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|ABSTRACT = MIRA-Handbuch, Artikel A3 "Zeitvorstellungen und Geschichtsbilder"
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|AUTOR = Anja Rathmann-Lutz, Hans-Werner Goetz, Barbara Ventarola, Sebastian Greußlich, Julien Bellarbre, Klaus Herbers, Georg Jostkleigrewe, Claudia Zey, Christoph Dartmann
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|STAND = 05.05.2014
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==Zeit- und Geschichtsvorstellungen==
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===Einleitung: Grundzüge der Zeit- und Geschichtsvorstellungen im lateinischen Früh- und Hochmittelalter (Hans-Werner Goetz)===
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Zeit- und Geschichtsvorstellungen des lateinischen Früh- und Hochmittelalters sind zwar nicht Romania-spezifisch, jedoch ein wichtiges Phänomen, das sich in vielen Zeugnissen des romanischen Raumes (und zwar keineswegs nur in der Geschichtsschreibung) niederschlägt.
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==== Zeitvorstellungen ====
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''a. Astronomische und soziale Zeit: ''Zeit, das wusste bekanntlich schon der Kirchenvater Augustin, ist ein ebenso selbstverständlicher wie schwierig zu beschreibender Begriff, den man nur erklären konnte, solange man nicht danach fragte:
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„Was scheint uns beim Reden vertrauter und bekannter gegenwärtig zu sein als die Zeit? [...] Was aber ist denn ‚Zeit’? Wenn mich niemand fragt, weiß ich es; soll ich es aber einem Fragenden erklären, so weiß ich es nicht.“<ref>Vgl. Augustinus, ''Confessiones'' 11,14,17, hg. Lucas Verheijen, CCL 27, Turnhout 1981, S. 202: ''Quid autem familiarius et notius in loquendo commemoramus quam tempus? […] quid est ergo tempus? si nemo ex me quaerat, scio; si quaerenti explicare uelim, nescio.'' Zu Augustins Zeitvorstellungen vgl. Flasch, Kurt (1993): ''Was ist Zeit? Augustinus von Hippo. Das XI. Buch der Confessiones. Historisch-philosophische Studie. Text ­­– Übersetzung – Kommentar'', Frankfurt a. M.; Corradini, Richard (1997): ''Zeit und Text. Studien zum tempus-Begriff des Augustinus'', Wien/München.</ref>
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Wesentliche Grundbedingungen von Zeit sind physikalisch-astronomischer Natur (‚natürliche Zeit‘): Der Zeitrhythmus in Jahren, Monaten und Tagen resultiert aus Sonnen- und Mondlauf. Physikalisch ist die Zeit gleichsam ein Naturgesetz, hat aber einen Anfang (den ‚Urknall‘) und ist durch Einsteins Relativitätstheorie zudem in ihrer Unveränderlichkeit erschüttert worden.
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Rhythmus und Saisonalität<ref>Vgl. Dilg, Peter/Keil, Gundolf/Moser, Dietz-Rüdiger (Hgg.) (1995): ''Rhythmus und Saisonalität. Kongreßakten des 5. Symposions des Mediävistenverbandes in Göttingen 1993'', Sigmaringen.</ref> bestimmen nun nicht nur den Zeitablauf, sondern auch das kirchlich-liturgische<ref>Vgl. Cristiani, Marta (1997): ''Tempo rituale e tempo storico. Comunione cristiana e sacrificio. Le controversie eucaristiche nell'alto medioevo'', Spoleto.</ref> und das soziale und wirtschaftliche Leben. Neben die astronomische tritt entsprechend, geisteswissenschaftlich entscheidender, die vom Menschen geschaffene ‚soziale Zeit‘:<ref>Vgl. Elias, Norbert (<sup>4</sup>1992): ''Über die Zeit'', Frankfurt a.M.; Zoll, Rainer (Hg.) (1988): ''Zerstörung und Wiederaneignung der Zeit'', Frankfurt a. M.; Weis, Kurt (Hg.) (1995): ''Was ist Zeit? Zeit und Verantwortung in Wissenschaft, Technik und Religion'', München. Zum Mittelalter: Gurjewitsch, Aaron (1980): ''Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen'', München, 98–187; Bodmann, Gertrud (1992): ''Jahreszahlen und Weltalter. Zeit- und Raumvorstellungen im Mittelalter'', Frankfurt/New York; Sulzgruber, Werner (1995): ''Zeiterfahrung und Zeitordnung vom frühen Mittelalter bis ins 16. Jahrhundert'', Hamburg; Ehlert, Trude (Hg.) (1997): ''Zeitkonzeptionen – Zeiterfahrung – Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne'', Paderborn; Centro italiano di studi sul Basso medioevo – Accademia Tudertina/Centro di studi sulla spiritualità medievale dell’Università degli studi di Perugia (Hgg.) (2000): ''Sentimento del tempo e periodizzazione della storia nel medioevo''. ''Atti del XXXVI Convegno storico internazionale, Todi 10–12 ottobre 1999'', Spoleto; Schwarzbauer, Fabian (2005): ''Geschichtszeit. Über Zeitvorstellungen in den Universalchroniken Frutolfs von Michelsberg, Honorius' Augustodunensis und Ottos von Freising'', Berlin.</ref> in der Festlegung künstlicher Zeiteinheiten (Woche, Stunde,<ref>Im früheren Mittelalter folgte man dem römischen Dreistundenrhythmus: Prim (ca. 6 Uhr bzw. Sonnenaufgang), Terz (ca. 9 Uhr), Sext (ca. 12 Uhr) und Non (ca. 15 Uhr).</ref> Minute) und periodisch wiederkehrender Gedenktage (Kalenderjahr und Kirchenjahr), in der Zeitmessung und -berechnung (Uhren),<ref>Vgl. dazu Borst, Arno (1999): ''Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas'', München; Declercq, Georges (2000): ''Anno Domini. The Origins of the Christian Era'', Turnhout.</ref> in den Auswirkungen auf das Leben der Menschen (Tageslänge; Jahreszeiten; Festkalender) und im Umgang mit der Zeit sowie nicht zuletzt im Zeitempfinden und Zeitverständnis.<ref>In universalgeschichtlichem Überblick Wendorff, Rudolf (²1980): ''Zeit und Kultur. Geschichte des Zeitbewußtseins in Europa'', Wiesbaden; anregend Grimm, Hans-Ulrich (1986): „Zeit als Beziehungssymbol“, in: ''Geschichte in Wissenschaft und Unterricht'' 37, 199–221, dessen Überlegungen allerdings fast ausschließlich auf der bisherigen Literatur beruhen und in den Einzelheiten bezüglich einer „agrarischen Zeit der Germanen“ und einer „christlichen Zeit des Mittelalters“ so kaum zutreffen.</ref> So leitete etwa der angelsächsische Gelehrte Beda Zeit (''tempus'') − etymologisch in falscher Richtung − von ''temperamentum'', dem richtigen Maß ab,
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„sei es, weil jeder ihrer Abschnitte getrennt ins Maß gesetzt wird, sei es, weil der ganze Lebenslauf des sterblichen Lebens in Momenten, Stunden, Tagen, Monaten, Jahren, Jahrhunderten und Weltaltern gemessen wird“.<ref>So Beda Venerabilis, ''De temporum ratione'' 2, hg. Ch. W. Jones, CCL 123B, Turnhout 1977, 263–544, hier S. 274: ''Tempora igitur a temperamento nomen accipiunt, siue quod unumquodque illorum spatium separatim temperatum sit, seu quod momentis, horis, diebus, mensibus, annis, saeculisque et aetatibus omnia mortalis uitae curricula temperentur.''</ref>
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Damit betont Beda sowohl den Zusammenhang mit der Zeitmessung als auch den richtigen Umgang mit der Zeit. Immer wieder haben sich mittelalterliche Denker wie Beda daher (logische) Gedanken über die Zeit und die Zeitmessung gemacht. In der Theorie brach man die Zeitrechnung bis zu Bruchteilen von Sekunden herunter (ein „Atom“ währt etwa eine sechstel Sekunde),<ref>Vgl. beispielsweise Honorius Augustodunensis, ''Imago mundi'' 2,3–10, hg. Valerie I.J. Flint, in: ''Archives d’histoire doctrinale et littéraire du Moyen Âge'' 57, 1982, S. 92ff.</ref> während man in der Praxis nicht einmal die Stunden annähernd genau messen konnte (oder musste).
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''b. „Zeit der Kirche“ und „Zeit der Städte“?'' Das Kirchenjahr mit Sonn- und Feiertagen sowie Heiligenfesten wirkte nicht nur auf die Lebensgestaltung, sondern auch auf das Zeitempfinden zurück, indem wichtige Handlungen (wie Weihen, Krönungen, Herrschertreffen, Reichsversammlungen oder Hochzeiten, aber auch Schlachten) auf Feiertage und Heiligenfeste gelegt wurden.<ref>Vgl. Schaller, Hans Martin (1974): „Der heilige Tag als Termin mittelalterlicher Staatsakte“, in: ''Deutsches Archiv'' 30, 1–24; Sierck, Michael (1995): ''Festtag und Politik. Studien zur Tagewahl karolingischer Herrscher'', Köln/Weimar/Wien; Goetz, Hans-Werner (1989): „Kirchenfest und weltliches Alltagsleben im frühen Mittelalter“, in: ''Mediaevistik'' 2, 123–171.</ref> Aus dem Wandel der ‚Herrschaft‘ über die Zeit und den Umgang damit hat man im Verlauf des Mittelalters − so allerdings zu grob und miteinander konkurrierend − eine „Zeit der Kirche“ im früheren Mittelalter von einer spätmittelalterlichen „Zeit der Händler“<ref>So Le Goff, Jacques (1977): „Au Moyen Âge; Temps de l’Église et temps du marchand“, in: Ders., ''Pour un autre moyen âge. Temps, travail et culture en Occient; 18 essais'', Paris, 46–64 (dt. „Zeit der Kirche und Zeit des Händlers im Mittelalter“, in: Honegger, Claudia (Hg.) (1977): ''Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse'', Frankfurt, 393–414).</ref> oder der Städte<ref>So Gerhard Dohrn van Rossum (1992): ''Die Geschichte der Stunde. Uhren und moderne Zeitrechnung'', Köln.</ref> unterscheiden wollen. Ein neues Zeitverständnis ist von den Klöstern allerdings nicht geschaffen,<ref>So Sulzgruber, Werner (1995): ''Zeiterfahrung und Zeitordnung vom frühen Mittelalter bis ins 16. Jahrhundert'', Hamburg, S. 46f.</ref> sondern übernommen, intensiviert und verbreitet worden: Es wurde wichtig genommen (und erforderte entsprechende Messinstrumente), pünktlich vor Gott zum ‚Stundengebet‘ zu erscheinen. Ähnlich verhielt es sich im Spätmittelalter mit der Erfindung der mechanischen Uhren: Schufen diese eine neue Zeiterfahrung<ref>So ebd. S. 108ff.</ref> oder sind sie nicht vielmehr erst aus veränderten Bedürfnissen heraus ‚erfunden‘ worden? Wenn man für das späte Mittelalter, weiter differenzierend, zwischen der Lebenszeit, einer Zeit der Wissenschaft, der Arbeit und Wirtschaft, des Rechts und der Politik unterschieden hat,<ref>So Schreiner, Klaus (1987): „‚Diversitas temporum − Zeiterfahrung und Epochengliederung im späten Mittelalter“, in: Herzog, Reinhart/Koselleck, Reinhart (Hgg.): ''Epochenschwelle und Epochenbewusstsein'', München, 381–428.</ref> dann ließe sich, trotz des Eindrucks kirchlich bestimmter Einheitlichkeit, schon für das frühere Mittelalter ähnlich differenzieren.
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''c. Zeit und Heilsgeschehen:'' In der mittelalterlich-kirchlichen Vorstellung wird Zeit theologisch und historisch ‚verortet‘. Zeit ist (schon für Augustin) erst mit der Schöpfung entstanden und sie endet mit dem Jüngsten Gericht. Zeit beschränkt sich somit auf die irdische Geschichte der Menschheit zwischen Ewigkeit (vor dem Fall) und Ewigkeit (nach dem Jüngsten Gericht). Damit ist sie zum einen nicht nur endlich, sondern stets sowohl mit der Schöpfung als Ausgangspunkt als auch mit der Eschatologie verbunden, auf die sie zuläuft und mit der sie enden wird: Es gibt keine Zeit ohne Zeit und keine Zeit ohne Geschöpf.<ref>So Augustinus, ''De civitate Dei'' 12,16f., hg. Bernhard Dombart/Alfons Kalb, CCL 48, Turnhout 1955 (zuerst Leipzig 1928), S. 370ff.</ref> Heilsgeschichtlich kennzeichnet sie zugleich die Periode der menschlichen Bewährungsprobe nach dem Sündenfall. Zum andern hebt sich die Zeit fundamental von der zeitlosen Ewigkeit ab, die von ihrer Natur her allerdings nicht einfach vor und nach der ‚Zeit‘, sondern − immerwährend − gewissermaßen neben ihr existiert und sich für den Menschen in den zeitlosen Phänomenen, in Gott und den Engeln, manifestiert. In der Zeit hingegen hat alles seinen Anfang und sein Ende.
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„Alles hat seine Zeit, und man findet nichts, das ewig ist oder immer währt; vielmehr folgt alles, das ist, entweder bereits anderem nach, existiert also nicht von Beginn an, oder es geht anderem voraus und erstreckt sich folglich nicht bis zum Ende,“
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so interpretiert Hugo von St. Viktor Eccli 3,1 („Alles hat seine Zeit und alles unter dem Himmel vergeht in seinen Zeiträumen“).<ref>Hugo von St. Viktor, ''In Ecclesiasten homiliae 19'', hom. 13, Migne PL 175, Sp. 204ff., hier Sp. 206 B: ''Omnia tempus habent, et suis spatiis transeunt universa sub coelo ''(Eccle 3,1). ''Omnia tempus habent, et nihil perpetuum semperque permanens inveniatur, sed omne quod est aut aliud subsequatur, ut non ab initio veniat, aut praecurrat aliud, ut usque ad finem se non extendat.''</ref>
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Wesensmerkmale der Zeit sind somit Vergänglichkeit und Wandel, die sich nicht zuletzt in den (miteinander eng verbundenen) „drei Zeiten“ (''tria tempora'') Vergangenheit − Gegenwart − Zukunft manifestieren. Für Augustin ist die Gegenwart sogar nur für einen Augenblick ‚präsent‘ − und schon wieder vergangen:<ref>Augustinus, ''Confessiones'' 11,15,20, hg. Lucas Verheijen, CCL 27, Turnhout 1981, S. 204.</ref> Richtet sich das Handeln auf die Gegenwart, so muss der Christ heilsgeschichtlich auf die Zukunft schauen, während die Vergangenheit dazu das Lernpotential bereithält („Wer in jeglicher seiner Handlungen nicht auf die Anfänge zurückblickt, schaut nicht auf die Zukunft voraus.“<ref>So Augustinus, ''De civitate Dei'' 7,7, hg. Bernhard Dombart/Alfons Kalb, CCL 47, Turnhout 1955 (zuerst Leipzig 1928), S. 192: ''In omni enim motu actionis sue qui non respicit initium non prospicit finem.''</ref>) Ein Zeitbewusstsein des mittelalterlichen Menschen ergibt sich somit aus der heilsgeschichtlichen Orientierung, dem Bemühen um Exaktheit und Zeitmessung und einem geregelten Umgang mit der Zeit. Das steht in engem Zusammenhang mit den Geschichtsvorstellungen.
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==== Geschichtsvorstellungen ====
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''a. Zeit und Geschichte: ''Die Existenz von Zeit ist Voraussetzung für eine Geschichte. Hugo von St. Viktor benennt Zeit (''tempus''), Raum (''locus'') und den geschichtswirkenden Menschen (''persona'') als Faktoren, welche die Handlung oder das Geschehen (''negotium, res gestae'') bestimmen, kennt insgesamt also vier Konstituanten der Geschichte bzw. der historischen Erkenntnis:<ref>Hugo von St. Viktor, ''Didascalicon'' 6,3, hg. Ch. Buttimer, Washington 1936, S. 113f.: ''Sic nimirum in doctrina fieri oportet, ut videlicet prius historiam discas et rerum gestarum veritatem a principio repetens usque ad finem quid gestum sit, quando gestum sit, ubi gestum sit et a quibus gestum sit, diligenter memoriae commendes. Haec enim quattuor praecipue in historia requirenda sunt, persona, negotium, tempus et locus.''</ref>
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„Das Wissen um das historische Geschehen hängt nämlich insbesondere von drei Faktoren ab: den Personen, von denen es geschehen ist, den Orten, an denen es geschehen ist, und den Zeiten, zu denen es geschehen ist.“<ref>Ders., ''De tribus maximis circumstantiis rerum ''(= Prolog seiner Chronik), hg. W.M. Green, in: ''Speculum'' 18, 1943, S. 491: ''Tria igitur sunt, in quibus praecipue cognitio pendet rerum gestarum, id est personae, a quibus res gestae sunt, loca, in quibus gestae sunt, et tempora, quando gestae sunt.''</ref>
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Für Hugo ist ''historia'' als Wortsinn in seiner figuralen Auslegung der Arche Noah deren Länge, „weil sich aus der Ereignisfolge die Ordnung der Zeit ergibt“ (''quia in serie rerum gestarum ordo temporis invenitur'').<ref>Hugo von St. Viktor, ''De arca Noe'' 4,9, hg. Patrice Périn, CCM 176, Turnhout 2001, S. 113.</ref> Damit ist der Zusammenhang von ''tempus ''und'' gesta'', von Zeit und Geschichte, deutlich angesprochen. Die Geschichte selbst beginnt (wie die Zeit) mit der Schöpfung oder, genauer, mit dem Sündenfall und der Verbannung auf die Erde; die Ewigkeit kennt keine Geschichte, weil sie zeitlos ist. Hugo unterscheidet daher zwischen dem „Schöpfungswerk“ (''opus restaurationis''), also den sechs Schöpfungstagen, und dem „Wiederherstellungswerk“ (''opus restaurationis''), das quasi die gesamte Geschichte umfasst.<ref>Hugo von St. Viktor, ''De sacramentis Christianae fidei'' 1,28 (1,31), hg. Rainer Berndt, ''Hugonis de Sancto Victore, De sacramentis Christianae fidei'' (Corpus Victorinum. Textus historici 1), Münster 2008, S. 57f.; Ders., ''De arca Noe'' 4,3, hg. Patrice Périn, CCM 176, Turnhout 2001, S. 92ff.</ref>
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''b. Geschichte als Heilsgeschichte: ''Die Vorstellung eines kontinuierlichen Weltgeschehens von der Schöpfung bis zur Gegenwart (mit Blick auf das Ende der Zeiten im Jüngsten Gericht) lässt die Geschichte von vornherein als eine von Gott gelenkte Heilsgeschichte erscheinen, die teleologisch auf ihr Ziel zustrebt. Das gilt nicht nur für die ‚großen Linien‘, sondern auch für das einzelne Ereignis: Gott, der Schöpfer der Welt, lenkt seine Schöpfung auch weiterhin und greift ständig, strafend oder helfend, in das Geschehen ein,<ref>Vgl. dazu Goetz, Hans-Werner (2011): ''Gott und die Welt. Religiöse Vorstellungen des frühen und hohen Mittelalters,'' Teil I, Band 1: ''Das Gottesbild'', Berlin, 95–132.</ref> straft durch Gottesurteile (''divino iudicio'') oder verleiht Siege als ‚Schlachtenhelfer‘, wie schon bei Gregor von Tours in der berühmten Alemannenschlacht Chlodwigs, die zur Bekehrung der Franken führte. Guibert von Nogent nennt seine Kreuzzugschronik nicht zufällig ''Gesta Dei per Francos''. Alle Geschichte ereignet sich ''divina providentia. ''Gleichzeitig wird Gottes Wirken tendenziös im eigenen Sinn gedeutet: So wird etwa Rollos Eroberung der Normandie bei Dudo von Saint-Quentin durch eine Vision zu einer göttlichen Verheißung stilisiert, und im Investiturstreit sah man Gott jeweils auf der eigenen Seite kämpfen.
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''c. Figurale Ausdeutungen: ''Der Geschichtsbegriff (''historia ''als Geschichtsschreibung, ''narratio rerum gestarum'')<ref>Vgl. die Einleitung zum Artikel „Geschichtsschreibung“, unten S. ■.</ref> entsprach (auch inhaltlich) zugleich dem ersten, wörtlichen Auslegungssinn der Bibelexegese. Das hier zentrale Verhältnis von ''verbum ''und ''res'' − dem Wortsinn liegt mit der ‚Sache‘ eine tiefere, theologisch-moralische Bedeutung zugrunde − konnte somit auf Geschichte angewandt werden (und Hugo von St. Viktor entwickelt seine Theorie der vier exegetischen Schriftsinne bezeichnenderweise im Prolog seiner Chronik). Geschichte wird damit, wie die Exegese, allegorisch (in übertragenem Sinn) und tropologisch (in moralischer Deutung) auslegbar. Das historische Ereignis besitzt eine faktische Realität ''und ''(zusätzlich) eine zeichenhafte Bedeutung: für Künftiges, für den göttlichen Heilsplan und das Wirken Gottes in der Geschichte und für die Ewigkeit als Ziel der Geschichte und des Menschen.
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Entsprechend wurden biblische Vorgaben in figuraler Ausdeutung auf den Geschichtsablauf übertragen. Besonders im sogenannten Symbolismus des Hochmittelalters gewannen die verschiedenen Periodisierungen der Geschichte eine symbolisch-heilsgeschichtliche Aussagekraft: die drei Zeitalter (Naturgesetz − Schriftgesetz − Gnade) orientierten sich an der Entwicklung der Religion; die sechs Weltalter (''aetates'') (Adam – Noah, Noah – Moses, Moses – David, David – Babylonische Gefangenschaft, Babylon. Gefangenschaft – Christus, Christus – Ende der Welt) wurden mit den Schöpfungstagen ebenso wie mit den sechs Lebensaltern (Kindheit, Jugend, Adoleszenz, Mannesalter, Greisenalter, Siechtum) parallelisiert; die Dauer der ersten fünf ''aetates ''wurde nach der Bibel, wenngleich unterschiedlich, berechnet, während die Dauer der letzten ''aetas'' unbekannt blieb. Die Abfolge von vier Weltreichen gemäß der Auslegung des Traumes Nebukadnezars von der vierteiligen Statue durch den Propheten Daniel wurde seit dem Danielkommentar des Kirchenvaters Hieronymus historisch konkretisiert (Assyrer – Meder/Perser – Griechen – Römer). Die apokalyptischen Prophezeiungen (die sieben Siegel oder die zehn Pferde) symbolisierten die Epochen der Kirchengeschichte.
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''d. Bedeutung der Vergangenheit, besonders der Anfänge: ''Besonderes Interesse wurde den (jeweiligen) Anfängen entgegengebracht: dem Anfang schlechthin (der Schöpfung), mit dem die Weltchroniken einsetzten, aber auch dem Anfang der jeweils behandelten Institution, sei es eines Volkes (die ''Origines gentium'') oder Reichs, einer Kirche (Bistum, Kloster), eines Territoriums, eines Geschlechts oder einer Stadt. Das Alter der (jeweils eigenen) Geschichte wiederum galt als so wichtig, dass es gern in früheste Zeiten zurückverlegt wurde: Gallische Bistümer wurden auf Petrusschüler oder, im Fall Triers, sogar auf assyrische Wurzeln zurückgeführt (als Gründung des sagenhaften, von seiner Stiefmutter Semiramis an Rhein und Mosel verbannten Trebetas, des Sohnes des ersten Assyrerkönigs Ninus).<ref>So in den ''Gesta Treverorum'' 1f., hg. Georg Waitz, MGH SS 8, Hannover 1848, S. 130.</ref><sup><sup> </sup></sup>Das Kloster Cluny, eine Gründung Wilhelms von Aquitanien im Jahre 910, wurde in der Vita Mauri bereits dem Schülerkreis Benedikts von Nursia zugeschrieben.<ref>Vgl. Iogna-Prat, Dominique (1992): „La geste des origines dans l’historiographie clunisienne des XI<sup>e</sup>–XII<sup>e </sup>siècles“, in: ''Revue Bénédictine'' 102, 135–191.</ref> Völker wie die Franken wurden von Troja abgeleitet − Hugo von St. Viktor ließ die Frankenkönige mit Priamus beginnen<ref>Hugo von St. Viktor, ''Chronik'' § 45b, hg. Lars Boje Mortensen (1992): „Hugh of Saint Victor on Secular History. A Preliminary Edition of Chapters from his ''Chronica''“, in: ''Université de Copenhague. Cahiers de l’Institut du Moyen-Âge Grec et Latin'' 1992, 3–30, hier S. 25.</ref> −, Städte als Gründungen Caesars ausgegeben. Gottfried von Viterbo erweiterte die Trojasage noch, indem er nicht nur die Franken, sondern über Karl den Großen auch die deutschen (staufischen) Kaiser direkt von den Trojanerkönigen abstammen ließ und somit einen Kaiserkatalog von Aeneas bis Barbarossa vorlegen konnte,<ref>Gottfried von Viterbo, ''Speculum regum'' prol., hg. Georg Waitz, MGH SS 14, Hannover 1872, S. 21ff.</ref> der auf den Beginn des Königtums überhaupt zurückführte.<ref>Ebd. 1,2, S. 31.</ref> Vom biblischen Nimrod und seinem erstgeborenen Sohn Cres zog er eine Entwicklungslinie zu Saturn und Jupiter!<ref>Ebd. 1,3ff., S. 31ff. Nimrods Söhne werden in der Genesis nicht genannt.</ref>
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''e. Historische Kontinuität:'' Nicht minder wichtig aber war die kontinuierliche Darstellung des Geschehens von diesen Anfängen bis zur Gegenwart, manchmal auch nur bis an die Gegenwart heran. Durch die Weltreichslehre mit dem Römischen als letztem Reich war eine Kontinuität des Römerreichs bis in die (hochmittelalterliche) Gegenwart erreicht, die durch eine Durchnummerierung der Kaiser seit Augustus sichtbaren Ausdruck fand. Durch die Ausge­staltung der ''Translatio''-Lehre mit der Übertragung der Herrschaft im Imperium von einem Reichsträger auf den nächsten (Griechen, Franken, [Italien], Deutsche) aber war zugleich ein Wandel in dieser kontinuierlichen Entwicklung anerkannt. Der Gesamtverlauf der Geschichte schloss auch deren Ende in der Endzeit ein,<ref>Vgl. zuletzt (in universalgeschichtlichem Überblick) Landes, Richard (2011): ''Heaven on Earth. The Varieties of the Millennial Experience'', Oxford/New York.</ref> die sich, im Gegensatz zu den mythisch-historischen Anfängen, zwar nicht mehr historiographisch erfassen, wohl aber exegetisch und figural, vor allem mit Hilfe der Apokalypse, näher bestimmen ließ. Dabei sollte eine allenfalls punktuell nachweisbare (akute) apokalyptische Enderwartung allerdings nicht mit einem durchgängig vorhandenen eschatologischen Bewusstsein gleichgesetzt werden.
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''f. Vergangenheitsbewusstsein zwecks Gegenwartsorientierung: ''Im Zuge einer solchen Geschichtsauffassung treten Vergangenheit und Gegenwart in einen anderen Zusammenhang als für uns heute. Ein deutlich vergangenheitsorientiertes Geschichtsbewusstsein diente gleichzeitig der Gegenwarts- (wie auch der Zukunfts-)orientierung.<ref>Vgl. zum hohen Mittelalter Goetz, Hans-Werner (²2008): ''Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im hohen Mittelalter'', Berlin, 216–227 („Vergangenheitsorientiertes Geschichtsbewusstsein“) und 227–237 („Gegenwartsorientiertes Vergangenheitsbewusstsein“).</ref> Den mittelalterlichen Geschichtsdenkern (und Geschichtsschreibern) ging es dabei jedoch nicht um „the pastness of the past“, sondern um „timeless education“<ref>So Coleman, Janet (1992): ''Ancient and Medieval Memories. Studies in the Reconstruction of the Past'', Cambridge, S. 294 bzw. S. 324.</ref> und damit um einen unmittelbaren Gegenwartsbezug vergangener Ereignisse. Wenn historische Tatbestände mit der Gegenwart verglichen werden und einen Maßstab für die Gegenwart darstellen konnten und somit, als Ausfluss heilsgeschichtlicher Deutung, nicht an Aktualität verloren haben, dann resultiert das letztlich aus einem Geschichts- und Zeitverständnis, das einerseits zwar akribisch den Zeitablauf an der Chronologie und der Folge von Herrschern und Reichen verfolgte (und zeitlich einordnete) und in der Abfolge von Epochen ebenso einen Wandel in der Geschichte anerkannte, ja die Wandelbarkeit (''mutabilitas'') sogar als Kennzeichen irdischer Geschichte ansah (Hugo), diesen Wandel aber vorwiegend an Reichen und Dynastien festmachte. Demgegenüber fehlte andererseits ein Begriff von Zeitgemäßheit und von zeit- und epochenspezifischen Phänomenen. Die in den Zeitablauf eingeordneten Ereignisse wurden auf diese Weise zugleich wieder ‚entzeitlicht‘, wie sich das auch in hochmittelalterlichen Epen zeigt, die fast durchweg ‚historische‘ Stoffe verarbeiten, sich in ihren Aussagen dagegen als ‚zeitlos‘ verstehen, tatsächlich jedoch die Maßstäbe ihrer eigenen Zeit anlegen und aus den Vorstellungen ihrer Gegenwart deuten. Ein solches Denken musste (in unseren Augen) andauernd zu Anachronismen führen (so konnte etwa Karl der Große im hohen Mittelalter zum Kreuzfahrer werden). Deshalb war es auch nicht notwendig, Vergangenheit und Gegenwart genauer abzugrenzen und, wie heute, eine ‚Zeitgeschichte‘ (histoire contemporaine) innerhalb des Geschichtsablaufs zu unterscheiden. ‚Vergangenheit‘ konnte ‚in uralte Zeit‘ bis auf die Anfänge der Welt zurückblicken, lag oft aber auch nur eine Generation (oder sogar weniger) zurück.<ref>Vgl. Goetz, Hans-Werner (2010): „Vergangenheit und Gegenwart. Mittelalterliche Wahrnehmungs- und Deutungsmuster am Beispiel der Vorstellungen der Zeiten in der früh- und hochmittelalterlichen Historiographie“, in: Bleumer, Hartmut/Goetz, Hans-Werner/Patzold, Steffen/Reudenbach, Bruno (Hg.): ''Zwischen Wort und Bild. Wahrnehmungen und Deutungen im Mittelalter'', Köln/Weimar/Wien, 157–202.</ref> Begriffe wie ''antiquus ''und ''modernus ''hoben zwar Vergangenes und Gegenwärtiges voneinander ab, blieben aber enorm vielschichtig in ihren Bedeutungen und in ihrer Anwendung.<ref>Vgl. Gössmann, Elisabeth (1974): ''Antiqui und Moderni im Mittelalter. Eine geschichtilche Standortbestimmung'', München/Padernborn/Wien; Zimmermann, Albert (Hg.) (1974): ''Antiqui und Moderni. Traditionsbewußtsein und Fortschrittsbewußtsein im späten Mittelalter'', Berlin/New York.</ref>
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''g. Sinn, Bedeutung und Wertschätzung der Geschichte: ''Die mittelalterlichen Geschichtsanschauungen zeugen zugleich von einem mittelalterlichen Geschichtsbewusstsein. Wer dem Mittelalter ein Geschichtsbewusstsein absprechen will,<ref>Vgl. etwa Erkens, Franz-Reiner (2000): „Hochmittelalterliches Geschichtsbewußtsein? Ein kritischer Versuch“, in: ''Mittellateinisches Jahrbuch'' 35, 289–299.</ref> legt einen modernen Be­griff von Historizität an. Natürlich hat das Mittelalter einen anderen Wahrheits- und Wirklichkeitsbegriff und andere Vorstellungen von Geschichte entwickelt, als wir sie heute haben. Im Eigenverständnis aber war zumindest das gelehrte Mittelalter ausgesprochen geschichtsbewusst: Man war überzeugt von der Einbindung der Menschheit in einen heils- und entwicklungsgeschichtlichen Prozess, glaubte an die Wahrheit der Ereignisse und brachte der Geschichte und dem oft von den Anfängen her betrachteten Geschichtsablauf großes Interesse entgegen.<ref>Vgl. Abschnitt ■ im Artikel Geschichtsschreibung.</ref>
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Die Bedeutung der Vergangenheit verlieh der Geschichte zugleich eine hohe Wertschätzung. Das schlägt sich keineswegs nur in der Historiographie nieder: Historische Exempla und Erklärungen finden sich nicht nur in fast allen Schriftgattungen, sondern sie galten, wenn sie gut begründet waren, auch in der Gegenwart als verbindlich, dienten zur Nachahmung ebenso wie zur Abschreckung und bildeten das Muster für richtiges (oder falsches) Handeln in der Gegenwart: Geschichte trug zur politischen ebenso wie zur moralischen und religiösen Belehrung bei. Die Vergangenheit verwies nicht nur auf die Zukunft (das Heil), sondern auch auf das moralisch und politisch Richtige und lehrte somit richtiges Verhalten und Regieren. Historische Vorgänge oder Zustände konnten sogar rechtliche Wirkkraft erlangen und als (nachzuahmende oder legitimierende) Präzedenzfälle herangezogen werden (wie in den Streitigkeiten des Investiturstreits). Wenn Bonizo von Sutri seinen ''Liber ad amicum'' als historischen Abriss der Kirchengeschichte konzipierte, dann verfolgte er damit erkennbar das Ziel, Papstrechte, Papstwahl und Kirchenreform historisch zu legitimieren.
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==== Umsetzung der Zeit- und Geschichtsvorstellungen in der Historiographie ====
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Zeit und Zeitablauf als Bedingungsfaktoren der Geschichte sind zugleich Ordnungsfaktoren der Geschichtsschreibung. Chroniken (von griechisch ''chronos'', Zeit) haben es immer mit Zeit (und Zeitablauf) zu tun,<ref>Zur Bedeutung von Zeit in der Historiographie vgl. Guenée, Bernard (1980): ''Histoire et culture historique dans l’Occident médiévale'', Paris, S. 20ff.; Lacroix, Benoît (1971): ''L’historien au Moyen Âge'', Montréal/Paris, S. 84ff.; Schmale, Franz-Josef (1985): ''Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung. Eine Einführung'', Darmstadt, S. 28ff.; Melville, Gert (1975): „System und Diachronie. Untersuchungen zur theoretischen Grundlegung geschichtsschreiberischer Praxis im Mittelalter“, in: ''Historisches Jahrbuch'' 95, 33–67 und 308–341, hier S. 318ff.</ref> Geschichtsschreibung als Vergangenheitsbericht ist ohne Zeitbewusstsein undenkbar. Chronologie, zeitliche Fixierung und ''series rerum gestarum ''gehören folgerichtig zu den Bestimmungsfaktoren mittelalterlicher Geschichtsschreibung,<ref>Vgl. die Einleitung zum Artikel Geschichtsschreibung, unten S. ■.</ref> Zeit und Faktum sind ihre beiden spezifischen Elemente.<ref>Vgl. Melville, Gert (1975): „System und Diachronie. Untersuchungen zur theoretischen Grundlegung geschichtsschreiberischer Praxis im Mittelalter“, in: ''Historisches Jahrbuch'' 95, 33–67 und 308–341, hier S. 308ff.</ref> Sigebert von Gembloux will mit seiner Chronik daher ''omnem consequentiam temporum et rerum gestarum'', die gesamte Zeiten- und Ereignisfolge beschreiben.<ref>So charakterisiert er selbst das eigene Werk: Sigebert von Gembloux, ''Catalogus de viris illustribus'' 172, hg. Robert Witte (1974): ''Catalogus Sigiberti Gemblacensis monachi de viris illustribus. Kritische Ausgabe'', Bern/Frankfurt a.M., S. 105.</ref> Die an die Chronologie gebundene Geschichtsschreibung muss als ‚Vergegenwärtigung der Vergangenheit‘ in ihrer Motivation und Ausgestaltung also an der Zeit interessiert sein, die Ereignisse in den Zeitablauf einordnen und zu einem zeitlich geordneten Verlauf verarbeiten. Der Klosterchronist von Montecassino schrieb beispielsweise, weil die Mönche wissen wollten, wie viele Jahre denn seit der Gründung des Klosters durch Benedikt von Nursia bis zur Gegenwart vergangen waren.<ref>''Chronicon Casinense'' (a. 568–867) 1, hg. Georg Heinrich Pertz, MGH SS 3, Hannover 1839, S. 222: ''Quidam ex nostris scire volentes, quot anni essent a tempore sanctissimi Benedicti patris usque nunc''.</ref> Die chronographischen Tendenzen traten manchmal dermaßen hervor, dass man geradezu von einem „komputistischen Fieber“ gesprochen hat.<ref>Guenée, Bernard (1980): ''Histoire et culture historique dans l’Occident médiévale'', Paris, S. 152.</ref>
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Dass Zeit ein Konstituens von Geschichte ist, wurde in der mittelalterlichen Historiographie allerdings sehr verschieden umgesetzt: durch die Chronologie als Ordnungsprinzip des Zeitablaufs, in verschiedenen Systemen und Ären, seit dem 9. Jahrhundert aber überwiegend nach Inkarnationsjahren, die bald auch rückschließend auf die gesamte Zeit nach Christus angewandt wurde, sowie nach Herrscher- oder Pontifikatsjahren, durch die Synopse gleichzeitiger und die Abfolge verschiedener Reiche (in der Tradition der Chronik des Eusebius und Hieronymus), durch Epochenbildungen oder die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart.<ref>Vgl. die Einleitung zum Artikel Geschichtsschreibung, unten S. ■.</ref> Hingegen blieben Tagesdatierungen auf insgesamt wenige Ereignisse, vor allem − für das Totengedenken wichtige − Todesfälle sowie Naturereignisse, insbesondere Sonnenfinsternisse, beschränkt. Vielen Chronisten reichten oft aber auch vage oder relative Zeitangaben wie ''tunc ''oder ''his temporibus. ''
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Zeit und Faktum wurden vielfältig miteinander verknüpft. Autoren wie Gregor von Tours im 6. und Frechulf von Lisieux im 9. Jahrhundert berechneten zu Schlüssel­ereignissen immer wieder die bis dahin oder in einem bestimmten Zeitraum abgelaufene Zeit; eine Synopse von Inkarnations- und Herrscherjahren wandte bereits Ado von Vienne im 9. Jahrhundert zu jedem Herrschaftsantritt an. Manchmal wurde der Bezug sogar graphisch visualisiert: in synoptischen Spalten der Reiche (bei Hieronymus), von Inkarnations- und Herrscherjahren (bei Hugo von St. Viktor) oder, im Spätmittelalter häufig, der Kaiser- und Papstjahre, in Zeitlinien zu jedem einzelnen Jahr mit den Regierungszeiten der einzelnen Herrscher der wichtigen Reiche (bei Sigebert von Gembloux)<ref>Vgl. dazu von den Brincken, Anna-Dorothee (1988): „Contemporalitas Regnorum. Beobachtungen zum Versuch des Sigebert von Gembloux, die Chronik des Hieronymus fortzusetzen,“ in: Berg, Dieter/Goetz, Hans-Werner (Hgg.): ''Historiographia mediaevalis. Studien zur Geschichtsschreibung und Quellenkunde des Mittelalters. Festschrift Franz-Josef Schmale'', Darmstadt, 199–211.</ref> oder durch Einrahmung der Jahresberichte in die Zeitangaben (Inkarnationsjahr und Regierungsjahr) an den Rändern (etwa bei Hermann von Reichenau). Einige Chronisten, wie Sigebert von Gembloux, berechneten, wiederum um der Kongruenz im göttlichen Weltplan willen, sogar den Zeitenbeginn (Schöpfung), durch rückwärtige Anwendung des wiederkehrenden Sonnen-Mond-Zyklus von 532 Jahren, auf das Jahr 4059 v. Chr., und ebenso die Inkarnation Christi neu, die mit diesem Zyklus nicht übereinstimmte (da der Todestag nach der Bibel ein 15. Mondtag und ein Freitag sein musste, traf das auf das Jahr 13 n. Chr. zu). Wenn Hugo von Flavigny seiner Chronik einen langen Bericht über die Jenseitsvision eines kranken Mönchs aus Saint-Vaast einfügt, dann spiegelt das zudem die Bedeutung der Zukunftsperspektive auch in der Geschichtsschreibung wider.<ref>Zur Zukunftsperspektive vgl. Burrow, J.A./Wei, Ian P. (Hgg.) (2000): ''Medieval Futures: Attitudes to the Future in the Middle Ages'', Woodbridge/Rochester.</ref>
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=== Zeit- und Geschichtsvorstellungen im späteren Mittelalter und der Renaissance: Ausgewählte Beispiele (Anja Rathmann-Lutz) ===
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==== Zeit und Zeitlichkeit 'in der Praxis': Das Beispiel Liturgie ====
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Die in Teil I erläuterten Zeitkonzepte und -vorstellungen<ref>Ein weites Feld, das hier nicht angesprochen werden kann, ist die theologische und philosophische Diskussion um die ''aeternitas'' der Welt, die Frage also nach einer Welt ohne Anfang und ihr Verhältnis zur Zeitlichkeit; ein Problem, das das ganze Mittelalter hindurch diskutiert wurde und in den scholastischen Diskussionen seit dem 13. Jahrhundert an Bedeutung gewann. Vgl. z. B. Dales, Richard C. (1990): ''Medieval discussions of the eternity of the world'', Leiden; Ders. (Hg.) (1991): ''Medieval Latin texts on the eternity of the world'', Leiden.</ref> sind in einem Bereich besonders gut nachzuvollziehen und in allen gesellschaftlichen Gruppen bis weit in die Frühe Neuzeit hinein wirksam: in der Liturgie und in der Frömmigkeitspraxis im weiteren Sinn.<ref>Aus literaturwissenschaftlicher Sicht hat sich z. B. Horst Wenzel mit diesem Zeitverständnis auseinandergesetzt und gezeigt, dass die prinzipielle – über das heilsgeschichtlich-typologische Denken eingeübte – Einholbarkeit der Vergangenheit und der Zukunft durch die Gegenwart auch in der  ‚säkularen' Zeit des Adels gültig war. Wenzel, Horst (1996): „Zur Mehrdimensionalität der Zeit im hohen und späten Mittelalter: Von Bauern und Geistlichen, Rittern und Händlern“, in: ''Zeitschrift für Germanistik N.F.'' 5/1, 9–20.</ref> Ob Kloster-, Pilger-, Pfarrkirche oder Kathedrale: hier verdichteten sich täglich und im Jahresrhythmus die Zeitebenen – im Ritual der Messe, im Kirchenraum, in den liturgischen Objekten, in der Musik und im geistlichen Spiel. Mit dem liturgischen Einsatz von Dauer, ‚Zerdehnung' und ‚Beschleunigung' kommt zudem ein weiteres Element der Zeitwahrnehmung bzw. des Zeiterlebens in den Blick, das bisher noch nicht angesprochen wurde.<ref>Andere Perspektiven auf das Phänomen der Beschleunigung bieten Benz, Ernst (1977): ''Akzeleration der Zeit als geschichtliches und heilsgeschichtliches Problem'', Mainz, und Kruse, Wolfgang (2013): „Der historische Ort konkreter Utopie. Beschleunigte Zeiterfahrungen, neuartige Zukunftsperspektiven und experimentelle Gestaltungsformen als Strukturmerkmale moderner Revolutionen“, in: ''Zeitschrift für Geschichtswissenschaft'' 61/2, 101–122.</ref>
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Im Blick auf Liturgie und Frömmigkeitspraxis werden wichtige Unterschiede des mittelalterlichen zum modernen Zeitverständnis nochmals deutlich: 1. ist Zeit nicht entweder linear oder zyklisch, sondern beides zugleich und 2. gehen Entwicklungen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten in verschiedene Richtungen, sie müssen weder simultan noch synchron erfolgen, um ‚Sinn' zu machen.<ref>Zum Folgenden vgl. grundlegend Fassler, Margot E. (2010): „The Liturgical Framework of Time and the Representation of History“, in: Maxwell, Robert A. (Hg.): ''Representing History, 900-1300. Art, Music, History'', University Park, 149–186, S. 149f.; Angenendt, Arnold (1998): „Die liturgische Zeit: zyklisch und linear“, in: Goetz, Hans-Werner (Hg.): ''Hochmittelalterliches Geschichtsbewußtsein im Spiegel nichthistoriographischer Quellen'', Berlin, 101–115.</ref>
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''a) Exegese'': In der Exegese (der gelehrten Auslegung) der Liturgie spielen die unterschiedlichen theologischen Zeit- und Periodisierungskonzepte eine bedeutende Rolle. Im Kirchenjahr aufgehoben und damit stetig wiederholbar sind vier heilsgeschichtliche Epochen (''tempus revocationis, tempus deviationis, tempus reconciliationis ''und'' tempus peregrinationis'') wie etwa dem ''Mitrale seu de officiis ecclesiasticis ''des Sicard von Cremona (†1215) zu entnehmen ist. Im „Zeiten-Mikrokosmos“ der täglichen Stundenliturgie der acht (monastischen) Gebetsstunden (''Offizium'') ist gemäß dem ''Mitrale ''der gesamte Verlauf der Heilsgeschichte von Adam bis zum Ende der Zeit, der „Zeiten-Makrokosmos“,<ref>Ohly, Friedrich (1972): „Die Kathedrale als Zeitenraum. Zum Dom von Siena“, in: ''Frühmittelalterliche Studien'' 6, 94–158, 147.</ref> enthalten:
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„Jeder einzelne Tag steht für die ganze Zeit eines Zeitalters, denn er wird durch sieben Einschnitte gegliedert: Das Lob in der Matutin am frühen Morgen steht für jene Zeit im Gedächtnis, in der die Stammeltern im Paradies Gott gelobt haben; die Prim für jene Zeit, in der Abel Gott gelobt hat, die Terz Noah, die Sext Abraham, die Non die Propheten; in der Vesper wird auf die Apostel hingewiesen, in der Komplet auf die letzten Gerechten.“<ref>Sicard von Cremona: Mitralis. Der Gottesdienst der Kirche, eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Lorenz Weinrich, Corpus Christianorum in translation, Turnhout 2011, IV.3, S. 310, vgl. a. IV.9. Edition: Sicardi Cremonensis episcopi Mitralis de officiis, hg. Gábor Sarbak und Lorenz Weinrich, Corpus christianorum Continuatio mediaevalis 228, Turnhout 2008. S.a. Honorius Augustodunensis, Gemma animae II,53; PL 172, Sp. 632D-633A.</ref>
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Die Stundengebete entsprechen jedoch zugleich auch der Zeit der Lebensalter der Menschen (Kindheit, Knabenalter, Heranwachsen, Jugend, Alter, Greisenalter, Lebensende) und der Zeit der Passion Christi (Verrat, Gefangennahme, Geißelung, Kreuzigung, Tod, Kreuzabnahme, Grablegung).<ref>Sicard von  Cremona: Mitralis. Der Gottesdienst der Kirche, eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Lorenz Weinrich, Corpus Christianorum in translation, Turnhout 2011, IV.3, S. 310f.</ref> Parallel sind auch die drei Heils- oder Gnadenzustände (''ante legem'', ''sub lege'', ''sub gratia'') im Stundengebet – genauer in den drei nächtlichen Stunden (Nokturnen) – enthalten: „Die Zeit vor der Nokturn kennzeichnet die Zeit des Todes vor dem Gesetzt, in der alle für ein Lob Gottes stumm waren. Die Zeit der Nokturn bezeichnet die Zeit des Gesetzes, das Moses gegeben hat. Die Zeit des Morgenlobs bezeichnet die Zeit der Gnade von der Auferstehung bis zum Ende der Welt.“<ref>Sicard von Cremona: Mitralis. Der Gottesdienst der Kirche, eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Lorenz Weinrich, Corpus Christianorum in translation, Turnhout 2011, IV,5, S. 320.</ref> Indem einzelne Tage, die ja im Lauf des Jahres zyklisch wiederkehren, im Verlauf der Heilszeit mit unterschiedlichen Ereignissen verknüpft werden, die die jeweils späteren präfigurieren, sind bestimmte Termine im Kirchenjahr mit mehreren Zeitschichten zugleich aufgeladen, die einander durchdringen. Verschiedene Zeitebenen (Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges) sind also ebenso ko-präsent wie unterschiedliche Zeitordnungen und -abfolgen (Zeitalter, Gnadenzustände, Passion). Letztere wiederum können auf andere Zeitabschnitte projiziert werden: So ist neben dem Offizium der Verlauf der Woche als Durchlaufen der ''passio Christi'' zu imaginieren. Und die Liturgie der Festtage wird – allegorisch – auf den heilsgeschichtlichen Zeitablauf bezogen, während die der Werktage tropologisch ausgedeutet wird.<ref>Ohly, Friedrich (1972): „Die Kathedrale als Zeitenraum. Zum Dom von Siena“, in: ''Frühmittelalterliche Studien'' 6, 94–158, 149f. Zur Lehre vom vierfachen Schriftsinn vgl. Ohly, Friedrich (1958): „Vom geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter“, in ''Zeitschrift für deutsches Altertum und Literatur'' 89, 1–23.</ref> Dabei werden sowohl die alttestamentarische wie die neutestamentarische Vergangenheit mittels des figuralen Denkens simultan aktualisiert: sieben Stationen des Lebens Christi entsprechen auf diese Weise sieben Messstationen der Alten Zeit.<ref>Auerbach, Erich (1938): „Figura“, in: ''Archivum romanicum'' 22, 436–489; Constable, Giles (1990): „A living past: the historical environment of the Middle Ages“, in: ''Harvard Library Bulletin n.s.'' 1/3, 49–70, S. 52f.; Ohly, Friedrich (1972): „Die Kathedrale als Zeitenraum. Zum Dom von Siena“, in: ''Frühmittelalterliche Studien'' 6, 94–158, S. 153f.</ref> Diese Deutung wurde im Spätmittelalter vor allem durch das ''Rationale divinorum officiorum'' (1291) des Durandus von Mende (Wilhelm Durandus, † 1296) verbreitet, das in zahlreiche Volkssprachen übertragen wurde. In der französischen Version, die Ende des 14. Jahrhunderts im Auftrag Karls V. von Jean Golein erstellt wurde, führte der Übersetzer Aktualisierungen ein, die sich auf die neue Erfindung der Uhr und ihre Installationen in Paris bezogen (s.u.). Die Aussagen zur Messallegorese, zum Beispiel zur christologischen Auslegung des Kirchenjahrs (Geburt, Leiden, Auferstehung, Ankunft zum Gericht), blieben bestehen und weiterhin gültig.<ref>Paris, BnF, Ms. fr. 176, http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b84497182 (3.8.2015); Guillaume Durand und Jean Golein: ''Le Racional des divins offices de Guillaume Durand. Livre IV. La messe, les „Prologues“ et le „Traité du sacre“. liturgie, spiritualité et royauté, une exégèse allégorique'', hg. von Charles Brucker und Pierre Demarolle, Publications romanes et françaises 250, Genf 2010.
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Vgl. Kranemann, Benedikt (1991): „Kirchenjahr“, in: ''Lexikon des Mittelalters'' 5, Sp. 1176-1177.</ref>
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''b) Die Feier der Liturgie'': Wie es sich in der Exegese schon andeutet, ist sowohl die Stundenliturgie als auch die Messliturgie, in der sich Zeitalter und Leidensweg Christi gleichermaßen finden, jeweils als aktualisierende Kurzform der historischen Zeiten gedacht. Vergangenheit, Gegenwart und die verheißene Zukunft werden verschmolzen und in der Feier der Liturgie raum-zeitlich wie körperlich in zyklischer und rhythmischer Wiederkehr (Tag, Woche, Jahr) erfahrbar.<ref>Schmitt, Jean-Claude (2009): „Plädoyer für eine Geschichte der Rhythmen im mittelalterlichen Europa“, in: Borgolte, Michael (Hg.): ''Hybride Kulturen im mittelalterlichen Europa'', Berlin, 287–306.</ref> Doch nicht nur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind simultan präsent,<ref>Fassler, Margot E. (1991): „Representations of Time in ‚Ordo representacionis Ade‘“, in: ''Yale French Studies,'' 97–113; Fassler, Margot E. (2010a): The Liturgical Framework of Time and the Representation of History, in: Maxwell, Robert A. (Hg.): ''Representing History, 900-1300. Art, Music, History,'' University Park, 149–186; Fassler, Margot E. (2010b): ''The Virgin of Chartres. Making History Through Liturgy and the Arts'', New Haven; Boynton, Susan (2010): „Writing History with Liturgy“, in: Maxwell, Robert A. (Hg.): ''Representing History, 900-1300. Art, Music, History,'' University Park, 187–200; Spiegel, Gabrielle (2002): „Memory and History: Liturgical Time and Historical Time“, in: ''History and Theory'' 41, 149–162.</ref> sondern diese drei Zeiten sind wiederum in sich heterogen und setzten sich aus biblischer, institutioneller oder ‚nationaler‘ Vergangenheit und Gegenwart sowie aus irdischer und jenseitiger Zukunft bzw. Ewigkeit zusammen. Alle diese Zeitschichten werden in der und durch die Liturgie präsent und intelligibel gemacht. In der Liturgie findet sich jedoch nicht nur die Ineinssetzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern auch die Thematisierung und Inszenierung von Dauer als ''peregrinatio'' (das irdische Leben als Wanderschaft) und als ''perseverantia ''(als Ausdauer und Beharrlichkeit auf dem Weg zu Gott und im Erwarten der Erlösung).
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Im Lauf des Spätmittelalters und der Renaissance wird genauen Zeitangaben bzw. der bestimmten Dauer liturgischer Abläufe immer mehr Beachtung zuteil.<ref>Bölling, Jörg (2006): ''Das Papstzeremoniell der Renaissance. Texte, Musik, Performanz'', Frankfurt a. M.; Edwards, Owain Tudor (1996): „Dynamic Qualities in the Medieval Office“, in: Lillie, Eva Louise/Petersen, Nils Holger (Hgg.): ''Liturgy and the arts in the Middle Ages'', Kopenhagen, 36–63.</ref> Eine Aufmerksamkeit für temporale Aspekte – wie den Zeitpunkt der Durchführung, die zeitliche Abfolge im Jahresrhythmus und im Tagesablauf, die Dauer sowie die Zeitschichten und -ebenen, die 'eingefangen' werden – zeigt sich nicht nur im Messablauf selbst, sondern auch bei der Organisation der ''canonicae horae''. Diese wiederum prägen den gesamten Tagesablauf von monastischen Gemeinschaften wie auch bestimmte Abläufe des Alltagslebens (s.u.).
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Architektur, Kirchenausstattung und liturgische Handlung wirken also zusammen, um das Ziel zu erreichen, „sich selbst mit den biblischen oder endzeitlichen Ereignissen zeitgenössisch zu machen”<ref>So eine Formulierung von Morgan, James Stuart (1966): „Le temps et l’intemporel dans le décors de deux églises romanes: facteurs de coordination entre la mentalité religieuse romane et les oeuvres sculptées et peintes à Saint-Paul-lès-Dax et à Saint-Chef en Dauphiné“, in: Gallais, Pierre/Riou, Jean-Yves (Hgg.): ''Mélanges offerts à Monsieur René Crozet ... à l’occasion de son soixante-dixième anniversaire'', Poitiers, 531–548, hier S. 537.</ref>, wobei gerade die liturgischen Handlungen immer zwischen der tatsächlichen Rekreation des (biblischen) Ereignisses und dem Bemühen um Kommemoration oszillieren.<ref>Petersen, Nils Holger: Liturgical Representation and Late Medieval Piety, in: Lillie, Eva Louise/Petersen, Nils Holger (Hgg.): ''Liturgy and the arts in the Middle Ages'', Kopenhagen, 181–204.</ref> Dabei können einzelne Abschnitte, Elemente und Objekte auf unterschiedliche Zeitformen und -punkte bezogen werden:
