alexanderdichtungen des Mittelalters. Göttingen, 40-76.

Zabughin, Vladimiro (2000) [1921-23], Vergilio nel Rinascimento italiano da Dante a Torquato Tasso, a cura di Stefano Carrai e Alberto Cavarzere, 2 volumi, Trento.

Ziolkowski, Jan M./Putnam, Michael C. [Hrsg.] (2008), The Virgilian Tradition – The first fifteen hundred years, Yale 2008 [Anthologie schwer zugänglicher Texte samt englischen Übersetzungen].

Einzelnachweise

  1. Curtius 1993 [1948], 29
  2. Böhme 2011, 9
  3. Kramer 1998, 67
  4. Auerbach 1967, 21
  5. zum ganzen Sprachnamenkomplex Kramer 1998; 2007
  6. Riemer/Weißenberger/Zimmermann 1998, 158–202
  7. vgl. Kramer 2007, 20
  8. 2008, 109
  9. 2008, 109
  10. zu den Quellen Tagliavini 1998, 160–167; Kiesler 2006, 33–40
  11. Buchi/ Schweickard 2007
  12. Vàrvaro 2011; Kramer 2011
  13. Banniard 1997, 117
  14. Wright 1982, 310
  15. van Uytfanghe 2008, 132
  16. 2007, 535
  17. 1891, 392f.
  18. Kramer 1986, 162
  19. Eideneier 1999, 189
  20. Horrocks 1997, 362
  21. Kany 2007, 48
  22. Isid. orig. 9,1,3
  23. Berschin 1980, 31
  24. vgl. Namatianus Reisebeschreibung de reditu suo
  25. 2007, 684
  26. Pirson 1901, 1–114; Carnoy 1906, 17–214; Mihăescu 1978, 169–214; Herman 1990, 105–194
  27. Mihăescu 1978, 215–242; Galdi 2004, 1–371
  28. Adams 2007, 276–576
  29. Adams 2007, 731
  30. Adams 2007, 727
  31. Büchner 1968, 542
  32. vgl. Hausmann 1996, 153
  33. Büchner 1968, 531
  34. Burrow 1997
  35. Kallendorff 2007
  36. Tarrant 1997; Fowler 1997
  37. vgl. Jacoff 2010
  38. Baranski 2010, 250
  39. Ziolkowski/Putnam 2008, 829; Comparetti 1955 [1872]
  40. Most 2010, 965; Ziolkowski/Putnam 2008, 485ff.
  41. Geymonat 1995
  42. vgl. Abb., z.B. in Grewe 2009, 116
  43. Oster  2002, 89-93
  44. Disputationes Camaldulenses IV, zitiert nach Buck 1976, 168f.
  45. Buck 1976, 169
  46. Frankreich: Octavien de Saint-Gelais 1509; Louis Des Masures 1560; Italien: Lodovico Dolce 1568, Annibale Caro 1581; Spanien: Cristobal de Mesa um 1600
  47. vgl. O’Hara 2010
  48. Zabughin 2000 [1921], Bd. 1, 283
  49. Buck 1976, 166
  50. Glei 2006, 288f.
  51. vgl. Aretinos Dialogo nel quale la Nanna insegna alla Pippa le poltronerie de gli uomini inverso le donne
  52. Marangoni 1983
  53. vgl. Simonis 2013, NP s.v. Ovid, Sp. 722
  54. Klopsch 1999
  55. Munari 1960, 7
  56. Amores, knapp 50 Liebeselegien; Ars amatoria und Remediaamoris, Lehrgedichte über und gegen die Liebe; Heroides, fiktive Briefe mythischer Heroinen
  57. Fasti, römischer Festkalender; Metamorphosen, episches Gedicht über Verwandlungsmythen in 15 Büchern
  58. vgl. Simonis 2013, Sp. 723
  59. Vgl. dazu Ißler 2014)
  60. HIER BITTE QUELLENANGABE!
  61. vgl. Köhler 1985, 112
  62. vgl. Cölln 2000, 7
  63. vgl. Wulfram 2002, 40
  64. ebd., 73
  65. vgl. ebd., 47
  66. Wulfram 2000, 223
  67. Zur Nachwirkung der Alexanderthematik in der Romania (und der Germania vgl. Cölln 2000; Mölk 2002
  68. Witt 2000, 230
  69. vgl. Keßler 2004
  70. Hempfer 1993, 9; Ariani 1999
  71. Rerum memorandarum libri I, 19,4
  72. Stierle 2003, 264-270
  73. Petrarca 2007, 2, 790
  74. vgl. Mirabilia Romae, aber auch die römischen Historiker Livius, Florus, Suetonius dürfen seine Quellen gewesen sein
  75. vgl. Hölter/Hölter 2013
  76. Curtius 1993 [1948], 28
  77. Inf. 4,88; 96
  78. vgl. Rubinstein 1983
  79. Greenblatt 2011
  80. Prosperi 2004, 181-205
  81. vgl. Prosperi 2007,214
  82. Fumaroli 2001
  83. vierbändige Originalausgabe 1688-1696; Faksimile 1964
  84. Mayer 2012
  85. Fumaroli 2001, 26f.
  86. La Secchia rapita; 1622
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