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''(Kirchen)raum'': Neben der Simultanzeit steht auch das Bewusstsein um die lineare, chronologische Abfolge von Heilsgeschichte, das heißt die Verlaufsdimension bleibt erhalten.<ref>In der Exegese wie in der Liturgie zeigt sich besonders deutlich, dass die Dimensionen Raum und Zeit nicht voneinander zu trennen sind. Vgl. Ohly, Friedrich (1972): „Die Kathedrale als Zeitenraum. Zum Dom von Siena“, in: ''Frühmittelalterliche Studien'' 6, 94–158, Vorstellungen von linearen Verlaufsformen von Zeit finden sich z. B. auch in genealogischen Denkmustern, vgl. Fassler, Margot E. (2000): „Mary’s Nativity, Fulbert of Chartres, and the Stirps Jesse: Liturgical Innovation circa 1000 and Its Afterlife“, in: ''Speculum'' 75/2, 389–434, S. 412, 416.</ref> Historischer Verlauf wird in der Bewegung im Raum erfahrbar: jede Prozession, jede Bewegung im Kirchenraum ist als Durchmessen der Zeitspanne der Heilsgeschichte (z. B. auf der Makroebene die Abfolge der drei Zeitalter ''ante legem'', ''sub lege'', ''sub gratia'') wie der ''passio Christi'' (z. B. als Nachvollzug des Kreuzweges) konzipiert. Der Kirchenraum ist – mit dem Wissen um die Exegese im Hinterkopf – also auch als "Zeitenraum" (Ohly) zu lesen, in dem sich – insbesondere in der Länge des Hauptschiffs – sowohl der Ablauf von Zeit als auch die Dauer bzw. Ausdauer in der Heilserwartung ausdrücken. Die Ineinssetzung der räumlichen und der zeitlichen Dimension war keineswegs eine Neuerung, sondern gehörte durchaus zum Repertoire der überkommenen imaginierten oder tatsächlichen Visualisierungen des Weltbildes in der Exegese, sie wurde im 12. Jahrhundert jedoch historisch und geographisch konkretisiert. Besonders deutlich wird das aber erst, wenn dieser Kirchenraum auch „bespielt” wird, nämlich in Verbindung mit der Liturgie.
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''Musik'': In der Liturgie wird neben der Schichtung von Zeitebenen auch der Verlauf von Zeit (Dehnung, Beschleunigung, Dauer) sowie die Möglichkeit ihrer Transzendierung (Anhalten, Auflösen, Wiederholung) inszeniert. Die Simultaneität der Zeiten kann damit doppelt verstanden werden, einerseits als gleichzeitige Realisierung der drei Zeitebenen und andererseits als Zeitentrückung, die die Möglichkeit der Erfahrung göttlicher Ewigkeit im Diesseits bietet. Dies geschieht durch den Einsatz der Musik, insbesondere durch Dehnung bestimmter Abschnitte. Wiederum ist es Augustin der den (liturgischen) Gesang als einen Zugang zur göttlichen Wahrheit und zur jenseitigen Ewigkeit sieht.<ref>Fuhrer, Therese (2014): "Augustinus über Musik in Raum und Zeit", in: Kampling, Rainer/Hölscher, Andreas (Hgg.): ''Musik in der religiösen Erfahrung. Historisch-theologische Zugänge'', Frankfurt a. M., 47–74, S. 73f.</ref> In die Praxis umgesetzt wird dies beispielsweise im Organumgesang der Pariser Kathedrale Notre Dame.<ref>Zum Folgenden Pietschmann, Klaus (2009): „Zeit und Ewigkeit: Zum liturgischen Kontext der Gradual- und Alleluia-Gesänge im Magnus Liber Organi“, in: ''Archiv für Musikwissenschaft'' 66/1, 54–68, S. 65. Vgl. auch Raasted, Jørgen (1996): „Length and Festivity. On some prolongation techniques in Byzantine Chant“, in: Lillie, Eva Louise/Petersen, Nils Holger (Hgg.): ''Liturgy and the arts in the Middle Ages'', Kopenhagen, 75–84.</ref> Konkreter liturgischer Ort dieses Aussetzens der Zeit mittels lang gedehnten Gesangs ist der Moment in der Messe zwischen Epistel und Evangelium, an dem selbst der Zelebrant sitzt und keinerlei Aktion stattfindet; somit ist – an bestimmten Stellen – die Liturgie „der irdischen Zeitlichkeit enthoben“ und der göttlichen Ewigkeit (mit Augustin verstanden als immerwährende Gegenwart) angeglichen. In der Länge des Gesangs wie auch in der Stimmenzahl spiegelt sich außerdem die heilsgeschichtliche Zeitordnung durch die Hierarchisierung der Festtage und Kennzeichnung der Sonn- und Feiertage gegenüber den Werktagen.
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''Reliquien'': Für das Verständnis der Vorstellung simultaner Zeiten unerlässlich ist das Konzept der Realpräsenz. In der Feier der Eucharistie ist Christus ebenso körperlich präsent (s. a. Transsubstantiation) wie die Heiligen in ihren Reliquien, die in Altäre gelegt und in Reliquiaren aufbewahrt werden.<ref>Dinzelbacher, Peter (1990): „Die ‚Realpräsenz‘ der Heiligen in ihren Reliquiarien und Gräbern nach mittelalterlichen Quellen“, in: Dinzelbacher, Peter/Bauer, Dieter R. (Hgg.): ''Heiligenverehrung in Geschichte und Gegenwart'', Ostfildern, 115–174; Rubin, Miri (1991): ''Corpus Christi. The Eucharist in Late Medieval Culture'', Cambridge, Mass.</ref> Beide Anwesenheiten sind aber zugleich Verweis auf die zukünftige, verheißene Erlösung, die für die Heiligen bereits realisiert und damit als Versprechen für die Gläubigen präsent ist.
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''Liturgisches Gerät, Reliquiare, Paramente:'' Natürlich dienen die im Kirchenraum installierten oder während der Liturgie verwendeten Objekte der beschriebenen Zeitlogik simultan und zugleich zyklisch wie linear verlaufender Zeiten. Hinzu kommt jedoch noch ein weiterer Aspekt: in den Objekten lagert sich Vergangenheit in verschiedenen Schichten an, die bei Betrachtung und Gebrauch aufgerufen werden kann. Auf diese Weise ist je nach Objekt die institutionelle, lokale, nationale, oder gar individuelle Vergangenheit über die Erinnerung an Stifter, das ikonographische Programm, die Symbolik der Materialien oder die Wiederverwendung von Elementen (Spolien<ref>Zu Spolien als verbaute Zeit und sichtbare Vergangenheit, Hilfestellung im Jetzt und Versprechen für die Zukunft vgl. die Arbeiten von Henrike Haug</ref>) im Moment der Verwendung ebenfalls präsent.
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''c) Frömmigkeitspraxis'': ''Spiel'': Die im Kirchenjahr regelmäßig aktualisierte Heilsgeschichte ist den Gläubigen nicht nur durch den von kirchlichen Festtagen und Fastengeboten geprägten Kalender und in der Messe stets vor Augen, sondern wird seit dem Spätmittelalter auch zunehmend „enacted“ und zwar teilweise unter Einbezug der Gläubigen.<ref>Schmid, Rainer H. (1975): Raum, Zeit und Publikum des geistlichen Spiels. Aussage und Absicht eines mittelalterlichen Massenmediums, München; Schwob, Ute Monika (1994): „Und singt frölich: ‚Christ ist erstanden‘! Zur Rolle der Laien bei mittelalterlichen Osterfeiern und beim Osterspiel“, in: Siller, Max (Hg.): Osterspiele. Texte und Musik, Innsbruck, 161–174; Rankin, Susan (1997): „From liturgical Ceremony to public Ritual: ‚Quem queritis‘ at St. Mark’s, Venice“, in: Cattin, Giulio (Hg.): Da Bisanzio a San Marco. Musica e liturgia, Bd. 2, Venedig, 137–207; Surdel, Alain-Julien (1986): „Temps humain et temps divin dans la Legenda Aurea (XIIIe siecle) et dans les mysteres dramatiques (XVe siècle)“, in: Bellenger, Yvonne (Hg.): Le temps et la durée dans la littérature au Moyen Age et à la Renaissance, Paris, 85–102; Petersen, Nils Holger: Liturgical Representation and Late Medieval Piety, in: Lillie, Eva Louise/Petersen, Nils Holger (Hgg.): Liturgy and the arts in the Middle Ages, Kopenhagen, 181-204.</ref> Die Gegenwart der heilsgeschichtlichen Vorgänge ist also nicht abstrakt und theoretisch, sondern z. B. in der österlichen ''visitatio sepulchri'' am eigenen Leib erfahrbar. Dabei handelt es sich aber immer auch um eine Re-Aktualisierung, die die eigene Gegenwart mit der Präsenz des Heiligen verknüpft. Die „Abgrenzung zwischen bloß imaginativer Vergegenwärtigung, Re-Präsentation im Spiel und Realpräsenz im liturgischen Akt“<ref>Müller, Jan-Dirk (2004): „Realpräsenz und Repräsentation. Theatrale Frömmigkeit und Geistliches Spiel“, in: Ziegeler, Hans-Joachim (Hg.): ''Ritual und Inszenierung. Geistliches und weltliches Drama des Mittelalters und der Frühen Neuzeit'', Tübingen, 113–133, S. 133.</ref> ist dabei fließend und zeitgenössisch kaum unterschieden.
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''Hagiographie und exempla'': Die Passion Christi soll „nicht als etwas Vergangenes erinnert, sondern als gegenwärtig geehrt werden“ (Leo d. Große).<ref>Constable, Giles (1990): „A living past: the historical environment of the Middle Ages“, in: ''Harvard Library Bulletin n.s''. 1/3, 49–70, S. 71.</ref> Diese Auffassung zieht sich durch die Jahrhunderte. So ist sie auch in der ''Vita Christi'' des Ludolf von Sachsen zu finden, die Mitte des 15. Jahrhunderts zunächst ins Portugiesische übersetzt wurde (und als eines der ersten Bücher in portugiesischer Sprache 1495 gedruckt): „E como quer que muytas destas cousas se cõtẽ seer ẽ feitas no tẽpo passado. tu pero maginaras ellas assi como se todas fossẽ feitas agora de presente …“.<ref>Ludolfo de Saxónia: ''Vita Christi'', Vol. I. hg. José B. Machado, Braga 2010, Prolog (zitiert nach ebook ohne Seitenzahl, http://www.amazon.de/Vita-Christi-Portuguese-Ludolfo-Sax%C3%B3nia-ebook/dp/B004U33YQ0/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1438169375&sr=1-1&keywords=Vita+Christi+-+I+%28Portuguese+Edition%29#reader_B004U33YQ0, 29.07.2015). Es folgen Übersetzungen ins Französische, Niederländische, Katalanische, Kastilische und Italienische.</ref> Hagiographische Werke und Exempelsammlungen changieren somit ebenfalls immer zwischen der Erzählung historischer Begebenheiten, der Präsentifizierung des Erzählten in der Gegenwart des Lesers und der Einschreibung in eine heilsgeschichtliche Zeitlinie, die unveränderlich auf die gewusste und verheißene Zukunft hinläuft. Und auch das Konzept der Teilhabe an der göttlichen Ewigkeit auf Erden ist – wie in der Liturgie – in der Hagiographie zu finden: „der vollkommene Einsatz der eigenen menschlichen Lebenszeit führt zur zeitweiligen Überwindung dieser Zeit zugunsten einer Partizipation an der zeitlosen Gegenwart Gottes“.<ref>Ehlert, Trude (1997): „Lebenszeit und Heil. Zwei Beispiele für Zeiterfahrung in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters“, in: Ehlert, Trude (Hg.): ''Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne'', Paderborn, 256–273, S. 270f., Zitat S. 271.</ref> Als eine unter vielen hagiographischen Kompilationen des 13. Jahrhunderts wurde die ''Legenda Aurea'' des Dominikaners und späteren Erzbischofs von Genua, Jacopo da Varazze (Jacobus de Voragine † 1298), im Laufe des Spätmittelalters zum europäischen ‚Bestseller’. In die meisten Volkssprachen übersetzt und durch regionale und lokale Heilige ergänzt, findet sich auch hier die typische Kombination aus linearer, heilsgewisser und zyklischer, am liturgischen Kalender ausgerichteter Zeit.<ref>Surdel, Alain-Julien (1986): „Temps humain et temps divin dans la Legenda Aurea (XIIIe siècle) et dans les mysteres dramatiques (XVe siècle)“, in: Bellenger, Yvonne (Hg.): Le temps et la durée dans la littérature au Moyen Age et à la Renaissance, Paris, 85–102.</ref> Die Kernaussagen der gelehrten Exegese werden hier in einfacher Sprache zu den Gläubigen transferiert. Das lineare Fortschreiten der heilsgeschichtlichen Zeit ist bei Jacobus, der hier Augustin zitiert, ein Prozess der Reifung, der am Ende zur Aufgabe aller Zeit führt. Und auch die in der Exegese erläuterte Parallelisierung der Stundengebete mit der Passion Christi findet sich bei Jacobus ebenso wieder wie die „Mehrfachbelegung“ bestimmter Tage im Jahreszyklus, an denen wichtige Ereignisse der Heilsgeschichte kumulieren und aufeinander verweisen. Die Heiligen wiederum, deren Legenden hier erzählt werden, stehen für die Erfüllung der zukünftigen Verheißung in der Vergangenheit. Durch die Vergegenwärtigung in der liturgischen ''memoria'' und in den Reliquien wird die Realisierbarkeit dieses Versprechens für die Gläubigen gegenwärtig. Die Legendensammlung ist damit Geschichtswerk und Zukunftsversprechen/-prophezeiung zugleich. Sie erfüllt zudem die Aufgabe, der auch die im Spätmittelalter zahlreich entstehenden Exempelsammlungen gewidmet sind, indem sie ''exempla'' für den Gläubigen und die Prediger bietet, die das spezifisch heilsgeschichtlich geprägte Verständnis von Zeit regelmäßig und allgemeinverständlich im Alltag reproduzieren.<ref>Le Goff, Jacques (1986): „Le temps de l’exemplum (XIIIe s.)“, in: Bellenger, Yvonne (Hg.): ''Le temps et la durée dans la littérature au Moyen Age et à la Renaissance'', Paris, 553–556; Schmitt, Jean-Claude (2008): „Temps liturgique et temps des exempla“, in: Bériou, Nicole (Hg.): ''Prédication et Liturgie au Moyen Age'', Turnhout, 223–236.</ref> In den ''exempla'' werden zudem Probleme verhandelt, die den Umgang mit Zeit im Alltag betreffen, wie die Frage danach, ob man aus Zeit Gewinn schlagen dürfe (s.u.).
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''Pilgerschaft'': Eine Pilgerfahrt nahm die Gläubigen aus ihrer Alltagszeit heraus, sie vollzogen – der Prozession nicht unähnlich eine Bewegung im Raum, die sie zu einem Ort der Vergangenheit führte, an dem sie wiederum die (Real)Präsenz der/des Heiligen erfahren konnten. In den an den besuchten Stätten bezeugten Wunder wurde diese Präsenz nicht nur sichtbar, sondern die Pilger wurden selbst Teil einer solchen, die Zeiten transzendierenden Geschichte.<ref>Constable, Giles (1990): „A living past: the historical environment of the Middle Ages“, in: Harvard Library Bulletin n.s. 1/3, 49–70, S.68.</ref>
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==== Wandel der Vorstellungen von Zeit und Zeitlichkeit im Spätmittelalter ====
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Komplementär zu diesem immer wieder neu inszenierten Grundverständnis von Zeit entwickelt sich im Spätmittelalter eine „neue“ Zeit, die sich  von älteren Vorstellungen unterscheidet und doch in engem Bezug zu ihnen steht.<ref>Vgl. Schreiner, Klaus (1987): „‚Diversitas temporum‘ – Zeiterfahrung und Epochengliederung im späten Mittelalter“, in: Koselleck, Reinhart/Herzog, Reinhart (Hgg.): ''Epochenschwelle und Epochenbewusstsein'', München, 381–428.</ref> Für das Verständnis dieses Wandel grundlegend und zugleich fatal war die bereits im ersten Abschnitt genannte Unterscheidung, die Jacques Le Goff vorgenommen hat:<ref>Le Goff, Jacques (1960): „Au Moyen Age: Temps de l’Eglise et temps du marchand“, in: ''Annales. Histoire, Sciences Sociales'', 417–433. Dt.: Zeit der Kirche und Zeit des Händlers im Mittelalter, in: Honegger, Claudia (Hg.): ''Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse'', Frankfurt a. M., 393–414.</ref> grundlegend, weil sie – ergänzend zu Le Goffs Forschungen zum Purgatorium – pointiert auf das Verständnis von Zeit als einem (ab)messbaren Gut hinwies, fatal, weil sie die zu einfache Dichotomie zwischen einer „Zeit der Kirche“ und einer „Zeit der Händler“ aufmachte, die die gesamte folgende Diskussion zum Thema prägte.<ref>Burke, Peter (2004): „Reflections on the cultural history of time“, in: ''Viator'' 35/1, 617–626, S. 623: „Le Goff’s view of time has in turn been criticized as too simple. It was an advance on the earlier binary opposition, but it created another simple binary opposition, between churchmen and merchants. This may not have been intentional but was a side-effect of the success of the article, its virtual ‘canonization’.”</ref>
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Die Forschung hat sich seitdem aber – ganz im Sinne Le Goffs – ausdifferenziert<ref>Dohrn-van Rossum, Gerhard (1988): „Zeit der Kirche – Zeit der Händler – Zeit der Städte. Die mechanische Uhr und der Wandel des Zeitbewusstseins im Spätmittelalter“, in: Zoll, Rainer (Hg.): Zerstörung und Wiederaneignung von Zeit, Frankfurt a. M., 89–119, S. 89f.</ref> und fokussiert nun auf sehr unterschiedliche Aspekte dieses langsam wachsenden neuen Zeitverständnisses:
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''a) Diskussionen um den Charakter von Zeit – Zeit als Ware'': Ein Charakteristikum des neuen Umgangs mit Zeit ist die stärkere Trennung der Ewigkeit vom Ablauf der irdischen Zeit. Zeit kann nun verloren gehen, sie läuft – unwiederbringlich – ab und entfernt sich – jedenfalls im Alltagsverständnis (d. h. jenseits weiter bestehender eschatologischer Erwartungen und Spekulationen) vom end- und allzeitlichen Versprechen des „Danach“.<ref>Seibt, Ferdinand (<sup>2</sup>1989): „Die Zeit als Kategorie der Geschichte und als Kondition des historischen Sinns“, in: Aschoff, Jürgen (Hg.): ''Die Zeit. Dauer und Augenblick'', München, 145–188, S. 170.</ref>
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Zeit wird (ver)handelbar, wie man zum einen in der gelehrten Kritik und der Diskussion über Wucher und zum anderen in den kaufmännisch-bürgerlichen Kontexten sehen kann. So schreibt Leon Battista Alberti in seinen ''Quattro libri della famiglia'': „Per questo, figliuoli miei, si vuole osservare il tempo, e secondo il tempo distribuire le cose, darsi alle faccende, mai perdere una ora di tempo. Potrei dirvi quanto sia preziosa cosa il tempo, ma altrove sia da dirne con più elimata eloquenza, con più forza d'ingegno, con più copia di dottrina che la mia. Solo vi ricordo a non perdere tempo.“<ref>Alberti, Leon Battista: „I libri della famiglia“, in: ''Opere volgari'', hg. Cecil Grayson, Scrittori d’Italia 218, Bari 1960, 3–341, S. 177, lib. III.</ref> Ein wichtiges Feld dieser Verhandlungen von Zeit ist die Wucherdiskussion, in der sich Theologie und Erfahrungen bzw. Interessen vor allem der Städter überschnitten. Aus theologischer Sicht ist Wucher verboten, weil hier mit ,Zeit‘ etwas gehandelt wird, was allein Gott gehört. Kreditgeschäfte und der damit erzielbare Gewinn jedoch gehören im Spätmittelalter längst zum Alltag, wie das Beispiel des Genuesers Galeazzo Doria zeigt.<ref>Ein solcher Fall bei Ennen, Edith (1995): „Zeitbewußtsein in der mittelalterlichen Stadt“, in: Dilg, Peter/Keil, Gundolf/Moser, Dietz-Rüdiger (Hgg.): ''Rhythmus und Saisonalität. Kongreßakten  des 5. Symposions des Mediävistenverbandes in Göttingen 1993'', Sigmaringen, 93–100, S. 93f.</ref> Im Zusammenhang mit diesen Diskussionen wird ein Ort, der schon das ganze Mittelalter hindurch als Zwischenort gedacht worden war, neu ,erfunden‘: das Purgatorium. Hier kann die Heilserwartung im Austauschprozess zwischen Zeit und Geld ausgedrückt werden. Stiftungen werden eingerichtet, um das erworbene Geld für das eigene Seelenheil oder das schon Verstorbener einzusetzen und Pilgerreisen, Schenkungen oder andere Ablassanlässe verkürzen die Zeit im Fegefeuer.<ref>Le Goff, Jacques (<sup>2</sup>2008): ''Wucherzins und Höllenqualen. Ökonomie und Religion im Mittelalter'', Stuttgart.</ref>
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''b) Zeit der Städte – Uhrengeschichte als Indikator des Wandels von Zeitvorstellungen'': Den Wandel des Zeitverständnisses hat man vor allem an der Entwicklung der Zeitmessung festgemacht.<ref>Vgl. zum folgenden Abschnitt Dohrn-van Rossum, Gerhard (1992): ''Die Geschichte der Stunde'', München.</ref> So hatte zunächst der ''cursus'' des Stundengebets, der den Tag in licht- und jahreszeitenabhängige, ungleiche Zeitabschnitte aufteilte, nicht nur für Domkapitel, Klosterbewohner und Pilger seine Berechtigung, sondern regelte auch die Zeitordnung der Städter. Das entsprechende Glockenläuten wurde im Lauf der Zeit ergänzt durch weitere akustische Signale, die entweder von Kirchen oder vom städtischen Turm ausgingen.
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Auf diese Zeitordnung traf seit dem Ende des 13. und dem Anfang des 14. Jahrhunderts die Weiterentwicklung der mechanischen Uhr, deren Zifferblatt bald darauf verlässliche zyklische Wiederkehr gleichlanger Stunden einerseits und – zumindest theoretisch – endlose Dauer andererseits signalisierte.<ref>Seibt, Ferdinand (<sup>2</sup>1989): „Die Zeit als Kategorie der Geschichte und als Kondition des historischen Sinns“, in: Aschoff, Jürgen (Hg.): ''Die Zeit. Dauer und Augenblick'', 145–188, S. 184.</ref> Von den norditalienischen Städten aus trat die öffentliche Uhr, die zunächst je zur vollen Stunde schlug, allmählich ihren Siegeszug durch ganz Europa an. Ihre Nützlichkeit für die gesamte Bevölkerung wird von den Zeitgenossen angemerkt:
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„[…] in der Turmspitze sind viele Glocken, und dort ist eine bewundernswerte Uhr, weil sie eine sehr große Glocke ist, die eine Glocke schlägt vierundzwanzigmal nach der Zahl der vierundzwanzig Stunden des Tages und der Nacht, so, dass sie in der ersten Stunde einen Ton gibt, in der zweiten zwei Schläge, in der dritten drei und in der vierten vier, und so unterscheidet sie die einzelnen Stunden. Das ist für alle Stände äußerst notwendig“<ref>„[ …] quod est summe necessarium pro omni statu hominum“. Galvanus Flamma (Galvano Fiamma): ''Opusculum de rebus gestis ab Azone, Luchino et Johanne vicecomitibus'', hg. Carlo Castiglioni, Rerum Italicarum scriptores 12,4, Bologna 1938, S. 16; Übersetzung nach Dohrn-van Rossum, Gerhard (1992): ''Die Geschichte der Stunde'', München, S. 106.</ref>,
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so beschreibt Galvano Fiamma (1283–1344) die Mailänder Uhr. Zunächst und vor allem waren diese Uhren aber Statussymbole, wie die des Jacopo Dondi (1293–1359) für Padua, die bei der Eroberung der Stadt durch die Mailänder zerstört wurde. Aus dem ''Tractatus astrarii'' seines Sohnes Giovanni von 1364 wird das Nebeneinander alter und neuer Zeitkonzepte deutlich: eine Uhr konnte zu den nun ''gleichmäßig ''bemessenen Stunden zusätzlich Sternbilder oder den Gang der christlichen Feiertage anzeigen.<ref>Giovanni Dondi, ''Tractatus astrarii, Biblioteca capitolare di Padova, Cod. D. 39'', hg. Emmanuel Poulle, Genf 2003. Vgl. Seibt, Ferdinand (1978): ''Karl IV. Ein Kaiser in Europa, 1346–1378'', München 1978, S. 22–25.</ref>
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Die Verbreitung der öffentlichen Uhren im 14. Jahrhundert ist allerdings weniger ein Zeichen für ein verändertes Zeitverständnis als vielmehr eine Frage von Repräsentation und Prestigedenken. Die Händler sind in der Nutzung der gleichmäßigen Stunde zunächst nicht besonders hervorgetreten und häufig waren es kirchliche Institutionen, die sich der neuen Zeitrechnung bedienten – die Le Goff’sche These ist also zu modifizieren: Bei dem allmählich sich wandelnden Zeitverständnis, das sich in immer präziserer ''Zeitmessung'' und der Verlagerung der ''Zeithoheit'' auf städtische Funktionsträger ausdrückte, ist somit nicht von einer „Zeit der Händler“ sondern allenfalls von einer „Zeit der Städte“ zu sprechen und diese Entwicklung ist als „Teilprozess urbaner Modernisierung” zu sehen.<ref>Dohrn-van Rossum, Gerhard (1992): ''Die Geschichte der Stunde'', München, S. 22, 163; Goetz, Hans-Werner (1993): „Zeit/Geschichte: Mittelalter“, in: Dinzelbacher, Peter (Hg.): ''Europäische Mentalitätsgeschichte: Hauptthemen in Einzeldarstellungen'', Stuttgart, 640–649, S. 643. Vgl. dazu auch die Beiträge von Paul Brand und Chris Humphrey (2001) in: Humphrey, Chris/Ormrod, William Mark (Hgg.): ''Time in the medieval world'', Woodbridge.</ref> Die „soziale Zeit“ war auf diese Weise nun für eine ganze Zeit lang stärker als zuvor in den sozialen Sphären „Stadt“, „Land“, „Hof“ und „Kloster“ voneinander entkoppelt, weil sie unterschiedlichen Bedürfnissen und Zwängen gehorchte.<ref>Dinzelbacher, Peter (2002): „Die Zeit in der urbanen Mentalität des Mittelalters“, in: Katzinger, Willibald (Hg.): ''Zeitbegriff. Zeitmessung und Zeitverständnis'', Linz, 21–38.</ref> Doch blieben die gemeinsamen Grundlagen ebenso wie die Berührungspunkte und Überlagerungen bestehen. So wurden die „neuen Stunden“ im Moment ihrer Etablierung auch schon in den liturgischen Texten verarbeitet und in die „Zeit der Kirche“ integriert, wie umgekehrt überall dort, wo es (noch) keine öffentliche Uhr gab, weiterhin auch die Kirchenglocken für die Ordnung und Regelung des Zusammenlebens sorgten.<ref>Dohrn-van Rossum, Gerhard (1992): ''Die Geschichte der Stunde'', München, S. 139, 215f.</ref>
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''c) Eine neue Zukunft'': Ein anderes Element des Wechsels im Zeitverständnis stellen die – in der Nachfolge Joachims von Fiore<ref>Riedl, Matthias (2012): „A Collective Messiah: Joachim of Fiore’s Constitution of Future Society“, ''Mirabilia'' 14, 57–80.</ref> – seit dem 13. Jahrhundert sich verbreitenden optimistischen Zukunftsspekulationen dar, die mit der Vorstellung der eigenen Zeit als einer ‚modernen Zeit‘ und mit einer Art Fortschrittsglauben zusammengehen: ein gewisses Stadium von Vollkommenheit, so diese Spekulationen, sei eben schon auf Erden und nicht erst am Ende der Zeiten erreichbar.<ref>Seibt, Ferdinand (<sup>2</sup>1989): „Die Zeit als Kategorie der Geschichte und als Kondition des historischen Sinns“, in: Aschoff, Jürgen (Hg.): ''Die Zeit. Dauer und Augenblick'', 145–188, S. 163f. Für analoge Zukunftsspekulationen in anderen Epochen und Kontexte vgl. Riedl, Matthias (2010): „Living in the Future – Proleptic Existence in Religion, Politics and Art“, in: ''International Political Anthropology'' 3/2, 117–134.</ref> Aus diesen und älteren Vorstellungen von zukünftiger diesseitiger Entwicklung entsteht in einem langwierigen Prozess, der bis an das Ende des 18. Jahrhunderts reicht, die Idee einer ‚offenen Zukunft’, einer Zukunft, die nicht heilsgeschichtlich determiniert, sondern vom Menschen wünsch-, plan- und formbar ist.<ref>Diese Entwicklung ist vielschichtiger und komplexer als dies bisher dargestellt wurde; vgl. zur ‚offenen Zukunft’ die Arbeiten von Reinhart Koselleck, z.B. Koselleck, Reinhart (1979): „Vergangene Zukunft der frühen Neuzeit, in: Ders.: ''Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten'', Frankfurt a. M., 17–37; Ders.: „‚Erfahrungsraum‘ und ‚Erwartungshorizont‘ – zwei historische Kategorien“, ebd., 349–375, sowie Hölscher, Lucian (1999): ''Die Entdeckung der Zukunft'', Frankfurt a. M.</ref>
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''d) Eine neue Vergangenheit, ein neues Geschichtsbewusstsein'': Zu dem seit etwa dem 12. Jahrhundert sich langsam wandelnden Umgang mit Zeit und Zeitlichkeit und den Diskussionen darüber wie Zeit zu messen und einzuteilen sei, treten auch neue Vorstellungen davon, wie man sich selbst – als Individuum, Generation, Gruppe oder ‚Nation‘ – in der Zeit verorten könne und welche Position man gegenüber der Vergangenheit einnehmen solle.<ref>Burke, Peter (2001): „The Sense of Anachronism from Petrarch to Poussin“, in: Humphrey, Chris/Ormrod, William Mark (Hgg.): ''Time in the Medieval World'', Woodbridge, 157–173; Burke, Peter (1969): ''The Renaissance Sense of the Past, Documents of modern history'', London. Vgl. dazu das Gegenbild mittelalterlicher Vergangenheitsauffassung bei Constable, Giles (1990): „A living past: the historical environment of the Middle Ages“, in: Harvard Library Bulletin n.s. 1/3, 49–70, S. 63. Algazi, Gadi (1998): „Ein gelehrter Blick ins lebendige Archiv. Umgangsweisen mit der Vergangenheit im fünfzehnten Jahrhundert“, in: ''Historische Zeitschrift'' 266/2, 317–357, unterscheidet zudem einen gelehrten und einen alltäglichen Blick auf die Vergangenheit. Zum neuen Zeitbewusstsein vgl. auch die Beiträge in Landwehr, Achim (Hg.) (2012): ''Frühe neue Zeiten. Zeitwissen zwischen Reformation und Revolution'', Bielefeld.</ref> Am augenfälligsten wird dies in einem der gemeinhin als ''das'' Charakteristikum der ‚Renaissance‘ gehandelten Aspekte: im Verhältnis zur Antike. Der Bezug einer sich selbst als ‚neu‘ verstehenden Zeit auf die heidnische Antike anstelle der christlichen Spätantike als idealer Anknüpfungspunkt jenseits eines als ‚Zwischenzeit‘ verstandenen ‚Mittelalters‘ geriet geradezu zur Epochensignatur. Wenn auch das Selbstverständnis dieser Zeit vielfach auf einen Bruch zum Vorangehenden abstellt, so ist doch zu betonen, dass ‚mittelalterliche‘ Traditionen und Wissensbestände auch über ‚Zeit‘ in die Wissensformationen der Renaissance und der Frühen Neuzeit eingebunden blieben und transformiert wurden. Wenn also von nun an Zeit als etwas gleichförmig universales, nicht (mehr) nur astronomisch Messbares wahrgenommen wurde<ref>Grafton, Anthony (2003): „Dating History: The Renaissance & the Reformation of Chronology“, in: ''Daedalus'' 132/2, 74–85, S. 76.</ref> und von einer zusammenhängenden „Epoche des Zeitempfindens von der Gotik bis zum Barock“<ref>Seibt, Ferdinand (<sup>2</sup>1989): „Die Zeit als Kategorie der Geschichte und als Kondition des historischen Sinns“, in: Aschoff, Jürgen (Hrsg.): ''Die Zeit. Dauer und Augenblick'', München, 145–188, S. 175.</ref> die Rede sein kann, so sollte nicht vergessen werden, dass gerade in der Historiographie aber auch in vielen anderen Lebensbereichen die oben im ersten Teil des Artikels „Zeit“ beschriebenen Periodisierungen ebenso noch lange valide blieben wie die zeitliche Verankerung der Geschichtserzählung um die Geburt Christi als Angelpunkt und die lineare Ausrichtung auf das verheißene und gewusste – wenn auch nicht datierbare – Ende hin. Und nicht nur Kunsthistoriker haben zuletzt darauf hingewiesen, dass sich in den Texten und Artefakten des Spätmittelalters und der Renaissance keineswegs eine schlichte Ablehnung der ‚mittleren Zeit‘ und Reproduktion der ‚Antike‘ finden lässt, sondern im Gegenteil wiederum der Versuch – in typologischer, geradezu altbekannter Weise –, Zeitebenen miteinander zu verschmelzen: „A primary function of art […] was precisely to collapse temporal distance.“<ref>Nagel, Alexander/Wood, Christopher S. (2005): „Toward a New Model of Renaissance Anachronism“, in: ''The Art Bulletin'' 87/3, 403–415, S. 408.</ref>
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<p><u>'''"Infokasten Petrarca" (Barbara Ventarola)'''</u></p>
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Verzeitlichung und Entzeitlichung im ''Canzoniere'' Francesco Petrarcas
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Ein besonders wirkmächtiges Beispiel für die spätmittelalterlichen Veränderungen des Zeiterlebens ist der Dichter und humanistische Philosoph Francesco Petrarca (1304–1374). Er steht sowohl für ein neues Vergangenheitsbewusstsein als auch für eine neue Zukunft. In seinen ''Rerum memorandarum libri'' thematisiert er hellsichtig seine eigene historische Schwellenposition: „Ich aber befinde mich auf der Grenze zwischen zwei Gemeinschaften und blicke gleichzeitig nach vorne und zurück.“<ref>„Ego velut in confinio duorum populorum constitutus ac simul ante retroque prospiciens“ (Petrarca, Francesco, ''Rerum memorandarum libri, ''hg. von Giuseppe Billanovich, Florenz 1943, S. 19).</ref> Er bringt damit ein Bewusstsein von Geschichtlichkeit zur Sprache, das in diesem Ausmaß neu ist. Auch in seinen anderen Texten nimmt das Nachdenken über das unaufhaltsame Verfließen der Zeit einen auffällig großen Raum ein. Die Zeit kann geradezu als ein zentrales Thema begriffen werden, das Petrarca ohne Unterlass umtreibt.<ref>Vgl. Tripet, Arnaud (1967): ''Pétrarque ou la connaissance de soi'', Genève, S. 75.</ref> Damit wird er zum Sprachrohr für die grundsätzliche „Zeitangst“, die die spätmittelalterlichen Umwälzungen im Weltbild mit sich bringen.<ref>Vgl. Wolfzettel, Friedrich (1997): „Zeitangst, Geschichtskrise und Ich-Bewußtsein in der frühen Neuzeit: Petrarca – Charles d’Orléans – Montaigne“, in: Ehlert, Trude (Hg.): ''Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne'', Paderborn u.a., S. 309–324.</ref> Der Philosophiehistoriker Hans Blumenberg führt diese auf Veränderungen in der Gotteskonzeption zurück: Im Spätmittelalter setzt sich gegen die Hochscholastik mehr und mehr die Vorstellung von einem allmächtigen Willkürgott durch, dessen Entscheidungen nicht einsehbar sind, sich jederzeit ändern können und selbst die Vernichtung der Welt einschließen können. Diese göttliche Wankelmütigkeit bringt das traditionelle teleologische Denken ins Wanken. Die Zeit wird zum wesentlichen „Handikap“ des menschlichen Denkens und zerfällt in die Fragmente einzelner Augenblicke, wodurch auch die traditionellen Moralvorstellungen prekär werden.<ref>Vgl. Blumenberg, Hans (<sup>2</sup>1999): ''Die Legitimität der Neuzeit'', Frankfurt a. M., Zweiter Teil, bes. S. 180–183. Siehe auch Ventarola, Barbara (2008): ''Kairos und Seelenheil. Textspiele der Entzeitlichung in Francesco Petrarcas ‚Canzoniere‘'', Stuttgart, S. 72–81.</ref>
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Zu beachten ist, dass Petrarca nicht dabei stehenbleibt, diesen Ordnungsverlust zu beklagen, wie vor allem die Forschung der letzten Jahrzehnte insinuiert hat. Stattdessen nutzt er ihn als Legitimationsgrundlage, um über neue Möglichkeiten des Zeitmanagements und damit auch des Welt- und Selbstumgangs nachzudenken.
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Dies wird besonders deutlich in seinem ''Canzoniere ''(entstanden zwischen 1336 und 1374). Es handelt sich dabei um eine wirkmächtige Sammlung von Liebesgedichten, die zur Grundlage für den Petrarkismus geworden ist, einem der Gründungsmythen Europas.<ref>Vgl. dazu Bernsen, Michael/Huss, Bernhard (Hgg.) (2011): ''Der Petrarkismus – ein europäischer Gründungsmythos'', Göttingen.</ref> Neben der Liebe ist die Zeit das vorherrschende Thema, und letztlich stellt die gesamte Komposition der Gedichtsammlung eine großangelegte Reflexion auf die Zeitlichkeit sowie die damit einhergehenden Veränderungen im Wirklichkeitsverständnis, im Menschenbild und in den Moralvorstellungen dar.<ref>Vgl. dazu Ventarola, Barbara (2008): ''Kairos und Seelenheil. Textspiele der Entzeitlichung in Francesco Petrarcas ‚Canzoniere‘'', Stuttgart.</ref> Zu diesem Zweck narrativiert Petrarca seine Lyrik. Er ordnet die Gedichte so an, dass eine autobiographische Fiktion entsteht. Die einzelnen Gedichte stellen Momentaufnahmen dar, die in ihrer Abfolge mehr als 30 Jahre im Leben des lyrischen Ichs abbilden bzw. ‚erzählen‘, Jahre der Liebe zu Laura, die im ersten Teil noch lebt und im zweiten Teil als Verstorbene erinnert und besungen wird. Es entsteht der Eindruck einer inneren Entwicklungsgeschichte des Ichs, die zugleich in eine Unzahl einzelner Augenblicke zerfällt. In diesen wiederum überlagern sich meist mehrere Zeitstufen; Erinnerungen, Wunschphantasien und Zukunftsvisionen sind eng verflochten und führen zu ständigen Perspektiven- und Meinungswechseln. Dabei kreisen die Gedanken des Sprechers immer wieder um das Motiv des ''memento temporis'', die Klage über die unaufhaltsam verfließende Zeit. Die Kreuzung von Lyrik und Narrativität bildet so zuallererst die zeitgenössische Erfahrung einer Verzeitlichung, ja einer Fragmentierung der Zeit ab. Petrarca führt damit eindrücklich den Verlust traditioneller Modi der Zeitbewältigung vor.
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Zugleich erprobt er mögliche neue Modi des Zeitumgangs. Diese insinuiert er durch ein weiteres Kompositionsmerkmal: die Zusammenfügung einzelner Gedichte zu Gedichtserien. Anders als die Forschung lange glaubte, bilden diese nämlich wiederum kleinere Erzählungen, sie folgen einer versteckten Handlungslogik, die sich zahllose Male wiederholt und eine Überwindung der Zeitangst ins Szene setzt. Dafür inspiriert sich der lyrische Sprecher an Epikur und setzt sich bewusst über Augustins Verurteilung der irdischen Liebe hinweg; er ersetzt die traditionelle Ausrichtung auf Gott durch eine Fokussierung auf Laura und begegnet der zeitgenössischen Erfahrung der Verzeitlichung, indem er in beglückenden Vorstellungen von Laura schwelgt und sich so mithilfe seiner eigenen Einbildungskraft der Zeit enthobene erfüllte Augenblicke verschafft. Auf diese Weise bilden die Serien eine ''Selbstermächtigung über die Zeit'' ab und legen zugleich die Grundlage für eine neue Anthropologie und Ethik des ganzen Menschen. Das übergeordnete Aufstiegs''-''Schema des Textes (''ascensus''), das vordergründig eine zunehmende Läuterung des Ichs abzubilden scheint, wird hierdurch konterkariert. Damit obliegt die Wahl der Modi der Zeitbewältigung dem Leser selbst. Er kann sich entweder für die traditionell-christliche Jenseitsausrichtung entscheiden oder die im ''Canzoniere'' vorgeführten neuen Strategien erproben.
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So bildet der ''Canzoniere'' die eingangs erwähnte Janusköpfigkeit perfekt ab und wird selbst zum Geschichtssubjekt, das neue Zukünfte eröffnet. Zum einen führt die fragmentierte Gestalt des in Szene gesetzten inneren Lebensweges eindrücklich die zeitgenössische Erfahrung einer beängstigenden Verzeitlichung vor Augen. Zum anderen nutzt Petrarca genau das Auseinanderbrechung der mittelalterlichen teleologischen Ordnung, um zusammen mit den neuen Modi der Zeitbewältigung neue Formen des Welt- und Selbstumgangs in die Wege zu leiten. Er wird zum ersten Humanisten.
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==Historiographie==
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===Einleitung und lateinische Historiographie des frühen und hohen Mittelalters (Hans-Werner Goetz)===
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==== Definition und Einordnung ====
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''Historia ''„ist die Ereigniserzählung, durch die wir erkennen, was sich in der Vergangenheit ereignet hat,“ definiert Isidor von Sevilla in seinen weit verbreiteten ''Etymologiae'':<ref>Isidor von Sevilla, Etymologiae 1,41, hg. Wallace M. Lindsay, Oxford 1911 (Ndr. 2008), Bd. 1, S. 81: ''Historia est narratio rei gestae, per quam ea, quae in praeterito facta sunt, dinoscuntur''.</ref> ''Historia ''ist im Mittelalter nicht Geschichte in unserem Sinn (nach Reinhart Koselleck „Geschichte an und für sich“), sondern, als „Erzählung“ (''narratio'') zur Erkenntnis der Vergangenheit. von vornherein Geschichtsschreibung. Ihr Gegenstand ist folglich die ‚Geschichte‘ oder sind, mittelalterlich, die ''res gestae'', die Ereignisse, oder das Geschehen (''quae facta sunt''). Für die moderne Auswertung ergibt sich daraus zugleich die Bedeutung der Historiographie als ‚Text‘.<ref>Vgl. dazu den folgenden Abschnitt von Sebastian Greußlich.</ref> Im mittelalterlichen Selbstverständnis (und in vielen Prologen von Geschichtswerken angesprochen) aber ist ''historia ''als „Tatsachenbericht“ (''narratio rerum gestarum''), mit Rückgriff auf antike Rhetoriktheorien, von Erdichtetem (''fabula'') strikt abgehoben.
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Wenn man viel über den Stellenwert und Standort der ''historia ''im mittelalterlichen Wissenschaftssystem nachgedacht hat − sie bildet keine der ‚klassischen‘ sieben freien Künste (''artes liberales'')<ref>Vgl. Abschnitt ■, S. ■.</ref> − und sie gar als Teildisziplin der Grammatik und Rhetorik zu ‚entdecken‘ glaubte, weil sie hier immer wieder genannt wird, dann ist das in zweierlei Hinsicht korrekturbedürftig:<ref>Vgl. dazu und zu den älteren Ansichten Goetz, Hans-Werner (1985): „Die ‚Geschichte‘ im Wissenschaftssystem des Mittelalters", in: Schmale, Franz-Josef (Hg.): ''Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung. Eine Einführung'', Darmstadt, 165–213.</ref> Zum einen ist eben nicht die Geschichte, sondern ist Geschichtsschreibung Gegenstand des Triviums, und zum anderen wird diese dadurch nicht zur Teildisziplin. Die ‚trivialen‘ Künste formen ihre Sprache, das Quadrivium ist Grundlage ihrer Zeitzählung; nicht zufällig ist Bedas „Chronik“ Teil seines Traktats ''De ratione temporum''. Tatsächlich ist die ''historia ''den ''artes ''in gewissem Sinn sogar übergeordnet. Ihren (theologischen) ‚Standort‘ gewinnt sie nämlich aus der Bibelexegese: als wörtliche (faktische) Auslegung der Schrift,<ref>Vgl. Abschnitt ■ im Artikel Zeit- und Geschichtsvorstellungen.</ref> vor allem bei Hugo von St. Viktor, der bewusst Isidors (säkulare) Definition auf die Exegese überträgt. Damit wird aber auch die Geschichte (im Wortsinn) auslegungsfähig und auf das Wesen und Wirken Gottes, die Zukunft und das Jenseits hin ‚interpretierbar‘.
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==== Kriterien, Anliegen und Methode ====
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Mittelalterliche Geschichtsschreiber mussten zwar ohne eine moderne Quellenkritik auskommen, die im Wesentlichen erst im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, und sie haben weder ihre ‚Quellen‘ − im mittelalterlichen, durchaus angemessenen Sprachgebrauch sind das ‚Zeugen‘ − nach deren Informiertheitsgrad oder gar nach ihrer Tendenz bewertet noch haben sie zwischen Mythen und Geschichte unterschieden, aber dennoch Kriterien historiographischer Praxis entwickelt: Der Wert der Vorlagen ergibt sich dabei aus der Autorität und Glaubwürdigkeit der ‚Zeugen‘, die Auswahlkriterien resultieren aus der Definition bzw. dem Charakter der Historiographie: nämlich vor allem das Wahrheitskriterium aus dem Charakter der ‚Faktizität‘ der ''res gestae'' (wie auch aus der häufig betonten, wenngleich selten eingehaltenen Unparteilichkeit des Autors), das Kriterium der zeitlichen Einordnung und der chronologischen Ordnung aus dem Verständnis der ''historia ''als „Zeitenfolge“ (''series temporum'') und die Auswahl selbst aus dem Kriterium der Erinnerungswürdigkeit des Geschichtsberichts, der die ''memorabilia ''zusammenstellen will. Als zeitliches Ordnungskriterium dienen entweder (und zumeist) die jahrweise („annalistische“) Anlage und/oder die Regierungs- oder Pontifikatszeit von Königen, Päpsten, Bischöfen oder Äbten. Kurz gefasst, hält mittelalterliche Geschichtsschreibung in chronologischer Folge die Erinnerung an wahre, denkwürdige Taten fest.
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Auswahl, Anordnung und Deutung prägen zugleich die Eigenart des einzelnen Geschichtswerkes,<ref>Vgl. Melville, Gert (1975): „System und Diachronie. Untersuchungen zur theoretischen Grundlegung geschichtsschreiberischer Praxis im Mittelalter“, in: ''Historisches Jahrbuch ''95, 33–67, 308–341, hier S. 63ff.; Goetz, Hans-Werner (²2008): ''Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im hohen Mittelalter'', Berlin, S. 141ff.</ref> dessen Zusammenstellung vor allem − und für die zurückliegenden Zeiten durchweg − Kompilation aus den erreichbaren Vorlagen ist, die zusammengetragen und abgeschrieben, aber auch kombiniert, umgeordnet und ergänzt wurden; für die Gegenwart war man auf eigene Erfahrungen und mündliche Informationen (und die Zuverlässigkeit der Informanten) angewiesen. Mittelalterliche Geschichtsschreibung ist keineswegs ein kontinuierliches Fortsetzungswerk, sondern hat als Ergebnis historiographischer Arbeit ständig neue, eigenständige, aus den jeweiligen Bedürfnissen, Funktionen und Vorstellungen erwachsene Chroniken geschaffen, auch dort, wo man sich von anderen abhängig wusste. Dabei wurde auch die Form wichtig genommen: die rhetorische Gestaltung der Prologe ebenso wie die Gestaltung in Versen als anspruchsvollste Form. Für die moderne Forschung wird daher jedes Werk in seiner jeweiligen Gesamtanlage interessant (und keineswegs nur die früher zum Teil ausschließlich edierten ‚eigenen‘ oder zeitgenössischen Teile einer Chronik). Gerade die Verarbeitung der (uns oft bekannten) Vorlagen gibt wertvollen Aufschluss über Interessen, historiographische Praxis und Vorstellungen des Autors.
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==== Kennzeichen, Ausrichtung und Funktionen ====
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Geschichtswerke wurden vor allem in Klöstern, an Bischofssitzen und Königs- und Fürstenhöfen sowie im späten Mittelalter in den Städten verfasst, die Autoren waren bis über das hohe Mittelalter hinaus vorwiegend Mönche und Kleriker. Es versteht sich von selbst, dass jedes Geschichtswerk zugleich das Weltbild und insbesondere ein (bestimmtes) Geschichtsbild seines Autors widerspiegelt. Insgesamt ist die mittelalterliche Geschichtsschreibung von ihrer ganzen Ausrichtung her erstens zunächst politisch orientiert und beschreibt Kaiser- und Königsgeschichte oder die Geschichte von Bischöfen und Äbten, Fürsten, Kreuzfahrern und Kriegen, aber auch von Heiligen. Sie ist zweitens nämlich ebenso vor einem heilsgeschichtlichen Hintergrund verfasst und zeigt immer wieder die ‚Hand Gottes in der Geschichte‘ auf oder setzt sie zumindest voraus. Geschichtsschreibung ist daher vielfach zugleich (theologische) Geschichtsdeutung. Drittens aber hat sie einen institutionellen Hintergrund und ist an König, Reich oder Fürstenhof, Bistum, Kloster oder Stift, Geschlecht oder Stadt gebunden, die Gegenstand und Wertung weithin bestimmen. Oft sind die Werke hohen Persönlichkeiten gewidmet oder sogar in deren Auftrag verfasst.
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In solcher Ausrichtung, hat die Geschichtsschreibung verschiedene Funktionen. Wenn sie, wie gesagt, nach mittelalterlicher ‚Theorie‘ zunächst zum Zweck der historischen Erinnerung (''memoria'') und zur Unterrichtung der Nachwelt über die Vergangenheit verfasst ist, so verbinden sich damit in der Praxis weitere, auch aktuelle und teilweise tendenziöse Funktionen. Sie will die Taten Gottes und der Menschen aufzeigen und damit gleichzeitig belehren, erbauen und unterhalten, aber auch ethisch erziehen, durch Nachahmung ebenso wie durch Abschreckung. Sodann will sie immer wieder den Anschluss der Gegenwart an die Vergangenheit herstellen oder die Geschichte der eigenen Institution von den Ursprüngen bis zur Gegenwart verfolgen und in den Gesamtverlauf einordnen. Sie will aber auch Partei ergreifen, Ansprüche beweisen oder Herrschaft legitimieren.
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==== Formen: Gattungen (und ihre Problematik) ====
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Nach Inhalt, Ausrichtung und Form lassen sich traditionell verschiedene Gattungen unterscheiden, nach der Darstellung etwa eine mehr der Zeitzählung verpflichtete ''chronographia ''(die sich zur Gegenwart hin jedoch häufig zur längeren Erzählung ausweitet) von einer mehr erzählenden, das komplexe Geschehen betonenden ''historiographia'' (die allerdings auch chronologisch gegliedert ist),<ref>So Melville, Gert (1975): „System und Diachronie. Untersuchungen zur theoretischen Grundlegung geschichtsschreiberischer Praxis im Mittelalter“, in: ''Historisches Jahrbuch ''95, 33–67, 308–341, hier S. 308ff.</ref> oder nach der behandelten Zeit (mit entscheidender Rückwirkung auf die jeweilige Arbeitsweise) eine Vergangenheits- von einer Gegenwartsgeschichte<ref>So Schmale, Franz-Josef: ''Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung. Eine Einführung'', Darmstadt, S. 24ff.</ref> (die zumeist aber in ein und demselben Werk behandelt werden und bruchlos ineinander übergehen). Nach der äußerlichen Anlage lassen sich kurzgefasste, oft fortgesetzte Annalen von ausführlicheren, meist als Ganzes verfassten Chroniken, unter diesen wiederum nach dem Inhalt Welt-, Reichs-, Volks-, Bistums-, Kloster-, Landes-, Stadt- und Familien (‚Haus‘)- Chroniken unterscheiden, doch bleiben die Übergänge tatsächlich fließend mit zahlreichen Überschneidungen und viele Werke sind nur schwer unter eine dieser Rubriken einzuordnen, weil mittelalterliche Geschichtsschreiber kaum so trennscharf differenzierten. Die spezifisch christlichen Weltchroniken beginnen mit der Schöpfung, werden in der Gegenwart jedoch gewöhnlich zu Reichschroniken, Volkschroniken sind zugleich Reichschroniken (des Reichsvolks), Landeschroniken auch Familienchroniken, Bistumschroniken nehmen manchmal reichsweite Ausmaße an usw. Für Amtsträgerchroniken (sogenannte Gesta) gibt es keinen zeitgenössischen Begriff. Überhaupt sind die meisten Titel modern. Die gängigen mittelalterlichen Begriffe, ''historia'', ''chronica ''oder ''gesta'', sind wiederum wenig trennscharf''. ''
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==== Verbreitung ====
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Geschichtswerke wurden vor allem an Königs-, Fürsten- und Bischofshöfen und in Klöstern gelesen und benutzt, waren aber sehr unterschiedlich verbreitet. Weltchroniken und andere Vergangenheitsgeschichte wurden erheblich mehr geschätzt als Zeitgeschichten, die oft nur in einer einzigen Handschrift erhalten sind. Beliebt waren aber auch Exemplasammlungen, die historische Beispiele zur Belehrung auswählen und daher nicht mehr als dem Zeitverlauf verpflichtete Chroniken gelten können. Das zeigt zugleich ein für das Mittelalter charakteristisches Ineinandergreifen von Geschichtsschreibung im engeren Sinn und Verwendung historischer Stoffe, wie das etwa auch für die volkssprachige Epik typisch ist oder sich in Chroniken offenbart, die chartularartig den Besitz einer Kirche zusammenstellen.<ref>Vgl. Geary, Patrick (1994): ''Phantoms of Remembrance. Memory and oblivion at the end of the first millenium'', Princeton, 81-114.</ref> Auch hier sind die Grenzen zu anderen Gattungen fließend, ist der historische Gehalt aber oft hoch.<ref>Vgl. den Artikel Zeit- und Geschichtsvorstellungen, Abschnitt ■, S. ■.</ref>   
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===Textualität der Geschichte (Sebastian Greußlich)===
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Die wissenschaftliche Erschließung historischer Überlieferung, die im frühen 19. Jahrhundert, parallel zur allmählichen Etablierung der geisteswissenschaftlichen Fächer im universitären Kontext, einsetzt, ist von Beginn an durch theoretisch-methodologische Heterogenität charakterisiert, die entlang der Fächergrenzen entsteht:<ref>Das Konzept <span style="font-size:10.0pt;mso-bidi-font-size:12.0pt;
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mso-ansi-language:DE;mso-fareast-language:DE;mso-bidi-language:AR-SA">‚</span>Wissenschaft<span style="font-size:10.0pt;mso-bidi-font-size:12.0pt;
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AR-SA">‘</span> unterliegt hier einem Verständnis, das als konstitutive Bedingung für Wissenschaftlichkeit eine ausschließlich vom Formalobjekt der jeweiligen Disziplin her und von sekundären Zwecksetzungen freie Methodik versteht, die sich in weiten Teilen der heute als solche firmierenden Kulturwissenschaften erst im 19. Jahrhundert herausbildet und an historische Bedingungen geknüpft ist, insbesondere eine abnehmende Geltung des Christentums und die Verweltlichung politischer Macht im Nationalismus. In weiten Teilen der Forschungsliteratur wird das Konzept <span style="font-size:10.0pt;mso-bidi-font-size:12.0pt;
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mso-ansi-language:DE;mso-fareast-language:DE;mso-bidi-language:AR-SA">‚</span>Wissenschaft<span style="font-size:10.0pt;mso-bidi-font-size:12.0pt;
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AR-SA">‘</span> jedoch weitaus großzügiger und ohne systematische Begründung verwendet.</ref> Einerseits werden in der Geschichtswissenschaft epische sowie im engeren Sinne historiographische Texte  als historische Quellen editorisch erschlossen, dabei jedoch oft direkt mit politisch-moralischen Wertungen verknüpft, die ihrem Entstehungskontext und ihrer ursprünglichen Geltung nicht immer gerecht werden. Andererseits wurden dieselben Texte oftmals ebenso in den Philologien erschlossen und sind dabei bis weit in das 20. Jahrhundert hinein einer im Kern ästhetisch-literarisch orientierten Kritik unterzogen worden, die zwar dem Gegenstandsbereich der Philologien entspricht, jedoch den Entstehungskontexten der Texte wiederum nicht unbedingt gerecht wird.<ref>Dies führt im Wesentlichen dazu, dass bei geschichtswissenschaftlichen Editionen kein Augenmerk auf die Texttreue gerichtet wird, sodass bei jüngeren Überarbeitungen oft gravierende, auch sinnentstellende Lektürefehler festgestellt worden sind; umgekehrt haben die Philologien sich lange Zeit nicht mit der Pragmatik vormoderner Historiographie befasst und deren Texte lediglich ausgebeutet.</ref>
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Diese Konstellation ist ursprünglich nicht explizit reflektiert worden und hat eine Reihe grundlegender Missverständnisse hervorgebracht. Am weitesten verbreitet ist hier vielleicht die abwertende Charakterisierung der kompilatorischen Texte als Plagiate. Zum Gegenstand systematischer Reflexion ist die Textualität der historischen Überlieferung schließlich unter spezifischen wissenschaftsgeschichtlichen Bedingungen geworden, welche sich nicht in allen Teilen Europas und Amerikas in gleicher Weise eingestellt haben und insofern differenziert zu betrachten sind.<ref>So ist zu bedenken, dass im Werk Johann Gustav Droysens bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts eine elaborierte Historik vorliegt, in der Probleme der Konstitution und Semantik historiographischer Texte thematisiert werden. Vgl. dazu insbesondere den Grundriss der Historik, neuerdings wieder greifbar als Droysen, Johann Gustav (2011): ''Grundriss der Historik: Vorlesungen zur Geschichtswissenschaft und Methodik,'' Nachdr. der Orig.-Ausg. von 1868, Hamburg, sowie Schleiff, Hartmut (Hg.) (2013): ''Droysens «Grundriss der Historik» in den Buchausgaben von 1868, 1875 und 1882 (alle Paragraphen)'', Berlin. Genauso wie die sachlich daran anknüpfende epistemologische Grundlagendebatte in den Geisteswissenschaften an der Wende zum 20. Jahrhundert, die eine Distanznahme zum Positivismus herbeiführt, wird sie jedoch in der Akademia der romanischen Länder nicht systematisch rezipiert und die Wissenschaftsgeschichte verläuft dort insgesamt anders. Eine Ausnahme ist allerdings Frankreich, das auf diese Debatte aber wiederum in eigener Weise reagiert. Vgl. zusammenfassend Raible, Wolfgang (2000): „Die Grundlagenkrise der Sozialwissenschaften zum Beginn des Jahrhunderts und die Sprachwissenschaft“, in: Eßbach, Wolfgang (Hg.): ''Wir / ihr / sie. Identität und Alterität in Theorie und Methode'', Würzburg, 69–88.</ref> Entscheidend für ein historisch adäquates Verständnis der einschlägigen Verhältnisse ist es zunächst, sich über Formen und Funktionen der Geschichtsschreibung im Horizont des Geschichtsdenkens sowie die maßgeblichen Traditionen ihrer sprachlichen Gestaltung zu informieren.
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Ein zentraler Aspekt dabei ist, dass (nicht nur) historiographische Texte in der Vormoderne im Modus der Kompilation vorhandener Texte verfasst worden sind, wobei die Kritik verfügbarer Quellen gänzlich anderen Parametern unterlag als dies unter der Voraussetzung neuzeitlicher bzw. im engen Sinne (post-)moderner Epistemologien der Fall ist. Solche dezidiert vormodernen Parameter der Geltung von historischer Überlieferung entfallen im Wesentlichen auf zwei Domänen: 1) die sprachliche Gestaltung des Textes und 2) die gesellschaftliche Stellung seines Verfassers. Autoritätsstiftend wirkt also die richtige Form der Überlieferung und zugleich die persönlichen Eigenschaften ihrer Träger. Die Geltung respektive der Wahrheitsgehalt des Berichts ergibt sich nicht aus seiner Korrespondenz zu einer als objektiv vorgestellten Außenwelt, sondern konstituiert sich ganz unmittelbar aus den Eigenschaften und (auch sprachlichen) Fähigkeiten des Berichterstatters. Aus dieser Grundvoraussetzung, die für die gesamte Vormoderne von der Antike bis ins 18. Jahrhundert gilt, ergeben sich eine ganze Reihe von Konsequenzen im Hinblick auf Form und Inhalt historiographischer Texte. Im Zusammenhang mit einer als richtig bzw. angemessen bewerteten Form der Überlieferung stehen vor allem die folgenden Gesichtspunkte:
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Die im Hinblick auf einen bestimmten Sachverhalt angemessene sprachliche Form der Darstellung hängt ab von der Charakteristik, dem Wesenskern dieses Sachverhalts und ist insofern nicht per se mit einer bestimmten Stilebene zu identifizieren. Da der Bewahrung einer als angemessen erkannten Form der Darstellung ein hoher Stellenwert zukommt, ist die ''imitatio'' ein zentrales Motiv historiographischer Schreibtätigkeit.<ref>Vgl. insbesondere die historisch-systematischen Beiträge Fernández-Ordóñez, Inés (2006): ''Transmisión manuscrita y transformación‚ discursiva de los textos'', <http://www.uam.es/personal_pdi/filoyletras/ifo/publicaciones/14_a.pdf> [19.09.2011]; Dies. (2010): „Ordinatio y compilatio en la prosa de Alfonso X el Sabio“, in: Castillo Lluch, Mónica/López Izquierdo, Marta (Hgg.): ''Modelos latinos en la Castilla medieval'', Frankfurt a.M./Madrid, 239–269, die zu diesem Gesichtspunkt anhand eines kastilischen Korpus historisch adäquate Analysekategorien bieten.</ref> 
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Die Identifizierung des rhetorischen ''aptum'',<ref>Verknüpft mit dem Problem der ''inventio'' und dem Verhältnis der Historiographie zur Dichtung.</ref> verstanden als Übereinstimmung zwischen sprachlicher Form der Darstellung und dem Wesen des dargestellten Sachverhalts, obliegt nach antiker und humanistischer Theorie der ''prudentia'' des Historiographen.<ref>Vgl. zu diesem Zusammenhang in systematischer Perspektive nach wie vor Keßler, Eckhard (1971): ''Theoretiker humanistischer Geschichtsschreibung'', München, und Landfester, Rüdiger (1972): ''Historia Magistra Vitae. Untersuchungen zur humanistischen Geschichtstheorie des 14.–16. Jahrhunderts'', Genf.</ref> Wichtigste formale Voraussetzung der ''prudentia'' ist umfassende Bildung, wichtigste praktische Voraussetzung ist insbesondere politische Erfahrung, da die Motive der historischen Akteure zu erkennen und angemessen zur Geltung zu bringen sind, um der Pragmatik vormoderner Historiographie, die wesentlich auf Belehrung und Prinzenerziehung sowie auf die Legitimation politischer Gegebenheiten und Interessen der jeweiligen Gegenwart zielt,<ref>Zu den römisch-antiken Ursprüngen dieser Pragmatik und dem ''exemplum'' als paradigmatischer Form ihrer Kodierung vgl. Mehl, Andreas (2014): „How the Romans Remembered, Recorded, Thought About, and Used Their Past“, in: Raaflaub, Kurt A. (Hg.): ''Thinking, Recording and Writing History in the Ancient World'', Oxford, 256–275.</ref> gerecht zu werden. Auch die für frühneuzeitliche Historiographie charakteristische Vielfalt an Informationen ist mit diesem legitimatorischen Anspruch zu erklären, der nur zu erfüllen war, wenn die gesamten Umstände eines Geschehens zur Beurteilung seiner Angemessenheit oder Rechtmäßigkeit in Bezug auf moralische und juristische Maßstäbe zur Verfügung standen. <ref>Diese schließt insbesondere Informationen ein, die heute als ethnographisch oder geographisch kategorisiert werden würden. Vgl. Duve, Thomas (2005): „La pragmatización de la memoria y el trasfondo consuetudinario del Derecho Indiano“, in: Folger, Robert/Oesterreicher, Wulf (Hgg.): ''Talleres de la memoria – Reivindicacion s y autoridad en la historiografía indiana de los siglos XVI y XVII'', Münster, 77–97, hinsichtlich des systematischen Zusammenhangs von ''historia'' und ''iustitia''.</ref> Teilweise anders liegt diese Problematik bezogen auf das frühe und hohe Mittelalter, für das die Legitimation der Gegenwart und die dabei zu leistende Deutung der Geschichte stärker dem Primat der Theologie, weniger dem der Politik und des Rechts unterliegen. In der gesamten Vormoderne jedoch kommt es für die Geltung eines Textes auch auf die Breite bzw. Vollständigkeit der darin gegebenen Informationen an, sodass umfängliche, narrative Texte, in denen komplexe Zusammenhänge dargestellt werden, also v.a. ausführlichere Chroniken, die den Status einer obligatorischen Referenz nicht selten bis heute behalten haben, allgemein höher bewertet werden als listenförmige Chronographie oder gezielte Stellungnahmen zu einzelnen Geschehnissen (wie etwa die spanischen ''relaciones'').
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Anknüpfend an diese allgemeinen Aspekte der Textualität der historischen Überlieferung gilt es, hinsichtlich der Epistemen einzelner Großepochen, der verschiedenen Formen von Historiographie und ihrer Geschichte sowie der unterschiedlichen Entwicklungen in Abhängigkeit von der in verschiedenen Räumen je maßgeblichen politischen Ordnung zu differenzieren.
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Die kanonische Epochentrias ‚Antike – Mittelalter – Neuzeit‘ ist in Bezug auf historiographische Diskurse nur bedingt tragfähig. Insbesondere muss hier die inhaltliche von der formalen Ebene strikt unterschieden werden; so sind zwar inhaltlich die politisch-ideologischen Positionen, die in den Texten zum Ausdruck kommen, in der Tat geprägt durch die gesellschaftliche Geltung des Christentums, die im Zuge der Christianisierung Europas während des Mittelalters zunächst zunimmt, um sodann im Zuge der Konfessionalisierung und gleichzeitigen Verweltlichung von Herrschaft tendenziell wieder abzunehmen. Das dem Christentum inhärente, auf das Weltende zielende, teleologische Geschichtsbild, das charakteristisch ist für jene Großepoche, die wir rückblickend als Mittelalter wahrzunehmen pflegen, impliziert für die Geschichtsschreibung vor allem zwei Kernaufgaben: die Rechtfertigung der Rolle und des Handelns einer Monarchie im Horizont des göttlichen Heilsplans sowie ggf. die Feststellung der chronologischen Position der jeweiligen Gegenwart relativ zu Anfang und Ende der diesseitigen Welt.<ref>Vgl. zu diesen Zusammenhängen Breisach, Ernst (<sup>3</sup>2007): ''Historiography. Ancient, Medieval and Modern'', Chicago/London; Wiersing, Erhard (2007): ''Geschichte des historischen Denkens. Zugleich eine Einführung in die Theorie der Geschichte'', Paderborn, und die dortigen Hinweise zur einschlägigen Forschungsgeschichte. Klassisch Melville, Gert (1982): „Wozu Geschichte schreiben? Stellung und Funktion der Historie im Mittelalter“, in: Koselleck, Reinhart/Lutz, Heinrich/Rüsen, Jörn (Hgg.): ''Formen der Geschichtsschreibung'', München, 86–144.</ref> Konkurrierende Ansprüche anderer Institutionen, insbesondere aus dem kirchlichen und städtischen Umfeld, werden bereits im Mittelalter regelmäßig artikuliert, in der Frühen Neuzeit jedoch in dem Maße problematisch und zum Gegenstand von Sanktionen, in dem das Konzept der Nation in Konkurrenz zum überlieferten mittelalterlichen Gewohnheitsrecht tritt, das grundsätzlich alle Ebenen sozialer Organisation erfasst und die Idee des Staates oder der Nation per se nicht voraussetzt. Die nach einem solchen Rechtsverständnis bestehende Aufgabe des Monarchen, jedem Untertanen ''iustitia'' nach Maßgabe der göttlichen Ordnung zuteil werden zu lassen, verkompliziert sich entsprechend, da die Prämissen des mittelalterlichen Rechtsdenkens zweifelhaft werden.<ref>In Bezug auf die antiken Wurzeln dieses Selbstverständnisses vgl. Mehl, Andreas (2014): „How the Romans Remembered, Recorded, Thought About, and Used Their Past“, in: Raaflaub, Kurt A. (Hg.): ''Thinking, Recording and Writing History in the Ancient World'', Oxford, 256–275. Seine Weiterentwicklung in den verschiedenen Teilen Europas verläuft sehr unterschiedlich, insbesondere bedingt durch das Verhältnis der einzelnen Monarchien zum Vatikan und zur Reformation.</ref>
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Während sich als Reaktion auf diese Problematik inhaltliche Parameter der Textgeltung ab dem späten Mittelalter verschieben, bleiben die formalen Geltungskriterien über die Epochengrenzen hinweg weitgehend konstant. Dies betrifft das rhetorische ''aptum'', dem ggf. eine pathetische (und fiktive) Rede ebenso entsprechen kann wie ein Referat rechtlicher Verfügungen im Kanzleistil. Festzustellen ist allerdings ein Vordringen annalistischer Chronographie im Mittelalter, das systematisch bedingt ist durch das Bedürfnis einer Harmonisierung des Geschichtsbildes im Horizont des göttlichen ''ordo''. In der Frühen Neuzeit ist sodann ein Wiedererstarken der narrativ angelegten ''historia'' in unterschiedlichsten Subtypen zu beobachten,<ref>''Res gestae'', ''historia naturalis'', ''historia moralis'', ''historia ecclesiastica'' u.a.</ref> das seinerseits bedingt ist durch die konkurrierenden Rechtsauffassungen der europäischen Monarchien hinsichtlich ihrer jeweiligen Machtansprüche, die systematisch mit Hilfe historiographischer Diskurse legitimiert werden.
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Die genannten Gesichtspunkte prägen sich in den Monarchien Europas deshalb gemäß deren je spezifischer politischer Lage und den daraus resultierenden Interessen unterschiedlich aus. Maßgeblich sind dabei v.a. folgende Aspekte: 1) Der Machiavellismus,<ref>Vgl. zur Begriffsgeschichte und den historischen Ausprägungen des Machiavellismus v.a. Zwierlein, Cornel (2011): „Machiavellismus/Antimachiavellismus“, in: Jaumann, Herbert (Hg.): ''Diskurse der Gelehrtenkultur in der Frühen Neuzeit. Ein Handbuch'', Berlin/New York, 903–951.</ref> der in Florenz unter spezifischen politisch-ökonomischen Bedingungen entsteht, andernorts aber ggf. völlig anders kontextualisiert und v.a. als anti-katholisch verstanden wird (etwa in Kastilien); 2) das Konzept der Nation, das als politische Idee vorhanden, jedoch nicht mit überkommenem mittelalterlichem Gewohnheitsrecht und insbesondere nicht mit der Idee der christlichen Universalmonarchie<ref>Zum Konzept der Universalmonarchie vgl. Bosbach, Franz (1988): ''Monarchia universalis. Ein politischer Leitbegriff der frühen Neuzeit'', Göttingen.</ref> vereinbar ist; 3) der Streit um die Inanspruchnahme der Rolle einer Universalmonarchie und Hegemonialmacht in Europa (v.a. zwischen Frankreich und Kastilien-Aragón sowie dem Hl. Römischen Reich).<ref>Zur Selbstdeutung der europäischen Mächte in der Frühen Neuzeit und ihren diskursiv-referenziellen Voraussetzungen vgl. Völkel, Markus (2011): „Im Blick der Geschichte: historia und Historiographie in gelehrten Diskursen der Frühen Neuzeit (1500–1750)“, in: Jaumann, Herbert (Hg.): ''Diskurse der Gelehrtenkultur in der Frühen Neuzeit. Ein Handbuch'', Berlin/New York, 859–902.</ref>
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Wie eingangs des Kapitels bereits angedeutet, haben sich zu den hier knapp angerissenen Problemfeldern verschiedene wissenschaftliche Disziplinen ebenso wie die akademischen Institutionen verschiedener Länder teils sehr unterschiedlich verhalten. Um die Orientierung in der Forschungsliteratur etwas zu erleichtern, seien deshalb abschließend folgende, sehr allgemeine Hinweise gegeben:
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Im deutschsprachigen Raum findet in den 1970er und 1980er Jahren eine ausführliche Debatte zur Historik statt, die in ähnlicher Intensität sonst nur in Frankreich und im anglophonen Raum geführt wird, dort jedoch ein je spezifisches Gepräge aufweist, das nicht ohne Weiteres an die deutsche Debatte anschließt.
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So ist die jüngere Debatte in Frankreich und dem anglophonen Raum geprägt durch die Rezeption des Poststrukturalismus und eine daran geknüpfte prinzipielle Skepsis hinsichtlich der Möglichkeit der Erkenntnis historischer Fakten.<ref>Stattdessen wird von der Befangenheit des Wissens in sprachlichen Dispositiven ausgegangen. Stilbildend war dabei die Diskursarchäologie Foucaults sowie in der Literaturwissenschaft die Arbeiten von Gérard Genette.</ref> Diese ist erst später auf den deutschsprachigen Raum übergesprungen. Hier wie dort hat das Problem zu – oft disziplinabhängig –  sehr unterschiedlichen Reaktionen geführt. Teils überspannt ablehnend in der Geschichtswissenschaft,<ref>Die allerdings auf einer oft verkürzenden und zusammenhanglosen Rezeption einzelner Versatzstücke des Strukturalismus beruhen, von dem dann behauptet wird, er hätte den Poststrukturalismus systematisch vorbereitet. Vgl. Landwehr, Achim (2008): ''Historische Diskursanalyse'', Frankfurt/New York, 47ff. und Ders. (2010): „Diskurs und Wandel: Wege der historischen Diskursforschung“, in: Ders. (Hg.): ''Diskursiver Wandel'', Wiesbaden, 12–28. Diese These ist m.E. nicht haltbar.</ref> die um ihren Gegenstand fürchtete, teils euphorisch in der Literaturwissenschaft, die eine vorübergehende Usurpation der Geschichtsschreibung unter bewusster Vernachlässigung von deren originärer Pragmatik betreiben konnte, indem sie sie unter exklusivem Rückgriff auf ihre rhetorischen Eigenschaften als Literatur deklariert hat.<ref>Es ist darauf hinzuweisen, dass Hayden White, der für diese aufgeregte und oft polemische Debatte intensiv in Anspruch genommen wird, seine Thesen über narrative Formen der Historiographie (vgl. White, Hayden (1973): ''Metahistory. The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe'', Baltimore) selbst dezidiert nicht ontologisiert (vgl. White, Hayden (1996): „Literaturtheorie und Geschichtsschreibung“, in: Nagl-Docekal, Herta (Hg.): ''Der Sinn des Historischen. Geschichtsphilosophische Debatten'', Frankfurt a.M., 67–106). In diesem Sinne auch deutlich Landwehr, Achim (2010): „Diskurs und Wandel: Wege der historischen Diskursforschung“, in: Ders. (Hg.): ''Diskursiver Wandel'', Wiesbaden, 12–28, S. 13.</ref> In neueren diskursanalytischen Arbeiten vorwiegend nordamerikanischer Provenienz ist dies allerdings (wieder) anders.<ref>Vgl. z.B. Adorno, Rolena (2000): ''Guaman Poma. Writing and Resistance in Colonial Peru'', Austin/Texas; Castro, Daniel (2007): ''Another Face of Empire. Bartolomé de Las Casas, Indigenous Rights, and Ecclesiastical Imperialism'', Durham/London; Jiménez, Nora Edith (2001): ''Francisco López de Gómara: escribir historias en tiempos de Carlos V.'', Zamora/Michigan; Roa-de la Carrera, Cristián (2005): ''Histories of Infamy: Francisco López de Gómara and the Ethics of Spanish Imperialism'', Boulder. Die starke Präsenz hispanistischer Arbeiten erklärt sich aus der Dominanz der Hispanistik an US-amerikanischen Universitäten.</ref>
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Aus geschichtstheoretischer wie geschichtswissenschaftlicher Sicht ist die Textualität historischer Quellen insbesondere von Jörn Rüsen und Gert Melville problematisiert worden<ref>Vgl. Melville, Gert (1982): „Wozu Geschichte schreiben? Stellung und Funktion der Historie im Mittelalter“, in: Koselleck, Reinhart/Lutz, Heinrich/Rüsen, Jörn (Hgg.): ''Formen der Geschichtsschreibung'', München, 86–144, sowie zusammenfassend die Beiträge in Rüsen, Jörn (2012): ''Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens'', Frankfurt a.M.</ref> und die systematische Kooperation mit der Sprachwissenschaft gesucht, jedoch seinerzeit dort kaum Ansprechpartner gefunden. Die Beiträge von Stempel, Wolf-Dieter (1973): „Erzählung, Beschreibung und der historische Diskurs“, in: Koselleck, Reinhart/Stempel, Wolf-Dieter (Hg.): ''Geschichte – Ereignis und Erzählung'', München, 325–346, sind in diesem Sinne eine Ausnahme. Die traditionell engeren Beziehungen zwischen der deutschen und der französischen Akademia zeigen sich auch hier, insofern ein Bezug zwischen der deutschen Begriffsgeschichte und der französischen Annales-Schule besteht, der auch auf die Romanistik ausgestrahlt hat.<ref>Zur Begriffsgeschichte vgl. Gumbrecht, Hans-Ulrich (Hg.) (2006): ''Dimensionen der Begriffsgeschichte'', München; Koselleck, Reinhart/Gadamer, Hans-Georg (2000): ''Zeitschichten. Studien zur Historik'', Frankfurt a.M., zu ihrem disziplinenübergreifenden Charakter vgl. insbesondere Riecke, Jörg (Hg.) (2011): ''Historische Semantik'', Berlin/New York. Dort wird auch das Potenzial der Historischen Semantik als Basis des interdisziplinären Dialogs thematisch. Zur Geschichte der Annales vgl. Burguière, André (2007): ''L'école des Annales. Une histoire intellectuelle'', Paris; Burke, Peter (2004): ''Die Geschichte der Annales. Die Entstehung der neuen
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Geschichtsschreibung'', Berlin.</ref> Das Bindeglied zwischen ihnen bildet die historische Semantik, die auch in der ‚nouvelle histoire‘ insofern von besonderer Relevanz ist, als die Frage nach der Konstitution der Quellen und ihrer daran geknüpften Semantik dort methodisch eine zentrale Rolle spielt.
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Diese Umstände wirken bis heute nach, insofern nach wie vor zu beobachten ist, dass diskurstheoretische und textwissenschaftliche Fragestellungen in der Geschichtswissenschaft weitgehend im Alleingang bearbeitet werden.<ref>Vgl. dazu auch Goertz, Hans-Jürgen (Hg.) (2007): ''Geschichte. Ein Grundkurs'', Reinbek bei Hamburg; Landwehr, Achim (2010): „Diskurs und Wandel: Wege der historischen
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Diskursforschung“, in: Ders. (Hg.): ''Diskursiver Wandel'', Wiesbaden, 12–28.</ref> Fragen der Texttypik oder der Gattungslehre, die Sprach- wie Literaturwissenschaft seit den 1970er Jahren (wieder) intensiv beschäftigen, spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle.
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Die fachgeschichtliche Entwicklung in Italien und Spanien verläuft davon weit gehend unabhängig. Während in Italien der nachhaltige Einfluss Benedetto Croces prägend bleibt, vollzieht die spanische Akademia unter den Auspizien der Franco-Diktatur eine Rückkehr zum verfassungsgeschichtlichen Positivismus. Im mexikanischen Exil entwickeln spanische (und amerikanische) Historiker allerdings einen Diskurs, der stark an die Annales angelehnt ist und mentalitätsgeschichtliche sowie lebensweltliche Perspektiven aufgreift.<ref>Aktuell ist zu beobachten, dass diskursanalytische und metahistoriographische Fragen auch in Spanien in den Vordergrund treten. Vgl. etwa die Neugründungen der Zeitschriften ''Talia dixit'' in Cáceres sowie ''Historiografías'' in Zaragoza.</ref>
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=== Kennzeichen und Entwicklung der mittelalterlichen Historiographie ===
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====Frankenreich/Frankreich====
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===== Früh- und Hochmittelalter (Julien Bellarbre)<ref>Aus dem Französischen übersetzt von Christoph Mayer, Hans-Werner Goetz und Anja Rathmann-Lutz.</ref> =====
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Ein Überblick über die Geschichtsschreibung des Fränkischen und Westfränkischen Reichs im Früh- und Hochmittelalter lässt sich schwerlich anders beginnen als mit Gregor von Tours (539–594). Dieser Autor ist von solcher Bedeutung, dass er seit dem 18. Jahrhundert als der „Vater der Geschichte Frankreichs“ bezeichnet wird.<ref>Verdon, Jean (1989): ''Grégoire de Tours: père de l’Histoire de France, ''Le Coteau; Heinzelmann, Martin (1994): „Grégoire de Tours, ‚père de l’histoire de France‘?“, in: Bercé, Yves Marie/Contamine, Philippe (Hgg.): ''Histoires de France, historiens de la France.'' Paris, 19–45.</ref> Dem Bischof von Tours schwebte es hingegen zweifellos eher vor, die Geschichte einer christlichen Gesellschaft als die eines Volkes zu schreiben. So lautet der tatsächliche Titel seines historiographischen Werks ''Decem libri historiarum ''(„Zehn Bücher Geschichte“) und nicht ''Historia Francorum'',<ref>Grégoire de Tours: ''Histoire des Francs, ''hg. Robert Latouche, Paris (Les Belles Lettres) 2005 (1963).</ref> wie es ihm oft zugeschrieben wurde. Dennoch gelangte Gregors Werk im Mittelalter gerade als die Geschichte eines Volkes, eben der Franken, zu Popularität. Davon zeugt eine gekürzte Version mit eben diesem Fokus, die seit dem 7. Jahrhundert zirkulierte.<ref>Goffart, Walter (1988): ''The Narrators of Barbarian History (A.D. 550–800), ''Princeton, S. 123. Für eine aktuelle Analyse des Werks vgl. Heinzelmann, Martin (1994): ''Gregor von Tours (538–594). ''Zehn Bücher Geschichte.'' Historiographie und Gesellschaftskonzept im 6. Jahrhundert'', Darmstadt.</ref> In ihrer Ursprungsversion erstreckten sich die ''Decem libri historiarum ''von der Schöpfung bis zu Gregors eigener Zeit und entsprechen damit tatsächlich sowohl einer „Universalgeschichte“ als auch einer Zeitgeschichte, denn sechs der zehn Bücher betreffen die Gegenwart des Autors.
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Die Chronik „Fredegars“ ist das Äquivalent der ''Decem libri historiarum ''für die Geschichte des 7. Jahrhunderts. Der Name des Autors steht in Anführungszeichen weil er erstmals im 17. Jahrhundert gebraucht wird. Zuschreibung und Entstehungszeit der Quelle sind heftig diskutiert worden, aber nach der heute vorherrschenden Meinung stammt das Werk von einem einzigen burgundischen Historiographen, der um 660 schrieb.<ref>Frédégaire: ''Chronique des temps mérovingiens'', hg. u. übers. Olivier Devillers /Jean Meyers, Turnhout 2001, 14–17.</ref> Dabei handelt es sich immer noch um eine Chronik, die sich von den Anfängen bis zur Zeit des Autors erstreckt, aber im vierten und letzten Buch, das die Jahre 584–642 umfasst, findet sich eine wirklich eigenständige Geschichtserzählung. Das Ende der Merowingerzeit erlebte das Erscheinen eines letzten bedeutenden historiographischen Werks, des ''Liber Historiae Francorum'', einer Chronik, deren moderner Titel insoweit gerechtfertigt ist, als sie ein vorrangiges Interesse für das Volk der Franken zeigt. Außerdem findet sich bei Fredegar und im ''Liber Historiae Francorum'' zum ersten Mal die Legende eines trojanischen Ursprungs der Franken (­Trojamythos), die auf Vergils ''Äneis ''basiert und somit die Ethnogenese dieses Volks begründet.<ref>Plassmann, Alheydis (2006): ''Origo gentis. Identitäts- und Legitimitätsstiftung in früh- und hochmittelalterlichen Herkunftserzählungen,'' Berlin; Coumert, Magali (2007): ''Origines des peuples. Les récits du haut Moyen Âge occidental'', Paris, 267-380.</ref> Der ''Liber Historiae Francorum ''endet mit der Regierung des merowingischen Königs Theuderich IV. (721–737).
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Die Geschichte der Merowingerzeit lässt sich demnach aus einer begrenzten Anzahl historiographischer Quellen rekonstruieren, denen man noch eine gewisse Zahl an mehr oder weniger verlässlichen hagiographischen Werken hinzufügen kann. Im fränkischen Reich des 6./7. Jahrhunderts bleibt die Historiographie eine Ausnahme. Das ändert sich in der Karolingerzeit, die für die Produktion von Geschichtswerken besonders günstig erscheint, und das gilt ebenso, wenn man dieses Zeitalter weit versteht und die letzten Jahre der Merowinger einbezieht.<ref>McKitterick, Rosamond (2004): ''History and Memory in the Carolingian World'', Cambridge.</ref> Die bemerkenswertesten Werke dieser ‚Übergangsperiode‘ sind die Fortsetzungen der Chronik Fredegars. Nach traditioneller Meinung bestehen sie aus einer Abfolge von drei nacheinander abgefassten Texten: zunächst von einem ‚Mönch aus Laon‘, der um 736 schrieb, dann von Childebrand, dem Halbbruder Karl Martells, um 751, und schließlich von Nibelung, dem Sohn Hildebrands, um 768.<ref>Krusch, Bruno (1882): „Die Chronicae des sogenannten Fredegar“, in: ''Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde'' 7, 320–326. Die Historiker streiten immer noch über die Frage der wohl
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begründeten Dreiteilung wie auch über den Bezug zur Chronik Fredegars. Roger Collins sieht darin ein autonomes Werk, vgl. Collins, Roger (2007): ''Die Fredegar-Chroniken'', Hannover.</ref> Die Fortsetzungen wären demnach im Auftrag der Familie der Pippiniden entstanden, um deren Aufstieg zum Thron zu rechtfertigen (­Funktionen von Historiographie).
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Die karolingische Epoche im eigentlichen Sinn erlebte eine Blüte der Annalistik, die damals besonders in den Klöstern verfasst wurde und damit offenbar auf Bedürfnisse/Wünsche des Hofes reagierte.<ref>McKitterick, Rosamond (1992): „Royal patronage of culture in the Frankish kingdoms under the Carolingians : motives and consequences“, in: ''Committenti e produzione artistico-letteraria nell’alto medioevo occidentale'', Spoleto, 93–129.</ref> Eine große Anzahl offizieller oder halb–offizieller historiographischer Werke im Reich lässt sich mit den Aktivitäten von Mönchen oder Nonnen in Bezug setzen. Dabei ist es auffällig, dass eine Reihe von karolingischen Annalen ihren Bericht in den allerletzten Jahren des 8. Jahrhunderts oder den allerersten des 9. Jahrhunderts abbricht, vielleicht um den nun wirklich offiziellen Annalen Platz zu machen, zu denen von den 790er Jahren an die ''Annales regni Francorum''<ref>Collins, Roger (2005): „Charlemagne’s coronation and the ''Annals of Lorsch''“, in: Story, Joanna (Hg.): ''Charlemagne, Empire and Society'', Manchester, 52–70.</ref> wurden.
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Karl der Große, ab 800 Kaiser des Westreichs, förderte mit der so genannten ‚Karolingischen Renaissance‘ ein Projekt von so großer kultureller Bedeutung,<ref>Sot, Michel (2001): „La première renaissance carolingienne: échanges d’hommes, d’ouvrages et de savoirs“, in: Le Jan, Régine (Hg.): ''Les échanges culturels au Moyen Âge'', Paris, 23–40.</ref> dass sich einer seiner berühmtesten Günstlinge, Einhard, dazu entschloss, seine Biographie zu verfassen. Die ''Vita Karoli'' entstand irgendwann zwischen 817 und 836, also nach dem Tod ihres Helden als das Reich einige Schwierigkeiten erlebte. Sie ist die erste Biographie eines fränkischen Herrschers und weist einen recht starken Einfluss der antiken Historiographie auf, vor allem der „Kaiserviten“ Suetons.<ref>Tischler, Matthias (2001): ''Einharts Vita Karoli: Studien zur Entstehung, Überlieferung und Rezeption'', Hannover</ref> Der Sohn und Nachfolger Karls des Großen, Kaiser Ludwig der Fromme (814–840), erhielt seinerseits zwei Biographien aus der Feder Thegans und eines anonymen Autors, der unter dem Beinamen „Astronomus“ bekannt ist.<ref>Thegan: ''Die Taten Kaiser Ludwigs'', Astronomus, ''Das Leben Kaiser Ludwigs'', hg. Ernst Tremp, MGH SSrG 64, Hannover 1995.</ref>
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Die Karolingerzeit erlebte auch die Einführung einer weiteren historiographischen Gattung von außerhalb des fränkischen Territoriums: Nach dem Vorbild des ''Liber Pontificalis'', einer Folge von Biographien der Päpste in Rom, erfuhr die Gattung der ''gesta episcoporum ''und der ''gesta abbatum'', der „Taten der Bischöfe und Äbte“, ab dem 9. Jahrhundert in den Gebieten unter karolingischer Herrschaft ihre Blüte. Die daraus resultierenden Werke sind entlang der Abfolge der Bischöfe und Äbte, seit den realen oder angenommenen Anfängen der jeweiligen Kirche oder des jeweiligen Klosters bis zu der Gegenwart ihres Autors aufgebaut; es handelt sich um Werke mit starkem lokalen Bezug.<ref>Sot, Michel (1981): ''Gesta episcoporum, gesta abbatum'', Turnhout.</ref> Als Beispiel seien die ''Gesta'' der Bischöfe von Auxerre (zugänglich dank einer neuen Edition<ref>''Les Gestes des évêques d'Auxerre'', hg. Michel Sot, 3 Bde., Paris (Les Belles Lettres) 2002-2009.</ref>), von Metz oder von Reims genannt.<ref>Sot, Michel (2004): „Autorité du passé lointain, autorité du passé proche dans l’historiographie épiscopale (VIII<sup>e</sup>-XI<sup>e </sup>siècle): les cas de Metz, Auxerre et Reims“, in: Jean-Marie Santerre (Hg.): ''L’autorité du passé dans les sociétés médiévales'', Rom, 139–162.</ref>
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Die Stadt Reims wird im 9./10. Jahrhundert geradezu zum historiographischen Zentrum ersten Ranges, vor allem dank des Annalenwerks des Erzbischofs Hinkmar (†882)<ref>Hinkmar von Reims ist sicherlich verantwortlich für die Schlusskapitel der Annalen, die Saint-Bertin zugerechnet werden; vgl. ''Annales Bertiniani'', hg. Félix Grat/Jeanne Vieillard/Susanne Clemencet, mit einer Einleitung und Anmerkung von Léon Levillain, Paris 1964.</ref> und später des Mönchs Flodoard (†966)<ref>Sot, Michel (1993): ''Un historien et son Église au X<sup>e </sup>siècle : Flodoard de Reims'', Paris.</ref> sowie der „Vier Bücher Geschichte“ des Mönchs Richer (†998).<ref>Sot, Michel (1994): „Richer de Reims a-t-il écrit une Histoire de France?“, in: Yves-Marie Bercé/Philippe Contamine (Hg.), ''Histoires de France, historiens de la France'', Paris, 47–58.</ref> Zur gleichen Zeit zeichnet sich das Kloster Fleury, in der Nähe von Orléans, durch ein Werk aus, das sich an der Gattungsgrenze zwischen Historiographie und Hagiographie bewegt: die ''Miracula sancti Benedicti'', die noch bis ins 12. Jahrhundert<ref>''Les miracles de saint Benoît écrits par Adrevald, Aimoin, André, Raoul Tortaire et Hugues de Sainte-Marie, moines de Fleury'', hg. Eugène de Certain, Paris 1858.</ref> und dann durch die ''Historia Francorum ''des Mönchs Aimoin fortgeführt wurden (der sein Werk wahrscheinlich im Jahr 1004 vollendet hat)<ref>Le Stum, Christiane (1976): ''Aimoin de Fleury, Historia Francorum'', Diss. masch., École des Chartes, Paris. Zu Aimoin vgl. auch den folgenden Abschnitt.</ref> und später zur Grundlage der ''Grandes Chroniques de France'' werden sollten, der offiziellen Historiographie der französischen Monarchie, die ab dem 13. Jahrhundert in der königlichen Abtei Saint-Denis verfasst wurden.
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Im Gegenzug ist vom 11. Jahrhundert an die Ausformung von Chroniken mit regionaler Identität zu beobachten, wie Beispiele aus der Champagne<ref>''Chronique ou fondation du monastère de Mouzon. Chronicon Mosomense seu Liber fundationis monasterii sanctae Mariae O.S.B. apud Mosomum in dioecesi Remensi'', hg. Michel Bur, Paris 1989.</ref> oder der Normandie<ref>Bauduin, Pierre (2001): „Autour d‘une construction identitaire: la naissance d’une historiographie normande à la charnière des X<sup>e</sup>-XI<sup>e</sup> siècles“, in: Piroska Nagy (Hg.): ''Conquête, acculturation, identité: des Normands aux Hongrois. Les traces de la conquête'', Rouen, 79–81.</ref> zeigen; südlich der Loire verkörpert die Chronik Ademars von Chabannes (†1034) dieses Phänomen.<ref>Adémar de Chabannes: ''Chronique'', hg. Yves Chauvin/Georges Pon, Turnhout 2003.</ref> Zusammen mit dem aus Burgund stammenden Rodulf Glaber (†nach 1047)<ref>Raoul Glaber: ''Histoires'', hg. Mathieu Arnoux, Turnhout 1999.</ref> ist seine Chronik eine der Hauptquellen für die Kenntnis der Jahrtausendwende, die die moderne Mediävistik so sehr beschäftigt hat. Doch erleben vom 12. Jahrhundert an im Fahrwasser einer neuen kulturellen ‚Renaissance‘ auch die Weltchroniken einen neuen Höhepunkt, insbesondere durch die Werke Sigeberts von Gembloux (†1111), Hugos von Fleury (†nach 1122) oder Ordericus’ Vitalis (†1141/1142). Die Autoren dieser Epoche scheinen sich tatsächlich wieder für eine ‚globale‘ Geschichte (im Sinn einer Weltgeschichte) zu interessieren, die auch der Erweiterung ihres kulturellen Horizonts entspricht.
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===== Spätmittelalter (Georg Jostkleigrewe) =====
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Wie vielschichtig ‚französische‘ Historiographie im Mittelalter ist, geht schon aus der Schwierigkeit hervor, sie als Forschungsgegenstand abzugrenzen. Sie umfasst nicht nur die historiographischen Werke, die in den Vorgängeridiomen des heutigen Französisch – d.h. in den verschiedenen Literaturdialekten der „langue d’oil“ – geschrieben wurden. Auch im hoch- und spätmittelalterlichen Frankreich ist Geschichtsschreibung tiefgreifend durch lateinische Werke geprägt – ganz abgesehen davon, dass auf dem Gebiet des Königreichs weitere Volkssprachen in Gebrauch sind, die ebenfalls historiographische Traditionen entwickelt haben. Neben dem Bretonischen und Flämischen sind hier in erster Linie die okzitanischen Dialekte zu nennen, die im Süden gesprochen werden – während im Gegenzug der nordfranzösische Sprach- und Kulturraum über die Grenzen Frankreichs hinausreicht.
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‚Französische‘ Historiographie lässt sich aber auch nicht nur als Geschichtsschreibung des (nord‑)französischen Sprachraums fassen. Tatsächlich wird die „langue d’oil“ zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert in verschiedenen Regionen Europas und des Nahen Ostens als Literatursprache der Eliten und damit auch als Sprache der Geschichtsschreibung verwendet. Dies gilt für das seit 1066 von französischsprachigen Fürsten beherrschte englische Königreich ebenso wie für die ‚lateinischen‘ Kreuzfahrerstaaten in Palästina, Zypern und Griechenland. Hier etabliert sich das Französische für mehrere Jahrhunderte als Muttersprache der Herrenschicht sowie als allgemeine Verkehrssprache und strahlt in dieser Eigenschaft auch auf benachbarte Gebiete wie das kleinarmenische Königreich in Kilikien aus.  Als Beispiele französischsprachiger Chronistik aus Outremer sind etwa die mit französischen Übersetzungen der Chronik Wilhelms von Tyrus überlieferte ''Chronique d’Ernoul'', die sogenannte ''Chronique de la Morée'' (= Peloponnes) und die ''Fleur des estoires de la terre d’Orient'' des armenischen Prinzen und Prämonstratensers Hayton von Korykos zu nennen. Schließlich wird das Französische als prestigeträchtige Kultursprache seit dem 13. Jahrhundert auch von italienischen Geschichtsschreibern verwendet.<ref>Einschlägige Beispiele sind die Übersetzung der ''Historia Normannorum'' des Amatus von Montecassino, die zwischen 1285 und 1310 wohl von einem italienischen Verfasser ins Altfranzösische übertragen wurde (vgl. Tyl-Labory, Artikel <span style="font-size:8.0pt;mso-bidi-font-size:12.0pt;
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&quot;Times New Roman&quot;;mso-ansi-language:DE;mso-fareast-language:DE;mso-bidi-language:
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AR-SA">„</span>Aimé du Mont-Cassin<span style="font-size:8.0pt;mso-bidi-font-size:12.0pt;
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&quot;Times New Roman&quot;;mso-ansi-language:DE;mso-fareast-language:DE;mso-bidi-language:
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AR-SA">“</span>, in: ''DLFMA'', S. 24f.), und Brunetto Latinis im französischen Exil entstandener ''Livre dou Trésor'', der auch eine kompendienhafte Darstellung der Reichsgeschichte mit besonderem Fokus auf Italien und der Toskana umfaßt.</ref>
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Die schiere Unmöglichkeit, diese historiographische Vielfalt in ihren unterschiedlichen Kontexten auch nur annähernd zu fassen, macht eine auf inhaltliche Kriterien gegründete Bestimmung des hier zu behandelnden Gegenstandes erforderlich. Im folgenden werden daher nur solche Texte betrachtet, die wesentlich durch die Bezugnahme auf die Geschichte des französischen Königreiches oder einzelne seiner Teile geprägt sind. Die Problematik einer solchen Abgrenzung ist dabei stets zu reflektieren: Sie zwingt z.B. dazu, die Gattung der Hagiographie trotz ihres geschichtswissenschaftlichen Quellenwertes ebenso aus der Betrachtung auszuschließen wie bloße Darstellungen der antiken Geschichte, obwohl letzteren innerhalb Frankreichs eine wichtige Rolle bei der Entstehung volkssprachlicher Prosahistoriographie zukommt.<ref>Vgl. Spiegel, Gabrielle M. (1993): Romancing the past. The Rise of Vernacular Prose historiography in Thirteenth-Century France, Berkeley.</ref>
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Die hochmittelalterlichen französischen Chronisten können auf das reiche historiographische Erbe derer zurückgreifen, die die Geschichte des merowingischen Frankenreich, der karolingischen Hausmeier und Könige und ihrer westfränkischen Nachfolger dargestellt haben (vgl. den vorigen Abschnitt). Auf dieser Grundlage beginnt der dort schon erwähnte Benediktiner Aimoin von Fleury, eine zusammenhängende Geschichte des fränkischen Volkes von dessen mythischen trojanischen Ursprüngen an zu schreiben. Diese ''Historia Francorum'', die im Jahr 654 abbricht, aber von verschiedenen Fortsetzern bis in die jeweilige Gegenwart fortgeführt wird, erzählt die Geschichte der ''Franci'' in erster Linie als Geschichte ihrer Könige: ''res gestae gentis sive regum Francorum.''<ref>So Aimoin, ''Historia Francorum'', ed. MPL 139,  627-798, hier Sp. 627, im Widmungsbrief an Abt Abbo von Fleury.</ref> Die Konstruktion historiographischer Kontinuitätslinien zwischen dem hochmittelalterlichen Königtum und der glorreichen Herrschaft der großen Merowinger und Karolinger geht dabei nicht immer mit einer positiven Bewertung der zeitgenössischen Könige einher. Die vor 1034 in Sens entstandene ''Historia Francorum Senonensis'' etwa zeigt heftige Ressentiments gegenüber der kapetingischen Dynastie, die seit 987 die Könige stellt.
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Solche ‚Frankengeschichten‘ bilden im 11. und 12. Jahrhundert indes nicht den dominierenden Typus der Geschichtsschreibung. Stellt die Abtei Fleury am Beginn des 11. Jahrhunderts aufgrund ihrer politischen Beziehungen zum Königshof das Zentrum einer tendenziell überregionalen, auf das Königtum ausgerichteten Geschichtsschreibung dar, so bleibt der historiographische Horizont der meisten anderen geistlichen Institutionen weitgehend auf die Belange der betreffenden Klöster bzw. Kirchen und ihrer adligen Wohltäter beschränkt. Daneben richten einige Historiographen ihren Darstellungsfokus auf die entstehenden bzw. sich verfestigenden regionalen Lehensfürstentümer: Die aquitanische Frankengeschichte des Adémar de Chabannes ist zwar grundsätzlich als Königsgeschichte angelegt, doch berichtet der Verfasser ab dem 9. Jahrhundert verstärkt über den aquitanischen Raum und dessen Herzöge. Besonders ausgeprägt ist diese Tendenz in der Normandie: Die ''Gesta Normannorum Ducum'' des Guillaume de Jumièges erzählen Geschichte konsequent aus normannischer Perspektive – auch dort, wo der Bericht dem herzoglichen Tatendrang folgend die Grenzen der Normandie überschreitet. Nach der normannischen Eroberung Englands weiten Guillaumes Fortsetzer den historiographischen Fokus auf den gesamten Herrschaftsbereich der anglonormannischen Könige aus. Im anglo-normannischen Raum wird Geschichtsschreibung wenig später auch zum ersten Mal für eine überregionale säkulare Identitätsstiftung jenseits des Modells der fränkisch-französischen Königsgeschichte genutzt. Im Umfeld der angevinischen Plantagenêts, die seit 1154 neben England das gesamte westliche Frankreich beherrschen, dichten Wace und Benoît de Sainte-Maure je zwei französischsprachige Reimchroniken, die zum einen die normannische Tradition fortführen, zum anderen die trojanisch-arthurischen Mythen der ''Historia regum Britanniae'' des Geoffrey of Monmouth aufgreifen.<ref>Die historiographische Verwendung der französischen Volkssprache ist in England sehr früh zu beobachten; die erste erhaltene französischsprachige Reimchronik überhaupt ist Gaimars ''Estoire des Engleis'', die 1136/1137 in Lincolnshire entstanden ist.</ref>
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Vielleicht stellen diese historiographischen Ansätze Reaktionen auf die Verdichtung einer genuin französischen Identität im kapetingischen Königreich dar. In einer normannischen Satire, die kurz vor der französischen Eroberung des Herzogtums (1204) entstanden ist, werden Elemente des angevinischen Geschichtsbildes jedenfalls gegen die ideologisch überhöhten Ansprüche der ‚Franzosen‘ und ihrer Könige in Stellung gebracht.<ref>Vgl. Romanz des Franceis, ed. Anthony J. Holden, in: Études de langue et de littérature du Moyen Âge offertes à Félix Lecoy, Paris 1973, 213-229; vgl. dazu Jostkleigrewe, Georg (2010): Die Identität der Franzosen und der Standpunkt der anderen. André de Coutances'  <span style="font-size:12.0pt;font-family:&quot;Times New Roman&quot;;
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mso-fareast-font-family:&quot;Times New Roman&quot;;mso-ansi-language:DE;mso-fareast-language:
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DE;mso-bidi-language:AR-SA">„</span><span class="reference-text"><span style="font-size:11.0pt;mso-bidi-font-size:12.0pt;font-family:&quot;Times New Roman&quot;;
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mso-fareast-font-family:&quot;Times New Roman&quot;;mso-ansi-language:DE;mso-fareast-language:
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DE;mso-bidi-language:AR-SA">Romanz des Franceis“</span></span> (ca. 1200) und der normannische Blick auf Frankreich, in: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte 38, 49-76.</ref> Tatsächlich ist im französischen Kernland um Paris seit dem 12. Jahrhundert eine historiographische Rückbesinnung auf das Königtum als Repräsentanten eines von Gott besonders begnadeten Volkes zu beobachten. Die Forschung hat in diesem Kontext die Rolle der Abtei Saint-Denis bei Paris als Zentrum königsnaher Geschichtsschreibung betont. Beginnend mit Sugers Biographie Ludwigs VI. entstehen hier mehrere Königsviten, die im Laufe des 13. Jahrhunderts zusammengefügt und um Aimoins ''Historia'' sowie weitere Materialien zur fränkisch-französischen Vorgeschichte ergänzt werden. Eine solche Sammelhandschrift (BnF lat. 5925) bildet die Grundlage für den ''Roman des roys'' des Primat von Saint-Denis. Dieser legt 1274 in französischer Prosa eine zusammenhängende Geschichte der ''François'' und ihrer Könige von den Ursprüngen bis zum Tod Philipps II. (1223) vor, die bald um französische Übersetzungen der Viten Ludwigs IX. und Philipps III. ergänzt und zum Ausgangspunkt der später als ''Grandes Chroniques de France'' bezeichneten Chronikfamilie wird. Dieselben Materialien gehen z.T. in das ''Chronicon'' des Guillaume de Nangis ein, das an die Weltchronik des Sigebert von Gembloux anknüpft, ursprünglich bis 1300 reicht und in Saint-Denis bis 1340 fortgesetzt wird. Um 1300 ist die Chronistik des Klosters Saint-Denis damit als Modell einer auf das Königtum ausgerichteten (Prosa‑)Geschichtsschreibung etabliert, auf die sich auch Dichter wie Adenet le Roi (in ''Berthe as grans piés'') und Reimchronisten wie Guillaume Guiart als historizitätsverbürgende Chiffre berufen.
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Der Fokus auf das Königtum prägt nun auch Werke, die abseits von Paris entstehen wie z.B. die sogenannte ''Chronique de Baudouin d’Avesnes'', die ''Chroniques de Flandre'' oder auch normannische Werke wie die ''Chronique des quatre premiers Valois.'' Angesichts dieser breiten Entwicklung darf man die Rolle von Saint-Denis als Multiplikator einer spezifisch königlichen Geschichtssicht nicht überschätzen, zumal die dortigen Chronisten schon im 13. Jahrhundert auf historiographische Innovationen eher reagieren als sie anstoßen: Die älteste volkssprachliche Prosageschichte der französischen Könige schreibt der ''Anonyme de Béthune'' – ein Autor, der zuvor ein ähnliches Werk über die anglonormannischen Herrscher verfasst hatte. Und selbst der zweifellos erfolgreiche Typus der prosaischen Königschronistik stellt im Spätmittelalter nur eine Tradition unter mehreren dar; es gibt weiterhin Reimchroniken, historische Anekdotensammlungen und vor allem Geschichtskompendien, die Nachrichten über Frankreich in den universalgeschichtlichen Rahmen einer Papst-Kaiser-Geschichte einbetten. Darüber hinaus entsteht in den wallonischen Niederlanden eine weitere Chronikfamilie, deren Fokus nicht auf dem französischen Königtum, sondern explizit auf dessen Konflikt mit England liegt. Die ''haults faitz du roy Edouart d’Angleterre et des II roys Philippe et Jehan de France''<ref>Vgl. Jean le Bel, Chroniques, ed. Eugène Déprez/Jules Viard, Bd. 1, Paris 1904, S. 1.</ref> (d.h. die Konflikte des beginnenden Hundertjährigen Krieges) bilden den historiographischen Fokus des Lütticher Patriziers Jean le Bel – eine Perspektive, die von Froissart aufgegriffen und im 15. Jahrhundert von Monstrelet und Chastelain fortgeführt wird. Die Innovationen des späteren 15. Jahrhunderts liegen demgegenüber vor allem auf stilistischem Gebiet. Die humanistische Geschichtsschreibung eines Robert Gaguin orientiert sich an antiken Vorbildern, greift inhaltlich aber auf die ''Grandes Chroniques'' zurück, die seit 1476 im Druck vorliegen und das französische Geschichtsbewusstsein am Beginn der Frühen Neuzeit wohl nachhaltiger prägen als in früheren Jahrhunderten.
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Wie eingangs betont, erfasst dieser Überblick weder die gesamte französischsprachige Geschichtsschreibung noch sämtliche Aspekte der historiographischen Produktion innerhalb Frankreichs. Der aus Umberto Ecos Roman unrühmlich bekannte Bernard Gui etwa kompiliert neben einem Kompendium zur französischen Geschichte u.a. eine Geschichte des Dominikanerordens, eine Papstgeschichte und einen Kaiserkatalog ohne spezifischen Frankreichbezug; es bleibt offen, welche Werke den Zeitgenossen wichtiger erscheinen. Auch ist zu fragen, wie weit implizite Vorannahmen der Forschung das oben skizzierte Bild einer zunehmenden Dominanz der Königschronistik beeinflussen. So hat der traditionelle Fokus auf die Königschronistik z.B. dazu geführt, dass man bei der Untersuchung von französischen Universalchroniken zwar danach gefragt hat, wie dieses Genre bei seiner Rezeption in Frankreich an die Vorstellung eines hegemonialen, besonders begnadeten französischen Königtums angepasst wurde, die auch die französische Königschronistik prägt.<ref>Vgl. in diesem Zusammenhang vor allem die Arbeit von Chazan, Mireille (1999): L'Empire et l'histoire universelle de Sigebert de Gembloux à Jean de Saint-Victor (XIIe-XIVe siècle), Paris; dazu kritisch Jostkleigrewe, Georg (2008): Das Bild des Anderen. Entstehung und Wirkung deutsch-französischer Fremdbilder in der volkssprachlichen Literatur und Historiographie des 12. bis 14. Jahrhunderts, Berlin, S. 25 et passim.</ref> Nicht gefragt hat man hingegen danach, ob die rezipierten Werke im Gegenzug auch französische Geschichtsbilder beeinflusst haben. Ähnliche Überlegungen sind auch hinsichtlich der weithin geleugneten Existenz einer französischen Stadtgeschichtsschreibung anzustellen. Gewiss stehen Informationen über Korn- und Weinpreise, Witterung und lokale Magistrate in einschlägigen Werken zumeist neben Nachrichten über das Königreich, aber soll man den städtischen Aspekt deshalb ausblenden? So bleibt manches Verdikt über die französische Historiographie zu überprüfen.
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==== Italien ====
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===== Früh- und Hochmittelalter (Claudia Zey) =====
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Die Eindeutigkeit, mit der Italien räumlich zu erfassen ist, steht im Gegensatz zur politischen und kulturellen Inkohärenz, die dieser Raum seit dem Untergang des Weströmischen Reiches und den Jahrhunderten der Völkerwanderung aufwies. Ostgoten, Griechen, Langobarden, Franken, Araber, Normannen, Deutsche, Franzosen und Spanier bestimmten die Geschichte Italiens vom 5. bis zum 13. Jahrhundert. Königreiche, Fürstentümer, geistliche und weltliche Stadtherrschaften folgten aufeinander und existierten nebeneinander. In den wirtschaftlich prosperierenden oberitalienischen Städten nahm die kommunale Bewegung ihren Ausgangspunkt, bevor sie das nordwestliche Europa und Mittelitalien erfasste. Süditalien blieb davon weitgehend unberührt. Gleichzeitig war Italien der Austragungsort erbitterter Kämpfe zwischen dem römisch-deutschen Kaisertum und dem Papsttum und wurde von mehreren großen Papstschismen in Mitleidenschaft gezogen. Erst im endenden Hochmittelalter wurden die politischen Konturen klarer, als sich in der Lombardei die Kommunen als stärkste politische Kraft durchsetzten, während in der Mitte Italiens die päpstliche Herrschaft territorial die Oberhand gewann und ihre Vorherrschaft nach dem Ende der Staufer auch auf Süditalien ausdehnte.
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Diese heterogenen Herrschaftsverhältnisse haben die Geschichtsschreibung Italiens geprägt. Das gesamte Mittelalter hindurch blieb sie regional verankert und häufig zeitgeschichtlich motiviert. Ansätze einer gesamtitalienischen Sicht finden sich erst im 13. Jahrhundert, etwa mit der ''Cronica'' des Franziskaners Salimbene de Adam, die Italien und das Reich zum Gegenstand hat und neben Latein auch volkssprachige Passagen enthält.
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Frühe Anfänge von Historiographie in Italien sind mit der ''Origo gentis Langobardorum'' (7. Jh.) und mit der ''Historia Langobardorum'' des Paulus Diaconus (8. Jh.) noch stark gentil ausgerichtet. Hierin wird die sagenreiche Herkunftsgeschichte der Langobarden und die Herrschaft der lombardischen Könige thematisiert. Die ''Historia'' des Paulus Diaconus erfreute sich auch aufgrund ihrer literarischen Qualität das gesamte Mittelalter hindurch großer Beliebtheit und ist mit über 100 Handschriften außergewöhnlich breit überliefert. Besonders in Montecassino, wohin sich Paulus nach seinem Aufenthalt am Hof Karls des Großen zurückgezogen hatte, fanden Inhalt und literarische Tradition zahlreiche Fortsetzer. Erchempert gehört mit seiner ''Historia Langobardorum Beneventanorum'' (9. Jh.) ebenso dazu wie Amatus von Montecassino, der im 11. Jahrhundert mit seiner ''Historia Normannorum'' den Aufstieg der Normannen von Söldnern zu Herrschern in Süditalien beschrieb. Auch in eigener Sache wurden die Mönche dieser berühmten Benediktiner-Abtei aktiv, indem sie die Geschichte ihres Klosters von der Gründung durch Benedikt von Nursia (um 529) aufschrieben und bis 1138 fortführten. Mit Leo von Ostia und Petrus Diaconus waren auch durch andere Werke bekannte Autoren an dieser ''Chronica monasterii Casinensis'' (11.–12. Jh.) beteiligt.
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Von Montecassino abgesehen, ist der nördlich der Alpen stark vertretene Typus der Klosterchronistik in Italien schwächer repräsentiert. Nur von wenigen anderen Klöstern, wie etwa den Benediktinerabteien Farfa, S. Clemente in Casauria und der Cluniazenserabtei Fruttuaria, hat sich eine reichere Geschichtsüberlieferung erhalten: die ''Destructio monasterii Farfensis'' und die ''Relatio constitutionis'' des Hugo von Farfa (10.–11. Jh.), das ''Chronicon Farfense'' des Gregor von Catino (11. Jh.), das ''Chronicon Casauriense'' des Johannes Berardi (11. Jh.) sowie das erst im 13. Jahrhundert begonnene, anonym überlieferte ''Chronicon abbatiae Fructuariensis'' (13.–15. Jh.).
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Eine Kirchen- und Bistumsgeschichte wurde im hochmittelalterlichen Italien vornehmlich als Stadthistorie aufgezeichnet. Das gilt für die Verfasser geistlichen Standes ebenso wie für die große Schar der Chronisten aus dem Laienstand, die häufig als Notare im Dienst der Stadt Zugang zu dokumentarischen Quellen hatten. Der Stolz auf die eigene Stadt, die Verehrung des Stadtpatrons, die Sorge um die kirchliche, politische und soziale Ordnung sind den Chronisten in allen Teilen Italiens gemeinsam. In Oberitalien war die städtische Historiographie besonders stark ausgeprägt. Namentlich für die Mailänder Metropole ist eine reiche Überlieferung erhalten. Neben den großen Werken Arnulfs von Mailand (''Liber gestorum recentium'', 11. Jh.), des sogenannten älteren Landulf (''Historia Mediolanensis'', 11. Jh.), des jüngeren Landulf von St. Paul (''Historia Mediolanensis'', 12. Jh.), Goffredos da Bussero (''Cronica und Liber notitiae sanctorum Mediolani'', 13. Jh.), Stefanardos da Vimercate (''Liber de gestis in civitate Mediolanensi'', 13. Jh.) und Bonvesins de la Riva (''De magnalibus Mediolani'', 13. Jh.) existiert eine Vielzahl anonym überlieferter Annalen und Chroniken. In ihnen spiegelt sich der Wechsel von der bischöflichen Stadtherrschaft zur kommunalen Verfassung wider und damit auch der gesellschaftliche Umwälzungsprozess innerhalb der Städte, häufig ausgelöst durch den Streit um die Parteinahme für Kaiser oder Papst. Die Mailänder Gewährsmänner Arnulf, der sogenannte ältere Landulf ebenso wie der jüngere Landulf legen in ihren Chroniken beredtes Zeugnis ab von den schweren Konflikten und bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen. Ebenso berichten Bonizo von Sutri in seinem ''Liber ad amicum'' (11. Jh.) und Johannes Codagnellus in seinen ''Annales Placentini'' und seinem ''Liber rerum gestarum / Chronicon Placentinum'' (12.–13.Jh.) für Piacenza, Caffaro da Caschifellone, einer der ersten Geschichtsschreiber aus dem Laienstand, in seinen ''Annales Ianuenes'' (11.–12. Jh.) für Genua sowie Vater und Sohn Otto und Acerbus Morena für Lodi (''Libellus / Liber / Historia de rebus Laundensibus / de rebus a Frederico imperatore gestis'', 12. Jh.). Demgegenüber bietet Sicard von Cremona in seiner ''Cremonensis Cronica'' (12.–13. Jh.) ein eigentümlich einträchtiges Bild von der auf kaiserlicher Unterstützung basierenden bischöflichen Stadtherrschaft in Cremona zu Beginn des 13. Jahrhunderts.
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Auch in Mittel- und Süditalien finden sich herausragende Beispiele des städtisch geprägten Blicks auf die Zeitläufte, etwa, um nur einige zu nennen, im ''Chronicon Beneventanum'' des Falko von Benevent (11.–12. Jh.), der im neapolitanischen Exil die Vergangenheit seiner Stadt beschrieb, oder in den ''Annales Pisani'' des Richters und Notars Bernardus Marago (12. Jh.).
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Nahezu alle Chronisten begegnen uns als Zeugen der großen kaiserlich-päpstlichen Zerwürfnisse und der Papstschismen. Die meisten waren sogar in diese Konflikte involviert und verarbeiteten sie in ihren Texten, wie etwa Arnulf von Mailand und Bonizo von Sutri zum Beginn des Investiturstreits (1076–1080), oder wie Falko von Benevent und der Cassinenser Mönch Petrus Diaconus, bezogen auf das Schisma zwischen Innozenz II. und Anaklet II. (1130–1138). Gleiches gilt für Otto und Acerbus Morena und die Auseinandersetzung Friedrichs I. Barbarossa mit Papst Alexander III. und Mailand (1159–1177). Gegen deren prokaiserliche Sichtweise existiert mit der anonym überlieferten ''Narratio de Longobardiae obpressione et subiectione'' (12. Jh.) eine wirkmächtige Gegenschrift. Dabei ergriffen die Autoren leidenschaftlich für die eine oder andere Seite Partei, ohne aber das Zentrum ihres Wirkens und ihres Interesses dabei aus den Augen zu verlieren oder die historische Erzählform zu vernachlässigen. Vielmehr boten ihnen die großen (kirchen-)politischen Ereignisse den Anlass zu einer Rückbesinnung auf die Traditionen ihrer Stadt und deren Exemplifizierung in didaktischer Absicht.
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Damit können die städtisch verankerten Chronisten von denjenigen Geschichtsschreibern unterschieden werden, die ihre Opera im Auftrag von Kaiser-, Königs- oder Fürstenhöfen oder mit der Absicht verschriftlichten, sie einem Herrscher zu widmen. Ein früher Exponent dieser hofnahen Geschichtsschreibung ist Liudprand von Cremona, der sich nach seinem Zerwürfnis mit König Berengar II. von Italien ganz in den Dienst Ottos I. stellte und dessen Herrschaftsübernahme im italischen Regnum mit zwei Geschichtswerken feierte (''Antapodosis'' und ''De Ottone rege'', 10. Jh.). Als weitere bedeutende Vertreter dieses Genres haben zu gelten Benzo von Alba mit seinem prosimetrischen Panegyricus auf Kaiser Heinrich IV. (''Ad Heinricum imperatorem libri VII'', 11. Jh.), Donizo von Canossa mit der in Versform gehaltenen Lebensgeschichte der Markgräfin Mathilde, die zugleich eine Dynastiegeschichte des Markgrafenhauses von Tuszien und Canossa darstellt (Vita Mathildis, 12. Jh.), und Petrus von Eboli mit seinem bebilderten lateinischen Versepos ''Liber ad honorem augusti'' (12.–13. Jh.), das von der Eroberung des Königreichs Sizilien durch Heinrich VI. handelt und diesem gewidmet ist. An der römischen Kurie griff der Kämmerer Boso zur Feder und erzählte, angelehnt an den frühmittelalterlichen ''Liber pontificalis'' (6.–9. Jh.), nach dem Ende des Konflikts mit Barbarossa die Geschichte der römischen Päpste in den ''Gesta pontificum Romanorum'' (12. Jh.) für die Zeit zwischen 885 und 1178 neu.
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Der normannisch-staufische Hof in Süditalien war Anziehungspunkt für viele Gelehrte, die sich in Diensten der Fürsten und Könige schriftstellerisch betätigten. Aus dieser Gruppe stechen hervor Gaufredus Malaterra mit seinem Tatenbericht über Graf Roger I. von Sizilien und Herzog Robert Guiscard von Apulien und Kalabrien (''De rebus gestis Rogerii Calabriae et Siciliae comitis et Roberti Guiscardi ducis fratris eius'', 11. Jh.), Wilhelm von Apulien, der sein Versepos über die Taten Roberts Guiscard dessen Sohn Roger Borsa widmete (Gesta Roberti Wiscardi, 11.–12. Jh.), Alexander von Telese mit seiner Biographie König Rogers II., die er dessen Schwester dedizierte (''Ystoria Rogerii Regis, Sicilie, Calabrie atque Apulie'', 12. Jh.), Romuald von Salerno, der als Gesandter der normannischen Könige Wilhelm I. und Wilhelm II. an den Vertragsverhandlungen von Benevent (1156) und von Venedig (1176/77) beteiligt war und in seiner Weltchonik (''Chronicon'', 12. Jh.) detailliert über diese Geschehnisse referierte. Dagegen beschränkte sich sein Zeitgenosse Hugo Falcandus in seinem ''Liber de Regno Sicilie'' (12. Jh.) auf eine facettenreiche Beschreibung des normannischen Königshofes, während Richard von San Germano in seiner ''Chronica'' (13. Jh.) die Geschichte des Königreichs Sizilien unter Friedrich II. dokumentierte. Auch das Ende der staufischen Herrschaft in Südtitalien, die Machtübernahme durch Karl von Anjou und deren vorzeitiges Ende durch die Sizilianische Vesper 1282 wurden durch den Römer Saba Malaspina (''Chronica'' oder ''Liber gestorum regum Sicilie'', 13. Jh.) und den aus Messina stammenden Bartholomeus von Neocastro (''Historia Sicula'', 13. Jh.) historiographisch kommentiert. Während Saba die Verhältnisse in Süditalien aus dem Blickwinkel der päpstlichen Suprematie auf das Königreich Sizilien betrachtete, war Bartholomeus als angesehener Jurist am Hof der aragonesischen Könige ein glühender Anhänger von deren Herrschaftsübernahme.
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In diesem weitgespannten Feld von Inhalten und Formen ist die Suche nach Gemeinsamkeiten einer italienischen – oder für die frühe Zeit besser italischen – Geschichtsschreibung im Früh- und Hochmittelalter müßig. Sie bestehen nur in zwei grundsätzlichen Gegebenheiten: der starken regionalen Verankerung der Werke und dem Gebrauch von Latein als dominierender Schriftsprache. Italienisch hielt erst im Spätmittelalter verstärkt Einzug in die Historiographie der Halbinsel.
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===== Spätmittelalter (Christoph Dartmann) =====
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Es ist nicht möglich, italienische Geschichtsschreibung des Spätmittelalters als kohärentes Textcorpus zu beschreiben. Schon die Zuweisung, was eigentlich von diesem Sammelbegriff erfasst wird und was nicht, ist problematisch. So wird man sich einerseits damit schwertun, die katalanische Chronik des Ramon Muntaner (†1336) als Teil der italienischen Historiographie zu behandeln, obwohl ihr Verfasser längere Zeit im Dienste der Krone von Aragón auf Sizilien und Sardinien tätig war und er sein Wirken für die Herrscher über diese italienischen Inseln schildert. Andererseits ist es nicht möglich, ihn aufgrund der Sprache, in der er schreibt, oder seiner Verbindung mit einer Herrschaft, deren Zentrum nicht in Italien lag, aus dem Kanon der spätmittelalterlichen Werke auszugrenzen, die die Geschichte des heutigen Italien beschreiben bzw. deren Entstehung mit dieser Geschichte eng verbunden ist. Denn anders lässt sich nicht definieren, was italienische Geschichtsschreibung im Spätmittelalter ausgemacht hat. Vielmehr handelt es sich um eine retrospektive Kanonbildung, die aus dem Versuch des 19. Jahrhunderts resultiert, Geschichte als Geschichte der italienischen Nation zu konstruieren. Das hat zugleich die aragonesischen Könige zu Gliedern in einer Kette von vermeintlichen ‚Fremdherrschern‘ degradiert hat und folgerichtig auch die Chronik des Ramon Muntaner die Aufnahme in den Kanon italienischer Geschichtsschreibung gekostet hat.
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Die Geschichtsschreibung, die im Spätmittelalter auf der Apenninenhalbinsel entstanden ist, kannte eine große Vielfalt der Herkunft ihrer Verfasser, der verwendeten Gattungen, der thematischen Fokussierung sowie nicht zuletzt auch der Sprachen, in der sie verfasst wurde, sei es Latein, seien es andere Umgangssprachen. Daher eignet sich auch die Sprache nicht als Kriterium, das eine Corpus-Definition rechtfertigte. So setzt der in Asti schreibende Chronist Ogerio Alfieri (†1294) die Tradition der ''notai-cronisti'' fort, die in einem klaren, notariell geprägten Latein die Geschichte der eigenen Stadt bis in die Gegenwart hinein verfolgten. Stärker umgangssprachlich geprägt ist das Latein des ''Memoriale'' seines jüngeren Mitbürgers Guglielmo Ventura († nach 1310) oder auch der ''Cronica'' des Franziskaners Salimbene de Parma († ca. 1288), wobei das letztere Werk zugleich deutliche Spuren der Predigttätigkeit des Mendikanten aufweist. Während die Florentiner Historiographie des 14. Jahrhunderts mit den Werken eines Dino Compagni (†1324) oder eines Giovanni Villani (†1348) das toskanische Volgare verwendet, das zum Ausgangspunkt für die italienische Hochsprache der Moderne werden sollte, orientierten sich die nordostitalienischen Autoren Ferreto de‘ Ferreti (†1337) und Albertino Mussato (†1329) bereits wieder an antiken Vorbildern und entwickelten eine Geschichtsschreibung, deren Sprache und Rhetorik sie in der Rückschau zu Vorläufern des Humanismus werden lässt. Weil es zugleich kein einheitliches Volgare gab, fällt auch die Umgangssprache als Kriterium für die Umschreibung eines Corpus italienischer Historiographie des Spätmittelalters aus – der Venezianer Martino Canal († ca. 1275) verfasste zum Beispiel seine ''Estoires de Venise'' in einem stark venezianisch gefärbten Französisch. Die sprachliche Vielfalt der spätmittelalterlichen Historiographie, die auf dem Gebiet des modernen Italien entstand, resultiert aus der kulturellen Inhomogenität sowie aus dem Fehlen institutioneller Strukturen, die die verschiedenen Regionen der Apenninenhalbinsel miteinander verbunden hätten. Erst als der Humanismus von Venedig bis Rom und von Mailand bis Neapel Anerkennung gefunden hatte, stellte er einheitliche sprachliche und rhetorische Muster zur Verfügung, die eine größere Homogenität der Geschichtsschreibung ermöglichte.
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Einige Grundzüge der historiographischen Produktion des Spätmittelalters setzen hochmittelalterliche Traditionen fort: die große Bedeutung von Laien als Geschichtsschreibern, die Dominanz von zeitgeschichtlichen Werken sowie ihr stark regionaler Bezug. Seit dem 12. Jahrhundert betätigten sich Exponenten städtischer Führungsschichten – Rechtspraktiker, Politiker, Kaufleute – als Historiographen. Das Spätmittelalter sah in Italien überwiegend laikale Verfasser, auch wenn Kleriker und Mönche ebenfalls weiterhin zur Feder griffen, wie zum Beispiel der mit den Visconti verbundene Mailänder Dominikaner Galvano Fiamma († ca. 1344) oder auch Iacopo da Varazze (†1298), Erzbischof von Genua und Verfasser der ''Legenda aurea'', der neben anderen Werken auch eine ''Chronica civitatis Ianuensis'' von der Gründung der Stadt bis zum Jahr 1297 hinterlassen hat. Darüber hinaus verfassten geistliche Autoren nach wie vor zentrale Werke des hagiographischen Schrifttums. Die spätmittelalterliche Geschichtsschreibung Italiens präsentiert in vielen Fällen selbsterlebte Zeitgeschichte. Besonders prägnant ist dieser Zug selbstverständlich bei Diarien und kleinen Chroniken, in denen zum Beispiel Florentiner Bürger die politischen Krisen von dem Aufstand der Ciompi 1378 bis zum Ende der älteren Medici-Herrschaft im Jahr 1494 begleiteten. Aber auch frühere Werke lassen oft den deutlichen Wunsch erkennen, die gegenwärtigen Zustände zu erklären oder sogar zu beeinflussen, wie zum Beispiel im Fall des Florentiners Dino Compagni (†1324), der selbst als Prior in die innerstädtischen Konflikte um das Jahr 1300 involviert war, die seinen Mitbürger Dante Alighieri ins Exil zwangen, und diese Auseinandersetzungen in seiner ''Cronica delle cose occorrenti ne’ tempi suoi'' schildert und deutet, die dann den Italienaufenthalt Kaiser Heinrichs VII. in den Jahren 1310–1313 als Hoffnung für das heillos zerstrittene Italien feiert. Sein jüngerer Mitbürger Giovanni Villani (†1348) verfolgt in seiner ''Nuova Cronica'' gleichfalls eine zeitgeschichtlich-politische Agenda, greift aber in seiner Darstellung weit in die Weltgeschichte zurück, ehe er sich, je weiter er seiner eigenen Gegenwart annähert, zunehmend seine Heimatstadt ins Zentrum der Darstellung rückt. Ähnlich verfährt auch der aus dem lombardischen Monza stammende Bonincontro Morigia († ca. 1357). Seine ''Chronica'', eine Weltchronik unter besonderer Berücksichtigung der Bedeutung seiner Heimatstadt, dient unter anderem dem Nachweis, Monza sei der angemessene Ort für die Krönung der römisch-deutschen Könige mit der Eisernen Krone des ''regnum Italiae'', der Schilderung von Heiligen und Wundern, die dem Verfasser am Herzen lagen, sowie nicht zuletzt dem Bericht von seiner eigenen Beteiligung an einer Gesandtschaft, mit der die Bewohner Monzas ihren Domschatz aus Avignon zurückgewinnen konnten.
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Die genannten Beispiele belegen bei aller Vielfalt der historiographischen Gattungen zugleich auch den regionalen oder lokalen Fokus, der diese Geschichtswerke kennzeichnet. Bei allem Interesse für globale Zusammenhänge – der Florentiner Kaufmann Giovanni Villani ist sehr genau über die Geschehnisse in den Regionen Europas und des Mediterraneum informiert, mit denen die Florentiner ökonomische Beziehungen pflegen – dient die Geschichte der eigenen Stadt und ihrer unmittelbaren Umgebung in aller Regel als roter Faden der Geschichtsdarstellung. Das gilt nicht nur für Werke aus der ober- und mittelitalienischen Städtelandschaft, sondern zum Beispiel auch für die Geschichten des Königreichs Sizilien aus der Feder von Saba Malaspina (†1297/1298) und Bartolomeo di Neocastro (†1294/1295) Die Vielfalt der Formen, Themen, Entstehungszusammenhänge und Geschichtsvorstellungen der italienischen Historiographie des Spätmittelalters spiegelt ebenso wie die soziale und kulturelle Heterogenität ihrer Verfasser die Dynamik wider, die die Kulturen, Gesellschaften und politischen Systeme der Apenninenhalbinsel in diesen Jahrhunderten prägte.
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==== Iberische Halbinsel ====
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===== Früh- und Hochmittelalter (Klaus Herbers) =====
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Die Grundlagen für die lateinische Geschichtsschreibung der mittelalterlichen Iberischen Halbinsel und wichtige Referenzpunkte für spätere Traditionsbildungen wurden bereits in der Westgotenzeit geschaffen. Gekennzeichnet ist diese historiographische Epoche ähnlich wie in anderen post–römischen Großregionen zunächst vor allem durch die Fortentwicklung spätantik-christlicher Ansätze, denkt man nur an Paulus Orosius († um 418), der mit seiner Geschichte „Gegen die Heiden“ an Vorstellungen Augustins anknüpfte, das römische Reich als letzte der vier Weltmonarchien betrachtete und die Geschichte seiner Zeit bis ins Jahr 417 weiterführte. In der Folge entstanden mehrfach annalistische Aufzeichnungen, aber auch anspruchsvollere Werke wie das des Johannes von Biclaro († um 620), der in Konstantinopel ausgebildet wurde und eine ursprünglich in Nordafrika verfasste Weltchronik fortsetzte.
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Überragend für die Westgotenzeit ist das Werk Isidors von Sevilla († 636), der nicht nur durch sein enzyklopädisches Werk der „Etymologien“ hervorsticht, sondern auch eine längere und kürzere Chronik sowie eine Geschichte der Westgoten verfasste. Isidor bezieht sich in der kürzeren Chronik auf die augustinische Lehre von den sechs Weltzeitaltern. Über die Herrscher dreier Völker seit dem 4. Jahrhundert berichtet Isidor in der ''Historia de regibus Gothorum, Vandalorum et Sueborum'', mit einem deutlichen, neuartigen Schwerpunkt auf den Goten. Das Werk lässt damit ansatzweise eine Verschmelzung römischer und gotischer Traditionen erkennen. Das verdeutlicht das der Schrift vorangestellte Lob auf die ''Hispania'', die jetzt vom Volk der Goten glücklich beherrscht werde. Der Katholik Isidor haderte zwar mit der arianischen Vergangenheit der Goten, aber er pries diese ''gens'' dennoch, weil sie Tugend (''virtus'') gezeigt habe. Heilsgeschichtlich habe dies fast zwangsläufig zum Abschwören von der arianischen Häresie geführt. Isidor vereinigte so – auch tagespolitisch angeregt – römische Tradition und Gotenherrschaft. Diese Verbindung legte die Basis für spätere ‚nationalgeschichtliche‘ Entwürfe: zu den asturischen Chroniken am Hof Alfons III. ebenso wie zum historiographischen Werk des Toledaner Erzbischofs Rodrigo Jiménez de Rada († 1247).
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Nach der Unterwerfung großer Teile der Iberischen Halbinsel durch die Muslime seit 711 fehlt eine ‚gesamtspanische‘ Geschichtsschreibung. 741 und 754 entstanden zwar im muslimischen Herrschaftsbereich noch einmal zwei Werke, die an Isidor und Johannes von Biclaro anknüpften, deren Interessensfokus aber stärker auf Byzanz und den muslimischen Herrschaftsbereich gerichtet war. Die meisten Schriften waren jedoch Traktate, Briefe oder ''passiones'', aber in einzelnen Passagen sind gleichwohl Vorstellungen von Geschichte und Zeit enthalten, die der neuen Situation geschuldet waren, zum Beispiel wenn Paulus Alvarus in seinem ''Indiculus luminosus'' wie andere Zeitgenossen das Römische Reich als letztes der vier Weltreiche ansah und das Reich der Römer und der Westgoten zu den Herrschaften der zehn Könige zählte, die entsprechend alter Weissagungen den römischen Erdkreis untereinander aufteilen sollten. Die drei Reiche der Byzantiner, Franken und Westgoten seien von dem muslimischen Antichrist besiegt worden. Nicht nur die Bezugnahme auf die islamische Herrschaft ist hier bemerkenswert, sondern auch die Gleichstellung der Reiche von Byzantinern, Franken und Westgoten. Bei seinem Mitstreiter Eulogius findet sich die (neben der Übersetzung des Anastasius Bibliothecarius) früheste Fassung einer Mohammedvita.
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Im zunächst kleineren, christlich gebliebenen Norden der Iberischen Halbinsel setzte die lateinische Historiographie in nennenswertem Maße erst wieder am Ende des 9. Jahrhunderts ein. In der Zeit Alfons‘ III. von Asturien (866-910) entstanden verschiedene Chroniken, die durchaus weltgeschichtliche Perspektiven entwickelten. Zu diesem Chronikzyklus gehört die als ''Chronica prophetica'' bezeichnete Schrift, die in Form eines Ezechielkommentars das Ende der muslimischen Herrschaft vorhersagte. Das als „Chronik Alfons‘ III.“ bekannte Werk entwickelte in verschiedenen Textredaktionen wirkmächtige Narrative zur historiographischen Überbrückung und Heilung des Kontinuitätsbruchs, den der Untergang des westgotischen Reichs 711 aus christlicher Sicht bedeutet hatte.
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Nach eher kleineren Schriften des 10. Jahrhunderts und den für die Entstehung Navarras und Kastiliens wichtigen Genealogien, denen im Westen etwa die ''Annales Portugalenses Veteres'' an die Seite gestellt werden können, markiert die nach dem Kloster Silos bei Burgos benannte  ''Historia Silensis'' im beginnenden 12. Jahrhundert ein neuerliches Aufblühen der iberischen Historiographie. Diese Chronik, in die ältere, nicht selbstständig überlieferte Werke eingeflossen sind – so vor allem die sogenannte ''Chronik des Sampiro'' – zeigt exemplarisch die auch in anderen historiographischen Arbeiten dieser Zeit vorherrschende perspektivische Beschränkung auf die Partikulargeschichten einzelner iberischer Reiche: Wie auch die etwa 1160 verfasste und nach dem Kloster Nájera bezeichnete ''Crónica Najerense'' leitet die ''Silensis'' aus dem Motiv des Gotenerbes kastilische Hegemonialansprüche gegenüber den anderen christlichen Reichen der Iberischen Halbinsel ab.
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Im hohen Mittelalter fand sich neben historiographischen Werken im strengeren Sinne relativ häufig eine Sonderform historiographischer Überlieferung, die unter den verschiedensten Bezeichnungen wie ''Gesta'' oder Chartularchronik gefasst werden kann. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die Historia Compostellana, die um 1140 in Santiago de Compostela zusammengestellte wurde. Sie folgte teilweise ähnlichen Entstehungsbedingungen wie Chartulare oder Tumbos bzw. ''Libri Testamentorum'' (dies sind in Spanien häufige archivalische Bezeichnungen für zusammengestellte Urkundenabschriften). Sie verfolgten in der Regel keine historiographischen Konzepte weltgeschichtlicher Art, sondern waren an Institutionen wie Bistümer oder Klöster, gebunden. Krisenzeiten waren für die Entstehung einschlägig. Die ''Historia Compostellana'' (in der Eigenbezeichnung auch ''Registrum'') könnte man als ''Gesta episcoporum'' bezeichnen, als eine Darstellung des Bistums und seiner Bischöfe (vor allem von Diego Gelmírez [† 1140]), die mit Urkunden angereichert wurden. Der historiographische Text verbindet dabei vielfach die einzelnen Urkunden, die sukzessive in den Text inseriert werden. Zur gleichen Zeit bietet die ''Historia Roderici'' zum sogenannten „Cid“ erstmals eine Art personalisierter Historiographie, wesentlich deutlicher kennzeichnet noch der ''Llibre del feits'' Jakobs I. von Aragón († 1276) die Entstehung autobiographischer Historiographie.
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Erst im ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhundert finden sich wieder Konzepte, die eher als welt– und universalhistorisch zu bezeichnen sind. Mit seinem ''Chronicon mundi'' knüpfte Bischof Lucas von Tuy († Ende 1249) an frühere Traditionen an. Seine Auftraggeberin, die Königin Berenguela von León, hatte sich eine Fortsetzung der Chroniken Isidors von Sevilla erbeten, dem Lucas schon mit einem Translationsbericht und einer Vita (''Vita et translatio s. Isidori'') seine Reverenz bezeugt hatte. Trotz des allgemeinen Anspruchs bleibt die Gewichtung des Stoffes in seiner Weltchronik etwas ungleich mit einem deutlichen Akzent auf der Westgotenzeit. Außerdem erscheint die Gesamtperspektive weniger weltgeschichtlich als iberisch. Dies ist wohl auch vor dem Hintergrund zu verstehen, dass zur Abfassungszeit Kastilien und León vereinigt wurden. In derselben Traditionslinie steht auch der Toledaner Erzbischof Rodrigo Jiménez de Rada († 1247) mit seiner ''Historia de rebus Hispaniae sive Historia Gothica''. Der Titel deutet auch hier die Rückbesinnung auf gotische Traditionen für das neue seit der Schlacht von 1212 bei Las Navas de Tolosa territorial erheblich vergrößerte christliche Spanien an. In Rodrigo – der im Übrigen auch eine ''Historia Arabum'' verfasste, die auf arabischen Materialien basierte – kann man einen der ersten Historiographen sehen, der mit der Rückschau auf den Kampf gegen die Muslime die Perspektive auf ein künftig von Muslimen ‚befreites‘ Spanien verband. Bei seinem historiographischen Entwurf half vielleicht sogar der Bezug zum hl. Jakobus als Schlachtenhelfer zusätzlich, einen konsistenten Rahmen für dieses übergeordnete Anliegen zu schaffen. Nicht von ungefähr endet die Weltchronik mit der Rückführung der von Al-Mansûr am Ende des 10. Jahrhunderts in Compostela geraubten Glocken von Córdoba in ihre angestammte Heimat. Die alte Ordnung war so wiederhergestellt, die Rückführung der Glocken dokumentierte gleichsam symbolisch den (weitgehenden) Abschluss der Reconquista.
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Diese Perspektive, die eine Einheit der neogotischen Hispania mit der Vormacht Kastiliens verband, setzte sich schließlich in den sogenannten „Alfonsinischen Chroniken“ weiter fort. Rodrigos Werk wurde schon bald in die Volkssprache übertragen und diente den auf König Alfons X. ''el Sabio'' zurückgeführten Chroniken als Orientierung. Ohne dieses Bild in seinen Entwicklungsstufen und Varianten hier differenziert nachzeichnen zu können, drängt sich der Eindruck auf, dass diese historiographischen Konzeptionen des 13. Jahrhunderts bis heute das wissenschaftliche Bild bestimmen, obwohl in Katalonien (zum Beispiel mit den ''Gesta comitum Barcinonensium'') und der Krone Aragón, in Portugal oder Navarra im späten Mittelalter durchaus eigene historiographische Entwürfe erstellt werden, die hier nicht einzeln gewürdigt werden können. Gleiches gilt für die <s>− im nächsten Abschnitt genauer behandelte −</s> Hofhistoriographie des 14. und 15. Jahrhunderts, die angesichts von umstrittenen Thronwechseln vielfach legitimierende Strategien entwickelte. Gerade im Mittelmeerraum und im 15./16. Jahrhundert auch in Portugal reichen diese Geschichtskonzeptionen dann auch wieder häufiger über den seit dem 13. Jahrhundert oft auf die Halbinsel selbst begrenzten territorialen Bezugsrahmen hinaus.
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===== Spätmittelalter (Sebastian Greußlich) =====
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Zu den Topoi der hispanistischen Forschung gehört der Hinweis auf das vergleichsweise frühe Vordringen der kastilischen Sprache in elaborierte Diskurse.<ref>Es soll hier kurz daran erinnert werden, dass sich die ‚Romania' im Sinne der Romanistik gerade erst durch diesen Prozess konstituiert und mithin geographische Bezüge nur sekundär aufweist, insoweit das Verbreitunsgebiet einzelner romanischer Sprachen mit bestimmten politisch formierten Territorien korreliert.</ref> Er ist im Kern zutreffend, bedarf jedoch einiger Präzisierungen, will man eine verzerrte Darstellung der historischen Gegebenheiten vermeiden. Die Verwendung des Kastilischen in Texten unterschiedlichster fachlicher Provenienz, die traditionell häufig als wissenschaftlich apostrophiert wurden,<ref>Dies ist womöglich auch dadurch bedingt, dass das Attribut der Wissenschaftlichkeit rhetorisch geeignet ist, das Außerordentliche dieser Kulturleistung zu betonen. In jedem Fall aber ist zu bedenken, dass der mittelalterliche ''scientia''-Begriff nicht synonym mit Wissenschaftlichkeit im heutigen Sinne ist. Vgl. auch Greußlich, Sebastian (2009): „Los fundamentos teóricos de la investigación sobre los lenguajes de especialidad y sus efectos sobre nuestra visión de la historia de la lengua: el ejemplo de Alfonso el Sabio“, in: Eckkrammer, Eva-Martha (Hg.): ''La comparación en los lenguajes iberorrománicos de especialidad'', Berlin, 221–230. Für einen Überblick über das Korpus vgl. Fernández-Ordóñez, Inés (1999): „El taller historiográfico alfonsí. La Estoria de España y la General Estoria en el marco de las obras promovidas por Alfonso el Sabio“, in: Montoya, Jesús/Rodríguez, Ana (Hgg.): ''El Scriptorium alfonsí: de los Libros de Astrología a las Cantigas de Santa María'', Madrid, 105–126.</ref> ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und damit im romanischen wie auch gesamteuropäischen Vergleich in der Tat zu einem bemerkenswert frühen Zeitpunkt der mittelalterlichen Geschichte. Dieser Umstand ist allerdings bedingt durch die ‚Reconquista‘ der Iberischen Halbinsel und ihre polit-strategischen Implikationen. Es wäre unangemessen, die Figur Alfons des Weisen, der in seiner Schreiberwerkstatt (''taller alfonsí'') kastilische Texte zu geistlichen, astronomischen, astrologischen, alchemistischen, juristischen und nicht zuletzt historiographischen Inhalten übersetzen und teils auch neu erarbeiten lässt, als Humanisten ''ante litteram'' zu verklären. Stattdessen ist zu betonen, dass hinter der systematischen Förderung zeitgenössisch relevanter Wissensformen in der Volkssprache ein Kalkül steht, das darauf zielt, Kastilien als Hegemon unter den christlichen Reichen der Iberischen Halbinsel zu positionieren, wobei die Bereitstellung relevanter Wissensbestände sowie die Prinzenerziehung und die Entschlüsselung göttlicher Vorsehung aus Sicht des Monarchen eine bedeutende Rolle spielen. Die beiden zentralen historiographischen Texte aus diesem Umfeld, die ''General Estoria'' und die ''Estoria de Espanna'', fügen sich in diese Gesamtdeutung. So zeigt sich bereits an der Titelei der Texte das epistemische Programm, die Rolle Kastiliens im göttlichen ''ordo'' zu eruieren und das Ergebnis dieser Deutung sodann durch eine entsprechende genealogische, durch ''exempla'' gestützte Rekonstruktion seiner mythischen Ursprünge abzusichern. In der hispanistischen Forschung zu beiden Texten sind auf inhaltlicher Ebene die ungewöhnlich prominente Rolle der Figur des Herrschers und die tendenziell immanente Konzeption der ''translatio imperii'' herausgearbeitet worden.<ref>Vgl. insbesondere Funes, Leonardo (1997): ''El modelo historiográfico alfonsí: una caracterización'', London; Gumbrecht, Hans-Ulrich (1987): „Die kaum artikulierte Prämisse: volkssprachliche
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Universalgeschichte unter heilsgeschichtlicher Perspektive“, in: Ders./Link-Heer, Ursula/Spangenberg, Peter Michael (Hgg.): ''La litterature historiographique des origines à 1500'', Heidelberg, 799–817.</ref> Neuere Beiträge zielen verstärkt auf Fragen der Textkonstitution<ref>vgl. Fraker, Charles (Hg.) (1996): ''The Scope of History. Studies in the Historiography of Alfonso el Sabio'', Ann Arbour; Ders. (2006): „Rhetoric in the Estoria de Espanna of Alfonso el Sabio“, in: ''Talia dixit'' 1, 81–104.</ref> oder explizit philologische Probleme.<ref>vgl. Fernández-Ordóñez, Inés (2006): ''Transmisión manuscrita y transformación‚ discursiva de los textos'', <http://www.uam.es/personal_pdi/filoyletras/ifo/publicaciones/14_a.pdf> [19.09.2011]; Dies. (2010): „Ordinatio y compilatio en la prosa de Alfonso X el Sabio“, in: Castillo Lluch, Mónica/López Izquierdo, Marta (Hgg.): ''Modelos latinos en la Castilla medieval'', Frankfurt a.M./Madrid, 239–269.</ref>
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Allerdings kam es in dem insgesamt konfliktiven politischen Umfeld des kastilischen Spätmittelalters<ref>vgl. u.a. Linehan, Peter (1993a): ''History and the Historians of Medieval Spain'', Oxford; Ders. (1993b): ''Past and Present in Medieval Spain'', Aldershot.</ref> zum Hervortreten politischer Partikularinteressen einzelner Adelsgeschlechter<ref>Vgl. zu den Details um bedeutende Persönlichkeiten und wechselnde Dynastien Kagan, Richard L. (2009): ''Clio and the Crown: the Politics of History in Medieval and Early Modern Spain'', Baltimore, S. 37ff.</ref> und kirchlicher Institutionen,<ref>vgl. Linehan, Peter (Hg.) (2012): ''Historical Memory and Clerical Activity in Medieval Spain and Portugal'', Farnham.</ref> ab dem 16. Jahrhundert auch der wirtschaftlich erstarkenden und dabei politisch konservativen Städte, die zunehmend in Konflikt mit den Zentralisierungsbestrebungen der kastilischen Monarchie gerieten.<ref>Die historische Forschungsliteratur dazu ist mittlerweile umfangreich. Paradigmatisch vgl. Barrios, Feliciano (Hg.) (2004): ''El gobierno de un mundo. Virreinatos y Audiencias en la América Hispánica'', Cuenca.</ref> Der Historiographie kommt in diesem Zusammenhang, gerade auch wegen der zunehmend deutlich konturierten Rolle des Monarchen als von Gott berufener, alleiniger Gesetzgeber, eine dezidierte Funktion bei der Rechtsfindung zu, und zwar, indem sie die dazu nötigen Sachinformationen liefert und mit einer Deutung im Rahmen des göttlichen ''ordo'' verbindet. Für den historiographischen Diskurs bedeutet dies, dass er bereits im 14. Jahrhundert einer systematischen Pluralisierung ausgesetzt ist, insofern alle politischen Akteure bestrebt sind, sich der Historiographie zur Legitimierung ihrer jeweiligen Rechts- und Machtansprüche zu bedienen.<ref>Der Gebrauch der Volkssprache in diesem Diskurs setzt sich aber fort. Vgl. zum Verhältnis Latein – Volkssprache in der Historiographie der Frühen Neuzeit allgemein Helmrath, Johannes/Schirrmeister, Albert/Schlelein, Stefan (Hgg.) (2009): ''Medien und Sprachen humanistischer Geschichtsschreibung'', Berlin/New York.</ref> 
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Mit der Thronbesteigung Isabellas von Kastilien 1474 fand die kastilische Krone zu einer Konsolidierung.<ref>Der als Krise wahrgenommene Zeitraum bis 1474 wird in der Forschung insgesamt weniger intensiv thematisiert als die Höhepunkte kastilischer Expansionsgeschichte. Für einen Überblick über das Korpus der in der Forschung kanonisierten historiographischen Texte aus dieser Zeit vgl. Kagan, Richard L. (2009): ''Clio and the Crown: the Politics of History in Medieval and Early Modern Spain'', Baltimore.</ref> Diese geht einher mit der Tendenz zur Marginalisierung der Partikularinteressen von Adel, Kirche und insbesondere auch der am Ende der ‚Reconquista‘ noch verbliebenen benachbarten Monarchien. Die explizite Institutionalisierung politischer Organe, die bereits im 13. Jahrhundert mit dem ''Consejo Real ''einsetzte, gewann dabei an Dynamik. Dieser aus verfassungs- und institutionengeschichtlicher Perspektive intensiv erforschte Prozess,<ref>Klassisch: García Gallo, Alfonso (Hg.) (1987): ''Los orígenes españoles de las instituciones americanas. Estudios de derecho indiano'', Madrid.</ref> der aktuell stärker mikrohistorisch, als ein sozial-kommunikatives Phänomen mit individuellen Akteuren perspektiviert wird,<ref>Vgl. Barrios, Feliciano (Hg.) (2004): ''El gobierno de un mundo. Virreinatos y Audiencias en la América Hispánica'', Cuenca; Owens, John B. (2005): ''‚By my absolute royal authority‘. Justice and Castilian Commonwealth at the Beginning of the First Global Age'', Rochester/New York.</ref> betrifft ausdrücklich auch die ideologisch relevanten Metadiskurse, darunter den historiographischen. Mit dem ''Cronista Mayor de Castilla'' wird gegen Ende des 15. Jahrhunderts ein Amt geschaffen, mit dem die Aufgabe verknüpft ist, die Interessen der Krone in der beschriebenen Form zu legitimieren.<ref>Über den genauen Zeitpunkt herrscht nach wie vor Uneinigkeit, da das maßgebliche Dokument verloren ist. Vgl. zu dieser Problematik klassisch Bermejo Cabrero, José Luis (1980): „Orígenes del oficio de cronista real“, in: ''Hispania''
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40, 395–409, und aktuell Kagan, Richard L. (2009): ''Clio and the Crown: the Politics of History in Medieval and Early Modern Spain'', Baltimore, S. 27ff. Dort sind u.a. die Namen aller Amtsträger und bibliographische Hinweise zu ihren Schriften zu finden.</ref> Methodische Innovationen, die als Annäherung der historiographischen Praxis an Standards wissenschaftlicher Historiographie aufgefasst werden könnten, haben sich dabei aber nicht ergeben. Die Institutionalisierung als Amt ist eher als Versuch zu verstehen, die Deutungshoheit in einem heterogenen und konfliktiven Diskurs wiederzugewinnen. Dies gelingt während des 16. Jahrhunderts streckenweise, scheitert jedoch endgültig mit der erneuten Krise der Monarchie und des kastilischen Imperiums im 17. Jahrhundert.<ref>Diese Entwicklung ist intensiv erforscht und vielfach beschrieben worden. Für einen ersten Überblick sind nach wie vor die Standardwerke in spanischer (García Cárcel, Ricardo (Hg.): ''La España moderna (Siglos XVI–XVII)'', Madrid), englischer (Bethell, Leslie (Hg.) (1984): ''The Cambridge History of Latin America'', Bd. 1–2, Cambridge) oder deutscher Sprache (Pietschmann, Horst (1994): „Die politisch-administrative Organisation“, in: Bernecker, Walther L. et al. (Hgg.): ''Handbuch der Geschichte Lateinamerikas'', Bd. 1, Stuttgart, 328–364) zu empfehlen. Die aktuelle Forschung wird v.a. im angelsächsischen Raum vorangetrieben, u.a. von Peter Bakewell, John. H. Elliott, Antonio Feros, Richard L. Kagan, Geoffrey Parker und Stafford Poole.</ref> Während humanistische Gelehrte ursprünglich eine durchaus prominente Rolle im Diskurs spielen und zeitgenössisch maßgebliche Texte vorlegen, ändert sich dies mit der Gegenreformation, die auch in der Historiographie restaurative Tendenzen begünstigt, wobei insbesondere an den Protestantismus angelehnte, heterodoxe Thesen zur Begründung politischer Herrschaft mit Zensur belegt werden.<ref>Ein berühmtes Beispiel ist López de Gómara, dem seine Nähe zu Hernán Cortés zum Verhängnis wird.</ref> Ab 1573 besteht eine analoge Institution auch für die als ''Indias'' bezeichneten kastilischen Territorien Amerikas. Der exklusive Herrschaftsanspruch, den Kastilien hier erhebt und der von konkurrierenden Monarchien bestritten wird, bedingt einen besonders dringlichen Rechtfertigungsbedarf. Gleichwohl bildet die Gründung der so genannten ''Crónica Mayor de Indias'' den Endpunkt einer emergenten Entwicklung, die sich über annähernd siebzig Jahre erstreckt. Da die Rolle Kastiliens (und später: Spaniens) in Amerika weltgeschichtlich besonders brisant ist, hat sich diesbezüglich eine hitzige Forschungsdiskussion entwickelt, die ihrerseits oft politisiert worden ist.<ref>Besonders deutlich sichtbar etwa an der Polemik um Bartolomé de Las Casas. Vgl. dazu Greußlich, Sebastian (2012): ''Text, Autor und Wissen in der „historiografía indiana“ der Frühen Neuzeit. Die „Décadas“ von Antonio de Herrera y Tordesillas'', Berlin/New York, 150ff. Prinzipiell ist die Politisierung der Geschichtsschreibung aber bei allen maßgeblichen Figuren der spanischen Geschichte zu beobachten, vgl. etwa auch den Fall der ''Reyes Católicos''.</ref> 
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Insgesamt ist festzuhalten, dass die Umsetzung des Programms der ''Crónicas Mayores'' in die Praxis nur in Einzelfällen zu druckreifen, abgeschlossenen Texten geführt hat; vielfach sind ihre Protagonisten nicht über Entwürfe hinausgelangt. Die wenigen Texte, die zum Druck gekommen sind, sind dafür umso intensiver zum Gegenstand politisierender Wertungen gemacht worden und zugleich einer wissenschaftlichen Erschließung nicht für wert gehalten worden.<ref>Und zwar mit dem Argument, sie seien manipulativ und ideologisch. Der Forschungsstand verbessert sich erst in jüngerer Zeit und aufgrund der Einsicht, dass Wertungen der Historiographie inhärent sind. Vgl. in diesem Sinne ansatzweise Esteve Barba, Francisco (<sup>2</sup>1992): ''Historiografía Indiana'', Madrid; grundsätzlicher Kagan, Richard L. (2009): ''Clio and the Crown: the Politics of History in Medieval and Early Modern Spain'', Baltimore; Greußlich, Sebastian (2012): ''Text, Autor und Wissen in der „historiografía indiana“ der Frühen Neuzeit. Die „Décadas“ von Antonio de Herrera y Tordesillas'', Berlin/New York.</ref>
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Die Tradition der Artikulation von rechtlich begründeten Partikularinteressen in der Historiographie setzt sich auch in diesem Kontext fort. Eine Reihe kanonischer Texte zeigt, wie dabei die identitäre Verselbständigung der ''Indias'' im 16. und 17. Jahrhundert voranschreitet. Als emblematische Figuren in diesem Zusammenhang sind Garcilaso el Inca<ref>vgl. Adorno, Rolena (2000): ''Guaman Poma. Writing and Resistance in Colonial Peru'', Austin/Texas; Morales Saravia, José/Penzkofer, Gerhard (Hgg.) (2011): ''El Inca Garcilaso de la Vega: entre varios mundos'', Lima.</ref> und Bernal Díaz del Castillo<ref>vgl. Klauth, Carlo (2012): ''Geschichtskonstruktion bei der Eroberung Mexikos am Beispiel der Chronisten Bernal Diaz del Castillo, Bartolome de las Casas und Gonzalo Fernandez de Oviedo'', Hildesheim; Cortínez, Verónica (2000): ''Memoria original de Bernal díaz del Castillo'', Méxiko; Mendiola Mejía, Alfonso (1995): ''Bernal Díaz del Castillo: verdad romanesca y verdad historiográfica'', México.</ref> hervorzuheben.<ref>Konsequenter Weise sind gerade solche Autoren zum Gegenstand einer literarisierenden Deutung als Urväter amerikanischer Identität geworden, worunter die Berücksichtigung der zeitgenössischen juristischen Pragmatik ihrer Texte oft leidet. Dies ändert sich aber in neueren, stärker historisierenden Studien zum Thema. Vgl. für einen bibliographischen und forschungsgeschichtlichen Überblick Greußlich, Sebastian (2012): ''Text, Autor und Wissen in der „historiografía indiana“ der Frühen Neuzeit. Die „Décadas“ von Antonio de Herrera y Tordesillas'', Berlin/New York.</ref>  Anders als bei der explizit institutionalisierten Hofhistoriographie kommen hier sehr unterschiedliche sozialbiographische Hintergründe zum Tragen, was sich auch in der jeweiligen Textkonstitution niederschlägt.<ref>Paradigmatisch vgl. Stoll, Eva (1997): ''Konquistadoren als Historiographen. Diskurstraditionelle und textpragmatische Aspekte in Texten von Francisco de Jerez, Diego de Trujillo, Pedro Pizarro und Alonso Borregán'', Tübingen, und Oesterreicher, Wulf (2011): „Estudio introductorio“, in: Stoll, Eva/Vázquez Núñez, María de las Nieves (Hgg.): ''Alonso Borregán. La Conquista del Perú. Edición en colaboración con Sebastian Greußlich y Martha Guzmán'', Madrid/Frankfurt a.M., 15–59.</ref> Die Zusammenführung von Forschungsergebnissen verschiedener Disziplinen ist dabei ein Desiderat, das nach wie vor nur in Einzelfällen erfüllt wird (und freilich auch nicht in jedem Fall zwingend ist).<ref>Ein Beispiel gelungener Synthese ist etwa Clendinnen, Inga (<sup>2</sup>2003): ''Ambivalent Conquests. Maya and Spaniard in Yucatán (1517–1570)'', Cambridge, zu Diego de Landa. Systematisch und aus romanistischer Perspektive vgl. Lebsanft, Franz (2003): „Geschichtswissenschaft, Soziologie und romanistische Sprachgeschichtsschreibung“, in: Ernst, Gerhard u.a. (Hgg.): ''Romanische Sprachgeschichte'', Bd. 1, Berlin/New York, 481–492.</ref>
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Zey, Claudia (2006): „Im Zentrum des Streits. Mailand und die oberitalienischen Kommunen zwischen regnum und sacerdotium", in: Jarnut, Jörg/Wemhoff, Matthias (Hgg.): ''Vom Umbruch zur Erneuerung? Das 11. und beginnende 12. Jahrhundert. Positionen der Forschung'', München, 595–611.
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== Einzelnachweise ==
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<references />

Version vom 4. Oktober 2016, 12:45 Uhr

MIRA-Handbuch, Artikel A3 "Zeitvorstellungen und Geschichtsbilder"
Autor: Anja Rathmann-Lutz, Hans-Werner Goetz, Barbara Ventarola, Sebastian Greußlich, Julien Bellarbre, Klaus Herbers, Georg Jostkleigrewe, Claudia Zey, Christoph Dartmann
Stand: 05.05.2014



Zeit- und Geschichtsvorstellungen

Einleitung: Grundzüge der Zeit- und Geschichtsvorstellungen im lateinischen Früh- und Hochmittelalter (Hans-Werner Goetz)

Zeit- und Geschichtsvorstellungen des lateinischen Früh- und Hochmittelalters sind zwar nicht Romania-spezifisch, jedoch ein wichtiges Phänomen, das sich in vielen Zeugnissen des romanischen Raumes (und zwar keineswegs nur in der Geschichtsschreibung) niederschlägt.

Zeitvorstellungen

a. Astronomische und soziale Zeit: Zeit, das wusste bekanntlich schon der Kirchenvater Augustin, ist ein ebenso selbstverständlicher wie schwierig zu beschreibender Begriff, den man nur erklären konnte, solange man nicht danach fragte:

„Was scheint uns beim Reden vertrauter und bekannter gegenwärtig zu sein als die Zeit? [...] Was aber ist denn ‚Zeit’? Wenn mich niemand fragt, weiß ich es; soll ich es aber einem Fragenden erklären, so weiß ich es nicht.“[1]

Wesentliche Grundbedingungen von Zeit sind physikalisch-astronomischer Natur (‚natürliche Zeit‘): Der Zeitrhythmus in Jahren, Monaten und Tagen resultiert aus Sonnen- und Mondlauf. Physikalisch ist die Zeit gleichsam ein Naturgesetz, hat aber einen Anfang (den ‚Urknall‘) und ist durch Einsteins Relativitätstheorie zudem in ihrer Unveränderlichkeit erschüttert worden.

Rhythmus und Saisonalität[2] bestimmen nun nicht nur den Zeitablauf, sondern auch das kirchlich-liturgische[3] und das soziale und wirtschaftliche Leben. Neben die astronomische tritt entsprechend, geisteswissenschaftlich entscheidender, die vom Menschen geschaffene ‚soziale Zeit‘:[4] in der Festlegung künstlicher Zeiteinheiten (Woche, Stunde,[5] Minute) und periodisch wiederkehrender Gedenktage (Kalenderjahr und Kirchenjahr), in der Zeitmessung und -berechnung (Uhren),[6] in den Auswirkungen auf das Leben der Menschen (Tageslänge; Jahreszeiten; Festkalender) und im Umgang mit der Zeit sowie nicht zuletzt im Zeitempfinden und Zeitverständnis.[7] So leitete etwa der angelsächsische Gelehrte Beda Zeit (tempus) − etymologisch in falscher Richtung − von temperamentum, dem richtigen Maß ab,

„sei es, weil jeder ihrer Abschnitte getrennt ins Maß gesetzt wird, sei es, weil der ganze Lebenslauf des sterblichen Lebens in Momenten, Stunden, Tagen, Monaten, Jahren, Jahrhunderten und Weltaltern gemessen wird“.[8]

Damit betont Beda sowohl den Zusammenhang mit der Zeitmessung als auch den richtigen Umgang mit der Zeit. Immer wieder haben sich mittelalterliche Denker wie Beda daher (logische) Gedanken über die Zeit und die Zeitmessung gemacht. In der Theorie brach man die Zeitrechnung bis zu Bruchteilen von Sekunden herunter (ein „Atom“ währt etwa eine sechstel Sekunde),[9] während man in der Praxis nicht einmal die Stunden annähernd genau messen konnte (oder musste).

b. „Zeit der Kirche“ und „Zeit der Städte“? Das Kirchenjahr mit Sonn- und Feiertagen sowie Heiligenfesten wirkte nicht nur auf die Lebensgestaltung, sondern auch auf das Zeitempfinden zurück, indem wichtige Handlungen (wie Weihen, Krönungen, Herrschertreffen, Reichsversammlungen oder Hochzeiten, aber auch Schlachten) auf Feiertage und Heiligenfeste gelegt wurden.[10] Aus dem Wandel der ‚Herrschaft‘ über die Zeit und den Umgang damit hat man im Verlauf des Mittelalters − so allerdings zu grob und miteinander konkurrierend − eine „Zeit der Kirche“ im früheren Mittelalter von einer spätmittelalterlichen „Zeit der Händler“[11] oder der Städte[12] unterscheiden wollen. Ein neues Zeitverständnis ist von den Klöstern allerdings nicht geschaffen,[13] sondern übernommen, intensiviert und verbreitet worden: Es wurde wichtig genommen (und erforderte entsprechende Messinstrumente), pünktlich vor Gott zum ‚Stundengebet‘ zu erscheinen. Ähnlich verhielt es sich im Spätmittelalter mit der Erfindung der mechanischen Uhren: Schufen diese eine neue Zeiterfahrung[14] oder sind sie nicht vielmehr erst aus veränderten Bedürfnissen heraus ‚erfunden‘ worden? Wenn man für das späte Mittelalter, weiter differenzierend, zwischen der Lebenszeit, einer Zeit der Wissenschaft, der Arbeit und Wirtschaft, des Rechts und der Politik unterschieden hat,[15] dann ließe sich, trotz des Eindrucks kirchlich bestimmter Einheitlichkeit, schon für das frühere Mittelalter ähnlich differenzieren.

c. Zeit und Heilsgeschehen: In der mittelalterlich-kirchlichen Vorstellung wird Zeit theologisch und historisch ‚verortet‘. Zeit ist (schon für Augustin) erst mit der Schöpfung entstanden und sie endet mit dem Jüngsten Gericht. Zeit beschränkt sich somit auf die irdische Geschichte der Menschheit zwischen Ewigkeit (vor dem Fall) und Ewigkeit (nach dem Jüngsten Gericht). Damit ist sie zum einen nicht nur endlich, sondern stets sowohl mit der Schöpfung als Ausgangspunkt als auch mit der Eschatologie verbunden, auf die sie zuläuft und mit der sie enden wird: Es gibt keine Zeit ohne Zeit und keine Zeit ohne Geschöpf.[16] Heilsgeschichtlich kennzeichnet sie zugleich die Periode der menschlichen Bewährungsprobe nach dem Sündenfall. Zum andern hebt sich die Zeit fundamental von der zeitlosen Ewigkeit ab, die von ihrer Natur her allerdings nicht einfach vor und nach der ‚Zeit‘, sondern − immerwährend − gewissermaßen neben ihr existiert und sich für den Menschen in den zeitlosen Phänomenen, in Gott und den Engeln, manifestiert. In der Zeit hingegen hat alles seinen Anfang und sein Ende.

„Alles hat seine Zeit, und man findet nichts, das ewig ist oder immer währt; vielmehr folgt alles, das ist, entweder bereits anderem nach, existiert also nicht von Beginn an, oder es geht anderem voraus und erstreckt sich folglich nicht bis zum Ende,“

so interpretiert Hugo von St. Viktor Eccli 3,1 („Alles hat seine Zeit und alles unter dem Himmel vergeht in seinen Zeiträumen“).[17]

Wesensmerkmale der Zeit sind somit Vergänglichkeit und Wandel, die sich nicht zuletzt in den (miteinander eng verbundenen) „drei Zeiten“ (tria tempora) Vergangenheit − Gegenwart − Zukunft manifestieren. Für Augustin ist die Gegenwart sogar nur für einen Augenblick ‚präsent‘ − und schon wieder vergangen:[18] Richtet sich das Handeln auf die Gegenwart, so muss der Christ heilsgeschichtlich auf die Zukunft schauen, während die Vergangenheit dazu das Lernpotential bereithält („Wer in jeglicher seiner Handlungen nicht auf die Anfänge zurückblickt, schaut nicht auf die Zukunft voraus.“[19]) Ein Zeitbewusstsein des mittelalterlichen Menschen ergibt sich somit aus der heilsgeschichtlichen Orientierung, dem Bemühen um Exaktheit und Zeitmessung und einem geregelten Umgang mit der Zeit. Das steht in engem Zusammenhang mit den Geschichtsvorstellungen.

Geschichtsvorstellungen

a. Zeit und Geschichte: Die Existenz von Zeit ist Voraussetzung für eine Geschichte. Hugo von St. Viktor benennt Zeit (tempus), Raum (locus) und den geschichtswirkenden Menschen (persona) als Faktoren, welche die Handlung oder das Geschehen (negotium, res gestae) bestimmen, kennt insgesamt also vier Konstituanten der Geschichte bzw. der historischen Erkenntnis:[20]

„Das Wissen um das historische Geschehen hängt nämlich insbesondere von drei Faktoren ab: den Personen, von denen es geschehen ist, den Orten, an denen es geschehen ist, und den Zeiten, zu denen es geschehen ist.“[21]

Für Hugo ist historia als Wortsinn in seiner figuralen Auslegung der Arche Noah deren Länge, „weil sich aus der Ereignisfolge die Ordnung der Zeit ergibt“ (quia in serie rerum gestarum ordo temporis invenitur).[22] Damit ist der Zusammenhang von tempus und gesta, von Zeit und Geschichte, deutlich angesprochen. Die Geschichte selbst beginnt (wie die Zeit) mit der Schöpfung oder, genauer, mit dem Sündenfall und der Verbannung auf die Erde; die Ewigkeit kennt keine Geschichte, weil sie zeitlos ist. Hugo unterscheidet daher zwischen dem „Schöpfungswerk“ (opus restaurationis), also den sechs Schöpfungstagen, und dem „Wiederherstellungswerk“ (opus restaurationis), das quasi die gesamte Geschichte umfasst.[23]

b. Geschichte als Heilsgeschichte: Die Vorstellung eines kontinuierlichen Weltgeschehens von der Schöpfung bis zur Gegenwart (mit Blick auf das Ende der Zeiten im Jüngsten Gericht) lässt die Geschichte von vornherein als eine von Gott gelenkte Heilsgeschichte erscheinen, die teleologisch auf ihr Ziel zustrebt. Das gilt nicht nur für die ‚großen Linien‘, sondern auch für das einzelne Ereignis: Gott, der Schöpfer der Welt, lenkt seine Schöpfung auch weiterhin und greift ständig, strafend oder helfend, in das Geschehen ein,[24] straft durch Gottesurteile (divino iudicio) oder verleiht Siege als ‚Schlachtenhelfer‘, wie schon bei Gregor von Tours in der berühmten Alemannenschlacht Chlodwigs, die zur Bekehrung der Franken führte. Guibert von Nogent nennt seine Kreuzzugschronik nicht zufällig Gesta Dei per Francos. Alle Geschichte ereignet sich divina providentia. Gleichzeitig wird Gottes Wirken tendenziös im eigenen Sinn gedeutet: So wird etwa Rollos Eroberung der Normandie bei Dudo von Saint-Quentin durch eine Vision zu einer göttlichen Verheißung stilisiert, und im Investiturstreit sah man Gott jeweils auf der eigenen Seite kämpfen.

c. Figurale Ausdeutungen: Der Geschichtsbegriff (historia als Geschichtsschreibung, narratio rerum gestarum)[25] entsprach (auch inhaltlich) zugleich dem ersten, wörtlichen Auslegungssinn der Bibelexegese. Das hier zentrale Verhältnis von verbum und res − dem Wortsinn liegt mit der ‚Sache‘ eine tiefere, theologisch-moralische Bedeutung zugrunde − konnte somit auf Geschichte angewandt werden (und Hugo von St. Viktor entwickelt seine Theorie der vier exegetischen Schriftsinne bezeichnenderweise im Prolog seiner Chronik). Geschichte wird damit, wie die Exegese, allegorisch (in übertragenem Sinn) und tropologisch (in moralischer Deutung) auslegbar. Das historische Ereignis besitzt eine faktische Realität und (zusätzlich) eine zeichenhafte Bedeutung: für Künftiges, für den göttlichen Heilsplan und das Wirken Gottes in der Geschichte und für die Ewigkeit als Ziel der Geschichte und des Menschen.

Entsprechend wurden biblische Vorgaben in figuraler Ausdeutung auf den Geschichtsablauf übertragen. Besonders im sogenannten Symbolismus des Hochmittelalters gewannen die verschiedenen Periodisierungen der Geschichte eine symbolisch-heilsgeschichtliche Aussagekraft: die drei Zeitalter (Naturgesetz − Schriftgesetz − Gnade) orientierten sich an der Entwicklung der Religion; die sechs Weltalter (aetates) (Adam – Noah, Noah – Moses, Moses – David, David – Babylonische Gefangenschaft, Babylon. Gefangenschaft – Christus, Christus – Ende der Welt) wurden mit den Schöpfungstagen ebenso wie mit den sechs Lebensaltern (Kindheit, Jugend, Adoleszenz, Mannesalter, Greisenalter, Siechtum) parallelisiert; die Dauer der ersten fünf aetates wurde nach der Bibel, wenngleich unterschiedlich, berechnet, während die Dauer der letzten aetas unbekannt blieb. Die Abfolge von vier Weltreichen gemäß der Auslegung des Traumes Nebukadnezars von der vierteiligen Statue durch den Propheten Daniel wurde seit dem Danielkommentar des Kirchenvaters Hieronymus historisch konkretisiert (Assyrer – Meder/Perser – Griechen – Römer). Die apokalyptischen Prophezeiungen (die sieben Siegel oder die zehn Pferde) symbolisierten die Epochen der Kirchengeschichte.

d. Bedeutung der Vergangenheit, besonders der Anfänge: Besonderes Interesse wurde den (jeweiligen) Anfängen entgegengebracht: dem Anfang schlechthin (der Schöpfung), mit dem die Weltchroniken einsetzten, aber auch dem Anfang der jeweils behandelten Institution, sei es eines Volkes (die Origines gentium) oder Reichs, einer Kirche (Bistum, Kloster), eines Territoriums, eines Geschlechts oder einer Stadt. Das Alter der (jeweils eigenen) Geschichte wiederum galt als so wichtig, dass es gern in früheste Zeiten zurückverlegt wurde: Gallische Bistümer wurden auf Petrusschüler oder, im Fall Triers, sogar auf assyrische Wurzeln zurückgeführt (als Gründung des sagenhaften, von seiner Stiefmutter Semiramis an Rhein und Mosel verbannten Trebetas, des Sohnes des ersten Assyrerkönigs Ninus).[26] Das Kloster Cluny, eine Gründung Wilhelms von Aquitanien im Jahre 910, wurde in der Vita Mauri bereits dem Schülerkreis Benedikts von Nursia zugeschrieben.[27] Völker wie die Franken wurden von Troja abgeleitet − Hugo von St. Viktor ließ die Frankenkönige mit Priamus beginnen[28] −, Städte als Gründungen Caesars ausgegeben. Gottfried von Viterbo erweiterte die Trojasage noch, indem er nicht nur die Franken, sondern über Karl den Großen auch die deutschen (staufischen) Kaiser direkt von den Trojanerkönigen abstammen ließ und somit einen Kaiserkatalog von Aeneas bis Barbarossa vorlegen konnte,[29] der auf den Beginn des Königtums überhaupt zurückführte.[30] Vom biblischen Nimrod und seinem erstgeborenen Sohn Cres zog er eine Entwicklungslinie zu Saturn und Jupiter![31]

e. Historische Kontinuität: Nicht minder wichtig aber war die kontinuierliche Darstellung des Geschehens von diesen Anfängen bis zur Gegenwart, manchmal auch nur bis an die Gegenwart heran. Durch die Weltreichslehre mit dem Römischen als letztem Reich war eine Kontinuität des Römerreichs bis in die (hochmittelalterliche) Gegenwart erreicht, die durch eine Durchnummerierung der Kaiser seit Augustus sichtbaren Ausdruck fand. Durch die Ausge­staltung der Translatio-Lehre mit der Übertragung der Herrschaft im Imperium von einem Reichsträger auf den nächsten (Griechen, Franken, [Italien], Deutsche) aber war zugleich ein Wandel in dieser kontinuierlichen Entwicklung anerkannt. Der Gesamtverlauf der Geschichte schloss auch deren Ende in der Endzeit ein,[32] die sich, im Gegensatz zu den mythisch-historischen Anfängen, zwar nicht mehr historiographisch erfassen, wohl aber exegetisch und figural, vor allem mit Hilfe der Apokalypse, näher bestimmen ließ. Dabei sollte eine allenfalls punktuell nachweisbare (akute) apokalyptische Enderwartung allerdings nicht mit einem durchgängig vorhandenen eschatologischen Bewusstsein gleichgesetzt werden.

f. Vergangenheitsbewusstsein zwecks Gegenwartsorientierung: Im Zuge einer solchen Geschichtsauffassung treten Vergangenheit und Gegenwart in einen anderen Zusammenhang als für uns heute. Ein deutlich vergangenheitsorientiertes Geschichtsbewusstsein diente gleichzeitig der Gegenwarts- (wie auch der Zukunfts-)orientierung.[33] Den mittelalterlichen Geschichtsdenkern (und Geschichtsschreibern) ging es dabei jedoch nicht um „the pastness of the past“, sondern um „timeless education“[34] und damit um einen unmittelbaren Gegenwartsbezug vergangener Ereignisse. Wenn historische Tatbestände mit der Gegenwart verglichen werden und einen Maßstab für die Gegenwart darstellen konnten und somit, als Ausfluss heilsgeschichtlicher Deutung, nicht an Aktualität verloren haben, dann resultiert das letztlich aus einem Geschichts- und Zeitverständnis, das einerseits zwar akribisch den Zeitablauf an der Chronologie und der Folge von Herrschern und Reichen verfolgte (und zeitlich einordnete) und in der Abfolge von Epochen ebenso einen Wandel in der Geschichte anerkannte, ja die Wandelbarkeit (mutabilitas) sogar als Kennzeichen irdischer Geschichte ansah (Hugo), diesen Wandel aber vorwiegend an Reichen und Dynastien festmachte. Demgegenüber fehlte andererseits ein Begriff von Zeitgemäßheit und von zeit- und epochenspezifischen Phänomenen. Die in den Zeitablauf eingeordneten Ereignisse wurden auf diese Weise zugleich wieder ‚entzeitlicht‘, wie sich das auch in hochmittelalterlichen Epen zeigt, die fast durchweg ‚historische‘ Stoffe verarbeiten, sich in ihren Aussagen dagegen als ‚zeitlos‘ verstehen, tatsächlich jedoch die Maßstäbe ihrer eigenen Zeit anlegen und aus den Vorstellungen ihrer Gegenwart deuten. Ein solches Denken musste (in unseren Augen) andauernd zu Anachronismen führen (so konnte etwa Karl der Große im hohen Mittelalter zum Kreuzfahrer werden). Deshalb war es auch nicht notwendig, Vergangenheit und Gegenwart genauer abzugrenzen und, wie heute, eine ‚Zeitgeschichte‘ (histoire contemporaine) innerhalb des Geschichtsablaufs zu unterscheiden. ‚Vergangenheit‘ konnte ‚in uralte Zeit‘ bis auf die Anfänge der Welt zurückblicken, lag oft aber auch nur eine Generation (oder sogar weniger) zurück.[35] Begriffe wie antiquus und modernus hoben zwar Vergangenes und Gegenwärtiges voneinander ab, blieben aber enorm vielschichtig in ihren Bedeutungen und in ihrer Anwendung.[36]

g. Sinn, Bedeutung und Wertschätzung der Geschichte: Die mittelalterlichen Geschichtsanschauungen zeugen zugleich von einem mittelalterlichen Geschichtsbewusstsein. Wer dem Mittelalter ein Geschichtsbewusstsein absprechen will,[37] legt einen modernen Be­griff von Historizität an. Natürlich hat das Mittelalter einen anderen Wahrheits- und Wirklichkeitsbegriff und andere Vorstellungen von Geschichte entwickelt, als wir sie heute haben. Im Eigenverständnis aber war zumindest das gelehrte Mittelalter ausgesprochen geschichtsbewusst: Man war überzeugt von der Einbindung der Menschheit in einen heils- und entwicklungsgeschichtlichen Prozess, glaubte an die Wahrheit der Ereignisse und brachte der Geschichte und dem oft von den Anfängen her betrachteten Geschichtsablauf großes Interesse entgegen.[38]

Die Bedeutung der Vergangenheit verlieh der Geschichte zugleich eine hohe Wertschätzung. Das schlägt sich keineswegs nur in der Historiographie nieder: Historische Exempla und Erklärungen finden sich nicht nur in fast allen Schriftgattungen, sondern sie galten, wenn sie gut begründet waren, auch in der Gegenwart als verbindlich, dienten zur Nachahmung ebenso wie zur Abschreckung und bildeten das Muster für richtiges (oder falsches) Handeln in der Gegenwart: Geschichte trug zur politischen ebenso wie zur moralischen und religiösen Belehrung bei. Die Vergangenheit verwies nicht nur auf die Zukunft (das Heil), sondern auch auf das moralisch und politisch Richtige und lehrte somit richtiges Verhalten und Regieren. Historische Vorgänge oder Zustände konnten sogar rechtliche Wirkkraft erlangen und als (nachzuahmende oder legitimierende) Präzedenzfälle herangezogen werden (wie in den Streitigkeiten des Investiturstreits). Wenn Bonizo von Sutri seinen Liber ad amicum als historischen Abriss der Kirchengeschichte konzipierte, dann verfolgte er damit erkennbar das Ziel, Papstrechte, Papstwahl und Kirchenreform historisch zu legitimieren.

Umsetzung der Zeit- und Geschichtsvorstellungen in der Historiographie

Zeit und Zeitablauf als Bedingungsfaktoren der Geschichte sind zugleich Ordnungsfaktoren der Geschichtsschreibung. Chroniken (von griechisch chronos, Zeit) haben es immer mit Zeit (und Zeitablauf) zu tun,[39] Geschichtsschreibung als Vergangenheitsbericht ist ohne Zeitbewusstsein undenkbar. Chronologie, zeitliche Fixierung und series rerum gestarum gehören folgerichtig zu den Bestimmungsfaktoren mittelalterlicher Geschichtsschreibung,[40] Zeit und Faktum sind ihre beiden spezifischen Elemente.[41] Sigebert von Gembloux will mit seiner Chronik daher omnem consequentiam temporum et rerum gestarum, die gesamte Zeiten- und Ereignisfolge beschreiben.[42] Die an die Chronologie gebundene Geschichtsschreibung muss als ‚Vergegenwärtigung der Vergangenheit‘ in ihrer Motivation und Ausgestaltung also an der Zeit interessiert sein, die Ereignisse in den Zeitablauf einordnen und zu einem zeitlich geordneten Verlauf verarbeiten. Der Klosterchronist von Montecassino schrieb beispielsweise, weil die Mönche wissen wollten, wie viele Jahre denn seit der Gründung des Klosters durch Benedikt von Nursia bis zur Gegenwart vergangen waren.[43] Die chronographischen Tendenzen traten manchmal dermaßen hervor, dass man geradezu von einem „komputistischen Fieber“ gesprochen hat.[44]

Dass Zeit ein Konstituens von Geschichte ist, wurde in der mittelalterlichen Historiographie allerdings sehr verschieden umgesetzt: durch die Chronologie als Ordnungsprinzip des Zeitablaufs, in verschiedenen Systemen und Ären, seit dem 9. Jahrhundert aber überwiegend nach Inkarnationsjahren, die bald auch rückschließend auf die gesamte Zeit nach Christus angewandt wurde, sowie nach Herrscher- oder Pontifikatsjahren, durch die Synopse gleichzeitiger und die Abfolge verschiedener Reiche (in der Tradition der Chronik des Eusebius und Hieronymus), durch Epochenbildungen oder die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart.[45] Hingegen blieben Tagesdatierungen auf insgesamt wenige Ereignisse, vor allem − für das Totengedenken wichtige − Todesfälle sowie Naturereignisse, insbesondere Sonnenfinsternisse, beschränkt. Vielen Chronisten reichten oft aber auch vage oder relative Zeitangaben wie tunc oder his temporibus.

Zeit und Faktum wurden vielfältig miteinander verknüpft. Autoren wie Gregor von Tours im 6. und Frechulf von Lisieux im 9. Jahrhundert berechneten zu Schlüssel­ereignissen immer wieder die bis dahin oder in einem bestimmten Zeitraum abgelaufene Zeit; eine Synopse von Inkarnations- und Herrscherjahren wandte bereits Ado von Vienne im 9. Jahrhundert zu jedem Herrschaftsantritt an. Manchmal wurde der Bezug sogar graphisch visualisiert: in synoptischen Spalten der Reiche (bei Hieronymus), von Inkarnations- und Herrscherjahren (bei Hugo von St. Viktor) oder, im Spätmittelalter häufig, der Kaiser- und Papstjahre, in Zeitlinien zu jedem einzelnen Jahr mit den Regierungszeiten der einzelnen Herrscher der wichtigen Reiche (bei Sigebert von Gembloux)[46] oder durch Einrahmung der Jahresberichte in die Zeitangaben (Inkarnationsjahr und Regierungsjahr) an den Rändern (etwa bei Hermann von Reichenau). Einige Chronisten, wie Sigebert von Gembloux, berechneten, wiederum um der Kongruenz im göttlichen Weltplan willen, sogar den Zeitenbeginn (Schöpfung), durch rückwärtige Anwendung des wiederkehrenden Sonnen-Mond-Zyklus von 532 Jahren, auf das Jahr 4059 v. Chr., und ebenso die Inkarnation Christi neu, die mit diesem Zyklus nicht übereinstimmte (da der Todestag nach der Bibel ein 15. Mondtag und ein Freitag sein musste, traf das auf das Jahr 13 n. Chr. zu). Wenn Hugo von Flavigny seiner Chronik einen langen Bericht über die Jenseitsvision eines kranken Mönchs aus Saint-Vaast einfügt, dann spiegelt das zudem die Bedeutung der Zukunftsperspektive auch in der Geschichtsschreibung wider.[47]

Zeit- und Geschichtsvorstellungen im späteren Mittelalter und der Renaissance: Ausgewählte Beispiele (Anja Rathmann-Lutz)

Zeit und Zeitlichkeit 'in der Praxis': Das Beispiel Liturgie

Die in Teil I erläuterten Zeitkonzepte und -vorstellungen[48] sind in einem Bereich besonders gut nachzuvollziehen und in allen gesellschaftlichen Gruppen bis weit in die Frühe Neuzeit hinein wirksam: in der Liturgie und in der Frömmigkeitspraxis im weiteren Sinn.[49] Ob Kloster-, Pilger-, Pfarrkirche oder Kathedrale: hier verdichteten sich täglich und im Jahresrhythmus die Zeitebenen – im Ritual der Messe, im Kirchenraum, in den liturgischen Objekten, in der Musik und im geistlichen Spiel. Mit dem liturgischen Einsatz von Dauer, ‚Zerdehnung' und ‚Beschleunigung' kommt zudem ein weiteres Element der Zeitwahrnehmung bzw. des Zeiterlebens in den Blick, das bisher noch nicht angesprochen wurde.[50]

Im Blick auf Liturgie und Frömmigkeitspraxis werden wichtige Unterschiede des mittelalterlichen zum modernen Zeitverständnis nochmals deutlich: 1. ist Zeit nicht entweder linear oder zyklisch, sondern beides zugleich und 2. gehen Entwicklungen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten in verschiedene Richtungen, sie müssen weder simultan noch synchron erfolgen, um ‚Sinn' zu machen.[51]

a) Exegese: In der Exegese (der gelehrten Auslegung) der Liturgie spielen die unterschiedlichen theologischen Zeit- und Periodisierungskonzepte eine bedeutende Rolle. Im Kirchenjahr aufgehoben und damit stetig wiederholbar sind vier heilsgeschichtliche Epochen (tempus revocationis, tempus deviationis, tempus reconciliationis und tempus peregrinationis) wie etwa dem Mitrale seu de officiis ecclesiasticis des Sicard von Cremona (†1215) zu entnehmen ist. Im „Zeiten-Mikrokosmos“ der täglichen Stundenliturgie der acht (monastischen) Gebetsstunden (Offizium) ist gemäß dem Mitrale der gesamte Verlauf der Heilsgeschichte von Adam bis zum Ende der Zeit, der „Zeiten-Makrokosmos“,[52] enthalten:

„Jeder einzelne Tag steht für die ganze Zeit eines Zeitalters, denn er wird durch sieben Einschnitte gegliedert: Das Lob in der Matutin am frühen Morgen steht für jene Zeit im Gedächtnis, in der die Stammeltern im Paradies Gott gelobt haben; die Prim für jene Zeit, in der Abel Gott gelobt hat, die Terz Noah, die Sext Abraham, die Non die Propheten; in der Vesper wird auf die Apostel hingewiesen, in der Komplet auf die letzten Gerechten.“[53]

Die Stundengebete entsprechen jedoch zugleich auch der Zeit der Lebensalter der Menschen (Kindheit, Knabenalter, Heranwachsen, Jugend, Alter, Greisenalter, Lebensende) und der Zeit der Passion Christi (Verrat, Gefangennahme, Geißelung, Kreuzigung, Tod, Kreuzabnahme, Grablegung).[54] Parallel sind auch die drei Heils- oder Gnadenzustände (ante legem, sub lege, sub gratia) im Stundengebet – genauer in den drei nächtlichen Stunden (Nokturnen) – enthalten: „Die Zeit vor der Nokturn kennzeichnet die Zeit des Todes vor dem Gesetzt, in der alle für ein Lob Gottes stumm waren. Die Zeit der Nokturn bezeichnet die Zeit des Gesetzes, das Moses gegeben hat. Die Zeit des Morgenlobs bezeichnet die Zeit der Gnade von der Auferstehung bis zum Ende der Welt.“[55] Indem einzelne Tage, die ja im Lauf des Jahres zyklisch wiederkehren, im Verlauf der Heilszeit mit unterschiedlichen Ereignissen verknüpft werden, die die jeweils späteren präfigurieren, sind bestimmte Termine im Kirchenjahr mit mehreren Zeitschichten zugleich aufgeladen, die einander durchdringen. Verschiedene Zeitebenen (Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges) sind also ebenso ko-präsent wie unterschiedliche Zeitordnungen und -abfolgen (Zeitalter, Gnadenzustände, Passion). Letztere wiederum können auf andere Zeitabschnitte projiziert werden: So ist neben dem Offizium der Verlauf der Woche als Durchlaufen der passio Christi zu imaginieren. Und die Liturgie der Festtage wird – allegorisch – auf den heilsgeschichtlichen Zeitablauf bezogen, während die der Werktage tropologisch ausgedeutet wird.[56] Dabei werden sowohl die alttestamentarische wie die neutestamentarische Vergangenheit mittels des figuralen Denkens simultan aktualisiert: sieben Stationen des Lebens Christi entsprechen auf diese Weise sieben Messstationen der Alten Zeit.[57] Diese Deutung wurde im Spätmittelalter vor allem durch das Rationale divinorum officiorum (1291) des Durandus von Mende (Wilhelm Durandus, † 1296) verbreitet, das in zahlreiche Volkssprachen übertragen wurde. In der französischen Version, die Ende des 14. Jahrhunderts im Auftrag Karls V. von Jean Golein erstellt wurde, führte der Übersetzer Aktualisierungen ein, die sich auf die neue Erfindung der Uhr und ihre Installationen in Paris bezogen (s.u.). Die Aussagen zur Messallegorese, zum Beispiel zur christologischen Auslegung des Kirchenjahrs (Geburt, Leiden, Auferstehung, Ankunft zum Gericht), blieben bestehen und weiterhin gültig.[58]

b) Die Feier der Liturgie: Wie es sich in der Exegese schon andeutet, ist sowohl die Stundenliturgie als auch die Messliturgie, in der sich Zeitalter und Leidensweg Christi gleichermaßen finden, jeweils als aktualisierende Kurzform der historischen Zeiten gedacht. Vergangenheit, Gegenwart und die verheißene Zukunft werden verschmolzen und in der Feier der Liturgie raum-zeitlich wie körperlich in zyklischer und rhythmischer Wiederkehr (Tag, Woche, Jahr) erfahrbar.[59] Doch nicht nur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind simultan präsent,[60] sondern diese drei Zeiten sind wiederum in sich heterogen und setzten sich aus biblischer, institutioneller oder ‚nationaler‘ Vergangenheit und Gegenwart sowie aus irdischer und jenseitiger Zukunft bzw. Ewigkeit zusammen. Alle diese Zeitschichten werden in der und durch die Liturgie präsent und intelligibel gemacht. In der Liturgie findet sich jedoch nicht nur die Ineinssetzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern auch die Thematisierung und Inszenierung von Dauer als peregrinatio (das irdische Leben als Wanderschaft) und als perseverantia (als Ausdauer und Beharrlichkeit auf dem Weg zu Gott und im Erwarten der Erlösung).

Im Lauf des Spätmittelalters und der Renaissance wird genauen Zeitangaben bzw. der bestimmten Dauer liturgischer Abläufe immer mehr Beachtung zuteil.[61] Eine Aufmerksamkeit für temporale Aspekte – wie den Zeitpunkt der Durchführung, die zeitliche Abfolge im Jahresrhythmus und im Tagesablauf, die Dauer sowie die Zeitschichten und -ebenen, die 'eingefangen' werden – zeigt sich nicht nur im Messablauf selbst, sondern auch bei der Organisation der canonicae horae. Diese wiederum prägen den gesamten Tagesablauf von monastischen Gemeinschaften wie auch bestimmte Abläufe des Alltagslebens (s.u.).

Architektur, Kirchenausstattung und liturgische Handlung wirken also zusammen, um das Ziel zu erreichen, „sich selbst mit den biblischen oder endzeitlichen Ereignissen zeitgenössisch zu machen”[62], wobei gerade die liturgischen Handlungen immer zwischen der tatsächlichen Rekreation des (biblischen) Ereignisses und dem Bemühen um Kommemoration oszillieren.[63] Dabei können einzelne Abschnitte, Elemente und Objekte auf unterschiedliche Zeitformen und -punkte bezogen werden:

(Kirchen)raum: Neben der Simultanzeit steht auch das Bewusstsein um die lineare, chronologische Abfolge von Heilsgeschichte, das heißt die Verlaufsdimension bleibt erhalten.[64] Historischer Verlauf wird in der Bewegung im Raum erfahrbar: jede Prozession, jede Bewegung im Kirchenraum ist als Durchmessen der Zeitspanne der Heilsgeschichte (z. B. auf der Makroebene die Abfolge der drei Zeitalter ante legem, sub lege, sub gratia) wie der passio Christi (z. B. als Nachvollzug des Kreuzweges) konzipiert. Der Kirchenraum ist – mit dem Wissen um die Exegese im Hinterkopf – also auch als "Zeitenraum" (Ohly) zu lesen, in dem sich – insbesondere in der Länge des Hauptschiffs – sowohl der Ablauf von Zeit als auch die Dauer bzw. Ausdauer in der Heilserwartung ausdrücken. Die Ineinssetzung der räumlichen und der zeitlichen Dimension war keineswegs eine Neuerung, sondern gehörte durchaus zum Repertoire der überkommenen imaginierten oder tatsächlichen Visualisierungen des Weltbildes in der Exegese, sie wurde im 12. Jahrhundert jedoch historisch und geographisch konkretisiert. Besonders deutlich wird das aber erst, wenn dieser Kirchenraum auch „bespielt” wird, nämlich in Verbindung mit der Liturgie.

Musik: In der Liturgie wird neben der Schichtung von Zeitebenen auch der Verlauf von Zeit (Dehnung, Beschleunigung, Dauer) sowie die Möglichkeit ihrer Transzendierung (Anhalten, Auflösen, Wiederholung) inszeniert. Die Simultaneität der Zeiten kann damit doppelt verstanden werden, einerseits als gleichzeitige Realisierung der drei Zeitebenen und andererseits als Zeitentrückung, die die Möglichkeit der Erfahrung göttlicher Ewigkeit im Diesseits bietet. Dies geschieht durch den Einsatz der Musik, insbesondere durch Dehnung bestimmter Abschnitte. Wiederum ist es Augustin der den (liturgischen) Gesang als einen Zugang zur göttlichen Wahrheit und zur jenseitigen Ewigkeit sieht.[65] In die Praxis umgesetzt wird dies beispielsweise im Organumgesang der Pariser Kathedrale Notre Dame.[66] Konkreter liturgischer Ort dieses Aussetzens der Zeit mittels lang gedehnten Gesangs ist der Moment in der Messe zwischen Epistel und Evangelium, an dem selbst der Zelebrant sitzt und keinerlei Aktion stattfindet; somit ist – an bestimmten Stellen – die Liturgie „der irdischen Zeitlichkeit enthoben“ und der göttlichen Ewigkeit (mit Augustin verstanden als immerwährende Gegenwart) angeglichen. In der Länge des Gesangs wie auch in der Stimmenzahl spiegelt sich außerdem die heilsgeschichtliche Zeitordnung durch die Hierarchisierung der Festtage und Kennzeichnung der Sonn- und Feiertage gegenüber den Werktagen.

Reliquien: Für das Verständnis der Vorstellung simultaner Zeiten unerlässlich ist das Konzept der Realpräsenz. In der Feier der Eucharistie ist Christus ebenso körperlich präsent (s. a. Transsubstantiation) wie die Heiligen in ihren Reliquien, die in Altäre gelegt und in Reliquiaren aufbewahrt werden.[67] Beide Anwesenheiten sind aber zugleich Verweis auf die zukünftige, verheißene Erlösung, die für die Heiligen bereits realisiert und damit als Versprechen für die Gläubigen präsent ist.

Liturgisches Gerät, Reliquiare, Paramente: Natürlich dienen die im Kirchenraum installierten oder während der Liturgie verwendeten Objekte der beschriebenen Zeitlogik simultan und zugleich zyklisch wie linear verlaufender Zeiten. Hinzu kommt jedoch noch ein weiterer Aspekt: in den Objekten lagert sich Vergangenheit in verschiedenen Schichten an, die bei Betrachtung und Gebrauch aufgerufen werden kann. Auf diese Weise ist je nach Objekt die institutionelle, lokale, nationale, oder gar individuelle Vergangenheit über die Erinnerung an Stifter, das ikonographische Programm, die Symbolik der Materialien oder die Wiederverwendung von Elementen (Spolien[68]) im Moment der Verwendung ebenfalls präsent.

c) Frömmigkeitspraxis: Spiel: Die im Kirchenjahr regelmäßig aktualisierte Heilsgeschichte ist den Gläubigen nicht nur durch den von kirchlichen Festtagen und Fastengeboten geprägten Kalender und in der Messe stets vor Augen, sondern wird seit dem Spätmittelalter auch zunehmend „enacted“ und zwar teilweise unter Einbezug der Gläubigen.[69] Die Gegenwart der heilsgeschichtlichen Vorgänge ist also nicht abstrakt und theoretisch, sondern z. B. in der österlichen visitatio sepulchri am eigenen Leib erfahrbar. Dabei handelt es sich aber immer auch um eine Re-Aktualisierung, die die eigene Gegenwart mit der Präsenz des Heiligen verknüpft. Die „Abgrenzung zwischen bloß imaginativer Vergegenwärtigung, Re-Präsentation im Spiel und Realpräsenz im liturgischen Akt“[70] ist dabei fließend und zeitgenössisch kaum unterschieden.

Hagiographie und exempla: Die Passion Christi soll „nicht als etwas Vergangenes erinnert, sondern als gegenwärtig geehrt werden“ (Leo d. Große).[71] Diese Auffassung zieht sich durch die Jahrhunderte. So ist sie auch in der Vita Christi des Ludolf von Sachsen zu finden, die Mitte des 15. Jahrhunderts zunächst ins Portugiesische übersetzt wurde (und als eines der ersten Bücher in portugiesischer Sprache 1495 gedruckt): „E como quer que muytas destas cousas se cõtẽ seer ẽ feitas no tẽpo passado. tu pero maginaras ellas assi como se todas fossẽ feitas agora de presente …“.[72] Hagiographische Werke und Exempelsammlungen changieren somit ebenfalls immer zwischen der Erzählung historischer Begebenheiten, der Präsentifizierung des Erzählten in der Gegenwart des Lesers und der Einschreibung in eine heilsgeschichtliche Zeitlinie, die unveränderlich auf die gewusste und verheißene Zukunft hinläuft. Und auch das Konzept der Teilhabe an der göttlichen Ewigkeit auf Erden ist – wie in der Liturgie – in der Hagiographie zu finden: „der vollkommene Einsatz der eigenen menschlichen Lebenszeit führt zur zeitweiligen Überwindung dieser Zeit zugunsten einer Partizipation an der zeitlosen Gegenwart Gottes“.[73] Als eine unter vielen hagiographischen Kompilationen des 13. Jahrhunderts wurde die Legenda Aurea des Dominikaners und späteren Erzbischofs von Genua, Jacopo da Varazze (Jacobus de Voragine † 1298), im Laufe des Spätmittelalters zum europäischen ‚Bestseller’. In die meisten Volkssprachen übersetzt und durch regionale und lokale Heilige ergänzt, findet sich auch hier die typische Kombination aus linearer, heilsgewisser und zyklischer, am liturgischen Kalender ausgerichteter Zeit.[74] Die Kernaussagen der gelehrten Exegese werden hier in einfacher Sprache zu den Gläubigen transferiert. Das lineare Fortschreiten der heilsgeschichtlichen Zeit ist bei Jacobus, der hier Augustin zitiert, ein Prozess der Reifung, der am Ende zur Aufgabe aller Zeit führt. Und auch die in der Exegese erläuterte Parallelisierung der Stundengebete mit der Passion Christi findet sich bei Jacobus ebenso wieder wie die „Mehrfachbelegung“ bestimmter Tage im Jahreszyklus, an denen wichtige Ereignisse der Heilsgeschichte kumulieren und aufeinander verweisen. Die Heiligen wiederum, deren Legenden hier erzählt werden, stehen für die Erfüllung der zukünftigen Verheißung in der Vergangenheit. Durch die Vergegenwärtigung in der liturgischen memoria und in den Reliquien wird die Realisierbarkeit dieses Versprechens für die Gläubigen gegenwärtig. Die Legendensammlung ist damit Geschichtswerk und Zukunftsversprechen/-prophezeiung zugleich. Sie erfüllt zudem die Aufgabe, der auch die im Spätmittelalter zahlreich entstehenden Exempelsammlungen gewidmet sind, indem sie exempla für den Gläubigen und die Prediger bietet, die das spezifisch heilsgeschichtlich geprägte Verständnis von Zeit regelmäßig und allgemeinverständlich im Alltag reproduzieren.[75] In den exempla werden zudem Probleme verhandelt, die den Umgang mit Zeit im Alltag betreffen, wie die Frage danach, ob man aus Zeit Gewinn schlagen dürfe (s.u.).

Pilgerschaft: Eine Pilgerfahrt nahm die Gläubigen aus ihrer Alltagszeit heraus, sie vollzogen – der Prozession nicht unähnlich eine Bewegung im Raum, die sie zu einem Ort der Vergangenheit führte, an dem sie wiederum die (Real)Präsenz der/des Heiligen erfahren konnten. In den an den besuchten Stätten bezeugten Wunder wurde diese Präsenz nicht nur sichtbar, sondern die Pilger wurden selbst Teil einer solchen, die Zeiten transzendierenden Geschichte.[76]

Wandel der Vorstellungen von Zeit und Zeitlichkeit im Spätmittelalter

Komplementär zu diesem immer wieder neu inszenierten Grundverständnis von Zeit entwickelt sich im Spätmittelalter eine „neue“ Zeit, die sich von älteren Vorstellungen unterscheidet und doch in engem Bezug zu ihnen steht.[77] Für das Verständnis dieses Wandel grundlegend und zugleich fatal war die bereits im ersten Abschnitt genannte Unterscheidung, die Jacques Le Goff vorgenommen hat:[78] grundlegend, weil sie – ergänzend zu Le Goffs Forschungen zum Purgatorium – pointiert auf das Verständnis von Zeit als einem (ab)messbaren Gut hinwies, fatal, weil sie die zu einfache Dichotomie zwischen einer „Zeit der Kirche“ und einer „Zeit der Händler“ aufmachte, die die gesamte folgende Diskussion zum Thema prägte.[79]

Die Forschung hat sich seitdem aber – ganz im Sinne Le Goffs – ausdifferenziert[80] und fokussiert nun auf sehr unterschiedliche Aspekte dieses langsam wachsenden neuen Zeitverständnisses:

a) Diskussionen um den Charakter von Zeit – Zeit als Ware: Ein Charakteristikum des neuen Umgangs mit Zeit ist die stärkere Trennung der Ewigkeit vom Ablauf der irdischen Zeit. Zeit kann nun verloren gehen, sie läuft – unwiederbringlich – ab und entfernt sich – jedenfalls im Alltagsverständnis (d. h. jenseits weiter bestehender eschatologischer Erwartungen und Spekulationen) vom end- und allzeitlichen Versprechen des „Danach“.[81]

Zeit wird (ver)handelbar, wie man zum einen in der gelehrten Kritik und der Diskussion über Wucher und zum anderen in den kaufmännisch-bürgerlichen Kontexten sehen kann. So schreibt Leon Battista Alberti in seinen Quattro libri della famiglia: „Per questo, figliuoli miei, si vuole osservare il tempo, e secondo il tempo distribuire le cose, darsi alle faccende, mai perdere una ora di tempo. Potrei dirvi quanto sia preziosa cosa il tempo, ma altrove sia da dirne con più elimata eloquenza, con più forza d'ingegno, con più copia di dottrina che la mia. Solo vi ricordo a non perdere tempo.“[82] Ein wichtiges Feld dieser Verhandlungen von Zeit ist die Wucherdiskussion, in der sich Theologie und Erfahrungen bzw. Interessen vor allem der Städter überschnitten. Aus theologischer Sicht ist Wucher verboten, weil hier mit ,Zeit‘ etwas gehandelt wird, was allein Gott gehört. Kreditgeschäfte und der damit erzielbare Gewinn jedoch gehören im Spätmittelalter längst zum Alltag, wie das Beispiel des Genuesers Galeazzo Doria zeigt.[83] Im Zusammenhang mit diesen Diskussionen wird ein Ort, der schon das ganze Mittelalter hindurch als Zwischenort gedacht worden war, neu ,erfunden‘: das Purgatorium. Hier kann die Heilserwartung im Austauschprozess zwischen Zeit und Geld ausgedrückt werden. Stiftungen werden eingerichtet, um das erworbene Geld für das eigene Seelenheil oder das schon Verstorbener einzusetzen und Pilgerreisen, Schenkungen oder andere Ablassanlässe verkürzen die Zeit im Fegefeuer.[84]

b) Zeit der Städte – Uhrengeschichte als Indikator des Wandels von Zeitvorstellungen: Den Wandel des Zeitverständnisses hat man vor allem an der Entwicklung der Zeitmessung festgemacht.[85] So hatte zunächst der cursus des Stundengebets, der den Tag in licht- und jahreszeitenabhängige, ungleiche Zeitabschnitte aufteilte, nicht nur für Domkapitel, Klosterbewohner und Pilger seine Berechtigung, sondern regelte auch die Zeitordnung der Städter. Das entsprechende Glockenläuten wurde im Lauf der Zeit ergänzt durch weitere akustische Signale, die entweder von Kirchen oder vom städtischen Turm ausgingen.

Auf diese Zeitordnung traf seit dem Ende des 13. und dem Anfang des 14. Jahrhunderts die Weiterentwicklung der mechanischen Uhr, deren Zifferblatt bald darauf verlässliche zyklische Wiederkehr gleichlanger Stunden einerseits und – zumindest theoretisch – endlose Dauer andererseits signalisierte.[86] Von den norditalienischen Städten aus trat die öffentliche Uhr, die zunächst je zur vollen Stunde schlug, allmählich ihren Siegeszug durch ganz Europa an. Ihre Nützlichkeit für die gesamte Bevölkerung wird von den Zeitgenossen angemerkt:

„[…] in der Turmspitze sind viele Glocken, und dort ist eine bewundernswerte Uhr, weil sie eine sehr große Glocke ist, die eine Glocke schlägt vierundzwanzigmal nach der Zahl der vierundzwanzig Stunden des Tages und der Nacht, so, dass sie in der ersten Stunde einen Ton gibt, in der zweiten zwei Schläge, in der dritten drei und in der vierten vier, und so unterscheidet sie die einzelnen Stunden. Das ist für alle Stände äußerst notwendig“[87],

so beschreibt Galvano Fiamma (1283–1344) die Mailänder Uhr. Zunächst und vor allem waren diese Uhren aber Statussymbole, wie die des Jacopo Dondi (1293–1359) für Padua, die bei der Eroberung der Stadt durch die Mailänder zerstört wurde. Aus dem Tractatus astrarii seines Sohnes Giovanni von 1364 wird das Nebeneinander alter und neuer Zeitkonzepte deutlich: eine Uhr konnte zu den nun gleichmäßig bemessenen Stunden zusätzlich Sternbilder oder den Gang der christlichen Feiertage anzeigen.[88]

Die Verbreitung der öffentlichen Uhren im 14. Jahrhundert ist allerdings weniger ein Zeichen für ein verändertes Zeitverständnis als vielmehr eine Frage von Repräsentation und Prestigedenken. Die Händler sind in der Nutzung der gleichmäßigen Stunde zunächst nicht besonders hervorgetreten und häufig waren es kirchliche Institutionen, die sich der neuen Zeitrechnung bedienten – die Le Goff’sche These ist also zu modifizieren: Bei dem allmählich sich wandelnden Zeitverständnis, das sich in immer präziserer Zeitmessung und der Verlagerung der Zeithoheit auf städtische Funktionsträger ausdrückte, ist somit nicht von einer „Zeit der Händler“ sondern allenfalls von einer „Zeit der Städte“ zu sprechen und diese Entwicklung ist als „Teilprozess urbaner Modernisierung” zu sehen.[89] Die „soziale Zeit“ war auf diese Weise nun für eine ganze Zeit lang stärker als zuvor in den sozialen Sphären „Stadt“, „Land“, „Hof“ und „Kloster“ voneinander entkoppelt, weil sie unterschiedlichen Bedürfnissen und Zwängen gehorchte.[90] Doch blieben die gemeinsamen Grundlagen ebenso wie die Berührungspunkte und Überlagerungen bestehen. So wurden die „neuen Stunden“ im Moment ihrer Etablierung auch schon in den liturgischen Texten verarbeitet und in die „Zeit der Kirche“ integriert, wie umgekehrt überall dort, wo es (noch) keine öffentliche Uhr gab, weiterhin auch die Kirchenglocken für die Ordnung und Regelung des Zusammenlebens sorgten.[91]

c) Eine neue Zukunft: Ein anderes Element des Wechsels im Zeitverständnis stellen die – in der Nachfolge Joachims von Fiore[92] – seit dem 13. Jahrhundert sich verbreitenden optimistischen Zukunftsspekulationen dar, die mit der Vorstellung der eigenen Zeit als einer ‚modernen Zeit‘ und mit einer Art Fortschrittsglauben zusammengehen: ein gewisses Stadium von Vollkommenheit, so diese Spekulationen, sei eben schon auf Erden und nicht erst am Ende der Zeiten erreichbar.[93] Aus diesen und älteren Vorstellungen von zukünftiger diesseitiger Entwicklung entsteht in einem langwierigen Prozess, der bis an das Ende des 18. Jahrhunderts reicht, die Idee einer ‚offenen Zukunft’, einer Zukunft, die nicht heilsgeschichtlich determiniert, sondern vom Menschen wünsch-, plan- und formbar ist.[94]

d) Eine neue Vergangenheit, ein neues Geschichtsbewusstsein: Zu dem seit etwa dem 12. Jahrhundert sich langsam wandelnden Umgang mit Zeit und Zeitlichkeit und den Diskussionen darüber wie Zeit zu messen und einzuteilen sei, treten auch neue Vorstellungen davon, wie man sich selbst – als Individuum, Generation, Gruppe oder ‚Nation‘ – in der Zeit verorten könne und welche Position man gegenüber der Vergangenheit einnehmen solle.[95] Am augenfälligsten wird dies in einem der gemeinhin als das Charakteristikum der ‚Renaissance‘ gehandelten Aspekte: im Verhältnis zur Antike. Der Bezug einer sich selbst als ‚neu‘ verstehenden Zeit auf die heidnische Antike anstelle der christlichen Spätantike als idealer Anknüpfungspunkt jenseits eines als ‚Zwischenzeit‘ verstandenen ‚Mittelalters‘ geriet geradezu zur Epochensignatur. Wenn auch das Selbstverständnis dieser Zeit vielfach auf einen Bruch zum Vorangehenden abstellt, so ist doch zu betonen, dass ‚mittelalterliche‘ Traditionen und Wissensbestände auch über ‚Zeit‘ in die Wissensformationen der Renaissance und der Frühen Neuzeit eingebunden blieben und transformiert wurden. Wenn also von nun an Zeit als etwas gleichförmig universales, nicht (mehr) nur astronomisch Messbares wahrgenommen wurde[96] und von einer zusammenhängenden „Epoche des Zeitempfindens von der Gotik bis zum Barock“[97] die Rede sein kann, so sollte nicht vergessen werden, dass gerade in der Historiographie aber auch in vielen anderen Lebensbereichen die oben im ersten Teil des Artikels „Zeit“ beschriebenen Periodisierungen ebenso noch lange valide blieben wie die zeitliche Verankerung der Geschichtserzählung um die Geburt Christi als Angelpunkt und die lineare Ausrichtung auf das verheißene und gewusste – wenn auch nicht datierbare – Ende hin. Und nicht nur Kunsthistoriker haben zuletzt darauf hingewiesen, dass sich in den Texten und Artefakten des Spätmittelalters und der Renaissance keineswegs eine schlichte Ablehnung der ‚mittleren Zeit‘ und Reproduktion der ‚Antike‘ finden lässt, sondern im Gegenteil wiederum der Versuch – in typologischer, geradezu altbekannter Weise –, Zeitebenen miteinander zu verschmelzen: „A primary function of art […] was precisely to collapse temporal distance.“[98]

"Infokasten Petrarca" (Barbara Ventarola)

Verzeitlichung und Entzeitlichung im Canzoniere Francesco Petrarcas

Ein besonders wirkmächtiges Beispiel für die spätmittelalterlichen Veränderungen des Zeiterlebens ist der Dichter und humanistische Philosoph Francesco Petrarca (1304–1374). Er steht sowohl für ein neues Vergangenheitsbewusstsein als auch für eine neue Zukunft. In seinen Rerum memorandarum libri thematisiert er hellsichtig seine eigene historische Schwellenposition: „Ich aber befinde mich auf der Grenze zwischen zwei Gemeinschaften und blicke gleichzeitig nach vorne und zurück.“[99] Er bringt damit ein Bewusstsein von Geschichtlichkeit zur Sprache, das in diesem Ausmaß neu ist. Auch in seinen anderen Texten nimmt das Nachdenken über das unaufhaltsame Verfließen der Zeit einen auffällig großen Raum ein. Die Zeit kann geradezu als ein zentrales Thema begriffen werden, das Petrarca ohne Unterlass umtreibt.[100] Damit wird er zum Sprachrohr für die grundsätzliche „Zeitangst“, die die spätmittelalterlichen Umwälzungen im Weltbild mit sich bringen.[101] Der Philosophiehistoriker Hans Blumenberg führt diese auf Veränderungen in der Gotteskonzeption zurück: Im Spätmittelalter setzt sich gegen die Hochscholastik mehr und mehr die Vorstellung von einem allmächtigen Willkürgott durch, dessen Entscheidungen nicht einsehbar sind, sich jederzeit ändern können und selbst die Vernichtung der Welt einschließen können. Diese göttliche Wankelmütigkeit bringt das traditionelle teleologische Denken ins Wanken. Die Zeit wird zum wesentlichen „Handikap“ des menschlichen Denkens und zerfällt in die Fragmente einzelner Augenblicke, wodurch auch die traditionellen Moralvorstellungen prekär werden.[102]

Zu beachten ist, dass Petrarca nicht dabei stehenbleibt, diesen Ordnungsverlust zu beklagen, wie vor allem die Forschung der letzten Jahrzehnte insinuiert hat. Stattdessen nutzt er ihn als Legitimationsgrundlage, um über neue Möglichkeiten des Zeitmanagements und damit auch des Welt- und Selbstumgangs nachzudenken.

Dies wird besonders deutlich in seinem Canzoniere (entstanden zwischen 1336 und 1374). Es handelt sich dabei um eine wirkmächtige Sammlung von Liebesgedichten, die zur Grundlage für den Petrarkismus geworden ist, einem der Gründungsmythen Europas.[103] Neben der Liebe ist die Zeit das vorherrschende Thema, und letztlich stellt die gesamte Komposition der Gedichtsammlung eine großangelegte Reflexion auf die Zeitlichkeit sowie die damit einhergehenden Veränderungen im Wirklichkeitsverständnis, im Menschenbild und in den Moralvorstellungen dar.[104] Zu diesem Zweck narrativiert Petrarca seine Lyrik. Er ordnet die Gedichte so an, dass eine autobiographische Fiktion entsteht. Die einzelnen Gedichte stellen Momentaufnahmen dar, die in ihrer Abfolge mehr als 30 Jahre im Leben des lyrischen Ichs abbilden bzw. ‚erzählen‘, Jahre der Liebe zu Laura, die im ersten Teil noch lebt und im zweiten Teil als Verstorbene erinnert und besungen wird. Es entsteht der Eindruck einer inneren Entwicklungsgeschichte des Ichs, die zugleich in eine Unzahl einzelner Augenblicke zerfällt. In diesen wiederum überlagern sich meist mehrere Zeitstufen; Erinnerungen, Wunschphantasien und Zukunftsvisionen sind eng verflochten und führen zu ständigen Perspektiven- und Meinungswechseln. Dabei kreisen die Gedanken des Sprechers immer wieder um das Motiv des memento temporis, die Klage über die unaufhaltsam verfließende Zeit. Die Kreuzung von Lyrik und Narrativität bildet so zuallererst die zeitgenössische Erfahrung einer Verzeitlichung, ja einer Fragmentierung der Zeit ab. Petrarca führt damit eindrücklich den Verlust traditioneller Modi der Zeitbewältigung vor.

Zugleich erprobt er mögliche neue Modi des Zeitumgangs. Diese insinuiert er durch ein weiteres Kompositionsmerkmal: die Zusammenfügung einzelner Gedichte zu Gedichtserien. Anders als die Forschung lange glaubte, bilden diese nämlich wiederum kleinere Erzählungen, sie folgen einer versteckten Handlungslogik, die sich zahllose Male wiederholt und eine Überwindung der Zeitangst ins Szene setzt. Dafür inspiriert sich der lyrische Sprecher an Epikur und setzt sich bewusst über Augustins Verurteilung der irdischen Liebe hinweg; er ersetzt die traditionelle Ausrichtung auf Gott durch eine Fokussierung auf Laura und begegnet der zeitgenössischen Erfahrung der Verzeitlichung, indem er in beglückenden Vorstellungen von Laura schwelgt und sich so mithilfe seiner eigenen Einbildungskraft der Zeit enthobene erfüllte Augenblicke verschafft. Auf diese Weise bilden die Serien eine Selbstermächtigung über die Zeit ab und legen zugleich die Grundlage für eine neue Anthropologie und Ethik des ganzen Menschen. Das übergeordnete Aufstiegs-Schema des Textes (ascensus), das vordergründig eine zunehmende Läuterung des Ichs abzubilden scheint, wird hierdurch konterkariert. Damit obliegt die Wahl der Modi der Zeitbewältigung dem Leser selbst. Er kann sich entweder für die traditionell-christliche Jenseitsausrichtung entscheiden oder die im Canzoniere vorgeführten neuen Strategien erproben.

So bildet der Canzoniere die eingangs erwähnte Janusköpfigkeit perfekt ab und wird selbst zum Geschichtssubjekt, das neue Zukünfte eröffnet. Zum einen führt die fragmentierte Gestalt des in Szene gesetzten inneren Lebensweges eindrücklich die zeitgenössische Erfahrung einer beängstigenden Verzeitlichung vor Augen. Zum anderen nutzt Petrarca genau das Auseinanderbrechung der mittelalterlichen teleologischen Ordnung, um zusammen mit den neuen Modi der Zeitbewältigung neue Formen des Welt- und Selbstumgangs in die Wege zu leiten. Er wird zum ersten Humanisten.

Historiographie

Einleitung und lateinische Historiographie des frühen und hohen Mittelalters (Hans-Werner Goetz)

Definition und Einordnung

Historia „ist die Ereigniserzählung, durch die wir erkennen, was sich in der Vergangenheit ereignet hat,“ definiert Isidor von Sevilla in seinen weit verbreiteten Etymologiae:[105] Historia ist im Mittelalter nicht Geschichte in unserem Sinn (nach Reinhart Koselleck „Geschichte an und für sich“), sondern, als „Erzählung“ (narratio) zur Erkenntnis der Vergangenheit. von vornherein Geschichtsschreibung. Ihr Gegenstand ist folglich die ‚Geschichte‘ oder sind, mittelalterlich, die res gestae, die Ereignisse, oder das Geschehen (quae facta sunt). Für die moderne Auswertung ergibt sich daraus zugleich die Bedeutung der Historiographie als ‚Text‘.[106] Im mittelalterlichen Selbstverständnis (und in vielen Prologen von Geschichtswerken angesprochen) aber ist historia als „Tatsachenbericht“ (narratio rerum gestarum), mit Rückgriff auf antike Rhetoriktheorien, von Erdichtetem (fabula) strikt abgehoben.

Wenn man viel über den Stellenwert und Standort der historia im mittelalterlichen Wissenschaftssystem nachgedacht hat − sie bildet keine der ‚klassischen‘ sieben freien Künste (artes liberales)[107] − und sie gar als Teildisziplin der Grammatik und Rhetorik zu ‚entdecken‘ glaubte, weil sie hier immer wieder genannt wird, dann ist das in zweierlei Hinsicht korrekturbedürftig:[108] Zum einen ist eben nicht die Geschichte, sondern ist Geschichtsschreibung Gegenstand des Triviums, und zum anderen wird diese dadurch nicht zur Teildisziplin. Die ‚trivialen‘ Künste formen ihre Sprache, das Quadrivium ist Grundlage ihrer Zeitzählung; nicht zufällig ist Bedas „Chronik“ Teil seines Traktats De ratione temporum. Tatsächlich ist die historia den artes in gewissem Sinn sogar übergeordnet. Ihren (theologischen) ‚Standort‘ gewinnt sie nämlich aus der Bibelexegese: als wörtliche (faktische) Auslegung der Schrift,[109] vor allem bei Hugo von St. Viktor, der bewusst Isidors (säkulare) Definition auf die Exegese überträgt. Damit wird aber auch die Geschichte (im Wortsinn) auslegungsfähig und auf das Wesen und Wirken Gottes, die Zukunft und das Jenseits hin ‚interpretierbar‘.

Kriterien, Anliegen und Methode

Mittelalterliche Geschichtsschreiber mussten zwar ohne eine moderne Quellenkritik auskommen, die im Wesentlichen erst im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, und sie haben weder ihre ‚Quellen‘ − im mittelalterlichen, durchaus angemessenen Sprachgebrauch sind das ‚Zeugen‘ − nach deren Informiertheitsgrad oder gar nach ihrer Tendenz bewertet noch haben sie zwischen Mythen und Geschichte unterschieden, aber dennoch Kriterien historiographischer Praxis entwickelt: Der Wert der Vorlagen ergibt sich dabei aus der Autorität und Glaubwürdigkeit der ‚Zeugen‘, die Auswahlkriterien resultieren aus der Definition bzw. dem Charakter der Historiographie: nämlich vor allem das Wahrheitskriterium aus dem Charakter der ‚Faktizität‘ der res gestae (wie auch aus der häufig betonten, wenngleich selten eingehaltenen Unparteilichkeit des Autors), das Kriterium der zeitlichen Einordnung und der chronologischen Ordnung aus dem Verständnis der historia als „Zeitenfolge“ (series temporum) und die Auswahl selbst aus dem Kriterium der Erinnerungswürdigkeit des Geschichtsberichts, der die memorabilia zusammenstellen will. Als zeitliches Ordnungskriterium dienen entweder (und zumeist) die jahrweise („annalistische“) Anlage und/oder die Regierungs- oder Pontifikatszeit von Königen, Päpsten, Bischöfen oder Äbten. Kurz gefasst, hält mittelalterliche Geschichtsschreibung in chronologischer Folge die Erinnerung an wahre, denkwürdige Taten fest.

Auswahl, Anordnung und Deutung prägen zugleich die Eigenart des einzelnen Geschichtswerkes,[110] dessen Zusammenstellung vor allem − und für die zurückliegenden Zeiten durchweg − Kompilation aus den erreichbaren Vorlagen ist, die zusammengetragen und abgeschrieben, aber auch kombiniert, umgeordnet und ergänzt wurden; für die Gegenwart war man auf eigene Erfahrungen und mündliche Informationen (und die Zuverlässigkeit der Informanten) angewiesen. Mittelalterliche Geschichtsschreibung ist keineswegs ein kontinuierliches Fortsetzungswerk, sondern hat als Ergebnis historiographischer Arbeit ständig neue, eigenständige, aus den jeweiligen Bedürfnissen, Funktionen und Vorstellungen erwachsene Chroniken geschaffen, auch dort, wo man sich von anderen abhängig wusste. Dabei wurde auch die Form wichtig genommen: die rhetorische Gestaltung der Prologe ebenso wie die Gestaltung in Versen als anspruchsvollste Form. Für die moderne Forschung wird daher jedes Werk in seiner jeweiligen Gesamtanlage interessant (und keineswegs nur die früher zum Teil ausschließlich edierten ‚eigenen‘ oder zeitgenössischen Teile einer Chronik). Gerade die Verarbeitung der (uns oft bekannten) Vorlagen gibt wertvollen Aufschluss über Interessen, historiographische Praxis und Vorstellungen des Autors.

Kennzeichen, Ausrichtung und Funktionen

Geschichtswerke wurden vor allem in Klöstern, an Bischofssitzen und Königs- und Fürstenhöfen sowie im späten Mittelalter in den Städten verfasst, die Autoren waren bis über das hohe Mittelalter hinaus vorwiegend Mönche und Kleriker. Es versteht sich von selbst, dass jedes Geschichtswerk zugleich das Weltbild und insbesondere ein (bestimmtes) Geschichtsbild seines Autors widerspiegelt. Insgesamt ist die mittelalterliche Geschichtsschreibung von ihrer ganzen Ausrichtung her erstens zunächst politisch orientiert und beschreibt Kaiser- und Königsgeschichte oder die Geschichte von Bischöfen und Äbten, Fürsten, Kreuzfahrern und Kriegen, aber auch von Heiligen. Sie ist zweitens nämlich ebenso vor einem heilsgeschichtlichen Hintergrund verfasst und zeigt immer wieder die ‚Hand Gottes in der Geschichte‘ auf oder setzt sie zumindest voraus. Geschichtsschreibung ist daher vielfach zugleich (theologische) Geschichtsdeutung. Drittens aber hat sie einen institutionellen Hintergrund und ist an König, Reich oder Fürstenhof, Bistum, Kloster oder Stift, Geschlecht oder Stadt gebunden, die Gegenstand und Wertung weithin bestimmen. Oft sind die Werke hohen Persönlichkeiten gewidmet oder sogar in deren Auftrag verfasst.

In solcher Ausrichtung, hat die Geschichtsschreibung verschiedene Funktionen. Wenn sie, wie gesagt, nach mittelalterlicher ‚Theorie‘ zunächst zum Zweck der historischen Erinnerung (memoria) und zur Unterrichtung der Nachwelt über die Vergangenheit verfasst ist, so verbinden sich damit in der Praxis weitere, auch aktuelle und teilweise tendenziöse Funktionen. Sie will die Taten Gottes und der Menschen aufzeigen und damit gleichzeitig belehren, erbauen und unterhalten, aber auch ethisch erziehen, durch Nachahmung ebenso wie durch Abschreckung. Sodann will sie immer wieder den Anschluss der Gegenwart an die Vergangenheit herstellen oder die Geschichte der eigenen Institution von den Ursprüngen bis zur Gegenwart verfolgen und in den Gesamtverlauf einordnen. Sie will aber auch Partei ergreifen, Ansprüche beweisen oder Herrschaft legitimieren.

Formen: Gattungen (und ihre Problematik)

Nach Inhalt, Ausrichtung und Form lassen sich traditionell verschiedene Gattungen unterscheiden, nach der Darstellung etwa eine mehr der Zeitzählung verpflichtete chronographia (die sich zur Gegenwart hin jedoch häufig zur längeren Erzählung ausweitet) von einer mehr erzählenden, das komplexe Geschehen betonenden historiographia (die allerdings auch chronologisch gegliedert ist),[111] oder nach der behandelten Zeit (mit entscheidender Rückwirkung auf die jeweilige Arbeitsweise) eine Vergangenheits- von einer Gegenwartsgeschichte[112] (die zumeist aber in ein und demselben Werk behandelt werden und bruchlos ineinander übergehen). Nach der äußerlichen Anlage lassen sich kurzgefasste, oft fortgesetzte Annalen von ausführlicheren, meist als Ganzes verfassten Chroniken, unter diesen wiederum nach dem Inhalt Welt-, Reichs-, Volks-, Bistums-, Kloster-, Landes-, Stadt- und Familien (‚Haus‘)- Chroniken unterscheiden, doch bleiben die Übergänge tatsächlich fließend mit zahlreichen Überschneidungen und viele Werke sind nur schwer unter eine dieser Rubriken einzuordnen, weil mittelalterliche Geschichtsschreiber kaum so trennscharf differenzierten. Die spezifisch christlichen Weltchroniken beginnen mit der Schöpfung, werden in der Gegenwart jedoch gewöhnlich zu Reichschroniken, Volkschroniken sind zugleich Reichschroniken (des Reichsvolks), Landeschroniken auch Familienchroniken, Bistumschroniken nehmen manchmal reichsweite Ausmaße an usw. Für Amtsträgerchroniken (sogenannte Gesta) gibt es keinen zeitgenössischen Begriff. Überhaupt sind die meisten Titel modern. Die gängigen mittelalterlichen Begriffe, historia, chronica oder gesta, sind wiederum wenig trennscharf.

Verbreitung

Geschichtswerke wurden vor allem an Königs-, Fürsten- und Bischofshöfen und in Klöstern gelesen und benutzt, waren aber sehr unterschiedlich verbreitet. Weltchroniken und andere Vergangenheitsgeschichte wurden erheblich mehr geschätzt als Zeitgeschichten, die oft nur in einer einzigen Handschrift erhalten sind. Beliebt waren aber auch Exemplasammlungen, die historische Beispiele zur Belehrung auswählen und daher nicht mehr als dem Zeitverlauf verpflichtete Chroniken gelten können. Das zeigt zugleich ein für das Mittelalter charakteristisches Ineinandergreifen von Geschichtsschreibung im engeren Sinn und Verwendung historischer Stoffe, wie das etwa auch für die volkssprachige Epik typisch ist oder sich in Chroniken offenbart, die chartularartig den Besitz einer Kirche zusammenstellen.[113] Auch hier sind die Grenzen zu anderen Gattungen fließend, ist der historische Gehalt aber oft hoch.[114]   

Textualität der Geschichte (Sebastian Greußlich)

Die wissenschaftliche Erschließung historischer Überlieferung, die im frühen 19. Jahrhundert, parallel zur allmählichen Etablierung der geisteswissenschaftlichen Fächer im universitären Kontext, einsetzt, ist von Beginn an durch theoretisch-methodologische Heterogenität charakterisiert, die entlang der Fächergrenzen entsteht:[115] Einerseits werden in der Geschichtswissenschaft epische sowie im engeren Sinne historiographische Texte als historische Quellen editorisch erschlossen, dabei jedoch oft direkt mit politisch-moralischen Wertungen verknüpft, die ihrem Entstehungskontext und ihrer ursprünglichen Geltung nicht immer gerecht werden. Andererseits wurden dieselben Texte oftmals ebenso in den Philologien erschlossen und sind dabei bis weit in das 20. Jahrhundert hinein einer im Kern ästhetisch-literarisch orientierten Kritik unterzogen worden, die zwar dem Gegenstandsbereich der Philologien entspricht, jedoch den Entstehungskontexten der Texte wiederum nicht unbedingt gerecht wird.[116]

Diese Konstellation ist ursprünglich nicht explizit reflektiert worden und hat eine Reihe grundlegender Missverständnisse hervorgebracht. Am weitesten verbreitet ist hier vielleicht die abwertende Charakterisierung der kompilatorischen Texte als Plagiate. Zum Gegenstand systematischer Reflexion ist die Textualität der historischen Überlieferung schließlich unter spezifischen wissenschaftsgeschichtlichen Bedingungen geworden, welche sich nicht in allen Teilen Europas und Amerikas in gleicher Weise eingestellt haben und insofern differenziert zu betrachten sind.[117] Entscheidend für ein historisch adäquates Verständnis der einschlägigen Verhältnisse ist es zunächst, sich über Formen und Funktionen der Geschichtsschreibung im Horizont des Geschichtsdenkens sowie die maßgeblichen Traditionen ihrer sprachlichen Gestaltung zu informieren.

Ein zentraler Aspekt dabei ist, dass (nicht nur) historiographische Texte in der Vormoderne im Modus der Kompilation vorhandener Texte verfasst worden sind, wobei die Kritik verfügbarer Quellen gänzlich anderen Parametern unterlag als dies unter der Voraussetzung neuzeitlicher bzw. im engen Sinne (post-)moderner Epistemologien der Fall ist. Solche dezidiert vormodernen Parameter der Geltung von historischer Überlieferung entfallen im Wesentlichen auf zwei Domänen: 1) die sprachliche Gestaltung des Textes und 2) die gesellschaftliche Stellung seines Verfassers. Autoritätsstiftend wirkt also die richtige Form der Überlieferung und zugleich die persönlichen Eigenschaften ihrer Träger. Die Geltung respektive der Wahrheitsgehalt des Berichts ergibt sich nicht aus seiner Korrespondenz zu einer als objektiv vorgestellten Außenwelt, sondern konstituiert sich ganz unmittelbar aus den Eigenschaften und (auch sprachlichen) Fähigkeiten des Berichterstatters. Aus dieser Grundvoraussetzung, die für die gesamte Vormoderne von der Antike bis ins 18. Jahrhundert gilt, ergeben sich eine ganze Reihe von Konsequenzen im Hinblick auf Form und Inhalt historiographischer Texte. Im Zusammenhang mit einer als richtig bzw. angemessen bewerteten Form der Überlieferung stehen vor allem die folgenden Gesichtspunkte:

Die im Hinblick auf einen bestimmten Sachverhalt angemessene sprachliche Form der Darstellung hängt ab von der Charakteristik, dem Wesenskern dieses Sachverhalts und ist insofern nicht per se mit einer bestimmten Stilebene zu identifizieren. Da der Bewahrung einer als angemessen erkannten Form der Darstellung ein hoher Stellenwert zukommt, ist die imitatio ein zentrales Motiv historiographischer Schreibtätigkeit.[118]

Die Identifizierung des rhetorischen aptum,[119] verstanden als Übereinstimmung zwischen sprachlicher Form der Darstellung und dem Wesen des dargestellten Sachverhalts, obliegt nach antiker und humanistischer Theorie der prudentia des Historiographen.[120] Wichtigste formale Voraussetzung der prudentia ist umfassende Bildung, wichtigste praktische Voraussetzung ist insbesondere politische Erfahrung, da die Motive der historischen Akteure zu erkennen und angemessen zur Geltung zu bringen sind, um der Pragmatik vormoderner Historiographie, die wesentlich auf Belehrung und Prinzenerziehung sowie auf die Legitimation politischer Gegebenheiten und Interessen der jeweiligen Gegenwart zielt,[121] gerecht zu werden. Auch die für frühneuzeitliche Historiographie charakteristische Vielfalt an Informationen ist mit diesem legitimatorischen Anspruch zu erklären, der nur zu erfüllen war, wenn die gesamten Umstände eines Geschehens zur Beurteilung seiner Angemessenheit oder Rechtmäßigkeit in Bezug auf moralische und juristische Maßstäbe zur Verfügung standen. [122] Teilweise anders liegt diese Problematik bezogen auf das frühe und hohe Mittelalter, für das die Legitimation der Gegenwart und die dabei zu leistende Deutung der Geschichte stärker dem Primat der Theologie, weniger dem der Politik und des Rechts unterliegen. In der gesamten Vormoderne jedoch kommt es für die Geltung eines Textes auch auf die Breite bzw. Vollständigkeit der darin gegebenen Informationen an, sodass umfängliche, narrative Texte, in denen komplexe Zusammenhänge dargestellt werden, also v.a. ausführlichere Chroniken, die den Status einer obligatorischen Referenz nicht selten bis heute behalten haben, allgemein höher bewertet werden als listenförmige Chronographie oder gezielte Stellungnahmen zu einzelnen Geschehnissen (wie etwa die spanischen relaciones).

Anknüpfend an diese allgemeinen Aspekte der Textualität der historischen Überlieferung gilt es, hinsichtlich der Epistemen einzelner Großepochen, der verschiedenen Formen von Historiographie und ihrer Geschichte sowie der unterschiedlichen Entwicklungen in Abhängigkeit von der in verschiedenen Räumen je maßgeblichen politischen Ordnung zu differenzieren.

Die kanonische Epochentrias ‚Antike – Mittelalter – Neuzeit‘ ist in Bezug auf historiographische Diskurse nur bedingt tragfähig. Insbesondere muss hier die inhaltliche von der formalen Ebene strikt unterschieden werden; so sind zwar inhaltlich die politisch-ideologischen Positionen, die in den Texten zum Ausdruck kommen, in der Tat geprägt durch die gesellschaftliche Geltung des Christentums, die im Zuge der Christianisierung Europas während des Mittelalters zunächst zunimmt, um sodann im Zuge der Konfessionalisierung und gleichzeitigen Verweltlichung von Herrschaft tendenziell wieder abzunehmen. Das dem Christentum inhärente, auf das Weltende zielende, teleologische Geschichtsbild, das charakteristisch ist für jene Großepoche, die wir rückblickend als Mittelalter wahrzunehmen pflegen, impliziert für die Geschichtsschreibung vor allem zwei Kernaufgaben: die Rechtfertigung der Rolle und des Handelns einer Monarchie im Horizont des göttlichen Heilsplans sowie ggf. die Feststellung der chronologischen Position der jeweiligen Gegenwart relativ zu Anfang und Ende der diesseitigen Welt.[123] Konkurrierende Ansprüche anderer Institutionen, insbesondere aus dem kirchlichen und städtischen Umfeld, werden bereits im Mittelalter regelmäßig artikuliert, in der Frühen Neuzeit jedoch in dem Maße problematisch und zum Gegenstand von Sanktionen, in dem das Konzept der Nation in Konkurrenz zum überlieferten mittelalterlichen Gewohnheitsrecht tritt, das grundsätzlich alle Ebenen sozialer Organisation erfasst und die Idee des Staates oder der Nation per se nicht voraussetzt. Die nach einem solchen Rechtsverständnis bestehende Aufgabe des Monarchen, jedem Untertanen iustitia nach Maßgabe der göttlichen Ordnung zuteil werden zu lassen, verkompliziert sich entsprechend, da die Prämissen des mittelalterlichen Rechtsdenkens zweifelhaft werden.[124]

Während sich als Reaktion auf diese Problematik inhaltliche Parameter der Textgeltung ab dem späten Mittelalter verschieben, bleiben die formalen Geltungskriterien über die Epochengrenzen hinweg weitgehend konstant. Dies betrifft das rhetorische aptum, dem ggf. eine pathetische (und fiktive) Rede ebenso entsprechen kann wie ein Referat rechtlicher Verfügungen im Kanzleistil. Festzustellen ist allerdings ein Vordringen annalistischer Chronographie im Mittelalter, das systematisch bedingt ist durch das Bedürfnis einer Harmonisierung des Geschichtsbildes im Horizont des göttlichen ordo. In der Frühen Neuzeit ist sodann ein Wiedererstarken der narrativ angelegten historia in unterschiedlichsten Subtypen zu beobachten,[125] das seinerseits bedingt ist durch die konkurrierenden Rechtsauffassungen der europäischen Monarchien hinsichtlich ihrer jeweiligen Machtansprüche, die systematisch mit Hilfe historiographischer Diskurse legitimiert werden.

Die genannten Gesichtspunkte prägen sich in den Monarchien Europas deshalb gemäß deren je spezifischer politischer Lage und den daraus resultierenden Interessen unterschiedlich aus. Maßgeblich sind dabei v.a. folgende Aspekte: 1) Der Machiavellismus,[126] der in Florenz unter spezifischen politisch-ökonomischen Bedingungen entsteht, andernorts aber ggf. völlig anders kontextualisiert und v.a. als anti-katholisch verstanden wird (etwa in Kastilien); 2) das Konzept der Nation, das als politische Idee vorhanden, jedoch nicht mit überkommenem mittelalterlichem Gewohnheitsrecht und insbesondere nicht mit der Idee der christlichen Universalmonarchie[127] vereinbar ist; 3) der Streit um die Inanspruchnahme der Rolle einer Universalmonarchie und Hegemonialmacht in Europa (v.a. zwischen Frankreich und Kastilien-Aragón sowie dem Hl. Römischen Reich).[128]

Wie eingangs des Kapitels bereits angedeutet, haben sich zu den hier knapp angerissenen Problemfeldern verschiedene wissenschaftliche Disziplinen ebenso wie die akademischen Institutionen verschiedener Länder teils sehr unterschiedlich verhalten. Um die Orientierung in der Forschungsliteratur etwas zu erleichtern, seien deshalb abschließend folgende, sehr allgemeine Hinweise gegeben:

Im deutschsprachigen Raum findet in den 1970er und 1980er Jahren eine ausführliche Debatte zur Historik statt, die in ähnlicher Intensität sonst nur in Frankreich und im anglophonen Raum geführt wird, dort jedoch ein je spezifisches Gepräge aufweist, das nicht ohne Weiteres an die deutsche Debatte anschließt.

So ist die jüngere Debatte in Frankreich und dem anglophonen Raum geprägt durch die Rezeption des Poststrukturalismus und eine daran geknüpfte prinzipielle Skepsis hinsichtlich der Möglichkeit der Erkenntnis historischer Fakten.[129] Diese ist erst später auf den deutschsprachigen Raum übergesprungen. Hier wie dort hat das Problem zu – oft disziplinabhängig – sehr unterschiedlichen Reaktionen geführt. Teils überspannt ablehnend in der Geschichtswissenschaft,[130] die um ihren Gegenstand fürchtete, teils euphorisch in der Literaturwissenschaft, die eine vorübergehende Usurpation der Geschichtsschreibung unter bewusster Vernachlässigung von deren originärer Pragmatik betreiben konnte, indem sie sie unter exklusivem Rückgriff auf ihre rhetorischen Eigenschaften als Literatur deklariert hat.[131] In neueren diskursanalytischen Arbeiten vorwiegend nordamerikanischer Provenienz ist dies allerdings (wieder) anders.[132]

Aus geschichtstheoretischer wie geschichtswissenschaftlicher Sicht ist die Textualität historischer Quellen insbesondere von Jörn Rüsen und Gert Melville problematisiert worden[133] und die systematische Kooperation mit der Sprachwissenschaft gesucht, jedoch seinerzeit dort kaum Ansprechpartner gefunden. Die Beiträge von Stempel, Wolf-Dieter (1973): „Erzählung, Beschreibung und der historische Diskurs“, in: Koselleck, Reinhart/Stempel, Wolf-Dieter (Hg.): Geschichte – Ereignis und Erzählung, München, 325–346, sind in diesem Sinne eine Ausnahme. Die traditionell engeren Beziehungen zwischen der deutschen und der französischen Akademia zeigen sich auch hier, insofern ein Bezug zwischen der deutschen Begriffsgeschichte und der französischen Annales-Schule besteht, der auch auf die Romanistik ausgestrahlt hat.[134] Das Bindeglied zwischen ihnen bildet die historische Semantik, die auch in der ‚nouvelle histoire‘ insofern von besonderer Relevanz ist, als die Frage nach der Konstitution der Quellen und ihrer daran geknüpften Semantik dort methodisch eine zentrale Rolle spielt.

Diese Umstände wirken bis heute nach, insofern nach wie vor zu beobachten ist, dass diskurstheoretische und textwissenschaftliche Fragestellungen in der Geschichtswissenschaft weitgehend im Alleingang bearbeitet werden.[135] Fragen der Texttypik oder der Gattungslehre, die Sprach- wie Literaturwissenschaft seit den 1970er Jahren (wieder) intensiv beschäftigen, spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle.

Die fachgeschichtliche Entwicklung in Italien und Spanien verläuft davon weit gehend unabhängig. Während in Italien der nachhaltige Einfluss Benedetto Croces prägend bleibt, vollzieht die spanische Akademia unter den Auspizien der Franco-Diktatur eine Rückkehr zum verfassungsgeschichtlichen Positivismus. Im mexikanischen Exil entwickeln spanische (und amerikanische) Historiker allerdings einen Diskurs, der stark an die Annales angelehnt ist und mentalitätsgeschichtliche sowie lebensweltliche Perspektiven aufgreift.[136]

Kennzeichen und Entwicklung der mittelalterlichen Historiographie

Frankenreich/Frankreich

Früh- und Hochmittelalter (Julien Bellarbre)[137]

Ein Überblick über die Geschichtsschreibung des Fränkischen und Westfränkischen Reichs im Früh- und Hochmittelalter lässt sich schwerlich anders beginnen als mit Gregor von Tours (539–594). Dieser Autor ist von solcher Bedeutung, dass er seit dem 18. Jahrhundert als der „Vater der Geschichte Frankreichs“ bezeichnet wird.[138] Dem Bischof von Tours schwebte es hingegen zweifellos eher vor, die Geschichte einer christlichen Gesellschaft als die eines Volkes zu schreiben. So lautet der tatsächliche Titel seines historiographischen Werks Decem libri historiarum („Zehn Bücher Geschichte“) und nicht Historia Francorum,[139] wie es ihm oft zugeschrieben wurde. Dennoch gelangte Gregors Werk im Mittelalter gerade als die Geschichte eines Volkes, eben der Franken, zu Popularität. Davon zeugt eine gekürzte Version mit eben diesem Fokus, die seit dem 7. Jahrhundert zirkulierte.[140] In ihrer Ursprungsversion erstreckten sich die Decem libri historiarum von der Schöpfung bis zu Gregors eigener Zeit und entsprechen damit tatsächlich sowohl einer „Universalgeschichte“ als auch einer Zeitgeschichte, denn sechs der zehn Bücher betreffen die Gegenwart des Autors.

Die Chronik „Fredegars“ ist das Äquivalent der Decem libri historiarum für die Geschichte des 7. Jahrhunderts. Der Name des Autors steht in Anführungszeichen weil er erstmals im 17. Jahrhundert gebraucht wird. Zuschreibung und Entstehungszeit der Quelle sind heftig diskutiert worden, aber nach der heute vorherrschenden Meinung stammt das Werk von einem einzigen burgundischen Historiographen, der um 660 schrieb.[141] Dabei handelt es sich immer noch um eine Chronik, die sich von den Anfängen bis zur Zeit des Autors erstreckt, aber im vierten und letzten Buch, das die Jahre 584–642 umfasst, findet sich eine wirklich eigenständige Geschichtserzählung. Das Ende der Merowingerzeit erlebte das Erscheinen eines letzten bedeutenden historiographischen Werks, des Liber Historiae Francorum, einer Chronik, deren moderner Titel insoweit gerechtfertigt ist, als sie ein vorrangiges Interesse für das Volk der Franken zeigt. Außerdem findet sich bei Fredegar und im Liber Historiae Francorum zum ersten Mal die Legende eines trojanischen Ursprungs der Franken (­Trojamythos), die auf Vergils Äneis basiert und somit die Ethnogenese dieses Volks begründet.[142] Der Liber Historiae Francorum endet mit der Regierung des merowingischen Königs Theuderich IV. (721–737).

Die Geschichte der Merowingerzeit lässt sich demnach aus einer begrenzten Anzahl historiographischer Quellen rekonstruieren, denen man noch eine gewisse Zahl an mehr oder weniger verlässlichen hagiographischen Werken hinzufügen kann. Im fränkischen Reich des 6./7. Jahrhunderts bleibt die Historiographie eine Ausnahme. Das ändert sich in der Karolingerzeit, die für die Produktion von Geschichtswerken besonders günstig erscheint, und das gilt ebenso, wenn man dieses Zeitalter weit versteht und die letzten Jahre der Merowinger einbezieht.[143] Die bemerkenswertesten Werke dieser ‚Übergangsperiode‘ sind die Fortsetzungen der Chronik Fredegars. Nach traditioneller Meinung bestehen sie aus einer Abfolge von drei nacheinander abgefassten Texten: zunächst von einem ‚Mönch aus Laon‘, der um 736 schrieb, dann von Childebrand, dem Halbbruder Karl Martells, um 751, und schließlich von Nibelung, dem Sohn Hildebrands, um 768.[144] Die Fortsetzungen wären demnach im Auftrag der Familie der Pippiniden entstanden, um deren Aufstieg zum Thron zu rechtfertigen (­Funktionen von Historiographie).

Die karolingische Epoche im eigentlichen Sinn erlebte eine Blüte der Annalistik, die damals besonders in den Klöstern verfasst wurde und damit offenbar auf Bedürfnisse/Wünsche des Hofes reagierte.[145] Eine große Anzahl offizieller oder halb–offizieller historiographischer Werke im Reich lässt sich mit den Aktivitäten von Mönchen oder Nonnen in Bezug setzen. Dabei ist es auffällig, dass eine Reihe von karolingischen Annalen ihren Bericht in den allerletzten Jahren des 8. Jahrhunderts oder den allerersten des 9. Jahrhunderts abbricht, vielleicht um den nun wirklich offiziellen Annalen Platz zu machen, zu denen von den 790er Jahren an die Annales regni Francorum[146] wurden.

Karl der Große, ab 800 Kaiser des Westreichs, förderte mit der so genannten ‚Karolingischen Renaissance‘ ein Projekt von so großer kultureller Bedeutung,[147] dass sich einer seiner berühmtesten Günstlinge, Einhard, dazu entschloss, seine Biographie zu verfassen. Die Vita Karoli entstand irgendwann zwischen 817 und 836, also nach dem Tod ihres Helden als das Reich einige Schwierigkeiten erlebte. Sie ist die erste Biographie eines fränkischen Herrschers und weist einen recht starken Einfluss der antiken Historiographie auf, vor allem der „Kaiserviten“ Suetons.[148] Der Sohn und Nachfolger Karls des Großen, Kaiser Ludwig der Fromme (814–840), erhielt seinerseits zwei Biographien aus der Feder Thegans und eines anonymen Autors, der unter dem Beinamen „Astronomus“ bekannt ist.[149]

Die Karolingerzeit erlebte auch die Einführung einer weiteren historiographischen Gattung von außerhalb des fränkischen Territoriums: Nach dem Vorbild des Liber Pontificalis, einer Folge von Biographien der Päpste in Rom, erfuhr die Gattung der gesta episcoporum und der gesta abbatum, der „Taten der Bischöfe und Äbte“, ab dem 9. Jahrhundert in den Gebieten unter karolingischer Herrschaft ihre Blüte. Die daraus resultierenden Werke sind entlang der Abfolge der Bischöfe und Äbte, seit den realen oder angenommenen Anfängen der jeweiligen Kirche oder des jeweiligen Klosters bis zu der Gegenwart ihres Autors aufgebaut; es handelt sich um Werke mit starkem lokalen Bezug.[150] Als Beispiel seien die Gesta der Bischöfe von Auxerre (zugänglich dank einer neuen Edition[151]), von Metz oder von Reims genannt.[152]

Die Stadt Reims wird im 9./10. Jahrhundert geradezu zum historiographischen Zentrum ersten Ranges, vor allem dank des Annalenwerks des Erzbischofs Hinkmar (†882)[153] und später des Mönchs Flodoard (†966)[154] sowie der „Vier Bücher Geschichte“ des Mönchs Richer (†998).[155] Zur gleichen Zeit zeichnet sich das Kloster Fleury, in der Nähe von Orléans, durch ein Werk aus, das sich an der Gattungsgrenze zwischen Historiographie und Hagiographie bewegt: die Miracula sancti Benedicti, die noch bis ins 12. Jahrhundert[156] und dann durch die Historia Francorum des Mönchs Aimoin fortgeführt wurden (der sein Werk wahrscheinlich im Jahr 1004 vollendet hat)[157] und später zur Grundlage der Grandes Chroniques de France werden sollten, der offiziellen Historiographie der französischen Monarchie, die ab dem 13. Jahrhundert in der königlichen Abtei Saint-Denis verfasst wurden.

Im Gegenzug ist vom 11. Jahrhundert an die Ausformung von Chroniken mit regionaler Identität zu beobachten, wie Beispiele aus der Champagne[158] oder der Normandie[159] zeigen; südlich der Loire verkörpert die Chronik Ademars von Chabannes (†1034) dieses Phänomen.[160] Zusammen mit dem aus Burgund stammenden Rodulf Glaber (†nach 1047)[161] ist seine Chronik eine der Hauptquellen für die Kenntnis der Jahrtausendwende, die die moderne Mediävistik so sehr beschäftigt hat. Doch erleben vom 12. Jahrhundert an im Fahrwasser einer neuen kulturellen ‚Renaissance‘ auch die Weltchroniken einen neuen Höhepunkt, insbesondere durch die Werke Sigeberts von Gembloux (†1111), Hugos von Fleury (†nach 1122) oder Ordericus’ Vitalis (†1141/1142). Die Autoren dieser Epoche scheinen sich tatsächlich wieder für eine ‚globale‘ Geschichte (im Sinn einer Weltgeschichte) zu interessieren, die auch der Erweiterung ihres kulturellen Horizonts entspricht.

Spätmittelalter (Georg Jostkleigrewe)

Wie vielschichtig ‚französische‘ Historiographie im Mittelalter ist, geht schon aus der Schwierigkeit hervor, sie als Forschungsgegenstand abzugrenzen. Sie umfasst nicht nur die historiographischen Werke, die in den Vorgängeridiomen des heutigen Französisch – d.h. in den verschiedenen Literaturdialekten der „langue d’oil“ – geschrieben wurden. Auch im hoch- und spätmittelalterlichen Frankreich ist Geschichtsschreibung tiefgreifend durch lateinische Werke geprägt – ganz abgesehen davon, dass auf dem Gebiet des Königreichs weitere Volkssprachen in Gebrauch sind, die ebenfalls historiographische Traditionen entwickelt haben. Neben dem Bretonischen und Flämischen sind hier in erster Linie die okzitanischen Dialekte zu nennen, die im Süden gesprochen werden – während im Gegenzug der nordfranzösische Sprach- und Kulturraum über die Grenzen Frankreichs hinausreicht.

‚Französische‘ Historiographie lässt sich aber auch nicht nur als Geschichtsschreibung des (nord‑)französischen Sprachraums fassen. Tatsächlich wird die „langue d’oil“ zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert in verschiedenen Regionen Europas und des Nahen Ostens als Literatursprache der Eliten und damit auch als Sprache der Geschichtsschreibung verwendet. Dies gilt für das seit 1066 von französischsprachigen Fürsten beherrschte englische Königreich ebenso wie für die ‚lateinischen‘ Kreuzfahrerstaaten in Palästina, Zypern und Griechenland. Hier etabliert sich das Französische für mehrere Jahrhunderte als Muttersprache der Herrenschicht sowie als allgemeine Verkehrssprache und strahlt in dieser Eigenschaft auch auf benachbarte Gebiete wie das kleinarmenische Königreich in Kilikien aus. Als Beispiele französischsprachiger Chronistik aus Outremer sind etwa die mit französischen Übersetzungen der Chronik Wilhelms von Tyrus überlieferte Chronique d’Ernoul, die sogenannte Chronique de la Morée (= Peloponnes) und die Fleur des estoires de la terre d’Orient des armenischen Prinzen und Prämonstratensers Hayton von Korykos zu nennen. Schließlich wird das Französische als prestigeträchtige Kultursprache seit dem 13. Jahrhundert auch von italienischen Geschichtsschreibern verwendet.[162]

Die schiere Unmöglichkeit, diese historiographische Vielfalt in ihren unterschiedlichen Kontexten auch nur annähernd zu fassen, macht eine auf inhaltliche Kriterien gegründete Bestimmung des hier zu behandelnden Gegenstandes erforderlich. Im folgenden werden daher nur solche Texte betrachtet, die wesentlich durch die Bezugnahme auf die Geschichte des französischen Königreiches oder einzelne seiner Teile geprägt sind. Die Problematik einer solchen Abgrenzung ist dabei stets zu reflektieren: Sie zwingt z.B. dazu, die Gattung der Hagiographie trotz ihres geschichtswissenschaftlichen Quellenwertes ebenso aus der Betrachtung auszuschließen wie bloße Darstellungen der antiken Geschichte, obwohl letzteren innerhalb Frankreichs eine wichtige Rolle bei der Entstehung volkssprachlicher Prosahistoriographie zukommt.[163]

Die hochmittelalterlichen französischen Chronisten können auf das reiche historiographische Erbe derer zurückgreifen, die die Geschichte des merowingischen Frankenreich, der karolingischen Hausmeier und Könige und ihrer westfränkischen Nachfolger dargestellt haben (vgl. den vorigen Abschnitt). Auf dieser Grundlage beginnt der dort schon erwähnte Benediktiner Aimoin von Fleury, eine zusammenhängende Geschichte des fränkischen Volkes von dessen mythischen trojanischen Ursprüngen an zu schreiben. Diese Historia Francorum, die im Jahr 654 abbricht, aber von verschiedenen Fortsetzern bis in die jeweilige Gegenwart fortgeführt wird, erzählt die Geschichte der Franci in erster Linie als Geschichte ihrer Könige: res gestae gentis sive regum Francorum.[164] Die Konstruktion historiographischer Kontinuitätslinien zwischen dem hochmittelalterlichen Königtum und der glorreichen Herrschaft der großen Merowinger und Karolinger geht dabei nicht immer mit einer positiven Bewertung der zeitgenössischen Könige einher. Die vor 1034 in Sens entstandene Historia Francorum Senonensis etwa zeigt heftige Ressentiments gegenüber der kapetingischen Dynastie, die seit 987 die Könige stellt.

Solche ‚Frankengeschichten‘ bilden im 11. und 12. Jahrhundert indes nicht den dominierenden Typus der Geschichtsschreibung. Stellt die Abtei Fleury am Beginn des 11. Jahrhunderts aufgrund ihrer politischen Beziehungen zum Königshof das Zentrum einer tendenziell überregionalen, auf das Königtum ausgerichteten Geschichtsschreibung dar, so bleibt der historiographische Horizont der meisten anderen geistlichen Institutionen weitgehend auf die Belange der betreffenden Klöster bzw. Kirchen und ihrer adligen Wohltäter beschränkt. Daneben richten einige Historiographen ihren Darstellungsfokus auf die entstehenden bzw. sich verfestigenden regionalen Lehensfürstentümer: Die aquitanische Frankengeschichte des Adémar de Chabannes ist zwar grundsätzlich als Königsgeschichte angelegt, doch berichtet der Verfasser ab dem 9. Jahrhundert verstärkt über den aquitanischen Raum und dessen Herzöge. Besonders ausgeprägt ist diese Tendenz in der Normandie: Die Gesta Normannorum Ducum des Guillaume de Jumièges erzählen Geschichte konsequent aus normannischer Perspektive – auch dort, wo der Bericht dem herzoglichen Tatendrang folgend die Grenzen der Normandie überschreitet. Nach der normannischen Eroberung Englands weiten Guillaumes Fortsetzer den historiographischen Fokus auf den gesamten Herrschaftsbereich der anglonormannischen Könige aus. Im anglo-normannischen Raum wird Geschichtsschreibung wenig später auch zum ersten Mal für eine überregionale säkulare Identitätsstiftung jenseits des Modells der fränkisch-französischen Königsgeschichte genutzt. Im Umfeld der angevinischen Plantagenêts, die seit 1154 neben England das gesamte westliche Frankreich beherrschen, dichten Wace und Benoît de Sainte-Maure je zwei französischsprachige Reimchroniken, die zum einen die normannische Tradition fortführen, zum anderen die trojanisch-arthurischen Mythen der Historia regum Britanniae des Geoffrey of Monmouth aufgreifen.[165]

Vielleicht stellen diese historiographischen Ansätze Reaktionen auf die Verdichtung einer genuin französischen Identität im kapetingischen Königreich dar. In einer normannischen Satire, die kurz vor der französischen Eroberung des Herzogtums (1204) entstanden ist, werden Elemente des angevinischen Geschichtsbildes jedenfalls gegen die ideologisch überhöhten Ansprüche der ‚Franzosen‘ und ihrer Könige in Stellung gebracht.[166] Tatsächlich ist im französischen Kernland um Paris seit dem 12. Jahrhundert eine historiographische Rückbesinnung auf das Königtum als Repräsentanten eines von Gott besonders begnadeten Volkes zu beobachten. Die Forschung hat in diesem Kontext die Rolle der Abtei Saint-Denis bei Paris als Zentrum königsnaher Geschichtsschreibung betont. Beginnend mit Sugers Biographie Ludwigs VI. entstehen hier mehrere Königsviten, die im Laufe des 13. Jahrhunderts zusammengefügt und um Aimoins Historia sowie weitere Materialien zur fränkisch-französischen Vorgeschichte ergänzt werden. Eine solche Sammelhandschrift (BnF lat. 5925) bildet die Grundlage für den Roman des roys des Primat von Saint-Denis. Dieser legt 1274 in französischer Prosa eine zusammenhängende Geschichte der François und ihrer Könige von den Ursprüngen bis zum Tod Philipps II. (1223) vor, die bald um französische Übersetzungen der Viten Ludwigs IX. und Philipps III. ergänzt und zum Ausgangspunkt der später als Grandes Chroniques de France bezeichneten Chronikfamilie wird. Dieselben Materialien gehen z.T. in das Chronicon des Guillaume de Nangis ein, das an die Weltchronik des Sigebert von Gembloux anknüpft, ursprünglich bis 1300 reicht und in Saint-Denis bis 1340 fortgesetzt wird. Um 1300 ist die Chronistik des Klosters Saint-Denis damit als Modell einer auf das Königtum ausgerichteten (Prosa‑)Geschichtsschreibung etabliert, auf die sich auch Dichter wie Adenet le Roi (in Berthe as grans piés) und Reimchronisten wie Guillaume Guiart als historizitätsverbürgende Chiffre berufen.

Der Fokus auf das Königtum prägt nun auch Werke, die abseits von Paris entstehen wie z.B. die sogenannte Chronique de Baudouin d’Avesnes, die Chroniques de Flandre oder auch normannische Werke wie die Chronique des quatre premiers Valois. Angesichts dieser breiten Entwicklung darf man die Rolle von Saint-Denis als Multiplikator einer spezifisch königlichen Geschichtssicht nicht überschätzen, zumal die dortigen Chronisten schon im 13. Jahrhundert auf historiographische Innovationen eher reagieren als sie anstoßen: Die älteste volkssprachliche Prosageschichte der französischen Könige schreibt der Anonyme de Béthune – ein Autor, der zuvor ein ähnliches Werk über die anglonormannischen Herrscher verfasst hatte. Und selbst der zweifellos erfolgreiche Typus der prosaischen Königschronistik stellt im Spätmittelalter nur eine Tradition unter mehreren dar; es gibt weiterhin Reimchroniken, historische Anekdotensammlungen und vor allem Geschichtskompendien, die Nachrichten über Frankreich in den universalgeschichtlichen Rahmen einer Papst-Kaiser-Geschichte einbetten. Darüber hinaus entsteht in den wallonischen Niederlanden eine weitere Chronikfamilie, deren Fokus nicht auf dem französischen Königtum, sondern explizit auf dessen Konflikt mit England liegt. Die haults faitz du roy Edouart d’Angleterre et des II roys Philippe et Jehan de France[167] (d.h. die Konflikte des beginnenden Hundertjährigen Krieges) bilden den historiographischen Fokus des Lütticher Patriziers Jean le Bel – eine Perspektive, die von Froissart aufgegriffen und im 15. Jahrhundert von Monstrelet und Chastelain fortgeführt wird. Die Innovationen des späteren 15. Jahrhunderts liegen demgegenüber vor allem auf stilistischem Gebiet. Die humanistische Geschichtsschreibung eines Robert Gaguin orientiert sich an antiken Vorbildern, greift inhaltlich aber auf die Grandes Chroniques zurück, die seit 1476 im Druck vorliegen und das französische Geschichtsbewusstsein am Beginn der Frühen Neuzeit wohl nachhaltiger prägen als in früheren Jahrhunderten.

Wie eingangs betont, erfasst dieser Überblick weder die gesamte französischsprachige Geschichtsschreibung noch sämtliche Aspekte der historiographischen Produktion innerhalb Frankreichs. Der aus Umberto Ecos Roman unrühmlich bekannte Bernard Gui etwa kompiliert neben einem Kompendium zur französischen Geschichte u.a. eine Geschichte des Dominikanerordens, eine Papstgeschichte und einen Kaiserkatalog ohne spezifischen Frankreichbezug; es bleibt offen, welche Werke den Zeitgenossen wichtiger erscheinen. Auch ist zu fragen, wie weit implizite Vorannahmen der Forschung das oben skizzierte Bild einer zunehmenden Dominanz der Königschronistik beeinflussen. So hat der traditionelle Fokus auf die Königschronistik z.B. dazu geführt, dass man bei der Untersuchung von französischen Universalchroniken zwar danach gefragt hat, wie dieses Genre bei seiner Rezeption in Frankreich an die Vorstellung eines hegemonialen, besonders begnadeten französischen Königtums angepasst wurde, die auch die französische Königschronistik prägt.[168] Nicht gefragt hat man hingegen danach, ob die rezipierten Werke im Gegenzug auch französische Geschichtsbilder beeinflusst haben. Ähnliche Überlegungen sind auch hinsichtlich der weithin geleugneten Existenz einer französischen Stadtgeschichtsschreibung anzustellen. Gewiss stehen Informationen über Korn- und Weinpreise, Witterung und lokale Magistrate in einschlägigen Werken zumeist neben Nachrichten über das Königreich, aber soll man den städtischen Aspekt deshalb ausblenden? So bleibt manches Verdikt über die französische Historiographie zu überprüfen.

Italien

Früh- und Hochmittelalter (Claudia Zey)

Die Eindeutigkeit, mit der Italien räumlich zu erfassen ist, steht im Gegensatz zur politischen und kulturellen Inkohärenz, die dieser Raum seit dem Untergang des Weströmischen Reiches und den Jahrhunderten der Völkerwanderung aufwies. Ostgoten, Griechen, Langobarden, Franken, Araber, Normannen, Deutsche, Franzosen und Spanier bestimmten die Geschichte Italiens vom 5. bis zum 13. Jahrhundert. Königreiche, Fürstentümer, geistliche und weltliche Stadtherrschaften folgten aufeinander und existierten nebeneinander. In den wirtschaftlich prosperierenden oberitalienischen Städten nahm die kommunale Bewegung ihren Ausgangspunkt, bevor sie das nordwestliche Europa und Mittelitalien erfasste. Süditalien blieb davon weitgehend unberührt. Gleichzeitig war Italien der Austragungsort erbitterter Kämpfe zwischen dem römisch-deutschen Kaisertum und dem Papsttum und wurde von mehreren großen Papstschismen in Mitleidenschaft gezogen. Erst im endenden Hochmittelalter wurden die politischen Konturen klarer, als sich in der Lombardei die Kommunen als stärkste politische Kraft durchsetzten, während in der Mitte Italiens die päpstliche Herrschaft territorial die Oberhand gewann und ihre Vorherrschaft nach dem Ende der Staufer auch auf Süditalien ausdehnte.

Diese heterogenen Herrschaftsverhältnisse haben die Geschichtsschreibung Italiens geprägt. Das gesamte Mittelalter hindurch blieb sie regional verankert und häufig zeitgeschichtlich motiviert. Ansätze einer gesamtitalienischen Sicht finden sich erst im 13. Jahrhundert, etwa mit der Cronica des Franziskaners Salimbene de Adam, die Italien und das Reich zum Gegenstand hat und neben Latein auch volkssprachige Passagen enthält.

Frühe Anfänge von Historiographie in Italien sind mit der Origo gentis Langobardorum (7. Jh.) und mit der Historia Langobardorum des Paulus Diaconus (8. Jh.) noch stark gentil ausgerichtet. Hierin wird die sagenreiche Herkunftsgeschichte der Langobarden und die Herrschaft der lombardischen Könige thematisiert. Die Historia des Paulus Diaconus erfreute sich auch aufgrund ihrer literarischen Qualität das gesamte Mittelalter hindurch großer Beliebtheit und ist mit über 100 Handschriften außergewöhnlich breit überliefert. Besonders in Montecassino, wohin sich Paulus nach seinem Aufenthalt am Hof Karls des Großen zurückgezogen hatte, fanden Inhalt und literarische Tradition zahlreiche Fortsetzer. Erchempert gehört mit seiner Historia Langobardorum Beneventanorum (9. Jh.) ebenso dazu wie Amatus von Montecassino, der im 11. Jahrhundert mit seiner Historia Normannorum den Aufstieg der Normannen von Söldnern zu Herrschern in Süditalien beschrieb. Auch in eigener Sache wurden die Mönche dieser berühmten Benediktiner-Abtei aktiv, indem sie die Geschichte ihres Klosters von der Gründung durch Benedikt von Nursia (um 529) aufschrieben und bis 1138 fortführten. Mit Leo von Ostia und Petrus Diaconus waren auch durch andere Werke bekannte Autoren an dieser Chronica monasterii Casinensis (11.–12. Jh.) beteiligt.

Von Montecassino abgesehen, ist der nördlich der Alpen stark vertretene Typus der Klosterchronistik in Italien schwächer repräsentiert. Nur von wenigen anderen Klöstern, wie etwa den Benediktinerabteien Farfa, S. Clemente in Casauria und der Cluniazenserabtei Fruttuaria, hat sich eine reichere Geschichtsüberlieferung erhalten: die Destructio monasterii Farfensis und die Relatio constitutionis des Hugo von Farfa (10.–11. Jh.), das Chronicon Farfense des Gregor von Catino (11. Jh.), das Chronicon Casauriense des Johannes Berardi (11. Jh.) sowie das erst im 13. Jahrhundert begonnene, anonym überlieferte Chronicon abbatiae Fructuariensis (13.–15. Jh.).

Eine Kirchen- und Bistumsgeschichte wurde im hochmittelalterlichen Italien vornehmlich als Stadthistorie aufgezeichnet. Das gilt für die Verfasser geistlichen Standes ebenso wie für die große Schar der Chronisten aus dem Laienstand, die häufig als Notare im Dienst der Stadt Zugang zu dokumentarischen Quellen hatten. Der Stolz auf die eigene Stadt, die Verehrung des Stadtpatrons, die Sorge um die kirchliche, politische und soziale Ordnung sind den Chronisten in allen Teilen Italiens gemeinsam. In Oberitalien war die städtische Historiographie besonders stark ausgeprägt. Namentlich für die Mailänder Metropole ist eine reiche Überlieferung erhalten. Neben den großen Werken Arnulfs von Mailand (Liber gestorum recentium, 11. Jh.), des sogenannten älteren Landulf (Historia Mediolanensis, 11. Jh.), des jüngeren Landulf von St. Paul (Historia Mediolanensis, 12. Jh.), Goffredos da Bussero (Cronica und Liber notitiae sanctorum Mediolani, 13. Jh.), Stefanardos da Vimercate (Liber de gestis in civitate Mediolanensi, 13. Jh.) und Bonvesins de la Riva (De magnalibus Mediolani, 13. Jh.) existiert eine Vielzahl anonym überlieferter Annalen und Chroniken. In ihnen spiegelt sich der Wechsel von der bischöflichen Stadtherrschaft zur kommunalen Verfassung wider und damit auch der gesellschaftliche Umwälzungsprozess innerhalb der Städte, häufig ausgelöst durch den Streit um die Parteinahme für Kaiser oder Papst. Die Mailänder Gewährsmänner Arnulf, der sogenannte ältere Landulf ebenso wie der jüngere Landulf legen in ihren Chroniken beredtes Zeugnis ab von den schweren Konflikten und bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen. Ebenso berichten Bonizo von Sutri in seinem Liber ad amicum (11. Jh.) und Johannes Codagnellus in seinen Annales Placentini und seinem Liber rerum gestarum / Chronicon Placentinum (12.–13.Jh.) für Piacenza, Caffaro da Caschifellone, einer der ersten Geschichtsschreiber aus dem Laienstand, in seinen Annales Ianuenes (11.–12. Jh.) für Genua sowie Vater und Sohn Otto und Acerbus Morena für Lodi (Libellus / Liber / Historia de rebus Laundensibus / de rebus a Frederico imperatore gestis, 12. Jh.). Demgegenüber bietet Sicard von Cremona in seiner Cremonensis Cronica (12.–13. Jh.) ein eigentümlich einträchtiges Bild von der auf kaiserlicher Unterstützung basierenden bischöflichen Stadtherrschaft in Cremona zu Beginn des 13. Jahrhunderts.

Auch in Mittel- und Süditalien finden sich herausragende Beispiele des städtisch geprägten Blicks auf die Zeitläufte, etwa, um nur einige zu nennen, im Chronicon Beneventanum des Falko von Benevent (11.–12. Jh.), der im neapolitanischen Exil die Vergangenheit seiner Stadt beschrieb, oder in den Annales Pisani des Richters und Notars Bernardus Marago (12. Jh.).

Nahezu alle Chronisten begegnen uns als Zeugen der großen kaiserlich-päpstlichen Zerwürfnisse und der Papstschismen. Die meisten waren sogar in diese Konflikte involviert und verarbeiteten sie in ihren Texten, wie etwa Arnulf von Mailand und Bonizo von Sutri zum Beginn des Investiturstreits (1076–1080), oder wie Falko von Benevent und der Cassinenser Mönch Petrus Diaconus, bezogen auf das Schisma zwischen Innozenz II. und Anaklet II. (1130–1138). Gleiches gilt für Otto und Acerbus Morena und die Auseinandersetzung Friedrichs I. Barbarossa mit Papst Alexander III. und Mailand (1159–1177). Gegen deren prokaiserliche Sichtweise existiert mit der anonym überlieferten Narratio de Longobardiae obpressione et subiectione (12. Jh.) eine wirkmächtige Gegenschrift. Dabei ergriffen die Autoren leidenschaftlich für die eine oder andere Seite Partei, ohne aber das Zentrum ihres Wirkens und ihres Interesses dabei aus den Augen zu verlieren oder die historische Erzählform zu vernachlässigen. Vielmehr boten ihnen die großen (kirchen-)politischen Ereignisse den Anlass zu einer Rückbesinnung auf die Traditionen ihrer Stadt und deren Exemplifizierung in didaktischer Absicht.

Damit können die städtisch verankerten Chronisten von denjenigen Geschichtsschreibern unterschieden werden, die ihre Opera im Auftrag von Kaiser-, Königs- oder Fürstenhöfen oder mit der Absicht verschriftlichten, sie einem Herrscher zu widmen. Ein früher Exponent dieser hofnahen Geschichtsschreibung ist Liudprand von Cremona, der sich nach seinem Zerwürfnis mit König Berengar II. von Italien ganz in den Dienst Ottos I. stellte und dessen Herrschaftsübernahme im italischen Regnum mit zwei Geschichtswerken feierte (Antapodosis und De Ottone rege, 10. Jh.). Als weitere bedeutende Vertreter dieses Genres haben zu gelten Benzo von Alba mit seinem prosimetrischen Panegyricus auf Kaiser Heinrich IV. (Ad Heinricum imperatorem libri VII, 11. Jh.), Donizo von Canossa mit der in Versform gehaltenen Lebensgeschichte der Markgräfin Mathilde, die zugleich eine Dynastiegeschichte des Markgrafenhauses von Tuszien und Canossa darstellt (Vita Mathildis, 12. Jh.), und Petrus von Eboli mit seinem bebilderten lateinischen Versepos Liber ad honorem augusti (12.–13. Jh.), das von der Eroberung des Königreichs Sizilien durch Heinrich VI. handelt und diesem gewidmet ist. An der römischen Kurie griff der Kämmerer Boso zur Feder und erzählte, angelehnt an den frühmittelalterlichen Liber pontificalis (6.–9. Jh.), nach dem Ende des Konflikts mit Barbarossa die Geschichte der römischen Päpste in den Gesta pontificum Romanorum (12. Jh.) für die Zeit zwischen 885 und 1178 neu.

Der normannisch-staufische Hof in Süditalien war Anziehungspunkt für viele Gelehrte, die sich in Diensten der Fürsten und Könige schriftstellerisch betätigten. Aus dieser Gruppe stechen hervor Gaufredus Malaterra mit seinem Tatenbericht über Graf Roger I. von Sizilien und Herzog Robert Guiscard von Apulien und Kalabrien (De rebus gestis Rogerii Calabriae et Siciliae comitis et Roberti Guiscardi ducis fratris eius, 11. Jh.), Wilhelm von Apulien, der sein Versepos über die Taten Roberts Guiscard dessen Sohn Roger Borsa widmete (Gesta Roberti Wiscardi, 11.–12. Jh.), Alexander von Telese mit seiner Biographie König Rogers II., die er dessen Schwester dedizierte (Ystoria Rogerii Regis, Sicilie, Calabrie atque Apulie, 12. Jh.), Romuald von Salerno, der als Gesandter der normannischen Könige Wilhelm I. und Wilhelm II. an den Vertragsverhandlungen von Benevent (1156) und von Venedig (1176/77) beteiligt war und in seiner Weltchonik (Chronicon, 12. Jh.) detailliert über diese Geschehnisse referierte. Dagegen beschränkte sich sein Zeitgenosse Hugo Falcandus in seinem Liber de Regno Sicilie (12. Jh.) auf eine facettenreiche Beschreibung des normannischen Königshofes, während Richard von San Germano in seiner Chronica (13. Jh.) die Geschichte des Königreichs Sizilien unter Friedrich II. dokumentierte. Auch das Ende der staufischen Herrschaft in Südtitalien, die Machtübernahme durch Karl von Anjou und deren vorzeitiges Ende durch die Sizilianische Vesper 1282 wurden durch den Römer Saba Malaspina (Chronica oder Liber gestorum regum Sicilie, 13. Jh.) und den aus Messina stammenden Bartholomeus von Neocastro (Historia Sicula, 13. Jh.) historiographisch kommentiert. Während Saba die Verhältnisse in Süditalien aus dem Blickwinkel der päpstlichen Suprematie auf das Königreich Sizilien betrachtete, war Bartholomeus als angesehener Jurist am Hof der aragonesischen Könige ein glühender Anhänger von deren Herrschaftsübernahme.

In diesem weitgespannten Feld von Inhalten und Formen ist die Suche nach Gemeinsamkeiten einer italienischen – oder für die frühe Zeit besser italischen – Geschichtsschreibung im Früh- und Hochmittelalter müßig. Sie bestehen nur in zwei grundsätzlichen Gegebenheiten: der starken regionalen Verankerung der Werke und dem Gebrauch von Latein als dominierender Schriftsprache. Italienisch hielt erst im Spätmittelalter verstärkt Einzug in die Historiographie der Halbinsel.

Spätmittelalter (Christoph Dartmann)

Es ist nicht möglich, italienische Geschichtsschreibung des Spätmittelalters als kohärentes Textcorpus zu beschreiben. Schon die Zuweisung, was eigentlich von diesem Sammelbegriff erfasst wird und was nicht, ist problematisch. So wird man sich einerseits damit schwertun, die katalanische Chronik des Ramon Muntaner (†1336) als Teil der italienischen Historiographie zu behandeln, obwohl ihr Verfasser längere Zeit im Dienste der Krone von Aragón auf Sizilien und Sardinien tätig war und er sein Wirken für die Herrscher über diese italienischen Inseln schildert. Andererseits ist es nicht möglich, ihn aufgrund der Sprache, in der er schreibt, oder seiner Verbindung mit einer Herrschaft, deren Zentrum nicht in Italien lag, aus dem Kanon der spätmittelalterlichen Werke auszugrenzen, die die Geschichte des heutigen Italien beschreiben bzw. deren Entstehung mit dieser Geschichte eng verbunden ist. Denn anders lässt sich nicht definieren, was italienische Geschichtsschreibung im Spätmittelalter ausgemacht hat. Vielmehr handelt es sich um eine retrospektive Kanonbildung, die aus dem Versuch des 19. Jahrhunderts resultiert, Geschichte als Geschichte der italienischen Nation zu konstruieren. Das hat zugleich die aragonesischen Könige zu Gliedern in einer Kette von vermeintlichen ‚Fremdherrschern‘ degradiert hat und folgerichtig auch die Chronik des Ramon Muntaner die Aufnahme in den Kanon italienischer Geschichtsschreibung gekostet hat.

Die Geschichtsschreibung, die im Spätmittelalter auf der Apenninenhalbinsel entstanden ist, kannte eine große Vielfalt der Herkunft ihrer Verfasser, der verwendeten Gattungen, der thematischen Fokussierung sowie nicht zuletzt auch der Sprachen, in der sie verfasst wurde, sei es Latein, seien es andere Umgangssprachen. Daher eignet sich auch die Sprache nicht als Kriterium, das eine Corpus-Definition rechtfertigte. So setzt der in Asti schreibende Chronist Ogerio Alfieri (†1294) die Tradition der notai-cronisti fort, die in einem klaren, notariell geprägten Latein die Geschichte der eigenen Stadt bis in die Gegenwart hinein verfolgten. Stärker umgangssprachlich geprägt ist das Latein des Memoriale seines jüngeren Mitbürgers Guglielmo Ventura († nach 1310) oder auch der Cronica des Franziskaners Salimbene de Parma († ca. 1288), wobei das letztere Werk zugleich deutliche Spuren der Predigttätigkeit des Mendikanten aufweist. Während die Florentiner Historiographie des 14. Jahrhunderts mit den Werken eines Dino Compagni (†1324) oder eines Giovanni Villani (†1348) das toskanische Volgare verwendet, das zum Ausgangspunkt für die italienische Hochsprache der Moderne werden sollte, orientierten sich die nordostitalienischen Autoren Ferreto de‘ Ferreti (†1337) und Albertino Mussato (†1329) bereits wieder an antiken Vorbildern und entwickelten eine Geschichtsschreibung, deren Sprache und Rhetorik sie in der Rückschau zu Vorläufern des Humanismus werden lässt. Weil es zugleich kein einheitliches Volgare gab, fällt auch die Umgangssprache als Kriterium für die Umschreibung eines Corpus italienischer Historiographie des Spätmittelalters aus – der Venezianer Martino Canal († ca. 1275) verfasste zum Beispiel seine Estoires de Venise in einem stark venezianisch gefärbten Französisch. Die sprachliche Vielfalt der spätmittelalterlichen Historiographie, die auf dem Gebiet des modernen Italien entstand, resultiert aus der kulturellen Inhomogenität sowie aus dem Fehlen institutioneller Strukturen, die die verschiedenen Regionen der Apenninenhalbinsel miteinander verbunden hätten. Erst als der Humanismus von Venedig bis Rom und von Mailand bis Neapel Anerkennung gefunden hatte, stellte er einheitliche sprachliche und rhetorische Muster zur Verfügung, die eine größere Homogenität der Geschichtsschreibung ermöglichte.

Einige Grundzüge der historiographischen Produktion des Spätmittelalters setzen hochmittelalterliche Traditionen fort: die große Bedeutung von Laien als Geschichtsschreibern, die Dominanz von zeitgeschichtlichen Werken sowie ihr stark regionaler Bezug. Seit dem 12. Jahrhundert betätigten sich Exponenten städtischer Führungsschichten – Rechtspraktiker, Politiker, Kaufleute – als Historiographen. Das Spätmittelalter sah in Italien überwiegend laikale Verfasser, auch wenn Kleriker und Mönche ebenfalls weiterhin zur Feder griffen, wie zum Beispiel der mit den Visconti verbundene Mailänder Dominikaner Galvano Fiamma († ca. 1344) oder auch Iacopo da Varazze (†1298), Erzbischof von Genua und Verfasser der Legenda aurea, der neben anderen Werken auch eine Chronica civitatis Ianuensis von der Gründung der Stadt bis zum Jahr 1297 hinterlassen hat. Darüber hinaus verfassten geistliche Autoren nach wie vor zentrale Werke des hagiographischen Schrifttums. Die spätmittelalterliche Geschichtsschreibung Italiens präsentiert in vielen Fällen selbsterlebte Zeitgeschichte. Besonders prägnant ist dieser Zug selbstverständlich bei Diarien und kleinen Chroniken, in denen zum Beispiel Florentiner Bürger die politischen Krisen von dem Aufstand der Ciompi 1378 bis zum Ende der älteren Medici-Herrschaft im Jahr 1494 begleiteten. Aber auch frühere Werke lassen oft den deutlichen Wunsch erkennen, die gegenwärtigen Zustände zu erklären oder sogar zu beeinflussen, wie zum Beispiel im Fall des Florentiners Dino Compagni (†1324), der selbst als Prior in die innerstädtischen Konflikte um das Jahr 1300 involviert war, die seinen Mitbürger Dante Alighieri ins Exil zwangen, und diese Auseinandersetzungen in seiner Cronica delle cose occorrenti ne’ tempi suoi schildert und deutet, die dann den Italienaufenthalt Kaiser Heinrichs VII. in den Jahren 1310–1313 als Hoffnung für das heillos zerstrittene Italien feiert. Sein jüngerer Mitbürger Giovanni Villani (†1348) verfolgt in seiner Nuova Cronica gleichfalls eine zeitgeschichtlich-politische Agenda, greift aber in seiner Darstellung weit in die Weltgeschichte zurück, ehe er sich, je weiter er seiner eigenen Gegenwart annähert, zunehmend seine Heimatstadt ins Zentrum der Darstellung rückt. Ähnlich verfährt auch der aus dem lombardischen Monza stammende Bonincontro Morigia († ca. 1357). Seine Chronica, eine Weltchronik unter besonderer Berücksichtigung der Bedeutung seiner Heimatstadt, dient unter anderem dem Nachweis, Monza sei der angemessene Ort für die Krönung der römisch-deutschen Könige mit der Eisernen Krone des regnum Italiae, der Schilderung von Heiligen und Wundern, die dem Verfasser am Herzen lagen, sowie nicht zuletzt dem Bericht von seiner eigenen Beteiligung an einer Gesandtschaft, mit der die Bewohner Monzas ihren Domschatz aus Avignon zurückgewinnen konnten.

Die genannten Beispiele belegen bei aller Vielfalt der historiographischen Gattungen zugleich auch den regionalen oder lokalen Fokus, der diese Geschichtswerke kennzeichnet. Bei allem Interesse für globale Zusammenhänge – der Florentiner Kaufmann Giovanni Villani ist sehr genau über die Geschehnisse in den Regionen Europas und des Mediterraneum informiert, mit denen die Florentiner ökonomische Beziehungen pflegen – dient die Geschichte der eigenen Stadt und ihrer unmittelbaren Umgebung in aller Regel als roter Faden der Geschichtsdarstellung. Das gilt nicht nur für Werke aus der ober- und mittelitalienischen Städtelandschaft, sondern zum Beispiel auch für die Geschichten des Königreichs Sizilien aus der Feder von Saba Malaspina (†1297/1298) und Bartolomeo di Neocastro (†1294/1295) Die Vielfalt der Formen, Themen, Entstehungszusammenhänge und Geschichtsvorstellungen der italienischen Historiographie des Spätmittelalters spiegelt ebenso wie die soziale und kulturelle Heterogenität ihrer Verfasser die Dynamik wider, die die Kulturen, Gesellschaften und politischen Systeme der Apenninenhalbinsel in diesen Jahrhunderten prägte.

Iberische Halbinsel

Früh- und Hochmittelalter (Klaus Herbers)

Die Grundlagen für die lateinische Geschichtsschreibung der mittelalterlichen Iberischen Halbinsel und wichtige Referenzpunkte für spätere Traditionsbildungen wurden bereits in der Westgotenzeit geschaffen. Gekennzeichnet ist diese historiographische Epoche ähnlich wie in anderen post–römischen Großregionen zunächst vor allem durch die Fortentwicklung spätantik-christlicher Ansätze, denkt man nur an Paulus Orosius († um 418), der mit seiner Geschichte „Gegen die Heiden“ an Vorstellungen Augustins anknüpfte, das römische Reich als letzte der vier Weltmonarchien betrachtete und die Geschichte seiner Zeit bis ins Jahr 417 weiterführte. In der Folge entstanden mehrfach annalistische Aufzeichnungen, aber auch anspruchsvollere Werke wie das des Johannes von Biclaro († um 620), der in Konstantinopel ausgebildet wurde und eine ursprünglich in Nordafrika verfasste Weltchronik fortsetzte.

Überragend für die Westgotenzeit ist das Werk Isidors von Sevilla († 636), der nicht nur durch sein enzyklopädisches Werk der „Etymologien“ hervorsticht, sondern auch eine längere und kürzere Chronik sowie eine Geschichte der Westgoten verfasste. Isidor bezieht sich in der kürzeren Chronik auf die augustinische Lehre von den sechs Weltzeitaltern. Über die Herrscher dreier Völker seit dem 4. Jahrhundert berichtet Isidor in der Historia de regibus Gothorum, Vandalorum et Sueborum, mit einem deutlichen, neuartigen Schwerpunkt auf den Goten. Das Werk lässt damit ansatzweise eine Verschmelzung römischer und gotischer Traditionen erkennen. Das verdeutlicht das der Schrift vorangestellte Lob auf die Hispania, die jetzt vom Volk der Goten glücklich beherrscht werde. Der Katholik Isidor haderte zwar mit der arianischen Vergangenheit der Goten, aber er pries diese gens dennoch, weil sie Tugend (virtus) gezeigt habe. Heilsgeschichtlich habe dies fast zwangsläufig zum Abschwören von der arianischen Häresie geführt. Isidor vereinigte so – auch tagespolitisch angeregt – römische Tradition und Gotenherrschaft. Diese Verbindung legte die Basis für spätere ‚nationalgeschichtliche‘ Entwürfe: zu den asturischen Chroniken am Hof Alfons III. ebenso wie zum historiographischen Werk des Toledaner Erzbischofs Rodrigo Jiménez de Rada († 1247).

Nach der Unterwerfung großer Teile der Iberischen Halbinsel durch die Muslime seit 711 fehlt eine ‚gesamtspanische‘ Geschichtsschreibung. 741 und 754 entstanden zwar im muslimischen Herrschaftsbereich noch einmal zwei Werke, die an Isidor und Johannes von Biclaro anknüpften, deren Interessensfokus aber stärker auf Byzanz und den muslimischen Herrschaftsbereich gerichtet war. Die meisten Schriften waren jedoch Traktate, Briefe oder passiones, aber in einzelnen Passagen sind gleichwohl Vorstellungen von Geschichte und Zeit enthalten, die der neuen Situation geschuldet waren, zum Beispiel wenn Paulus Alvarus in seinem Indiculus luminosus wie andere Zeitgenossen das Römische Reich als letztes der vier Weltreiche ansah und das Reich der Römer und der Westgoten zu den Herrschaften der zehn Könige zählte, die entsprechend alter Weissagungen den römischen Erdkreis untereinander aufteilen sollten. Die drei Reiche der Byzantiner, Franken und Westgoten seien von dem muslimischen Antichrist besiegt worden. Nicht nur die Bezugnahme auf die islamische Herrschaft ist hier bemerkenswert, sondern auch die Gleichstellung der Reiche von Byzantinern, Franken und Westgoten. Bei seinem Mitstreiter Eulogius findet sich die (neben der Übersetzung des Anastasius Bibliothecarius) früheste Fassung einer Mohammedvita.

Im zunächst kleineren, christlich gebliebenen Norden der Iberischen Halbinsel setzte die lateinische Historiographie in nennenswertem Maße erst wieder am Ende des 9. Jahrhunderts ein. In der Zeit Alfons‘ III. von Asturien (866-910) entstanden verschiedene Chroniken, die durchaus weltgeschichtliche Perspektiven entwickelten. Zu diesem Chronikzyklus gehört die als Chronica prophetica bezeichnete Schrift, die in Form eines Ezechielkommentars das Ende der muslimischen Herrschaft vorhersagte. Das als „Chronik Alfons‘ III.“ bekannte Werk entwickelte in verschiedenen Textredaktionen wirkmächtige Narrative zur historiographischen Überbrückung und Heilung des Kontinuitätsbruchs, den der Untergang des westgotischen Reichs 711 aus christlicher Sicht bedeutet hatte.

Nach eher kleineren Schriften des 10. Jahrhunderts und den für die Entstehung Navarras und Kastiliens wichtigen Genealogien, denen im Westen etwa die Annales Portugalenses Veteres an die Seite gestellt werden können, markiert die nach dem Kloster Silos bei Burgos benannte  Historia Silensis im beginnenden 12. Jahrhundert ein neuerliches Aufblühen der iberischen Historiographie. Diese Chronik, in die ältere, nicht selbstständig überlieferte Werke eingeflossen sind – so vor allem die sogenannte Chronik des Sampiro – zeigt exemplarisch die auch in anderen historiographischen Arbeiten dieser Zeit vorherrschende perspektivische Beschränkung auf die Partikulargeschichten einzelner iberischer Reiche: Wie auch die etwa 1160 verfasste und nach dem Kloster Nájera bezeichnete Crónica Najerense leitet die Silensis aus dem Motiv des Gotenerbes kastilische Hegemonialansprüche gegenüber den anderen christlichen Reichen der Iberischen Halbinsel ab.

Im hohen Mittelalter fand sich neben historiographischen Werken im strengeren Sinne relativ häufig eine Sonderform historiographischer Überlieferung, die unter den verschiedensten Bezeichnungen wie Gesta oder Chartularchronik gefasst werden kann. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die Historia Compostellana, die um 1140 in Santiago de Compostela zusammengestellte wurde. Sie folgte teilweise ähnlichen Entstehungsbedingungen wie Chartulare oder Tumbos bzw. Libri Testamentorum (dies sind in Spanien häufige archivalische Bezeichnungen für zusammengestellte Urkundenabschriften). Sie verfolgten in der Regel keine historiographischen Konzepte weltgeschichtlicher Art, sondern waren an Institutionen wie Bistümer oder Klöster, gebunden. Krisenzeiten waren für die Entstehung einschlägig. Die Historia Compostellana (in der Eigenbezeichnung auch Registrum) könnte man als Gesta episcoporum bezeichnen, als eine Darstellung des Bistums und seiner Bischöfe (vor allem von Diego Gelmírez [† 1140]), die mit Urkunden angereichert wurden. Der historiographische Text verbindet dabei vielfach die einzelnen Urkunden, die sukzessive in den Text inseriert werden. Zur gleichen Zeit bietet die Historia Roderici zum sogenannten „Cid“ erstmals eine Art personalisierter Historiographie, wesentlich deutlicher kennzeichnet noch der Llibre del feits Jakobs I. von Aragón († 1276) die Entstehung autobiographischer Historiographie.

Erst im ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhundert finden sich wieder Konzepte, die eher als welt– und universalhistorisch zu bezeichnen sind. Mit seinem Chronicon mundi knüpfte Bischof Lucas von Tuy († Ende 1249) an frühere Traditionen an. Seine Auftraggeberin, die Königin Berenguela von León, hatte sich eine Fortsetzung der Chroniken Isidors von Sevilla erbeten, dem Lucas schon mit einem Translationsbericht und einer Vita (Vita et translatio s. Isidori) seine Reverenz bezeugt hatte. Trotz des allgemeinen Anspruchs bleibt die Gewichtung des Stoffes in seiner Weltchronik etwas ungleich mit einem deutlichen Akzent auf der Westgotenzeit. Außerdem erscheint die Gesamtperspektive weniger weltgeschichtlich als iberisch. Dies ist wohl auch vor dem Hintergrund zu verstehen, dass zur Abfassungszeit Kastilien und León vereinigt wurden. In derselben Traditionslinie steht auch der Toledaner Erzbischof Rodrigo Jiménez de Rada († 1247) mit seiner Historia de rebus Hispaniae sive Historia Gothica. Der Titel deutet auch hier die Rückbesinnung auf gotische Traditionen für das neue seit der Schlacht von 1212 bei Las Navas de Tolosa territorial erheblich vergrößerte christliche Spanien an. In Rodrigo – der im Übrigen auch eine Historia Arabum verfasste, die auf arabischen Materialien basierte – kann man einen der ersten Historiographen sehen, der mit der Rückschau auf den Kampf gegen die Muslime die Perspektive auf ein künftig von Muslimen ‚befreites‘ Spanien verband. Bei seinem historiographischen Entwurf half vielleicht sogar der Bezug zum hl. Jakobus als Schlachtenhelfer zusätzlich, einen konsistenten Rahmen für dieses übergeordnete Anliegen zu schaffen. Nicht von ungefähr endet die Weltchronik mit der Rückführung der von Al-Mansûr am Ende des 10. Jahrhunderts in Compostela geraubten Glocken von Córdoba in ihre angestammte Heimat. Die alte Ordnung war so wiederhergestellt, die Rückführung der Glocken dokumentierte gleichsam symbolisch den (weitgehenden) Abschluss der Reconquista.

Diese Perspektive, die eine Einheit der neogotischen Hispania mit der Vormacht Kastiliens verband, setzte sich schließlich in den sogenannten „Alfonsinischen Chroniken“ weiter fort. Rodrigos Werk wurde schon bald in die Volkssprache übertragen und diente den auf König Alfons X. el Sabio zurückgeführten Chroniken als Orientierung. Ohne dieses Bild in seinen Entwicklungsstufen und Varianten hier differenziert nachzeichnen zu können, drängt sich der Eindruck auf, dass diese historiographischen Konzeptionen des 13. Jahrhunderts bis heute das wissenschaftliche Bild bestimmen, obwohl in Katalonien (zum Beispiel mit den Gesta comitum Barcinonensium) und der Krone Aragón, in Portugal oder Navarra im späten Mittelalter durchaus eigene historiographische Entwürfe erstellt werden, die hier nicht einzeln gewürdigt werden können. Gleiches gilt für die − im nächsten Abschnitt genauer behandelte − Hofhistoriographie des 14. und 15. Jahrhunderts, die angesichts von umstrittenen Thronwechseln vielfach legitimierende Strategien entwickelte. Gerade im Mittelmeerraum und im 15./16. Jahrhundert auch in Portugal reichen diese Geschichtskonzeptionen dann auch wieder häufiger über den seit dem 13. Jahrhundert oft auf die Halbinsel selbst begrenzten territorialen Bezugsrahmen hinaus.

Spätmittelalter (Sebastian Greußlich)

Zu den Topoi der hispanistischen Forschung gehört der Hinweis auf das vergleichsweise frühe Vordringen der kastilischen Sprache in elaborierte Diskurse.[169] Er ist im Kern zutreffend, bedarf jedoch einiger Präzisierungen, will man eine verzerrte Darstellung der historischen Gegebenheiten vermeiden. Die Verwendung des Kastilischen in Texten unterschiedlichster fachlicher Provenienz, die traditionell häufig als wissenschaftlich apostrophiert wurden,[170] ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und damit im romanischen wie auch gesamteuropäischen Vergleich in der Tat zu einem bemerkenswert frühen Zeitpunkt der mittelalterlichen Geschichte. Dieser Umstand ist allerdings bedingt durch die ‚Reconquista‘ der Iberischen Halbinsel und ihre polit-strategischen Implikationen. Es wäre unangemessen, die Figur Alfons des Weisen, der in seiner Schreiberwerkstatt (taller alfonsí) kastilische Texte zu geistlichen, astronomischen, astrologischen, alchemistischen, juristischen und nicht zuletzt historiographischen Inhalten übersetzen und teils auch neu erarbeiten lässt, als Humanisten ante litteram zu verklären. Stattdessen ist zu betonen, dass hinter der systematischen Förderung zeitgenössisch relevanter Wissensformen in der Volkssprache ein Kalkül steht, das darauf zielt, Kastilien als Hegemon unter den christlichen Reichen der Iberischen Halbinsel zu positionieren, wobei die Bereitstellung relevanter Wissensbestände sowie die Prinzenerziehung und die Entschlüsselung göttlicher Vorsehung aus Sicht des Monarchen eine bedeutende Rolle spielen. Die beiden zentralen historiographischen Texte aus diesem Umfeld, die General Estoria und die Estoria de Espanna, fügen sich in diese Gesamtdeutung. So zeigt sich bereits an der Titelei der Texte das epistemische Programm, die Rolle Kastiliens im göttlichen ordo zu eruieren und das Ergebnis dieser Deutung sodann durch eine entsprechende genealogische, durch exempla gestützte Rekonstruktion seiner mythischen Ursprünge abzusichern. In der hispanistischen Forschung zu beiden Texten sind auf inhaltlicher Ebene die ungewöhnlich prominente Rolle der Figur des Herrschers und die tendenziell immanente Konzeption der translatio imperii herausgearbeitet worden.[171] Neuere Beiträge zielen verstärkt auf Fragen der Textkonstitution[172] oder explizit philologische Probleme.[173]

Allerdings kam es in dem insgesamt konfliktiven politischen Umfeld des kastilischen Spätmittelalters[174] zum Hervortreten politischer Partikularinteressen einzelner Adelsgeschlechter[175] und kirchlicher Institutionen,[176] ab dem 16. Jahrhundert auch der wirtschaftlich erstarkenden und dabei politisch konservativen Städte, die zunehmend in Konflikt mit den Zentralisierungsbestrebungen der kastilischen Monarchie gerieten.[177] Der Historiographie kommt in diesem Zusammenhang, gerade auch wegen der zunehmend deutlich konturierten Rolle des Monarchen als von Gott berufener, alleiniger Gesetzgeber, eine dezidierte Funktion bei der Rechtsfindung zu, und zwar, indem sie die dazu nötigen Sachinformationen liefert und mit einer Deutung im Rahmen des göttlichen ordo verbindet. Für den historiographischen Diskurs bedeutet dies, dass er bereits im 14. Jahrhundert einer systematischen Pluralisierung ausgesetzt ist, insofern alle politischen Akteure bestrebt sind, sich der Historiographie zur Legitimierung ihrer jeweiligen Rechts- und Machtansprüche zu bedienen.[178]

Mit der Thronbesteigung Isabellas von Kastilien 1474 fand die kastilische Krone zu einer Konsolidierung.[179] Diese geht einher mit der Tendenz zur Marginalisierung der Partikularinteressen von Adel, Kirche und insbesondere auch der am Ende der ‚Reconquista‘ noch verbliebenen benachbarten Monarchien. Die explizite Institutionalisierung politischer Organe, die bereits im 13. Jahrhundert mit dem Consejo Real einsetzte, gewann dabei an Dynamik. Dieser aus verfassungs- und institutionengeschichtlicher Perspektive intensiv erforschte Prozess,[180] der aktuell stärker mikrohistorisch, als ein sozial-kommunikatives Phänomen mit individuellen Akteuren perspektiviert wird,[181] betrifft ausdrücklich auch die ideologisch relevanten Metadiskurse, darunter den historiographischen. Mit dem Cronista Mayor de Castilla wird gegen Ende des 15. Jahrhunderts ein Amt geschaffen, mit dem die Aufgabe verknüpft ist, die Interessen der Krone in der beschriebenen Form zu legitimieren.[182] Methodische Innovationen, die als Annäherung der historiographischen Praxis an Standards wissenschaftlicher Historiographie aufgefasst werden könnten, haben sich dabei aber nicht ergeben. Die Institutionalisierung als Amt ist eher als Versuch zu verstehen, die Deutungshoheit in einem heterogenen und konfliktiven Diskurs wiederzugewinnen. Dies gelingt während des 16. Jahrhunderts streckenweise, scheitert jedoch endgültig mit der erneuten Krise der Monarchie und des kastilischen Imperiums im 17. Jahrhundert.[183] Während humanistische Gelehrte ursprünglich eine durchaus prominente Rolle im Diskurs spielen und zeitgenössisch maßgebliche Texte vorlegen, ändert sich dies mit der Gegenreformation, die auch in der Historiographie restaurative Tendenzen begünstigt, wobei insbesondere an den Protestantismus angelehnte, heterodoxe Thesen zur Begründung politischer Herrschaft mit Zensur belegt werden.[184] Ab 1573 besteht eine analoge Institution auch für die als Indias bezeichneten kastilischen Territorien Amerikas. Der exklusive Herrschaftsanspruch, den Kastilien hier erhebt und der von konkurrierenden Monarchien bestritten wird, bedingt einen besonders dringlichen Rechtfertigungsbedarf. Gleichwohl bildet die Gründung der so genannten Crónica Mayor de Indias den Endpunkt einer emergenten Entwicklung, die sich über annähernd siebzig Jahre erstreckt. Da die Rolle Kastiliens (und später: Spaniens) in Amerika weltgeschichtlich besonders brisant ist, hat sich diesbezüglich eine hitzige Forschungsdiskussion entwickelt, die ihrerseits oft politisiert worden ist.[185]

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Umsetzung des Programms der Crónicas Mayores in die Praxis nur in Einzelfällen zu druckreifen, abgeschlossenen Texten geführt hat; vielfach sind ihre Protagonisten nicht über Entwürfe hinausgelangt. Die wenigen Texte, die zum Druck gekommen sind, sind dafür umso intensiver zum Gegenstand politisierender Wertungen gemacht worden und zugleich einer wissenschaftlichen Erschließung nicht für wert gehalten worden.[186]

Die Tradition der Artikulation von rechtlich begründeten Partikularinteressen in der Historiographie setzt sich auch in diesem Kontext fort. Eine Reihe kanonischer Texte zeigt, wie dabei die identitäre Verselbständigung der Indias im 16. und 17. Jahrhundert voranschreitet. Als emblematische Figuren in diesem Zusammenhang sind Garcilaso el Inca[187] und Bernal Díaz del Castillo[188] hervorzuheben.[189] Anders als bei der explizit institutionalisierten Hofhistoriographie kommen hier sehr unterschiedliche sozialbiographische Hintergründe zum Tragen, was sich auch in der jeweiligen Textkonstitution niederschlägt.[190] Die Zusammenführung von Forschungsergebnissen verschiedener Disziplinen ist dabei ein Desiderat, das nach wie vor nur in Einzelfällen erfüllt wird (und freilich auch nicht in jedem Fall zwingend ist).[191]

Literatur

Zeit und Zeitlichkeit

Algazi, Gadi (1998): „Ein gelehrter Blick ins lebendige Archiv. Umgangsweisen mit der Vergangenheit im fünfzehnten Jahrhundert”, in: Historische Zeitschrift 266/2, 317–357.

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Einzelnachweise

  1. Vgl. Augustinus, Confessiones 11,14,17, hg. Lucas Verheijen, CCL 27, Turnhout 1981, S. 202: Quid autem familiarius et notius in loquendo commemoramus quam tempus? […] quid est ergo tempus? si nemo ex me quaerat, scio; si quaerenti explicare uelim, nescio. Zu Augustins Zeitvorstellungen vgl. Flasch, Kurt (1993): Was ist Zeit? Augustinus von Hippo. Das XI. Buch der Confessiones. Historisch-philosophische Studie. Text ­­– Übersetzung – Kommentar, Frankfurt a. M.; Corradini, Richard (1997): Zeit und Text. Studien zum tempus-Begriff des Augustinus, Wien/München.
  2. Vgl. Dilg, Peter/Keil, Gundolf/Moser, Dietz-Rüdiger (Hgg.) (1995): Rhythmus und Saisonalität. Kongreßakten des 5. Symposions des Mediävistenverbandes in Göttingen 1993, Sigmaringen.
  3. Vgl. Cristiani, Marta (1997): Tempo rituale e tempo storico. Comunione cristiana e sacrificio. Le controversie eucaristiche nell'alto medioevo, Spoleto.
  4. Vgl. Elias, Norbert (41992): Über die Zeit, Frankfurt a.M.; Zoll, Rainer (Hg.) (1988): Zerstörung und Wiederaneignung der Zeit, Frankfurt a. M.; Weis, Kurt (Hg.) (1995): Was ist Zeit? Zeit und Verantwortung in Wissenschaft, Technik und Religion, München. Zum Mittelalter: Gurjewitsch, Aaron (1980): Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen, München, 98–187; Bodmann, Gertrud (1992): Jahreszahlen und Weltalter. Zeit- und Raumvorstellungen im Mittelalter, Frankfurt/New York; Sulzgruber, Werner (1995): Zeiterfahrung und Zeitordnung vom frühen Mittelalter bis ins 16. Jahrhundert, Hamburg; Ehlert, Trude (Hg.) (1997): Zeitkonzeptionen – Zeiterfahrung – Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne, Paderborn; Centro italiano di studi sul Basso medioevo – Accademia Tudertina/Centro di studi sulla spiritualità medievale dell’Università degli studi di Perugia (Hgg.) (2000): Sentimento del tempo e periodizzazione della storia nel medioevo. Atti del XXXVI Convegno storico internazionale, Todi 10–12 ottobre 1999, Spoleto; Schwarzbauer, Fabian (2005): Geschichtszeit. Über Zeitvorstellungen in den Universalchroniken Frutolfs von Michelsberg, Honorius' Augustodunensis und Ottos von Freising, Berlin.
  5. Im früheren Mittelalter folgte man dem römischen Dreistundenrhythmus: Prim (ca. 6 Uhr bzw. Sonnenaufgang), Terz (ca. 9 Uhr), Sext (ca. 12 Uhr) und Non (ca. 15 Uhr).
  6. Vgl. dazu Borst, Arno (1999): Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas, München; Declercq, Georges (2000): Anno Domini. The Origins of the Christian Era, Turnhout.
  7. In universalgeschichtlichem Überblick Wendorff, Rudolf (²1980): Zeit und Kultur. Geschichte des Zeitbewußtseins in Europa, Wiesbaden; anregend Grimm, Hans-Ulrich (1986): „Zeit als Beziehungssymbol“, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 37, 199–221, dessen Überlegungen allerdings fast ausschließlich auf der bisherigen Literatur beruhen und in den Einzelheiten bezüglich einer „agrarischen Zeit der Germanen“ und einer „christlichen Zeit des Mittelalters“ so kaum zutreffen.
  8. So Beda Venerabilis, De temporum ratione 2, hg. Ch. W. Jones, CCL 123B, Turnhout 1977, 263–544, hier S. 274: Tempora igitur a temperamento nomen accipiunt, siue quod unumquodque illorum spatium separatim temperatum sit, seu quod momentis, horis, diebus, mensibus, annis, saeculisque et aetatibus omnia mortalis uitae curricula temperentur.
  9. Vgl. beispielsweise Honorius Augustodunensis, Imago mundi 2,3–10, hg. Valerie I.J. Flint, in: Archives d’histoire doctrinale et littéraire du Moyen Âge 57, 1982, S. 92ff.
  10. Vgl. Schaller, Hans Martin (1974): „Der heilige Tag als Termin mittelalterlicher Staatsakte“, in: Deutsches Archiv 30, 1–24; Sierck, Michael (1995): Festtag und Politik. Studien zur Tagewahl karolingischer Herrscher, Köln/Weimar/Wien; Goetz, Hans-Werner (1989): „Kirchenfest und weltliches Alltagsleben im frühen Mittelalter“, in: Mediaevistik 2, 123–171.
  11. So Le Goff, Jacques (1977): „Au Moyen Âge; Temps de l’Église et temps du marchand“, in: Ders., Pour un autre moyen âge. Temps, travail et culture en Occient; 18 essais, Paris, 46–64 (dt. „Zeit der Kirche und Zeit des Händlers im Mittelalter“, in: Honegger, Claudia (Hg.) (1977): Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse, Frankfurt, 393–414).
  12. So Gerhard Dohrn van Rossum (1992): Die Geschichte der Stunde. Uhren und moderne Zeitrechnung, Köln.
  13. So Sulzgruber, Werner (1995): Zeiterfahrung und Zeitordnung vom frühen Mittelalter bis ins 16. Jahrhundert, Hamburg, S. 46f.
  14. So ebd. S. 108ff.
  15. So Schreiner, Klaus (1987): „‚Diversitas temporum − Zeiterfahrung und Epochengliederung im späten Mittelalter“, in: Herzog, Reinhart/Koselleck, Reinhart (Hgg.): Epochenschwelle und Epochenbewusstsein, München, 381–428.
  16. So Augustinus, De civitate Dei 12,16f., hg. Bernhard Dombart/Alfons Kalb, CCL 48, Turnhout 1955 (zuerst Leipzig 1928), S. 370ff.
  17. Hugo von St. Viktor, In Ecclesiasten homiliae 19, hom. 13, Migne PL 175, Sp. 204ff., hier Sp. 206 B: Omnia tempus habent, et suis spatiis transeunt universa sub coelo (Eccle 3,1). Omnia tempus habent, et nihil perpetuum semperque permanens inveniatur, sed omne quod est aut aliud subsequatur, ut non ab initio veniat, aut praecurrat aliud, ut usque ad finem se non extendat.
  18. Augustinus, Confessiones 11,15,20, hg. Lucas Verheijen, CCL 27, Turnhout 1981, S. 204.
  19. So Augustinus, De civitate Dei 7,7, hg. Bernhard Dombart/Alfons Kalb, CCL 47, Turnhout 1955 (zuerst Leipzig 1928), S. 192: In omni enim motu actionis sue qui non respicit initium non prospicit finem.
  20. Hugo von St. Viktor, Didascalicon 6,3, hg. Ch. Buttimer, Washington 1936, S. 113f.: Sic nimirum in doctrina fieri oportet, ut videlicet prius historiam discas et rerum gestarum veritatem a principio repetens usque ad finem quid gestum sit, quando gestum sit, ubi gestum sit et a quibus gestum sit, diligenter memoriae commendes. Haec enim quattuor praecipue in historia requirenda sunt, persona, negotium, tempus et locus.
  21. Ders., De tribus maximis circumstantiis rerum (= Prolog seiner Chronik), hg. W.M. Green, in: Speculum 18, 1943, S. 491: Tria igitur sunt, in quibus praecipue cognitio pendet rerum gestarum, id est personae, a quibus res gestae sunt, loca, in quibus gestae sunt, et tempora, quando gestae sunt.
  22. Hugo von St. Viktor, De arca Noe 4,9, hg. Patrice Périn, CCM 176, Turnhout 2001, S. 113.
  23. Hugo von St. Viktor, De sacramentis Christianae fidei 1,28 (1,31), hg. Rainer Berndt, Hugonis de Sancto Victore, De sacramentis Christianae fidei (Corpus Victorinum. Textus historici 1), Münster 2008, S. 57f.; Ders., De arca Noe 4,3, hg. Patrice Périn, CCM 176, Turnhout 2001, S. 92ff.
  24. Vgl. dazu Goetz, Hans-Werner (2011): Gott und die Welt. Religiöse Vorstellungen des frühen und hohen Mittelalters, Teil I, Band 1: Das Gottesbild, Berlin, 95–132.
  25. Vgl. die Einleitung zum Artikel „Geschichtsschreibung“, unten S. ■.
  26. So in den Gesta Treverorum 1f., hg. Georg Waitz, MGH SS 8, Hannover 1848, S. 130.
  27. Vgl. Iogna-Prat, Dominique (1992): „La geste des origines dans l’historiographie clunisienne des XIe–XIIe siècles“, in: Revue Bénédictine 102, 135–191.
  28. Hugo von St. Viktor, Chronik § 45b, hg. Lars Boje Mortensen (1992): „Hugh of Saint Victor on Secular History. A Preliminary Edition of Chapters from his Chronica“, in: Université de Copenhague. Cahiers de l’Institut du Moyen-Âge Grec et Latin 1992, 3–30, hier S. 25.
  29. Gottfried von Viterbo, Speculum regum prol., hg. Georg Waitz, MGH SS 14, Hannover 1872, S. 21ff.
  30. Ebd. 1,2, S. 31.
  31. Ebd. 1,3ff., S. 31ff. Nimrods Söhne werden in der Genesis nicht genannt.
  32. Vgl. zuletzt (in universalgeschichtlichem Überblick) Landes, Richard (2011): Heaven on Earth. The Varieties of the Millennial Experience, Oxford/New York.
  33. Vgl. zum hohen Mittelalter Goetz, Hans-Werner (²2008): Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im hohen Mittelalter, Berlin, 216–227 („Vergangenheitsorientiertes Geschichtsbewusstsein“) und 227–237 („Gegenwartsorientiertes Vergangenheitsbewusstsein“).
  34. So Coleman, Janet (1992): Ancient and Medieval Memories. Studies in the Reconstruction of the Past, Cambridge, S. 294 bzw. S. 324.
  35. Vgl. Goetz, Hans-Werner (2010): „Vergangenheit und Gegenwart. Mittelalterliche Wahrnehmungs- und Deutungsmuster am Beispiel der Vorstellungen der Zeiten in der früh- und hochmittelalterlichen Historiographie“, in: Bleumer, Hartmut/Goetz, Hans-Werner/Patzold, Steffen/Reudenbach, Bruno (Hg.): Zwischen Wort und Bild. Wahrnehmungen und Deutungen im Mittelalter, Köln/Weimar/Wien, 157–202.
  36. Vgl. Gössmann, Elisabeth (1974): Antiqui und Moderni im Mittelalter. Eine geschichtilche Standortbestimmung, München/Padernborn/Wien; Zimmermann, Albert (Hg.) (1974): Antiqui und Moderni. Traditionsbewußtsein und Fortschrittsbewußtsein im späten Mittelalter, Berlin/New York.
  37. Vgl. etwa Erkens, Franz-Reiner (2000): „Hochmittelalterliches Geschichtsbewußtsein? Ein kritischer Versuch“, in: Mittellateinisches Jahrbuch 35, 289–299.
  38. Vgl. Abschnitt ■ im Artikel Geschichtsschreibung.
  39. Zur Bedeutung von Zeit in der Historiographie vgl. Guenée, Bernard (1980): Histoire et culture historique dans l’Occident médiévale, Paris, S. 20ff.; Lacroix, Benoît (1971): L’historien au Moyen Âge, Montréal/Paris, S. 84ff.; Schmale, Franz-Josef (1985): Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung. Eine Einführung, Darmstadt, S. 28ff.; Melville, Gert (1975): „System und Diachronie. Untersuchungen zur theoretischen Grundlegung geschichtsschreiberischer Praxis im Mittelalter“, in: Historisches Jahrbuch 95, 33–67 und 308–341, hier S. 318ff.
  40. Vgl. die Einleitung zum Artikel Geschichtsschreibung, unten S. ■.
  41. Vgl. Melville, Gert (1975): „System und Diachronie. Untersuchungen zur theoretischen Grundlegung geschichtsschreiberischer Praxis im Mittelalter“, in: Historisches Jahrbuch 95, 33–67 und 308–341, hier S. 308ff.
  42. So charakterisiert er selbst das eigene Werk: Sigebert von Gembloux, Catalogus de viris illustribus 172, hg. Robert Witte (1974): Catalogus Sigiberti Gemblacensis monachi de viris illustribus. Kritische Ausgabe, Bern/Frankfurt a.M., S. 105.
  43. Chronicon Casinense (a. 568–867) 1, hg. Georg Heinrich Pertz, MGH SS 3, Hannover 1839, S. 222: Quidam ex nostris scire volentes, quot anni essent a tempore sanctissimi Benedicti patris usque nunc.
  44. Guenée, Bernard (1980): Histoire et culture historique dans l’Occident médiévale, Paris, S. 152.
  45. Vgl. die Einleitung zum Artikel Geschichtsschreibung, unten S. ■.
  46. Vgl. dazu von den Brincken, Anna-Dorothee (1988): „Contemporalitas Regnorum. Beobachtungen zum Versuch des Sigebert von Gembloux, die Chronik des Hieronymus fortzusetzen,“ in: Berg, Dieter/Goetz, Hans-Werner (Hgg.): Historiographia mediaevalis. Studien zur Geschichtsschreibung und Quellenkunde des Mittelalters. Festschrift Franz-Josef Schmale, Darmstadt, 199–211.
  47. Zur Zukunftsperspektive vgl. Burrow, J.A./Wei, Ian P. (Hgg.) (2000): Medieval Futures: Attitudes to the Future in the Middle Ages, Woodbridge/Rochester.
  48. Ein weites Feld, das hier nicht angesprochen werden kann, ist die theologische und philosophische Diskussion um die aeternitas der Welt, die Frage also nach einer Welt ohne Anfang und ihr Verhältnis zur Zeitlichkeit; ein Problem, das das ganze Mittelalter hindurch diskutiert wurde und in den scholastischen Diskussionen seit dem 13. Jahrhundert an Bedeutung gewann. Vgl. z. B. Dales, Richard C. (1990): Medieval discussions of the eternity of the world, Leiden; Ders. (Hg.) (1991): Medieval Latin texts on the eternity of the world, Leiden.
  49. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht hat sich z. B. Horst Wenzel mit diesem Zeitverständnis auseinandergesetzt und gezeigt, dass die prinzipielle – über das heilsgeschichtlich-typologische Denken eingeübte – Einholbarkeit der Vergangenheit und der Zukunft durch die Gegenwart auch in der ‚säkularen' Zeit des Adels gültig war. Wenzel, Horst (1996): „Zur Mehrdimensionalität der Zeit im hohen und späten Mittelalter: Von Bauern und Geistlichen, Rittern und Händlern“, in: Zeitschrift für Germanistik N.F. 5/1, 9–20.
  50. Andere Perspektiven auf das Phänomen der Beschleunigung bieten Benz, Ernst (1977): Akzeleration der Zeit als geschichtliches und heilsgeschichtliches Problem, Mainz, und Kruse, Wolfgang (2013): „Der historische Ort konkreter Utopie. Beschleunigte Zeiterfahrungen, neuartige Zukunftsperspektiven und experimentelle Gestaltungsformen als Strukturmerkmale moderner Revolutionen“, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 61/2, 101–122.
  51. Zum Folgenden vgl. grundlegend Fassler, Margot E. (2010): „The Liturgical Framework of Time and the Representation of History“, in: Maxwell, Robert A. (Hg.): Representing History, 900-1300. Art, Music, History, University Park, 149–186, S. 149f.; Angenendt, Arnold (1998): „Die liturgische Zeit: zyklisch und linear“, in: Goetz, Hans-Werner (Hg.): Hochmittelalterliches Geschichtsbewußtsein im Spiegel nichthistoriographischer Quellen, Berlin, 101–115.
  52. Ohly, Friedrich (1972): „Die Kathedrale als Zeitenraum. Zum Dom von Siena“, in: Frühmittelalterliche Studien 6, 94–158, 147.
  53. Sicard von Cremona: Mitralis. Der Gottesdienst der Kirche, eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Lorenz Weinrich, Corpus Christianorum in translation, Turnhout 2011, IV.3, S. 310, vgl. a. IV.9. Edition: Sicardi Cremonensis episcopi Mitralis de officiis, hg. Gábor Sarbak und Lorenz Weinrich, Corpus christianorum Continuatio mediaevalis 228, Turnhout 2008. S.a. Honorius Augustodunensis, Gemma animae II,53; PL 172, Sp. 632D-633A.
  54. Sicard von Cremona: Mitralis. Der Gottesdienst der Kirche, eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Lorenz Weinrich, Corpus Christianorum in translation, Turnhout 2011, IV.3, S. 310f.
  55. Sicard von Cremona: Mitralis. Der Gottesdienst der Kirche, eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Lorenz Weinrich, Corpus Christianorum in translation, Turnhout 2011, IV,5, S. 320.
  56. Ohly, Friedrich (1972): „Die Kathedrale als Zeitenraum. Zum Dom von Siena“, in: Frühmittelalterliche Studien 6, 94–158, 149f. Zur Lehre vom vierfachen Schriftsinn vgl. Ohly, Friedrich (1958): „Vom geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter“, in Zeitschrift für deutsches Altertum und Literatur 89, 1–23.
  57. Auerbach, Erich (1938): „Figura“, in: Archivum romanicum 22, 436–489; Constable, Giles (1990): „A living past: the historical environment of the Middle Ages“, in: Harvard Library Bulletin n.s. 1/3, 49–70, S. 52f.; Ohly, Friedrich (1972): „Die Kathedrale als Zeitenraum. Zum Dom von Siena“, in: Frühmittelalterliche Studien 6, 94–158, S. 153f.
  58. Paris, BnF, Ms. fr. 176, http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b84497182 (3.8.2015); Guillaume Durand und Jean Golein: Le Racional des divins offices de Guillaume Durand. Livre IV. La messe, les „Prologues“ et le „Traité du sacre“. liturgie, spiritualité et royauté, une exégèse allégorique, hg. von Charles Brucker und Pierre Demarolle, Publications romanes et françaises 250, Genf 2010. Vgl. Kranemann, Benedikt (1991): „Kirchenjahr“, in: Lexikon des Mittelalters 5, Sp. 1176-1177.
  59. Schmitt, Jean-Claude (2009): „Plädoyer für eine Geschichte der Rhythmen im mittelalterlichen Europa“, in: Borgolte, Michael (Hg.): Hybride Kulturen im mittelalterlichen Europa, Berlin, 287–306.
  60. Fassler, Margot E. (1991): „Representations of Time in ‚Ordo representacionis Ade‘“, in: Yale French Studies, 97–113; Fassler, Margot E. (2010a): The Liturgical Framework of Time and the Representation of History, in: Maxwell, Robert A. (Hg.): Representing History, 900-1300. Art, Music, History, University Park, 149–186; Fassler, Margot E. (2010b): The Virgin of Chartres. Making History Through Liturgy and the Arts, New Haven; Boynton, Susan (2010): „Writing History with Liturgy“, in: Maxwell, Robert A. (Hg.): Representing History, 900-1300. Art, Music, History, University Park, 187–200; Spiegel, Gabrielle (2002): „Memory and History: Liturgical Time and Historical Time“, in: History and Theory 41, 149–162.
  61. Bölling, Jörg (2006): Das Papstzeremoniell der Renaissance. Texte, Musik, Performanz, Frankfurt a. M.; Edwards, Owain Tudor (1996): „Dynamic Qualities in the Medieval Office“, in: Lillie, Eva Louise/Petersen, Nils Holger (Hgg.): Liturgy and the arts in the Middle Ages, Kopenhagen, 36–63.
  62. So eine Formulierung von Morgan, James Stuart (1966): „Le temps et l’intemporel dans le décors de deux églises romanes: facteurs de coordination entre la mentalité religieuse romane et les oeuvres sculptées et peintes à Saint-Paul-lès-Dax et à Saint-Chef en Dauphiné“, in: Gallais, Pierre/Riou, Jean-Yves (Hgg.): Mélanges offerts à Monsieur René Crozet ... à l’occasion de son soixante-dixième anniversaire, Poitiers, 531–548, hier S. 537.
  63. Petersen, Nils Holger: Liturgical Representation and Late Medieval Piety, in: Lillie, Eva Louise/Petersen, Nils Holger (Hgg.): Liturgy and the arts in the Middle Ages, Kopenhagen, 181–204.
  64. In der Exegese wie in der Liturgie zeigt sich besonders deutlich, dass die Dimensionen Raum und Zeit nicht voneinander zu trennen sind. Vgl. Ohly, Friedrich (1972): „Die Kathedrale als Zeitenraum. Zum Dom von Siena“, in: Frühmittelalterliche Studien 6, 94–158, Vorstellungen von linearen Verlaufsformen von Zeit finden sich z. B. auch in genealogischen Denkmustern, vgl. Fassler, Margot E. (2000): „Mary’s Nativity, Fulbert of Chartres, and the Stirps Jesse: Liturgical Innovation circa 1000 and Its Afterlife“, in: Speculum 75/2, 389–434, S. 412, 416.
  65. Fuhrer, Therese (2014): "Augustinus über Musik in Raum und Zeit", in: Kampling, Rainer/Hölscher, Andreas (Hgg.): Musik in der religiösen Erfahrung. Historisch-theologische Zugänge, Frankfurt a. M., 47–74, S. 73f.
  66. Zum Folgenden Pietschmann, Klaus (2009): „Zeit und Ewigkeit: Zum liturgischen Kontext der Gradual- und Alleluia-Gesänge im Magnus Liber Organi“, in: Archiv für Musikwissenschaft 66/1, 54–68, S. 65. Vgl. auch Raasted, Jørgen (1996): „Length and Festivity. On some prolongation techniques in Byzantine Chant“, in: Lillie, Eva Louise/Petersen, Nils Holger (Hgg.): Liturgy and the arts in the Middle Ages, Kopenhagen, 75–84.
  67. Dinzelbacher, Peter (1990): „Die ‚Realpräsenz‘ der Heiligen in ihren Reliquiarien und Gräbern nach mittelalterlichen Quellen“, in: Dinzelbacher, Peter/Bauer, Dieter R. (Hgg.): Heiligenverehrung in Geschichte und Gegenwart, Ostfildern, 115–174; Rubin, Miri (1991): Corpus Christi. The Eucharist in Late Medieval Culture, Cambridge, Mass.
  68. Zu Spolien als verbaute Zeit und sichtbare Vergangenheit, Hilfestellung im Jetzt und Versprechen für die Zukunft vgl. die Arbeiten von Henrike Haug
  69. Schmid, Rainer H. (1975): Raum, Zeit und Publikum des geistlichen Spiels. Aussage und Absicht eines mittelalterlichen Massenmediums, München; Schwob, Ute Monika (1994): „Und singt frölich: ‚Christ ist erstanden‘! Zur Rolle der Laien bei mittelalterlichen Osterfeiern und beim Osterspiel“, in: Siller, Max (Hg.): Osterspiele. Texte und Musik, Innsbruck, 161–174; Rankin, Susan (1997): „From liturgical Ceremony to public Ritual: ‚Quem queritis‘ at St. Mark’s, Venice“, in: Cattin, Giulio (Hg.): Da Bisanzio a San Marco. Musica e liturgia, Bd. 2, Venedig, 137–207; Surdel, Alain-Julien (1986): „Temps humain et temps divin dans la Legenda Aurea (XIIIe siecle) et dans les mysteres dramatiques (XVe siècle)“, in: Bellenger, Yvonne (Hg.): Le temps et la durée dans la littérature au Moyen Age et à la Renaissance, Paris, 85–102; Petersen, Nils Holger: Liturgical Representation and Late Medieval Piety, in: Lillie, Eva Louise/Petersen, Nils Holger (Hgg.): Liturgy and the arts in the Middle Ages, Kopenhagen, 181-204.
  70. Müller, Jan-Dirk (2004): „Realpräsenz und Repräsentation. Theatrale Frömmigkeit und Geistliches Spiel“, in: Ziegeler, Hans-Joachim (Hg.): Ritual und Inszenierung. Geistliches und weltliches Drama des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Tübingen, 113–133, S. 133.
  71. Constable, Giles (1990): „A living past: the historical environment of the Middle Ages“, in: Harvard Library Bulletin n.s. 1/3, 49–70, S. 71.
  72. Ludolfo de Saxónia: Vita Christi, Vol. I. hg. José B. Machado, Braga 2010, Prolog (zitiert nach ebook ohne Seitenzahl, http://www.amazon.de/Vita-Christi-Portuguese-Ludolfo-Sax%C3%B3nia-ebook/dp/B004U33YQ0/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1438169375&sr=1-1&keywords=Vita+Christi+-+I+%28Portuguese+Edition%29#reader_B004U33YQ0, 29.07.2015). Es folgen Übersetzungen ins Französische, Niederländische, Katalanische, Kastilische und Italienische.
  73. Ehlert, Trude (1997): „Lebenszeit und Heil. Zwei Beispiele für Zeiterfahrung in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters“, in: Ehlert, Trude (Hg.): Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne, Paderborn, 256–273, S. 270f., Zitat S. 271.
  74. Surdel, Alain-Julien (1986): „Temps humain et temps divin dans la Legenda Aurea (XIIIe siècle) et dans les mysteres dramatiques (XVe siècle)“, in: Bellenger, Yvonne (Hg.): Le temps et la durée dans la littérature au Moyen Age et à la Renaissance, Paris, 85–102.
  75. Le Goff, Jacques (1986): „Le temps de l’exemplum (XIIIe s.)“, in: Bellenger, Yvonne (Hg.): Le temps et la durée dans la littérature au Moyen Age et à la Renaissance, Paris, 553–556; Schmitt, Jean-Claude (2008): „Temps liturgique et temps des exempla“, in: Bériou, Nicole (Hg.): Prédication et Liturgie au Moyen Age, Turnhout, 223–236.
  76. Constable, Giles (1990): „A living past: the historical environment of the Middle Ages“, in: Harvard Library Bulletin n.s. 1/3, 49–70, S.68.
  77. Vgl. Schreiner, Klaus (1987): „‚Diversitas temporum‘ – Zeiterfahrung und Epochengliederung im späten Mittelalter“, in: Koselleck, Reinhart/Herzog, Reinhart (Hgg.): Epochenschwelle und Epochenbewusstsein, München, 381–428.
  78. Le Goff, Jacques (1960): „Au Moyen Age: Temps de l’Eglise et temps du marchand“, in: Annales. Histoire, Sciences Sociales, 417–433. Dt.: Zeit der Kirche und Zeit des Händlers im Mittelalter, in: Honegger, Claudia (Hg.): Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse, Frankfurt a. M., 393–414.
  79. Burke, Peter (2004): „Reflections on the cultural history of time“, in: Viator 35/1, 617–626, S. 623: „Le Goff’s view of time has in turn been criticized as too simple. It was an advance on the earlier binary opposition, but it created another simple binary opposition, between churchmen and merchants. This may not have been intentional but was a side-effect of the success of the article, its virtual ‘canonization’.”
  80. Dohrn-van Rossum, Gerhard (1988): „Zeit der Kirche – Zeit der Händler – Zeit der Städte. Die mechanische Uhr und der Wandel des Zeitbewusstseins im Spätmittelalter“, in: Zoll, Rainer (Hg.): Zerstörung und Wiederaneignung von Zeit, Frankfurt a. M., 89–119, S. 89f.
  81. Seibt, Ferdinand (21989): „Die Zeit als Kategorie der Geschichte und als Kondition des historischen Sinns“, in: Aschoff, Jürgen (Hg.): Die Zeit. Dauer und Augenblick, München, 145–188, S. 170.
  82. Alberti, Leon Battista: „I libri della famiglia“, in: Opere volgari, hg. Cecil Grayson, Scrittori d’Italia 218, Bari 1960, 3–341, S. 177, lib. III.
  83. Ein solcher Fall bei Ennen, Edith (1995): „Zeitbewußtsein in der mittelalterlichen Stadt“, in: Dilg, Peter/Keil, Gundolf/Moser, Dietz-Rüdiger (Hgg.): Rhythmus und Saisonalität. Kongreßakten des 5. Symposions des Mediävistenverbandes in Göttingen 1993, Sigmaringen, 93–100, S. 93f.
  84. Le Goff, Jacques (22008): Wucherzins und Höllenqualen. Ökonomie und Religion im Mittelalter, Stuttgart.
  85. Vgl. zum folgenden Abschnitt Dohrn-van Rossum, Gerhard (1992): Die Geschichte der Stunde, München.
  86. Seibt, Ferdinand (21989): „Die Zeit als Kategorie der Geschichte und als Kondition des historischen Sinns“, in: Aschoff, Jürgen (Hg.): Die Zeit. Dauer und Augenblick, 145–188, S. 184.
  87. „[ …] quod est summe necessarium pro omni statu hominum“. Galvanus Flamma (Galvano Fiamma): Opusculum de rebus gestis ab Azone, Luchino et Johanne vicecomitibus, hg. Carlo Castiglioni, Rerum Italicarum scriptores 12,4, Bologna 1938, S. 16; Übersetzung nach Dohrn-van Rossum, Gerhard (1992): Die Geschichte der Stunde, München, S. 106.
  88. Giovanni Dondi, Tractatus astrarii, Biblioteca capitolare di Padova, Cod. D. 39, hg. Emmanuel Poulle, Genf 2003. Vgl. Seibt, Ferdinand (1978): Karl IV. Ein Kaiser in Europa, 1346–1378, München 1978, S. 22–25.
  89. Dohrn-van Rossum, Gerhard (1992): Die Geschichte der Stunde, München, S. 22, 163; Goetz, Hans-Werner (1993): „Zeit/Geschichte: Mittelalter“, in: Dinzelbacher, Peter (Hg.): Europäische Mentalitätsgeschichte: Hauptthemen in Einzeldarstellungen, Stuttgart, 640–649, S. 643. Vgl. dazu auch die Beiträge von Paul Brand und Chris Humphrey (2001) in: Humphrey, Chris/Ormrod, William Mark (Hgg.): Time in the medieval world, Woodbridge.
  90. Dinzelbacher, Peter (2002): „Die Zeit in der urbanen Mentalität des Mittelalters“, in: Katzinger, Willibald (Hg.): Zeitbegriff. Zeitmessung und Zeitverständnis, Linz, 21–38.
  91. Dohrn-van Rossum, Gerhard (1992): Die Geschichte der Stunde, München, S. 139, 215f.
  92. Riedl, Matthias (2012): „A Collective Messiah: Joachim of Fiore’s Constitution of Future Society“, Mirabilia 14, 57–80.
  93. Seibt, Ferdinand (21989): „Die Zeit als Kategorie der Geschichte und als Kondition des historischen Sinns“, in: Aschoff, Jürgen (Hg.): Die Zeit. Dauer und Augenblick, 145–188, S. 163f. Für analoge Zukunftsspekulationen in anderen Epochen und Kontexte vgl. Riedl, Matthias (2010): „Living in the Future – Proleptic Existence in Religion, Politics and Art“, in: International Political Anthropology 3/2, 117–134.
  94. Diese Entwicklung ist vielschichtiger und komplexer als dies bisher dargestellt wurde; vgl. zur ‚offenen Zukunft’ die Arbeiten von Reinhart Koselleck, z.B. Koselleck, Reinhart (1979): „Vergangene Zukunft der frühen Neuzeit, in: Ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a. M., 17–37; Ders.: „‚Erfahrungsraum‘ und ‚Erwartungshorizont‘ – zwei historische Kategorien“, ebd., 349–375, sowie Hölscher, Lucian (1999): Die Entdeckung der Zukunft, Frankfurt a. M.
  95. Burke, Peter (2001): „The Sense of Anachronism from Petrarch to Poussin“, in: Humphrey, Chris/Ormrod, William Mark (Hgg.): Time in the Medieval World, Woodbridge, 157–173; Burke, Peter (1969): The Renaissance Sense of the Past, Documents of modern history, London. Vgl. dazu das Gegenbild mittelalterlicher Vergangenheitsauffassung bei Constable, Giles (1990): „A living past: the historical environment of the Middle Ages“, in: Harvard Library Bulletin n.s. 1/3, 49–70, S. 63. Algazi, Gadi (1998): „Ein gelehrter Blick ins lebendige Archiv. Umgangsweisen mit der Vergangenheit im fünfzehnten Jahrhundert“, in: Historische Zeitschrift 266/2, 317–357, unterscheidet zudem einen gelehrten und einen alltäglichen Blick auf die Vergangenheit. Zum neuen Zeitbewusstsein vgl. auch die Beiträge in Landwehr, Achim (Hg.) (2012): Frühe neue Zeiten. Zeitwissen zwischen Reformation und Revolution, Bielefeld.
  96. Grafton, Anthony (2003): „Dating History: The Renaissance & the Reformation of Chronology“, in: Daedalus 132/2, 74–85, S. 76.
  97. Seibt, Ferdinand (21989): „Die Zeit als Kategorie der Geschichte und als Kondition des historischen Sinns“, in: Aschoff, Jürgen (Hrsg.): Die Zeit. Dauer und Augenblick, München, 145–188, S. 175.
  98. Nagel, Alexander/Wood, Christopher S. (2005): „Toward a New Model of Renaissance Anachronism“, in: The Art Bulletin 87/3, 403–415, S. 408.
  99. „Ego velut in confinio duorum populorum constitutus ac simul ante retroque prospiciens“ (Petrarca, Francesco, Rerum memorandarum libri, hg. von Giuseppe Billanovich, Florenz 1943, S. 19).
  100. Vgl. Tripet, Arnaud (1967): Pétrarque ou la connaissance de soi, Genève, S. 75.
  101. Vgl. Wolfzettel, Friedrich (1997): „Zeitangst, Geschichtskrise und Ich-Bewußtsein in der frühen Neuzeit: Petrarca – Charles d’Orléans – Montaigne“, in: Ehlert, Trude (Hg.): Zeitkonzeptionen, Zeiterfahrung, Zeitmessung. Stationen ihres Wandels vom Mittelalter bis zur Moderne, Paderborn u.a., S. 309–324.
  102. Vgl. Blumenberg, Hans (21999): Die Legitimität der Neuzeit, Frankfurt a. M., Zweiter Teil, bes. S. 180–183. Siehe auch Ventarola, Barbara (2008): Kairos und Seelenheil. Textspiele der Entzeitlichung in Francesco Petrarcas ‚Canzoniere‘, Stuttgart, S. 72–81.
  103. Vgl. dazu Bernsen, Michael/Huss, Bernhard (Hgg.) (2011): Der Petrarkismus – ein europäischer Gründungsmythos, Göttingen.
  104. Vgl. dazu Ventarola, Barbara (2008): Kairos und Seelenheil. Textspiele der Entzeitlichung in Francesco Petrarcas ‚Canzoniere‘, Stuttgart.
  105. Isidor von Sevilla, Etymologiae 1,41, hg. Wallace M. Lindsay, Oxford 1911 (Ndr. 2008), Bd. 1, S. 81: Historia est narratio rei gestae, per quam ea, quae in praeterito facta sunt, dinoscuntur.
  106. Vgl. dazu den folgenden Abschnitt von Sebastian Greußlich.
  107. Vgl. Abschnitt ■, S. ■.
  108. Vgl. dazu und zu den älteren Ansichten Goetz, Hans-Werner (1985): „Die ‚Geschichte‘ im Wissenschaftssystem des Mittelalters", in: Schmale, Franz-Josef (Hg.): Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung. Eine Einführung, Darmstadt, 165–213.
  109. Vgl. Abschnitt ■ im Artikel Zeit- und Geschichtsvorstellungen.
  110. Vgl. Melville, Gert (1975): „System und Diachronie. Untersuchungen zur theoretischen Grundlegung geschichtsschreiberischer Praxis im Mittelalter“, in: Historisches Jahrbuch 95, 33–67, 308–341, hier S. 63ff.; Goetz, Hans-Werner (²2008): Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein im hohen Mittelalter, Berlin, S. 141ff.
  111. So Melville, Gert (1975): „System und Diachronie. Untersuchungen zur theoretischen Grundlegung geschichtsschreiberischer Praxis im Mittelalter“, in: Historisches Jahrbuch 95, 33–67, 308–341, hier S. 308ff.
  112. So Schmale, Franz-Josef: Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung. Eine Einführung, Darmstadt, S. 24ff.
  113. Vgl. Geary, Patrick (1994): Phantoms of Remembrance. Memory and oblivion at the end of the first millenium, Princeton, 81-114.
  114. Vgl. den Artikel Zeit- und Geschichtsvorstellungen, Abschnitt ■, S. ■.
  115. Das Konzept Wissenschaft unterliegt hier einem Verständnis, das als konstitutive Bedingung für Wissenschaftlichkeit eine ausschließlich vom Formalobjekt der jeweiligen Disziplin her und von sekundären Zwecksetzungen freie Methodik versteht, die sich in weiten Teilen der heute als solche firmierenden Kulturwissenschaften erst im 19. Jahrhundert herausbildet und an historische Bedingungen geknüpft ist, insbesondere eine abnehmende Geltung des Christentums und die Verweltlichung politischer Macht im Nationalismus. In weiten Teilen der Forschungsliteratur wird das Konzept Wissenschaft jedoch weitaus großzügiger und ohne systematische Begründung verwendet.
  116. Dies führt im Wesentlichen dazu, dass bei geschichtswissenschaftlichen Editionen kein Augenmerk auf die Texttreue gerichtet wird, sodass bei jüngeren Überarbeitungen oft gravierende, auch sinnentstellende Lektürefehler festgestellt worden sind; umgekehrt haben die Philologien sich lange Zeit nicht mit der Pragmatik vormoderner Historiographie befasst und deren Texte lediglich ausgebeutet.
  117. So ist zu bedenken, dass im Werk Johann Gustav Droysens bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts eine elaborierte Historik vorliegt, in der Probleme der Konstitution und Semantik historiographischer Texte thematisiert werden. Vgl. dazu insbesondere den Grundriss der Historik, neuerdings wieder greifbar als Droysen, Johann Gustav (2011): Grundriss der Historik: Vorlesungen zur Geschichtswissenschaft und Methodik, Nachdr. der Orig.-Ausg. von 1868, Hamburg, sowie Schleiff, Hartmut (Hg.) (2013): Droysens «Grundriss der Historik» in den Buchausgaben von 1868, 1875 und 1882 (alle Paragraphen), Berlin. Genauso wie die sachlich daran anknüpfende epistemologische Grundlagendebatte in den Geisteswissenschaften an der Wende zum 20. Jahrhundert, die eine Distanznahme zum Positivismus herbeiführt, wird sie jedoch in der Akademia der romanischen Länder nicht systematisch rezipiert und die Wissenschaftsgeschichte verläuft dort insgesamt anders. Eine Ausnahme ist allerdings Frankreich, das auf diese Debatte aber wiederum in eigener Weise reagiert. Vgl. zusammenfassend Raible, Wolfgang (2000): „Die Grundlagenkrise der Sozialwissenschaften zum Beginn des Jahrhunderts und die Sprachwissenschaft“, in: Eßbach, Wolfgang (Hg.): Wir / ihr / sie. Identität und Alterität in Theorie und Methode, Würzburg, 69–88.
  118. Vgl. insbesondere die historisch-systematischen Beiträge Fernández-Ordóñez, Inés (2006): Transmisión manuscrita y transformación‚ discursiva de los textos, <http://www.uam.es/personal_pdi/filoyletras/ifo/publicaciones/14_a.pdf> [19.09.2011]; Dies. (2010): „Ordinatio y compilatio en la prosa de Alfonso X el Sabio“, in: Castillo Lluch, Mónica/López Izquierdo, Marta (Hgg.): Modelos latinos en la Castilla medieval, Frankfurt a.M./Madrid, 239–269, die zu diesem Gesichtspunkt anhand eines kastilischen Korpus historisch adäquate Analysekategorien bieten.
  119. Verknüpft mit dem Problem der inventio und dem Verhältnis der Historiographie zur Dichtung.
  120. Vgl. zu diesem Zusammenhang in systematischer Perspektive nach wie vor Keßler, Eckhard (1971): Theoretiker humanistischer Geschichtsschreibung, München, und Landfester, Rüdiger (1972): Historia Magistra Vitae. Untersuchungen zur humanistischen Geschichtstheorie des 14.–16. Jahrhunderts, Genf.
  121. Zu den römisch-antiken Ursprüngen dieser Pragmatik und dem exemplum als paradigmatischer Form ihrer Kodierung vgl. Mehl, Andreas (2014): „How the Romans Remembered, Recorded, Thought About, and Used Their Past“, in: Raaflaub, Kurt A. (Hg.): Thinking, Recording and Writing History in the Ancient World, Oxford, 256–275.
  122. Diese schließt insbesondere Informationen ein, die heute als ethnographisch oder geographisch kategorisiert werden würden. Vgl. Duve, Thomas (2005): „La pragmatización de la memoria y el trasfondo consuetudinario del Derecho Indiano“, in: Folger, Robert/Oesterreicher, Wulf (Hgg.): Talleres de la memoria – Reivindicacion s y autoridad en la historiografía indiana de los siglos XVI y XVII, Münster, 77–97, hinsichtlich des systematischen Zusammenhangs von historia und iustitia.
  123. Vgl. zu diesen Zusammenhängen Breisach, Ernst (32007): Historiography. Ancient, Medieval and Modern, Chicago/London; Wiersing, Erhard (2007): Geschichte des historischen Denkens. Zugleich eine Einführung in die Theorie der Geschichte, Paderborn, und die dortigen Hinweise zur einschlägigen Forschungsgeschichte. Klassisch Melville, Gert (1982): „Wozu Geschichte schreiben? Stellung und Funktion der Historie im Mittelalter“, in: Koselleck, Reinhart/Lutz, Heinrich/Rüsen, Jörn (Hgg.): Formen der Geschichtsschreibung, München, 86–144.
  124. In Bezug auf die antiken Wurzeln dieses Selbstverständnisses vgl. Mehl, Andreas (2014): „How the Romans Remembered, Recorded, Thought About, and Used Their Past“, in: Raaflaub, Kurt A. (Hg.): Thinking, Recording and Writing History in the Ancient World, Oxford, 256–275. Seine Weiterentwicklung in den verschiedenen Teilen Europas verläuft sehr unterschiedlich, insbesondere bedingt durch das Verhältnis der einzelnen Monarchien zum Vatikan und zur Reformation.
  125. Res gestae, historia naturalis, historia moralis, historia ecclesiastica u.a.
  126. Vgl. zur Begriffsgeschichte und den historischen Ausprägungen des Machiavellismus v.a. Zwierlein, Cornel (2011): „Machiavellismus/Antimachiavellismus“, in: Jaumann, Herbert (Hg.): Diskurse der Gelehrtenkultur in der Frühen Neuzeit. Ein Handbuch, Berlin/New York, 903–951.
  127. Zum Konzept der Universalmonarchie vgl. Bosbach, Franz (1988): Monarchia universalis. Ein politischer Leitbegriff der frühen Neuzeit, Göttingen.
  128. Zur Selbstdeutung der europäischen Mächte in der Frühen Neuzeit und ihren diskursiv-referenziellen Voraussetzungen vgl. Völkel, Markus (2011): „Im Blick der Geschichte: historia und Historiographie in gelehrten Diskursen der Frühen Neuzeit (1500–1750)“, in: Jaumann, Herbert (Hg.): Diskurse der Gelehrtenkultur in der Frühen Neuzeit. Ein Handbuch, Berlin/New York, 859–902.
  129. Stattdessen wird von der Befangenheit des Wissens in sprachlichen Dispositiven ausgegangen. Stilbildend war dabei die Diskursarchäologie Foucaults sowie in der Literaturwissenschaft die Arbeiten von Gérard Genette.
  130. Die allerdings auf einer oft verkürzenden und zusammenhanglosen Rezeption einzelner Versatzstücke des Strukturalismus beruhen, von dem dann behauptet wird, er hätte den Poststrukturalismus systematisch vorbereitet. Vgl. Landwehr, Achim (2008): Historische Diskursanalyse, Frankfurt/New York, 47ff. und Ders. (2010): „Diskurs und Wandel: Wege der historischen Diskursforschung“, in: Ders. (Hg.): Diskursiver Wandel, Wiesbaden, 12–28. Diese These ist m.E. nicht haltbar.
  131. Es ist darauf hinzuweisen, dass Hayden White, der für diese aufgeregte und oft polemische Debatte intensiv in Anspruch genommen wird, seine Thesen über narrative Formen der Historiographie (vgl. White, Hayden (1973): Metahistory. The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe, Baltimore) selbst dezidiert nicht ontologisiert (vgl. White, Hayden (1996): „Literaturtheorie und Geschichtsschreibung“, in: Nagl-Docekal, Herta (Hg.): Der Sinn des Historischen. Geschichtsphilosophische Debatten, Frankfurt a.M., 67–106). In diesem Sinne auch deutlich Landwehr, Achim (2010): „Diskurs und Wandel: Wege der historischen Diskursforschung“, in: Ders. (Hg.): Diskursiver Wandel, Wiesbaden, 12–28, S. 13.
  132. Vgl. z.B. Adorno, Rolena (2000): Guaman Poma. Writing and Resistance in Colonial Peru, Austin/Texas; Castro, Daniel (2007): Another Face of Empire. Bartolomé de Las Casas, Indigenous Rights, and Ecclesiastical Imperialism, Durham/London; Jiménez, Nora Edith (2001): Francisco López de Gómara: escribir historias en tiempos de Carlos V., Zamora/Michigan; Roa-de la Carrera, Cristián (2005): Histories of Infamy: Francisco López de Gómara and the Ethics of Spanish Imperialism, Boulder. Die starke Präsenz hispanistischer Arbeiten erklärt sich aus der Dominanz der Hispanistik an US-amerikanischen Universitäten.
  133. Vgl. Melville, Gert (1982): „Wozu Geschichte schreiben? Stellung und Funktion der Historie im Mittelalter“, in: Koselleck, Reinhart/Lutz, Heinrich/Rüsen, Jörn (Hgg.): Formen der Geschichtsschreibung, München, 86–144, sowie zusammenfassend die Beiträge in Rüsen, Jörn (2012): Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens, Frankfurt a.M.
  134. Zur Begriffsgeschichte vgl. Gumbrecht, Hans-Ulrich (Hg.) (2006): Dimensionen der Begriffsgeschichte, München; Koselleck, Reinhart/Gadamer, Hans-Georg (2000): Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt a.M., zu ihrem disziplinenübergreifenden Charakter vgl. insbesondere Riecke, Jörg (Hg.) (2011): Historische Semantik, Berlin/New York. Dort wird auch das Potenzial der Historischen Semantik als Basis des interdisziplinären Dialogs thematisch. Zur Geschichte der Annales vgl. Burguière, André (2007): L'école des Annales. Une histoire intellectuelle, Paris; Burke, Peter (2004): Die Geschichte der Annales. Die Entstehung der neuen Geschichtsschreibung, Berlin.
  135. Vgl. dazu auch Goertz, Hans-Jürgen (Hg.) (2007): Geschichte. Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg; Landwehr, Achim (2010): „Diskurs und Wandel: Wege der historischen Diskursforschung“, in: Ders. (Hg.): Diskursiver Wandel, Wiesbaden, 12–28.
  136. Aktuell ist zu beobachten, dass diskursanalytische und metahistoriographische Fragen auch in Spanien in den Vordergrund treten. Vgl. etwa die Neugründungen der Zeitschriften Talia dixit in Cáceres sowie Historiografías in Zaragoza.
  137. Aus dem Französischen übersetzt von Christoph Mayer, Hans-Werner Goetz und Anja Rathmann-Lutz.
  138. Verdon, Jean (1989): Grégoire de Tours: père de l’Histoire de France, Le Coteau; Heinzelmann, Martin (1994): „Grégoire de Tours, ‚père de l’histoire de France‘?“, in: Bercé, Yves Marie/Contamine, Philippe (Hgg.): Histoires de France, historiens de la France. Paris, 19–45.
  139. Grégoire de Tours: Histoire des Francs, hg. Robert Latouche, Paris (Les Belles Lettres) 2005 (1963).
  140. Goffart, Walter (1988): The Narrators of Barbarian History (A.D. 550–800), Princeton, S. 123. Für eine aktuelle Analyse des Werks vgl. Heinzelmann, Martin (1994): Gregor von Tours (538–594). Zehn Bücher Geschichte. Historiographie und Gesellschaftskonzept im 6. Jahrhundert, Darmstadt.
  141. Frédégaire: Chronique des temps mérovingiens, hg. u. übers. Olivier Devillers /Jean Meyers, Turnhout 2001, 14–17.
  142. Plassmann, Alheydis (2006): Origo gentis. Identitäts- und Legitimitätsstiftung in früh- und hochmittelalterlichen Herkunftserzählungen, Berlin; Coumert, Magali (2007): Origines des peuples. Les récits du haut Moyen Âge occidental, Paris, 267-380.
  143. McKitterick, Rosamond (2004): History and Memory in the Carolingian World, Cambridge.
  144. Krusch, Bruno (1882): „Die Chronicae des sogenannten Fredegar“, in: Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 7, 320–326. Die Historiker streiten immer noch über die Frage der wohl begründeten Dreiteilung wie auch über den Bezug zur Chronik Fredegars. Roger Collins sieht darin ein autonomes Werk, vgl. Collins, Roger (2007): Die Fredegar-Chroniken, Hannover.
  145. McKitterick, Rosamond (1992): „Royal patronage of culture in the Frankish kingdoms under the Carolingians : motives and consequences“, in: Committenti e produzione artistico-letteraria nell’alto medioevo occidentale, Spoleto, 93–129.
  146. Collins, Roger (2005): „Charlemagne’s coronation and the Annals of Lorsch“, in: Story, Joanna (Hg.): Charlemagne, Empire and Society, Manchester, 52–70.
  147. Sot, Michel (2001): „La première renaissance carolingienne: échanges d’hommes, d’ouvrages et de savoirs“, in: Le Jan, Régine (Hg.): Les échanges culturels au Moyen Âge, Paris, 23–40.
  148. Tischler, Matthias (2001): Einharts Vita Karoli: Studien zur Entstehung, Überlieferung und Rezeption, Hannover
  149. Thegan: Die Taten Kaiser Ludwigs, Astronomus, Das Leben Kaiser Ludwigs, hg. Ernst Tremp, MGH SSrG 64, Hannover 1995.
  150. Sot, Michel (1981): Gesta episcoporum, gesta abbatum, Turnhout.
  151. Les Gestes des évêques d'Auxerre, hg. Michel Sot, 3 Bde., Paris (Les Belles Lettres) 2002-2009.
  152. Sot, Michel (2004): „Autorité du passé lointain, autorité du passé proche dans l’historiographie épiscopale (VIIIe-XIe siècle): les cas de Metz, Auxerre et Reims“, in: Jean-Marie Santerre (Hg.): L’autorité du passé dans les sociétés médiévales, Rom, 139–162.
  153. Hinkmar von Reims ist sicherlich verantwortlich für die Schlusskapitel der Annalen, die Saint-Bertin zugerechnet werden; vgl. Annales Bertiniani, hg. Félix Grat/Jeanne Vieillard/Susanne Clemencet, mit einer Einleitung und Anmerkung von Léon Levillain, Paris 1964.
  154. Sot, Michel (1993): Un historien et son Église au Xe siècle : Flodoard de Reims, Paris.
  155. Sot, Michel (1994): „Richer de Reims a-t-il écrit une Histoire de France?“, in: Yves-Marie Bercé/Philippe Contamine (Hg.), Histoires de France, historiens de la France, Paris, 47–58.
  156. Les miracles de saint Benoît écrits par Adrevald, Aimoin, André, Raoul Tortaire et Hugues de Sainte-Marie, moines de Fleury, hg. Eugène de Certain, Paris 1858.
  157. Le Stum, Christiane (1976): Aimoin de Fleury, Historia Francorum, Diss. masch., École des Chartes, Paris. Zu Aimoin vgl. auch den folgenden Abschnitt.
  158. Chronique ou fondation du monastère de Mouzon. Chronicon Mosomense seu Liber fundationis monasterii sanctae Mariae O.S.B. apud Mosomum in dioecesi Remensi, hg. Michel Bur, Paris 1989.
  159. Bauduin, Pierre (2001): „Autour d‘une construction identitaire: la naissance d’une historiographie normande à la charnière des Xe-XIe siècles“, in: Piroska Nagy (Hg.): Conquête, acculturation, identité: des Normands aux Hongrois. Les traces de la conquête, Rouen, 79–81.
  160. Adémar de Chabannes: Chronique, hg. Yves Chauvin/Georges Pon, Turnhout 2003.
  161. Raoul Glaber: Histoires, hg. Mathieu Arnoux, Turnhout 1999.
  162. Einschlägige Beispiele sind die Übersetzung der Historia Normannorum des Amatus von Montecassino, die zwischen 1285 und 1310 wohl von einem italienischen Verfasser ins Altfranzösische übertragen wurde (vgl. Tyl-Labory, Artikel Aimé du Mont-Cassin, in: DLFMA, S. 24f.), und Brunetto Latinis im französischen Exil entstandener Livre dou Trésor, der auch eine kompendienhafte Darstellung der Reichsgeschichte mit besonderem Fokus auf Italien und der Toskana umfaßt.
  163. Vgl. Spiegel, Gabrielle M. (1993): Romancing the past. The Rise of Vernacular Prose historiography in Thirteenth-Century France, Berkeley.
  164. So Aimoin, Historia Francorum, ed. MPL 139,  627-798, hier Sp. 627, im Widmungsbrief an Abt Abbo von Fleury.
  165. Die historiographische Verwendung der französischen Volkssprache ist in England sehr früh zu beobachten; die erste erhaltene französischsprachige Reimchronik überhaupt ist Gaimars Estoire des Engleis, die 1136/1137 in Lincolnshire entstanden ist.
  166. Vgl. Romanz des Franceis, ed. Anthony J. Holden, in: Études de langue et de littérature du Moyen Âge offertes à Félix Lecoy, Paris 1973, 213-229; vgl. dazu Jostkleigrewe, Georg (2010): Die Identität der Franzosen und der Standpunkt der anderen. André de Coutances' Romanz des Franceis“ (ca. 1200) und der normannische Blick auf Frankreich, in: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte 38, 49-76.
  167. Vgl. Jean le Bel, Chroniques, ed. Eugène Déprez/Jules Viard, Bd. 1, Paris 1904, S. 1.
  168. Vgl. in diesem Zusammenhang vor allem die Arbeit von Chazan, Mireille (1999): L'Empire et l'histoire universelle de Sigebert de Gembloux à Jean de Saint-Victor (XIIe-XIVe siècle), Paris; dazu kritisch Jostkleigrewe, Georg (2008): Das Bild des Anderen. Entstehung und Wirkung deutsch-französischer Fremdbilder in der volkssprachlichen Literatur und Historiographie des 12. bis 14. Jahrhunderts, Berlin, S. 25 et passim.
  169. Es soll hier kurz daran erinnert werden, dass sich die ‚Romania' im Sinne der Romanistik gerade erst durch diesen Prozess konstituiert und mithin geographische Bezüge nur sekundär aufweist, insoweit das Verbreitunsgebiet einzelner romanischer Sprachen mit bestimmten politisch formierten Territorien korreliert.
  170. Dies ist womöglich auch dadurch bedingt, dass das Attribut der Wissenschaftlichkeit rhetorisch geeignet ist, das Außerordentliche dieser Kulturleistung zu betonen. In jedem Fall aber ist zu bedenken, dass der mittelalterliche scientia-Begriff nicht synonym mit Wissenschaftlichkeit im heutigen Sinne ist. Vgl. auch Greußlich, Sebastian (2009): „Los fundamentos teóricos de la investigación sobre los lenguajes de especialidad y sus efectos sobre nuestra visión de la historia de la lengua: el ejemplo de Alfonso el Sabio“, in: Eckkrammer, Eva-Martha (Hg.): La comparación en los lenguajes iberorrománicos de especialidad, Berlin, 221–230. Für einen Überblick über das Korpus vgl. Fernández-Ordóñez, Inés (1999): „El taller historiográfico alfonsí. La Estoria de España y la General Estoria en el marco de las obras promovidas por Alfonso el Sabio“, in: Montoya, Jesús/Rodríguez, Ana (Hgg.): El Scriptorium alfonsí: de los Libros de Astrología a las Cantigas de Santa María, Madrid, 105–126.
  171. Vgl. insbesondere Funes, Leonardo (1997): El modelo historiográfico alfonsí: una caracterización, London; Gumbrecht, Hans-Ulrich (1987): „Die kaum artikulierte Prämisse: volkssprachliche Universalgeschichte unter heilsgeschichtlicher Perspektive“, in: Ders./Link-Heer, Ursula/Spangenberg, Peter Michael (Hgg.): La litterature historiographique des origines à 1500, Heidelberg, 799–817.
  172. vgl. Fraker, Charles (Hg.) (1996): The Scope of History. Studies in the Historiography of Alfonso el Sabio, Ann Arbour; Ders. (2006): „Rhetoric in the Estoria de Espanna of Alfonso el Sabio“, in: Talia dixit 1, 81–104.
  173. vgl. Fernández-Ordóñez, Inés (2006): Transmisión manuscrita y transformación‚ discursiva de los textos, <http://www.uam.es/personal_pdi/filoyletras/ifo/publicaciones/14_a.pdf> [19.09.2011]; Dies. (2010): „Ordinatio y compilatio en la prosa de Alfonso X el Sabio“, in: Castillo Lluch, Mónica/López Izquierdo, Marta (Hgg.): Modelos latinos en la Castilla medieval, Frankfurt a.M./Madrid, 239–269.
  174. vgl. u.a. Linehan, Peter (1993a): History and the Historians of Medieval Spain, Oxford; Ders. (1993b): Past and Present in Medieval Spain, Aldershot.
  175. Vgl. zu den Details um bedeutende Persönlichkeiten und wechselnde Dynastien Kagan, Richard L. (2009): Clio and the Crown: the Politics of History in Medieval and Early Modern Spain, Baltimore, S. 37ff.
  176. vgl. Linehan, Peter (Hg.) (2012): Historical Memory and Clerical Activity in Medieval Spain and Portugal, Farnham.
  177. Die historische Forschungsliteratur dazu ist mittlerweile umfangreich. Paradigmatisch vgl. Barrios, Feliciano (Hg.) (2004): El gobierno de un mundo. Virreinatos y Audiencias en la América Hispánica, Cuenca.
  178. Der Gebrauch der Volkssprache in diesem Diskurs setzt sich aber fort. Vgl. zum Verhältnis Latein – Volkssprache in der Historiographie der Frühen Neuzeit allgemein Helmrath, Johannes/Schirrmeister, Albert/Schlelein, Stefan (Hgg.) (2009): Medien und Sprachen humanistischer Geschichtsschreibung, Berlin/New York.
  179. Der als Krise wahrgenommene Zeitraum bis 1474 wird in der Forschung insgesamt weniger intensiv thematisiert als die Höhepunkte kastilischer Expansionsgeschichte. Für einen Überblick über das Korpus der in der Forschung kanonisierten historiographischen Texte aus dieser Zeit vgl. Kagan, Richard L. (2009): Clio and the Crown: the Politics of History in Medieval and Early Modern Spain, Baltimore.
  180. Klassisch: García Gallo, Alfonso (Hg.) (1987): Los orígenes españoles de las instituciones americanas. Estudios de derecho indiano, Madrid.
  181. Vgl. Barrios, Feliciano (Hg.) (2004): El gobierno de un mundo. Virreinatos y Audiencias en la América Hispánica, Cuenca; Owens, John B. (2005): ‚By my absolute royal authority‘. Justice and Castilian Commonwealth at the Beginning of the First Global Age, Rochester/New York.
  182. Über den genauen Zeitpunkt herrscht nach wie vor Uneinigkeit, da das maßgebliche Dokument verloren ist. Vgl. zu dieser Problematik klassisch Bermejo Cabrero, José Luis (1980): „Orígenes del oficio de cronista real“, in: Hispania 40, 395–409, und aktuell Kagan, Richard L. (2009): Clio and the Crown: the Politics of History in Medieval and Early Modern Spain, Baltimore, S. 27ff. Dort sind u.a. die Namen aller Amtsträger und bibliographische Hinweise zu ihren Schriften zu finden.
  183. Diese Entwicklung ist intensiv erforscht und vielfach beschrieben worden. Für einen ersten Überblick sind nach wie vor die Standardwerke in spanischer (García Cárcel, Ricardo (Hg.): La España moderna (Siglos XVI–XVII), Madrid), englischer (Bethell, Leslie (Hg.) (1984): The Cambridge History of Latin America, Bd. 1–2, Cambridge) oder deutscher Sprache (Pietschmann, Horst (1994): „Die politisch-administrative Organisation“, in: Bernecker, Walther L. et al. (Hgg.): Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, Bd. 1, Stuttgart, 328–364) zu empfehlen. Die aktuelle Forschung wird v.a. im angelsächsischen Raum vorangetrieben, u.a. von Peter Bakewell, John. H. Elliott, Antonio Feros, Richard L. Kagan, Geoffrey Parker und Stafford Poole.
  184. Ein berühmtes Beispiel ist López de Gómara, dem seine Nähe zu Hernán Cortés zum Verhängnis wird.
  185. Besonders deutlich sichtbar etwa an der Polemik um Bartolomé de Las Casas. Vgl. dazu Greußlich, Sebastian (2012): Text, Autor und Wissen in der „historiografía indiana“ der Frühen Neuzeit. Die „Décadas“ von Antonio de Herrera y Tordesillas, Berlin/New York, 150ff. Prinzipiell ist die Politisierung der Geschichtsschreibung aber bei allen maßgeblichen Figuren der spanischen Geschichte zu beobachten, vgl. etwa auch den Fall der Reyes Católicos.
  186. Und zwar mit dem Argument, sie seien manipulativ und ideologisch. Der Forschungsstand verbessert sich erst in jüngerer Zeit und aufgrund der Einsicht, dass Wertungen der Historiographie inhärent sind. Vgl. in diesem Sinne ansatzweise Esteve Barba, Francisco (21992): Historiografía Indiana, Madrid; grundsätzlicher Kagan, Richard L. (2009): Clio and the Crown: the Politics of History in Medieval and Early Modern Spain, Baltimore; Greußlich, Sebastian (2012): Text, Autor und Wissen in der „historiografía indiana“ der Frühen Neuzeit. Die „Décadas“ von Antonio de Herrera y Tordesillas, Berlin/New York.
  187. vgl. Adorno, Rolena (2000): Guaman Poma. Writing and Resistance in Colonial Peru, Austin/Texas; Morales Saravia, José/Penzkofer, Gerhard (Hgg.) (2011): El Inca Garcilaso de la Vega: entre varios mundos, Lima.
  188. vgl. Klauth, Carlo (2012): Geschichtskonstruktion bei der Eroberung Mexikos am Beispiel der Chronisten Bernal Diaz del Castillo, Bartolome de las Casas und Gonzalo Fernandez de Oviedo, Hildesheim; Cortínez, Verónica (2000): Memoria original de Bernal díaz del Castillo, Méxiko; Mendiola Mejía, Alfonso (1995): Bernal Díaz del Castillo: verdad romanesca y verdad historiográfica, México.
  189. Konsequenter Weise sind gerade solche Autoren zum Gegenstand einer literarisierenden Deutung als Urväter amerikanischer Identität geworden, worunter die Berücksichtigung der zeitgenössischen juristischen Pragmatik ihrer Texte oft leidet. Dies ändert sich aber in neueren, stärker historisierenden Studien zum Thema. Vgl. für einen bibliographischen und forschungsgeschichtlichen Überblick Greußlich, Sebastian (2012): Text, Autor und Wissen in der „historiografía indiana“ der Frühen Neuzeit. Die „Décadas“ von Antonio de Herrera y Tordesillas, Berlin/New York.
  190. Paradigmatisch vgl. Stoll, Eva (1997): Konquistadoren als Historiographen. Diskurstraditionelle und textpragmatische Aspekte in Texten von Francisco de Jerez, Diego de Trujillo, Pedro Pizarro und Alonso Borregán, Tübingen, und Oesterreicher, Wulf (2011): „Estudio introductorio“, in: Stoll, Eva/Vázquez Núñez, María de las Nieves (Hgg.): Alonso Borregán. La Conquista del Perú. Edición en colaboración con Sebastian Greußlich y Martha Guzmán, Madrid/Frankfurt a.M., 15–59.
  191. Ein Beispiel gelungener Synthese ist etwa Clendinnen, Inga (22003): Ambivalent Conquests. Maya and Spaniard in Yucatán (1517–1570), Cambridge, zu Diego de Landa. Systematisch und aus romanistischer Perspektive vgl. Lebsanft, Franz (2003): „Geschichtswissenschaft, Soziologie und romanistische Sprachgeschichtsschreibung“, in: Ernst, Gerhard u.a. (Hgg.): Romanische Sprachgeschichte, Bd. 1, Berlin/New York, 481–492.
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